Margot Käßmann über antisemitische Denkmäler wie die "Judensau"

Stein gewordener Hass
Judenfeindliche Propadanda, denkmalgeschützt, an alten Kirchenmauern. Mahntafeln sollen sie erklären. Reicht das?
Dr. Margot Käßmann

Foto: Steffen Roth

Margot Käßmann, fotografiert am 16.07.2013 in Berlin.

Am Eingang des Doms in Wetzlar, der gemeinsam von der katholischen und der evangelischen Gemeinde genutzt wird, ist zwischen anderen Figuren eine denk­würdige Darstellung aus dem 13. Jahrhundert zu sehen: Der Teufel hält einen Juden umklammert. An der Stadtkirche in Wittenberg, aber auch in Bamberg, in Köln oder in Regensburg findet sich die ­sogenannte Judensau: Durch ihre Kleidung als Juden identifizierte Menschen trinken aus den Zitzen des Tieres oder nähern sich ihm auf schamlose Weise. Es sind in Stein gemeißelte Zeugnisse von ­Antijudaismus, verbreitet seit dem Mittelalter, dutzendfach erhalten und gut sichtbar.

Margot Käßmann

chrismon-Herausgeberin Dr. Margot Käßmann ist "Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017", kurz "Reformationsbotschafterin". Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) lehrte zuvor als Gastprofessorin an der Ruhruniversität in Bochum Sozialethik und Ökumene. Margot Käßmann ist Autorin mehrerer Bücher in der edition chrismon.
Bettina Flitner
Immer wieder erreichen mich empörte Briefe: Weg damit! Was für ein ekelhaftes Symbol von Judenfeindschaft ist diese „Judensau“! Da wird das Schwein, das für Menschen jüdischen Glaubens nach der ­Bibel (3. Mose 11,7) unrein, nicht koscher ist, zur Ernährerin. Das verletzt die reli­giösen Gefühle von Juden. Schon über die Zeit der Makkabäer – im zweiten  Jahrhundert vor Christus – wird berichtet, dass ­Juden gezwungen werden sollten, Schweinefleisch zu essen (2. Makkabäer 6). Es ist ein wiederkehrendes Motiv der Diskriminierung. Aus der Figur der Judensau spricht ein aggressiver religiöser Anti­judaismus, von dem es nicht weit ist zum Antisemitismus der Nationalsozialisten.

Nun gibt es in Wetzlar eine Gedenk­tafel gleich neben dem Steinrelief. In Wittenberg wächst eine Zeder aus Israel als Zeichen der Versöhnung und Überwindung von Judenfeindschaft neben der bedrückenden Darstellung. Aber genügt das? Der Antijudaismus Martin Luthers hat der Kirche, die sich nach ihm benannte, ein fatales Erbe hinterlassen. Dabei finden sich in seiner 1523 veröffentlichten Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ für die damalige Zeit bemerkenswerte ­Ansichten: Stereotype Vorwürfe gegen die Juden, darunter den des Wucherzinses, weist der Reformator entschieden zurück. Dies seien alles „Lügendinge“. Es sei vielmehr das lieblose Verhalten der Christen selbst, das die Juden bisher davon abgehalten habe, sich zum Christentum zu bekehren.  „Wir haben sie behandelt, als wären es Hunde“, schreibt Luther. Auch er wäre an ihrer Stelle „eher eine Sau denn ein Christ geworden“.

Die Zeder neben der Judensau reicht nicht

Durch diese Schrift Luthers entstand in jüdischen Kreisen die Hoffnung, es ­könne zu einem Neuanfang im Verhältnis zwischen Juden und Christen kommen. Doch zwanzig Jahre später, 1543, erscheint ein im Duktus völlig anderer Text Luthers. Schon der Titel „Von den Juden und ihren Lügen“ verrät, dass es sich um eine Schmähschrift handelt. Luther schlägt der Obrigkeit vor, sie sollten jüdische Synagogen und Schulen „mit Feuer anstecken“, die Juden „wie die Zigeuner in einen Stall tun“ und ihre Häuser „zerbrechen“. Ihnen sollten ihre Gebetbücher weggenommen werden, worin „Abgötterei“ gelehrt werde, ihren Rabbinern solle verboten werden, zu unter­richten. Furchtbar. Diese unfassbaren, unerträglichen Äußerungen können nicht mit Luthers Verbitterung, dass Juden nicht zur Kirche der Reformation übertraten, erklärt oder durch den „Zeitgeist“ gerecht­fertigt werden. Sie werfen auf ihn und seine Reformation einen Schatten und sollten Luthers Kirche auf einen entsetzlichen Irrweg führen.

