Total angesagt: Skala von 1 bis 10

Wie ein langgezogener Gartenschlauch
Wer etwas einkauft oder sich professionell beraten lässt, muss die Dienstleistung danach bewerten. Das nervt!
chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott

Foto: Katrin Binner

chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott

Das Reifenwechseln ging schnell. In meiner Werkstatt heißt die Aktion „Boxenstopp“, nach 25 Minuten sitzt man wieder im Auto und hat Winterreifen. Erster Anruf nach drei Tagen: Sie waren in ­unserer Werkstatt. Auf einer Skala von 1 bis 10, wie wahrscheinlich ist es, dass Sie uns weiterempfehlen? Sorry, bin Journalistin bei der Kirche, kein Hans und Franz fragt mich nach heißen Tipps für Reifenklitschen, das ist auf einer Skala bis minus zehn sehr unwahrscheinlich.

Mein Puls steigt auf einer Skala bis 120, als mich kurz darauf eine weitere Dame, diesmal vom Autohersteller, anruft: Wie zufrieden ich auf einer Skala von 1 bis 10 mit dem Telefonat mit der Werkstatt war. Rufen die den Rosberg auch nach jedem Boxenstopp zweimal an? Kein Wunder, dass der aufhört.

Nun ist es ja, global gesehen, nett, wenn man gefragt wird, wie es so geht. Ich habe als Migränepatientin mal an einer Unistudie teilgenommen, es ging um die Wirksamkeit psychologischer Entspannungs­methoden. Erst war es ein Geschenk, viel Zuwendung für null Geld, juhu. Man stellte sich Tunnel und langgezogene Gartenschläuche im Kopf vor, danach taxierte man seine ­Schmerzen auf einer Skala von 1 bis 10. Bei der dritten Sitzung erzählte mir die nette Ärztin, dass sie ihre Promotion samt Förder­geldern nur durchkriegt, wenn mein Schmerz nach der Sitzung mindestens auf fünf sinkt. Ich fühlte mich wie ein langgezogener Gartenschlauch und antwortete ab sofort immer „fünf“. Die Migräne habe ich immer noch, aber man hilft ja gern. 

Kann ich nur empfehlen. Wenn Ihr Booking-Portal Sie nach dem Hotel fragt und das Hotel schon dieselbe dämliche Frage gestellt hat. Wenn Ihre Krankenkassen-App nach ­Ihrem Diäterfolg fragt und Ihr Fitnessstudio nach dem Verhältnis zu Ihren ­Eltern. Dann ist das erstens sowieso eine Un­verschämtheit. Und zweitens antworten Sie immer „fünf“. Dauerhaft fünf ist so doof, dass entweder keiner mehr anruft. Oder der Fragebogenersteller ruft an und fragt, ob was nicht stimmt. Und mit dem reden Sie dann über alles. Über Ihre Migräne, Ihre Eltern und die Formel 1.

 

Lesermeinungen

Abfragen zur Kundenzufriedenheit können lästig sein. Der Angesprochene kann aber ohne Weiteres eine Beantwortung höflich ablehnen.

Telefonische Abfragen oder die Beantwortung eines Fragebogens dienen dem Fragesteller, die Güte der eigenen Dienstleistung und damit die Kundenzufriedenheit festzustellen.

Ein souveräner Dienstleister wird alle  Antworten selbstkritisch prüfen und versuchen, Verbesserungen durchzuführen.

Die Ermittlung der Zufriedenheit ihrer „Kunden“ -  Kirchensteuerzahler und aktive Gläubige-   zu den unterschiedlichen Gebieten, die der „Dienstleister“  Kirche erbringt, sollte auch im ureigensten Interesse der Kirche sein.

Beispielsweise wäre grundsätzlich die Beurteilung einer Predigt an Hand eines vorgegebenen Fragebogens (z.B. Haben Sie die Kernaussage der Predig verstanden ? War die Predigt in sich schlüssig  ? Haben Sie sich persönlich angesprochen gefühlt?  usw. usw.) sehr nützlich.

Die Bewertung einer Predigt  kann durchaus nach einer Skala von 1 bis 10 erfolgen. Allerdings  erfordert die Auseinandersetzung mit dem Ergebnis der Bewertung von dem Pfarrer Mut und Selbstvertrauen.

Schlusswort:  Eine Bewertung von Dienstleistungen  nach einer Skala von 1 bis 10 ist größtenteils vernünftig. Die Kirche selbst sollte öfter ihre Dienstleistungen und Standpunkte im Hinblick auf Resonanz und Zustimmung  beurteilen lassen.                

J. Becker

Ein solches Predigt-Feedback von Hörern fände ich interessant, egal ob geschrieben oder in einer Gesprächsrunde erörtert (natürlich in Anwesenheit des Pastors)

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