Frau Otts endgültige Ablage, diesmal: Das letzte Tabu

Banale Erkenntnisse pseudo-erotisch aufzuladen ist ärgerlich. Die Bezeichnung "letztes Tabu" macht es nicht besser

Foto: Katrin Binner

Nach der diesjährigen Berliner Fashion Week vermeldeten die „Westfälischen Nachrichten“: „In Jogginhose zum Date: Das letzte Tabu?“ Echt jetzt, das ist das letzte Tabu? Dann muss dieses das vorletzte gewesen sein: Homosexualität sei „das letzte Tabu in Management-Etagen“, hatte wenige Tage zuvor das „Handelsblatt" gemeldet. Und zumindest für die dortigen Bild­redakteure sind schwule Manager offenbar so tabu-tabu, dass ihnen auf die Schnelle nur ein Foto mit hektisch ­küssenden Krawattenträgern einfiel. Wir warten jetzt auf das allerallerletzte Tabu: Manager in Jogginghosen? Oder mit Krawatte zum ersten Date?

Mal ehrlich: Wir kennen etliche schwule Manager, Bürgermeister und Minister. Sie haben es nicht immer leicht, aber ein Tabu sieht anders aus. Ach ja, und die küssen sich auch nicht andauernd, zumindest nicht häufiger als wir Heteros. Auch das mit der Jogginghose mag beim ersten Date wenig zielführend sein. Aber ein Tabu? ­Vor allem „das letzte Tabu“? Was soll da noch kommen?

Als „letzten großen Tabubruch“ feierte „Bild“ die Veröffent­lichung der Nettogehälter von Angestellten versus Beamten. Wahnsinn! Friseurin Felicia (24) hat mehr Abzüge als Beamtin Carmen  (24)! Man sieht sie richtig vor sich, die armen Schlagzeilenmacher auf dem Boulevard. Früher hätte sich Felicia auf der Seite 1 ausgezogen, und am nächsten Tag Carmen. Aus­ziehen ist jetzt leider „tabu“ – im Sinne des Dudens: ein ungeschriebenes Verbot. Statt ausziehen jetzt also, huiuiui, abziehen: Felicia zahlt für Steuer und Rente 324,48 Euro, Carmen nur 38,51. So sehen jetzt Tabubrüche aus.

Drei Dinge ärgern mich beim „letzten Tabu“. Erstens der durchsichtige Versuch, banale Erkenntnisse pseudo-erotisch aufzuladen. Jogginghosen! Sozialversicherungsbeiträge! Zweitens die Anmaßung, dass irgendwas „das letzte“ gewesen sein soll. Das weiß man doch nie, ob da noch was kommt. Und drittens: Warum ­eigentlich soll es zu Ende gehen mit den Tabus? Jede Zeit hat ihre Tabus. Für eine Generation ist es tabu, über Geld zu reden, für die nächste tabu, über ihren Glauben zu sprechen – und manche behalten tatsächlich auch die Verästelungen ihres Sexuallebens für sich. Bisher ist die Menschheit ganz gut damit gefahren, dass ein Tabu nie das letzte war.

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