Nein, es reicht nicht, neben die Judensau eine Zeder zu pflanzen und neben den Teufel eine Mahntafel zu setzen. Aber diese Zeichen des Antijudaismus zu ent­fernen, führt keinen Schritt weiter! Es geht darum, die Lerngeschichte der Reformation fortzuschreiben. Was zählt, ist das klare Eintreten gegen jeden Antijudaismus in Wort und Tat heute.

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Lesermeinungen

Ich meine einfach, dass man über dies absolut sensible Thema kaum so offen diskutieren kann, wie es notwendig wäre, aber es gefällt mir, dass es dennoch Bemühungen in diese Richtung gibt.

"Waffen töten, Argumente tun das nicht." Da bin ich anderer Meinung, und Sie geben selbst die Antwort. Wer also, verehrter Poster Iwan d.S. übersieht nun die Realität ? Sind denn die erwähnte Psychologie und die Theologie, mögen sie für den einen oder anderen noch so wenig genehm sein, keine Realität in der Welt, in welcher wir leben ? Die Argumente an sich sind es hier nicht, auf die es ankommt. Wer im Glauben mit Argumenten arbeitet, sollte sich ohnehin fragen, was er da eigentlich tut.
Es gibt aber Menschen, die nicht genügend intellektuelle Reife besitzen, dafür aber eine Menge Einbildung. Damit lässt es sich auf lange Sicht, gut diskutieren, mit fraglichem Ausgang. -----------------------------------------------------

Was Luther für ein Mensch war, ist der Zeit geschuldet, in welcher er lebte. Wenn diese alte Zeitgeschichte noch immer nicht vergangen ist, so wird es Zeit, Streit und Hass beizulegen. Information und Aufklärung, und jegliche Ressentiments, die aufkommen mögen, sind als Verarbeitung von geschichtlichem Erbe zu sehen. Dies als Grundlage für Diskussionen zu setzen, kann ich aber nicht befürworten. -----------------------------------
Ich sehe in den Steinskulpturen Zeitzeugen einer vergangenen Zeit, und wenn man darin Hass erkennt, dann sind es eigene Emotionen, die verdrängt, angesprochen bzw. ausagiert werden. Angesprochen werden menschliche Bosheit und Kränkung, daran kann man sich doch im eigenen Leben orientieren ! Auch der gekreuzigte Christus hatte Bosheit und Kränkung erfahren, und an seinem Leid darf die angesprochene Geschichte reflektiert werden. Wer Hass predigt, hat alles missverstanden, aber es führt zu nichts, dagegen anzukämpfen, weil auch Hass im Leben seine Berechtigung hat. Insofern ist es besser ihn in Stein zu meisseln, als ihn stets lebendig zu halten. Alles, was sich manifestiert, birgt in sich das Potenzial, ein Mahnmal zu werden, weil es Ausdruck menschlichen Lebens ist. Auch Worte können verletzen, das weiß jeder. --------------------------
Ich glaube an den Menschen als ein zur Vernunft begabtes Wesen, welches zur Weiterentwicklung, und über seine primitiven emotionalen Regungen hinauszuwachsen fähig ist. Aber ich glaube auch, dass nicht alles und stets ausdiskutiert werden muss. ------------------ Der Text der Friedensbotschafterin ist verstörend, und so gar nicht auf eine friedliche Auseinandersetzung ausgerichtet. -------------Wie stets, lb, Iwan, bringen Sie den Sachverhalt so schön auf den Punkt.

