Was einem Menschen hilft, sich zu verändern

Was hilft einem Menschen, sich selbst zu verändern? Auf diese Frage gibt die Bibel eine eindeutige Antwort

Tillmann Franzen

„Wenn man den Menschen besser behandelt, als er ist, kann man ihn besser machen.“ Diesen Satz von Peter ­Häberle, dem international anerkannten Bayreuther Rechtsprofessor, las ich vor Wochen in einer Tageszeitung. Er lässt mich nicht los. Menschen besser behandeln, als sie sind, um sie besser zu machen – klingen da nicht Anmaßung und Überheblichkeit mit?


Will ich denn einem anderen Menschen überhaupt das Recht zubilligen, darüber zu urteilen, wie ich bin? Und ihm erlauben, mich zu „verbessern“? Und doch hat mich dieser Satz angesprochen. Denn er hat mich an eigene Erfahrungen erinnert.

Lehrerinnen oder Lehrer haben mir geholfen, Fähigkeiten in mir zu entdecken, die ich in mir gar nicht vermutet hätte.


Es gab Menschen in meinem Leben, die mir mehr zugetraut haben als ich mir selbst. Lehrerinnen oder Lehrer haben mich ermutigt, über meine Grenzen hinauszugehen und Fähigkeiten in mir zu entdecken, die ich in mir gar nicht vermutet hätte. Und es gibt immer noch Menschen in meinem Leben, mit denen ich solche ­Erfahrungen mache.
Einen Menschen besser behandeln, als er ist – dieser Satz zeugt von einer Hoffnung, die über den Augenschein und über bisherige Erfahrungen hinausgeht. Er zeugt von dem Zutrauen, dass Menschen sich durch Beziehung und Begegnung verändern können.

Davon erzählen auch viele Geschichten in den Evangelien. So hat Jesus Tischgemeinschaft gehalten mit einem betrügerischen Zöllner. Und dadurch, nicht durch moralische Vorhaltungen, hat er den Zöllner „besser gemacht“: Der Zöllner gab vierfach zurück, was er sich unrechtmäßig angeeignet hatte.

Menschen besser behandeln, als sie sind – das gelingt nur in einer vertrauensvollen Beziehung. Dieses „Beziehungs­handeln“ erfordert eine persönliche Zuwendung zum Gegenüber. Es verlangt die Bereitschaft, sich ihm zu öffnen, an ihm Anteil zu nehmen und eine Strecke des Lebensweges mit ihm gemeinsam zu gehen. Es erfordert einen Blick für die Anlagen und Fähigkeiten von Menschen, der tiefer und weiter zu schauen vermag, als es der flüchtige Augenschein erlaubt.

Als Geschöpfe Gottes sind Menschen immer mehr und immer Besseres, als ihr Verhalten offensichtlich macht


Es sind Lehrerinnen und Lehrer aus Berufung, die sich ihren Schülerinnen und Schülern gegenüber so verhalten. Und es sind Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu, die in ihren jeweils „Nächsten“ Gottes geliebte Geschöpfe zu erkennen suchen.

Als Geschöpfe Gottes sind Menschen immer mehr und immer Besseres, als ihr oft ungenügendes und fehlerhaftes Ver­halten offensichtlich macht. Geschöpfe Gottes zu sein, das bedeutet: von Gott bedingungslos angenommen zu sein und geliebt zu sein. Wenn wir diese Gewissheit erfahren, dann kann das uns und unser Leben „besser“ machen!
Auf vertrauensvolle Beziehung zu Gott und zu unseren Mitmenschen kommt es also an. Auf Beziehungen, in denen wir besser behandelt werden, als wir sind, und dadurch besser werden. Und auf Beziehungen, in denen wir andere besser behandeln, als sie sind, und sie dadurch besser machen.

In Dietrich Bonhoeffers Brief an seinen Freund Eberhard Bethge klingt das so: „Es gibt kaum ein beglückenderes Gefühl, als zu spüren, dass man für andere Menschen etwas sein kann. Dabei kommt es gar nicht auf die Zahl, sondern auf die Intensität an. Schließlich sind eben die menschlichen Beziehungen doch einfach das Wichtigste im Leben; daran kann auch der moderne ‚Leistungsmensch‘ nichts ändern, aber auch nicht die Halbgötter oder Irrsinnigen, die von menschlichen Beziehungen nichts wissen“ (Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Brief aus der Haft vom 14. 8. 1944 ).

Lesermeinungen

Befremdet hat mich im chrismon-Heft 06/11 eine Aussage von Nikolaus Schneider
im Beitrag "Menschenbild". Dort heißt es: "Geschöpfe Gottes zu sein, das bedeutet:
von Gott bedingungslos angenommen zu sein ... " Bedingungslos? In den Evangelien
und bei Paulus steht es anders. Im Widerspruch zu diesen Glaubensgrundlagen
kommt in der zitierten Aussage ein "Christentum" zum Ausdruck, das offenbar in der
Wohlstandsgesellschaft eine höhere Sicherheitspräferenz sowie eine Neigung zu ethischem Laisser-aller vermutet und sich daran anpaßt. Bloß nicht die Möglichkeit eines geistlichen Scheiterns einräumen! Bloß keine unbequemen Forderungen stellen! Dem entspricht aber nicht die evangelische Glaubenslehre. - Meine Kritik mündet in eine Bitte: Damit Ihre Leser nicht irritiert werden, teilen Sie künftig in chrismon nicht Ihre persönlichen Überzeugungen mit, wenn sie der evangelischen Glaubenslehre widersprechen, sondern respektieren Sie diese Lehre! Nur dann wird Ihre Zeitschrift das sein, was sie sein will: eine evangelische.

Sehr geehrte Damen und Herren!
Herr Schneider beginnt seinen lesenswerten Artikel über die menschlichen
Veränderungsmöglichkeiten mit einem Satz des Bayreuther Rechtsprofessors Peter Haeberle: "Wenn man den Menschen besser behandelt als er ist, kann man ihn besser machen."

Wie wahr gesprochen, aber nicht neu ersonnen. Die deutsche Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach formuliere schon vor etwa 120 Jahren umfassender und eloquenter: "Wer die Menschen behandelt wie sie sind, macht sie schlechter; wer sie behandelt wie sie sein könnten, macht sie besser."

Es freut mich, wenn kluge Menschen kluge Gedanken immer wieder neu durchdenken und formulieren. Wenn sie damit die Umsetzung von Worten in Taten auf den Weg bringen, umso besser. Ansonsten gilt Prediger 1,9: "Und es geschieht nichts Neues unter der Sonne."

Mit Dank für immer wieder interessante und gut zu lesende Zeitschrift grüßt Ihre
aufmerksame Leserin

Sehr geehrter Herr Schneider,
der von ihnen zitierte Satz von Peter Häberle, den Menschen besser zu behandeln als er ist, gewinnt unter den gegebenen Umständen eine unfreiwillige Komik. Vielleicht lässt sich jetzt besser erklären, warum Häberle die Doktorarbeit des Freiherrn zu Guttenberg mit "summa cum laude" bewertet hat.
Ich wünsche ihnen darin Erfolg, den Lesern ihrer Zeitschrift überzeugendere Vorbilder zu präsentieren.

Mit freundlichen Grüßen!
Hermann Ebel
 

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