Frau Otts endgültige Ablage, diesmal: Problemsachen

Stimmt, der Mensch an sich kann ein Problem dar­stellen. Wer das so sieht, bleibe am besten allein und wutbürgere vor sich hin.

stellvertretende Chefredakteurin Ursula Ott
Giersch, verkündet eine Lokalzeitung, Giersch entwickle sich langsam, aber sicher zum Problemunkraut. Ich weiß nicht genau, was Giersch ist, aber gehört es nicht zum Wesenskern eines Unkrautes, dass es ein Problem darstellt? Sonst wär’s doch ein Kraut, oder?

Das nervt, dass jetzt alles zum Problem patholo­gisiert wird. Eine ganze Verschönerungsbranche lebt davon, dass der Körper an sich ein Problem ist. Es gibt Pflegeserien für „jugendliche Problemhaut“, was bei den Jugendlichen selber schlicht und ergreifend „Pickel“ heißt. Und immer schon zur Pubertät gehört wie Liebeskummer und eine 4 in Mathe. Letzteres qualifiziert mittler­weile schon fast zum „Problemschüler“, über ­dessen Problematik es viele wissenschaftliche Abhandlungen gibt. Was eher verwunderlich ist, denn es ist ja die Aufgabe der Schule, die Schnellen und die Lauten und die Langsamen und die Schüchternen in ihrer Unterschiedlichkeit wahrzunehmen. Und nicht die Problemschüler und die Pflegeleichten.

Kaum ist der Problemschüler der Adoleszenz entwachsen, kann er und vor allem sie viel Geld dafür ausgeben, den eigenen Körper quasi als Ganzkörper-Problemzone zu sanieren. Problemnägel kosten extra bei der Fußpflege, Problemzähne verlangen den Spezialisten. Und Frauenmagazine versprechen, aus „Problemhaaren“ wieder „Traumhaare“ zu machen. ­

Ob die aus Problemschülern auch Traumschüler machen?  Und aus Problemunkraut Traumunkraut? Auch die Stadtplanung kennt mittlerweile „Problemhäuser“, die sich im ungünstigen Fall zum ganzen „Problemviertel“ gruppieren. Gegen Letzteres formiert sich neuerdings der „Wut­bürger“, zum Beispiel in Duisburg. Da will der Wutbürger nichts mehr zu tun haben mit dem Problemstadtteil. Was dann doch an jene Radio­sendung im Deutschlandfunk erinnert, in der ein Familienforscher den denkwürdigen Satz aussprach: Mit mehr Personen in einer Familie – er zielte auf die von ihm wenig geschätzten Patchwork­familien ab – steige eben auch die Zahl der Probleme. Stimmt, der Mensch an sich kann ein Problem dar­stellen. Wer das so sieht, bleibe am besten allein daheim, bekomme und unterrichte keine Kinder und wutbürgere still vor sich hin. Menschen als Gesellschaft sind dann nicht zu empfehlen. Lieber Giersch jäten.

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