G.M.L. schrieb am 27. Januar 2015 um 12:54: ""Waffen töten, Argumente tun das nicht." Da bin ich anderer Meinung". Wenn Sie jetzt noch freundlicherweise mir und den Lesern mitteilen würden, welcher anderen Meinung Sie sind, könnte hier der Schritt von der Psycho-Spielerei mit Worten zur ernstzunehmenden Diskussion gelingen. Meinen Sie, dass Waffen nicht töten? Oder meinen Sie, dass Argumente doch töten? Kleiner Tipp von mir: Waffen allein töten freilich nicht, da braucht es schon die Ausbildung an der Waffe und den Willen, sie einzusetzen. Dieser Wille kann sich der Argumente bedienen. Wenn diesen Argumenten mit Gegenargumenten begegnet wird, fließt, solange diskutiert wird, kein Blut.______________________________________
Zitat: "und Sie geben selbst die Antwort." Auch hier würde evtl. eine Diskussion beginnen können, wenn Sie jetzt sagen würden, welche Frage Sie überhaupt meinen und worin Sie jetzt bei mir eine Antwort auf diese Frage entdeckt haben wollen._______________________________________
Zitat: "Wer im Glauben mit Argumenten arbeitet, sollte sich ohnehin fragen, was er da eigentlich tut." Das ist ein sehr zutreffender Hinweis.________________________________
Zitat: "Insofern ist es besser ihn in Stein zu meisseln, als ihn stets lebendig zu halten." Sie meinen, der mittelalterliche Bildhauer oder dessen Auftraggeber, der einen Hass auf die Juden hatte, hätte nach vollendeter Rumklopferei am Stein keine schlechte Meinung von den Juden mehr gehabt? Das halte ich für eine kühne Vermutung.___________________________________
Zitat: "Auch Worte können verletzen, das weiß jeder." Diese bildliche Ausdrucksweise ist gängig. Wer allerdings die Wut oder Verzweiflung oder den Lachanfall, den Worte hervorrufen können, allen Ernstes mit der Verletzung durch eine Waffe verwechselt, lebt ziemlich gefährlich._______________________________________
Zitat: "Aber ich glaube auch, dass nicht alles und stets ausdiskutiert werden muss." Wo zwei oder drei versammelt sind, die diskutieren wollen, können sie jederzeit beginnen und auch aufhören, wenn sie es wünschen. Wer nicht diskutieren will, kann und sollte dazu nicht genötigt werden.

Richtig gelesen und verstanden?

Erst kürzlich haben wir doch aus dem gleichem oder ähnlichem Munde gehört, dass die Toleranz der Intoleranz wahres Christentum ist. Im SPIEGEL wurde von Frau Käßmann auch die Abschaffung der Bundeswehr gewünscht oder doch zumindest als eigene Idealvorstellung propagiert. Es gibt nicht nur den Kampf mit technischen Waffen, es gibt auch den Kampf mit dem Wort als Waffe. Diese wörtliche Bundeswehr bemüht jetzt Frau Käßmann gegen einen Gegner, der sich nicht mehr wehren kann und auf jeden Fall heute anders reden würde. Wenn schon die pure (militärische) Macht abgeschafft werden sollte, dann doch bitte auch gleich die Macht des Wortes gegen Andersgläubige oder politische oder religiöse Vorstellungen, wie sie in vergangenen Jahrhunderten nicht ungewöhnlich waren. Es ist einfach und mangels religiöser Themen (ist das so, oder nur eine Vermutung von mir?) verführerisch, sich als Ziel die Politik vergangener Jahrhunderte vorzunehmen. Was sie letztlich fordert, ist die Eliminierung aller Zeichen in Kirchen, die damals so und heute so verstanden wurden bzw. werden. Dass ist ein Bildersturm. Außerdem unterstellt sie den Gläubigen und anderen Besuchern von Kirchen, dass sie durch den puren Anblick von uralten Hetzfiguren und Schriften "verdreht" werden könnten. Das zu Ende gedacht, müßte sie dann konsequent auch die Lektüre des Alten Testamentes verwünschen, da im AT wahrlich die bösartigsten Dinge stehen. Man nimmt‘s halt wie man’s braucht und wenn etwas nicht passt, ist schnell eine virtuose Dialektik zu Hand.

Ockenga schrieb am 23. Januar 2015 um 15:52: "Es gibt nicht nur den Kampf mit technischen Waffen, es gibt auch den Kampf mit dem Wort als Waffe." Und dann kämpft auch noch im März der Frühling mit dem Winter, auf der Opernbühne kämpft die Stimme des Sängers mit den lauten Orchesterinstrumenten und wenn eine Frau einen Mann anlächelt, dann hat sie mit den Waffen einer Frau gekämpft. Ist das also alles in etwa dasselbe, weil in der deutschen Sprache das Wort kämpfen oft passt? Da würde ich doch eher vorschlagen, ordentlich zu differenzieren. Waffen töten, Argumente tun das nicht. Wer über diesen Unterschied großzügig hinwegsieht und einen Krieg gedanklich wie eine Diskussion behandelt, kann mit solchen Vorstellungen zwar locker in Psychologie oder Theologie promovieren, die Wirklichkeit verpasst er damit aber in gefährlicher Weise.____________________________________
Zitat: "..die Lektüre des Alten Testamentes verwünschen, da im AT wahrlich die bösartigsten Dinge stehen." Und weil im NT im Schnitt nicht so geklotzt wird mit Brutalität wie im AT, ist gegenüber dem NT von vornherein weniger Kritik angebracht? Weil moderne Kirchenbauten keine antisemitischen Skulpturen tragen, sind die Predigten in diesen Kirchen weniger daraufhin zu überprüfen, gegen oder für was hier gedanklich geworben und getrommelt wird?

