Frau Otts endgültige Ablage, diesmal: authentisch

Ungekämmte Schauspieler und Leute, die sich an merkwürdigen Stellen kratzen - authentisch sein kann ganz schön nerven!

Foto: Katrin Binner

Schön, dass es diese Bewertungssterne im Internet gibt. So weiß ich schon mal, wo ich auf keinen Fall hinfahren möchte. Überall, wo das Essen, die Einrichtung, der Strand und – Hilfe! – sogar die Kellner „total authentisch“ sind. Ein Kellner in seinem unverfälschten Zustand knallt in Städten wie Köln oder Berlin das Bier so unwillig auf den Tisch, als habe er Hopfen und Malz persönlich in harten Nachtschichten verrühren ­müssen. Wie mag es erst diesen Sommer in Griechenland oder Spanien „authentisch“ zugehen? Will ich beim Weintrinken authentisch deprimierte umgeschulte ­Fischer und überschuldete Immobilienopfer sehen? Nein, im Urlaub ist es für mich total o. k., wenn die sich verbiegen und verstellen. Ich möchte gerne freundlich bedient werden.

Ich möchte auch nicht, wie derzeit groß in Mode, Models und Schauspieler total authentisch beim ­Aufwachen fotografiert kriegen. Gekämmt und geschminkt finde ich schöner, Pickel und Falten habe ich schon selber.  Und gleich gar nicht müssen Politiker und Manager authentisch sein, auch wenn ihnen das in jedem zweiten Seminar eingeredet wird. Authentisch sind die morgens im Großraumabteil meines Pendelzuges, da kratzen sie sich an merkwürdigen Körperstellen und brüllen per Handy ihre Sekretärin an. Nein, man möchte sie nicht im ­Büro genauso authentisch erleben.

Frauen haben das ja lange geglaubt. Wenn sie „sich selber treu bleiben“, „ganz Frau“, dann reißen sie was im Job. So sind sie über die Jahre total authentisch geblieben. Und warten wie echte brave Mädchen auf eine Frauenquote anno 2050. Oder war es 2020?

Letzte Meldung aus der Reisebranche: Authentisch allein reiche nicht mehr, sagt die „Süddeutsche“. Die Sauna aus heimischem Holz, das Saunaöl aus selbst gepflückten Kräutern. Gibts schon. In Mumbai zu Fuß durch die Slums, ganz dicht dran an Durst und Diarrhö. Gibts schon. Die neue Devise heiße „Hyper-Authentizität“. Statt Sauna muss es künftig ein Marathon durch 22 Saunen sein. Aha. Was heißt dann „Hyper-Authentizität“ für den Slum in Mumbai? Vergewaltigung live mit anschließendem Tandoori-Imbiss am Ganges?

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