Kritzelbücher

Foto: Katrin Binner

Es ist ein seltsames Phänomen. Vor vier Jahren kaufte ich ein Buch, das hieß „Mach dieses Buch fertig“ und lud zum kreativen Rumsauen ein: ein Kritzelbuch. „Doku­mentiere dein Abendessen“, stand da zum Beispiel, man durfte auf dem Papier auch Flecken desselben hinterlassen. Das Buch sah sehr witzig aus, und ich war ­sicher, dass meine hochkreativen Kinder ihren Spaß dran haben würden. Doch während die Jungs auf jedem Schulheft aus „Humboldt-“ ein „Humbug-Gymnasium“ machen und ­jeden „Schulplaner“ zum „Scheißplaner“ verunstalten, blieb ausgerechnet das Kritzelbuch so jungfräulich, als sei’s die Lutherbibel im Original. Warum nur?

Seither erleben wir die wundersame Vermehrung der Bücher zum Selbermachen und ­-bemalen: „Mein Bibel-Bastel-Kritzelbuch“, „Das ultimative Kritzelbuch über Sex“, Weihnachtskritzel­bücher. Neu jetzt auch für Mama und für Oma: „Mal dein Leben“ heißen sie, und bestimmt gibt es Töchter und Enkel, die es gerne zu Weihnachten verschenken.

Mir bitte nicht schenken! Ich finde, Rumkritzeln unter Anleitung fühlt sich an wie betreutes Ausflippen. Wie Graffitisprühen unter Aufsicht der Deutschen Bahn. Wie beherztes Hauen auf einen roten Therapieball. Wenn ich schmieren, malen, ungehörige Sachen schreiben will, mach ich das lieber ohne Anleitung.

Ach, und liebe Kinder, Omas und Freunde auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken, wenn ihr mir eine Freude machen wollt, dann gerne ein Buch, das jemand schön zu Ende geschrieben, liebevoll illustriert, hochwertig gebunden und sorgfältig gedruckt hat. Ist ja ganz nett mit dem Selbermachen, wir übertreffen uns gegenseitig mit wahnsinnig kreativen Salat­soßen, Wandtattoos und Häkelschals im Do-it-yourself-Modus. Mein Leben ist schon ein einziges DIY-Projekt, ich kümmere mich um die Gestaltung meiner Liebe, meiner Erziehung und meiner Föhnfrisur. Um die Gestaltung meiner Bücher mögen sich doch bitte die Profis kümmern.

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