Ein Wort kann mundtot machen. Von mundtot bis wehrlos ist ein kurzer Weg. Diese auch antike Weisheit mit dem Kampf an allen "Fronten" zu vergleichen, ist falsch. Wer die Mikrofonmacht, die Macht des letzten Wortes in Versammlungen, in der Presse oder allein durch die Lautstärke hat, kann mit Leichtigkeit und Arroganz nahezu jeden mundtot machen. Wer hat das noch nicht erlebt? Dann wird auch das beste Argument nicht mehr gehört und das Wort wurde zur Waffe. Die Inquisition tat es auch so. Von der Politik gar nicht zu reden. Darüber ist nicht großzügig hinweg zu sehen. Über die qualitativen Aussagen sowohl im AT als auch im NT zu urteilen, das ist das tägliche Brot aller angeblich "Berufenen". Das ist nicht mein Ziel.

Leider führen die zum Teil unendlichen Auslegungsmöglichkeiten von AT+NT dazu, dass alle alten und immer auch neue Gliederungen der christlichen Kirchen mit der Bibel als Beweis sich immer genau dass heraussuchen können, was ihnen gerade in den Kram passt. Zu Zeiten von Luther waren die missbrauchte Macht der Kirchen, der Ablasshandel und die menschenunwürdige Glaubensauslegung der Beginn des Niederganges. Voraussetzung hierfür war die bis dahin mangelnde Volksbildung und die unterdrückte Fähigkeit zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden.

Jetzt ist es die Unfähigkeit der christlichen Kirchen, ihren Glauben und ihre Werte plausibel zu machen. Die zivilisatorischen und Bildungsfortschritte lassen ein unterwürfiges Verständnis der Dreieinigkeit, der Dogmen, der angeblichen Erbsünde, der nie nachlassenden Wirkung angeblicher „Weihen“ und der hilflosen Auslegungskaskaden nicht mehr zu. Uns (i. ev. Teil der Republik) wird derzeit ein Glaube als verbindlich dargestellten, der die christliche Liebe selbst in der Toleranz der Intoleranz wieder findet. Der die Selbstverleugnung/Glaubenssuizid (Segnung von Motorrädern in Kirchen, Gottesdienste auf der Eisbahn –Neustadt/Weinstraße- als Mittel zur Liebe des Nächsten darstellt. Der christliche Glaube relativiert mit Hilfe der zum Teil sehr persönlichen Auslegungen sich bis zur Unkenntlichkeit. Das tut er nicht aus Überzeugung und Stärke. Das geschieht aus der Schwäche fehlender überzeugender Argumente, die zumeist als hohle Phrasen daher kommen. Solange diese „Versteher“ unter sich bleiben und sich gegenseitig Verständnis suggerieren, kann das in überschaubaren „Gemeinden“ funktionieren. Diese „Fort-Mentalität“ einer in sich geschlossenen Gesellschaft ist nicht mehr repräsentabel. Der Vatikan und die Kurie sind auch so ein Fort.

Was wir brauchen, dass ist ein neuer "Luther", der uns nach den derzeitigen christlichen Regeln und Werten einen Glauben schenkt, der mit den menschenwürdigen Aussagen des NT vereinbar ist. Einen Glauben, der im globalen Vergleich mit anderen Religionen die besseren Werte der Menschlichkeit überzeugend darstellt. Einen Glauben, der nicht die Angst (Erbsünde) als Mittel zum Zweck der Macht mißbraucht. Einen Glauben, der sich nicht mehr mit Beweisen zu beweisen versucht, die dann als Beweiskette im Verhau der Vergleiche jämmerlich versiegen. Der christliche Glaube ähnelt immer mehr Andersens Märchen „von des Kaisers neuen Kleidern“. Kürzlich hat auch hier im Forum ein Kind fragen lassen: „Hatte Jesus Eltern?“ Bereits der Versuch einer Antwort auf diese einfache Frage verursacht Turbulenzen.

Ockenga schrieb am 1. Februar 2015 um 16:36: "Ein Wort kann mundtot machen." Keineswegs. Diese dem Wort zugeschriebene Zauberkraft kommt nicht einmal in Andersens Märchen vor. Mundtot sein bedeutet, sich nicht mehr äußern zu können. Wie sollte ein Wort dazu in der Lage sein? Dazu bedarf es schon deutlich mehr als eines Wortes oder einer Rede, nämlich ziemlich fortgeschrittener Machtverhältnisse. Sowohl demokratisch wie auch undemokratisch legitimierte wären da zu nennen. Sie liefern selber die Beispiele, nämlich:___________________________________
Zitat: "Wer die Mikrofonmacht, die Macht des letzten Wortes in Versammlungen, in der Presse oder allein durch die Lautstärke hat, kann mit Leichtigkeit und Arroganz nahezu jeden mundtot machen." Nicht das Wort gibt dem Mikrofonberechtigten den Vorteil des Mikrofongebrauches, sondern eine Rechtsordnung, die das Eigentum schützt und den Ablauf von Versammlungen, Wahlveranstaltungen, Univorlesungen und Gottesdiensten direkt oder indirekt regelt. Die Macht des letzten Wortes ist ein psychologisches Gerücht. Ein gutes Argument wird nicht dadurch schlecht, dass am Ende noch jemand Unfug redet. Die Pressefreiheit ist bekanntlich die Macht einiger reicher Leute, ihre Sicht der Dinge zu verbreiten, vorausgesetzt, sie läuft den durch das Recht geschützten Machtverhältnissen nicht zuwider. Lautstärke ist ein Fall für den Ohrenarzt, nicht für die Überzeugungskraft von Argumenten._____________________________
Um nicht völlig vom Thema des Artikels abzukommen: Die Autorin hat das Problem ausgemacht, wie politisch korrekt mit den antisemitischen Darstellungen an älteren Kirchengebäuden umzugehen sei. Einfach kommentarlos für weitere Jahrhunderte stehen lassen geht nicht, weil das Programm der politischen Korrektheit ja gerade nicht erklären will, wer wann was aus welchen Gründen macht oder gemacht hat, sondern alle sprachlichen, künstlerischen und sonstigen Äußerungen einem Kodex unterwirft. Das Zeugs mit dem Stemmeisen runterzuhauen geht auch nicht, weil da doch dem einen oder anderen die Taliban einfallen würden, die aus ihrer politischen Korrektheit heraus die Buddha-Statuen von Bamiyan in die Luft gejagt haben. Versöhnungszedern und Gedenktafeln werden als ungenügend für die Ansprüche der politischen Korrektheit erachtet. Der Artikel endet mit einem Aufruf zum Anti-Antijudaismus. Das soll dann ein Pluspunkt für die Reformation sein wegen einer angeblichen Lerngeschichte der Reformation._____________________________
Mundtot ist durch diesen Artikel niemand gemacht worden. Wer sich dafür interessiert, wie die Evangelen, insbesondere zum Reformationsjubiläum, guten Eindruck machen, kann sich ja solche und alternative Gedanken machen.

Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren,

 
zu dem Käßmann-Beitrag in Chrismon1/2015 (und dem Bedford-Strohm-Interview in der FAZ vom 16.12.2014):
Frau Käßmann und der Ratsvorsitzende der Evang..lutherischen Kirche in Deutschland bemühen sich derzeit nach Kräften, Luther wegen seiner Attacken gegen die Juden zu demontieren, ohne dessen Verdienste um die Kirche noch im  mindesten zu würdigen. Man gewinnt den Eindruck, Sie wollten eine lutherische Kirche am liebsten ohne Luther und das Lutherjahr 2017 – sie sprechen gar nicht mehr von einem solchen – sei ihnen peinlich und lästig. Aber was bleibt uns dann bei einer evangelischen Kirche ohne Luther und seine reformatorische Theologie, von der anscheinend niemand mehr etwas wissen will? Ein umtriebiger, politischer Debattierclub in Konkurrenz zur Politik und zu den Medien und vielleicht ein großer Sozialverein? So, ohne fundierte theologische Botschaft möchte man seine Kirche eigentlich nicht enden sehen; denn damit ließe sie unsere Seelen ohne Trost ins Leere, ins Chaos  stürzen.  Wer von den Oberen bedenkt es??
 
Mit freundlichem Gruß
 
Otto Spälter

Liebe Frau Käßmann,

vielen Dank für Ihren klaren Text zum Antijudaismus. Aber da Sie darin eine Luthersche Aussage zu 'Zigeunern' zitieren, sollte wohl auch diese nicht ohne Einordnung bleiben. In vieler Hinsicht sind Antijudaismus und Antitziganismus Zwillinge. Die Diffamierungen variieren in mancher Hinsicht, sie sind aber wirkmächtig und (all)gegenwärtig. Das wurde  - en passant - auch im NSU-Prozess deutlich: da übernimmt der LKA-Beamte selbstverständlich die Aussage eines gutachtenden Psychologen (sic!), Lügen seien typisch für Angehörige einer 'Roma-Sippe' (SZ Magazin 1/2015, S.10)

Ich würde mich freuen, wenn Sie die Lerngeschichte der Reformation so verstehen, das das was zählt , das klare Eintreten gegen jeden Antijudaismus und Rassismus in Wort und Tat heute ist. Mit dieser Verknüpfung geht es nicht um  Relativierung und Hierarchisierung von Verfolgung und Vernichtung, sondern um die Einsicht, dass Demokratie und Menschenwürde untrennbar mit der Vorstellung von Gleichheit und gleichen Rechten verbunden sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Lydia Potts

Es wäre ein authentisches Zeugnis im Jubiläumsjahr des Stuttgarter Schuldbekenntnisses mit einem öffentlichen Bekenntsnisgottesdienst die furchtbaren steinernen Zeugen der Diskriminierung zu entfernen.
Es gibt keine Lerngeschichte der Reformation: nur eine Umkehrgeschichte zum EINEN Wort Gottes hin -Jesus Christus. Würde das endlich Thema in dieser unseligen Reformationsdekade, wären wir endlich unserer reformatorischen Wurzeln würdig.
Unsere Kirchengründer wußten wenigstens noch, dass sie Sünder waren und ohne die Gnade Jesu Christi nichts. Luthers Mitstreiter hatten seine Beschimpfungen sofort als das etikettiert, was sie sind: "kotig und dreckig".
Unsere evangelische Kirche pädagogisiert sich dagegen um Kopf und Kragen.

Sicher darf man / muss sogar, sich auch selbstkritische Töne erlauben, erst recht als ehemalige Ratsvorsitzende , aktuelle Friedensbotschafterin, etc. Kann ich nur begrüßen !!!

Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren,

Frau Käßmann und der Ratsvorsitzende der Evang..lutherischen Kirche in Deutschland bemühen sich derzeit nach Kräften, Luther wegen seiner Attacken gegen die Juden zu demontieren, ohne dessen Verdienste um die Kirche noch im  mindesten zu würdigen. Man gewinnt den Eindruck, Sie wollten eine lutherische Kirche am liebsten ohne Luther und das Lutherjahr 2017 – sie sprechen gar nicht mehr von einem solchen – sei ihnen peinlich und lästig. Aber was bleibt uns dann bei einer evangelischen Kirche ohne Luther und seine reformatorische Theologie, von der anscheinend niemand mehr etwas wissen will? Ein umtriebiger, politischer Debattierclub in Konkurrenz zur Politik und zu den Medien und vielleicht ein großer Sozialverein? So, ohne fundierte theologische Botschaft möchte man seine Kirche eigentlich nicht enden sehen; denn damit ließe sie unsere Seelen ohne Trost ins Leere, ins Chaos  stürzen.  Wer von den Oberen bedenkt es??

Mit freundlichem Gruß

Otto Spälter

 

Frau Kässmann geht auf Glatteis. Sie ist eine anerkannte Repräsentantin der evangelischen Kirche. Sie sollte in dieser Position nicht leichtfertig Porzellan zerbrechen. Die gleiche Kirche samt aller ihrer Wurzeln hat schon immer mit Hilfe der Religion die Juden als Sündenböcke benutzt. Selbst bis 1945 hat sie (die Kirche) deren Schicksal verleugnet. Mit der Schuldzuweisung von Christus Tod an die Juden wurde die Machtpolitik des Christentums bewerkstelligt. Sie kann nicht meinen, dass mit der Reformation alle Sünden der Religion (und Christentum bleibt Christentum) getilgt sind. Jetzt Bilder und Texte zu "stürmen" ist bequem. Luther den Befreier vom "Ablass-Glauben", jetzt mit Schmutz von heute zu bewerfen ist illoyal. Luther, Wagner und Ihresgleichen haben es damals nicht anders gewusst. Über diese Verirrungen heute mit unseren Maßstäben den Stab zu brechen ist keine feine Art. Jedes Volk hat seine schuldbeladene Vergangenheit. Diese mit einem Bildersturm auszulöschen, ist zu kurz gesprungen, denn die Erinnerung ist stärker. Wir dürfen nicht versuchen, alles mit dem milden Mantel des Vergessens, der Verharmlosung und mit der Macht des Faktischen (die täglichen Informationslawine) auszulöschen, aber ebenso wenig ist es möglich, per Federstrich und verbrannter Erde (Luthers Bedeutung zu diskreditieren) die jüngere Geschichte aufzuarbeiten. Lasst die Toten ruhen, konzentrieren wir uns darauf, in der Gegenwart aus der Vergangenheit zu lernen.

Ockenga schrieb am 12. Januar 2015 um 18:23: "Luthers Bedeutung zu diskreditieren". Sie hegen die Befürchtung, die Erwähnung von Luthers strammem Antisemitismus würde am Ruhm des zu feiernden Reformators kratzen? Das Gegenteil ist der Fall. Modernes Hurrageschrei geht genau so, dass man das Wort Hurra tunlichst vermeidet. Statt dessen weist man auf so genannte dunkle Seiten, angeblichen Missbrauch, vorgeblich problematische Entwicklungen und die vermaledeite Zeitgebundenheit hin. Das ist das Gegenteil von Kritik. Das ist die moderne Art, dem Jubilar und seinen Fans indirekt strahlende Seiten, löblichen Gebrauch seines Gedankengutes, begrüßenswerte geschichtliche Bedeutung und weit über seine Zeit hinausreichende Erkenntnisse zu attestieren. Schließlich gilt es, mit einer Riesenparty sondergleichen 500 Jahre Reformation zu feiern. Da darf der Hauptakteur nicht als makellos hingestellt werden. Sonst käme der schlimme Verdacht der Parteilichkeit und Lobhudelei auf. Und am Ende würde sich manch einer fragen, was daran so toll gewesen sein soll, dass der Glaube mal wieder an neue Verhältnisse angepasst werden musste und diesmal die Verlaufsform dieser Daueraufgabe eine Kirchenspaltung war. Vor solcher Abschätzigkeit bewahre der Herr!

Kann mir vielleicht Frau Dr.Käßmann erklären, warum sie so einen Artikel in die Zeitung bringt? Ich habe so etwas über Luther nicht gewusst und auch nie vorher gehört. Ich selbst bin kein Mitglied irgendeiner Religion und fühle mich in meiner Ablehnung gegen unglaubwürdige oder Hass predigende Religionsverbreiter bestätigt. Also auch evangelisch-lutherisch.

Zu dem Artikel von Frau Dr. Käßmann, die m.E. den Finger darin wie der Apostel Thomas "in die Wunde" legt, stellen sich mir zwei Fragen, welche ich mir auch schon länger nicht wirklich selbst beantworten kann: 1. Welche Einwände gibt es von Seiten des Denkmalschutzes gegen die Entfernung der eindeutig aggressiv antisemitischen Bilddarstellungen am Wetzlarer Dom, an der Stadtkirche in Wittenberg, an den Kirchen in Bamberg, Köln oder Regensburg? Und 2. Wurde, ist und wird die lutherische "Lerngeschichte der Reformation" nicht zum einen durch diese schamlosen Bilddarstellungen negativ beeinflusst und zum anderen durch seine entsetzlichen Äußerungen aus dem Jahr 1543 theologisch so irreparabel beschädigt, dass es in Zukunft wirklich kaum möglich sein wird, in Bild und Wort unschuldig in der evangelischen Kirche tätig zu sein und nur die nonverbal-gesangliche und die instrumentale Musik noch als unbelastetes Ausdrucksmittel für die Freude und den Schmerz in der kirchlichen Gemeinschaft übrig bleibt?