Spekulationsgeschäfte mit Nahrungsmitteln?

Spekulationsgeschäfte mit Nahrungsmitteln bringen Gewinne – für Anleger. In armen Ländern sorgen sie für Hunger

Bis heute fällt es mir schwer, Lebensmittel wegzuwerfen, auch wenn das – durchaus umstrittene – Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist. Ich gehöre einer Generation an, die von Eltern groß­gezogen wurde, die Krieg und Hunger kannten. Wahrscheinlich hat sich das über die Erziehung tief eingegraben. Als ich mit Freunden eine Ferienwohnung in den USA geteilt habe, konnte ich kaum fassen, dass sie am Ende einfach alles, was noch übrig war, in eine große Plastiktüte stopften und diese in den Müll warfen . . .

In den westlichen Industrienationen leben wir im Überfluss. Ja, Armut gibt es auch bei uns, aber die Wertschätzung für Lebensmittel ist insgesamt dramatisch gesunken. Das allein ist ein Problem für die Kultur, auch für die Esskultur und für die Gerechtigkeit, zumal in einer Welt, in der eine Milliarde Menschen hungern – jeder siebte Mensch auf unserem Planeten.

Die katastrophalen Folgen der Spekulationen mit Lebensmitteln

Ein neues Phänomen kommt hinzu: ­Lebensmittel werden zum internatio­nalen Börsengeschäft. Spekulanten verdienen am Hunger. Lebensmittel waren im vergangenen Jahr nach Angaben der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) weltweit so teuer wie nie. In den westlichen Industrienationen können Haushalte das ausgleichen, denn sie geben deutlich weniger als 20 ­Prozent ihres Einkommens für Nahrungs­mittel aus. In den ärmsten Ländern dieser Welt aber müssen Menschen mindestens 80 Prozent für Essen ausgeben – Preissteigerungen sind für sie katastrophal. Und so waren und sind die Proteste im Norden Afrikas nicht nur ein Aufbegehren gegen autoritäre Regime, sondern auch eine Demonstration gegen die dramatisch steigenden Lebensmittelpreise.

Was können wir tun? Zum einen geht es um einen bewussten Umgang mit Lebensmitteln: „Weg von der Wegwerfgesellschaft!“ Konsum, der nicht auf niedrige Preise setzt, würde auch der Landwirtschaft im eigenen Land helfen angesichts weniger großer Ketten, die den Markt beherrschen. Und Produkte aus gerechtem Handel zu kaufen, unterstützt etwa im Kaffeeanbau gerechtere Handelsbedingungen.

Nahrungsmittel sind keine Geldanlage!

Zum anderen geht es darum, Spekula­tion mit Lebensmitteln anzuprangern und klar dagegen zu plädieren. Schon der Reformator Martin Luther wetterte in seiner Schrift „Von Kaufshandlung und Wucher“ (1524) darüber, dass mit der Not der Armen Geschäft gemacht werde, und forderte, dass die „weltliche Ordnung“ die Preise festsetzt für Nahrungsmittel. Was bedeutet Luthers Mahnung für heute? Zum Beispiel dies: Banken, die Geschäfte mit der Spekulation mit Agrarrohstoffen machen, sollten von ihren Kundinnen und Kunden aufgefordert werden, aus diesem Geschäftsfeld auszusteigen. Nahrungsmittel sind keine Geldanlage!

Foodwatch hat dokumentiert (Report „Die Hungermacher“), dass etwa die Deutsche Bank und Goldman Sachs an den Preis­erhöhungen über Warenterminmärk­te und künstliche Nachfrage erhebliche Mitverantwortung tragen. Und die Organisation WEED (World Economy, Ecology and Development) fordert strengere Gesetze, Grenzen für Spekulanten und Transparenz. In ihrem eindrücklichen Kurzfilm „Nahrungsmittelspekulation“ hat WEED die Abläufe mit Hedgefonds und Futures auch für Nichtinsider verständlich gemacht (www.weed-online.org).

„Unser tägliches Brot gib uns heute“ ist eine aktuelle Bitte des Vaterunsers. Und  „Brich mit den Hungrigen dein Brot!“ eine aktuelle Mahnung des Propheten Jesaja. Das ist biblisch. Und es verweist auf die Zusammenhänge von Glaube, Alltag, Politik und Wirtschaft.

Lesermeinungen

André Gaufer schrieb am 28. Oktober 2013 um 15:33: "Jeder kann auf Geldanlagen verzichten, die Mensch und Umwelt schaden!" Das ist in zweifacher Hinsicht ein Irrtum: 1.) Die meisten Menschen können nicht verzichten. Zum Verzicht gehört als unabdingbare Voraussetzung die Befähigung zu dem, worauf verzichtet werden soll. Der gewöhnliche Mensch hat überhaupt kein Geld für eine ernstzunehmende Geldanlage. Er braucht sein Geld für sein recht überschaubares Normalleben und ein paar Ersparnisse für die Vorkommnisse, die unter der meist irreführenden Bezeichnung Notfälle für ihn vorgesehen sind. 2.) Es gibt keine unschädlichen Geldanlagen. Jede Geldanlage schädigt zunächst ökonomisch den, von dem die Rendite stammt. Ob die Geldanlage für den Geschädigten dennoch produktiv ist, hängt davon ab, ob er Dritte in höherem Ausmaß schädigen kann als er selber geschädigt wird. Wenn ja, nennt sich die mehrfache Schädigung eine erfolgreiche Investition. _____________________ Zitat: "Keiner braucht Finanzprodukte, die auf Kosten der Ärmsten mit Nahrungsmitteln spekulieren!" Oh doch! Das Finanzkapital braucht jede Möglichkeit, sein Geld zu vermehren. Sonst ist es nämlich die längste Zeit Finanzkapital gewesen. Und wenn der meiste Reibach gerade mal mit den Hungerleidern zu machen ist, dann hat er genau dort gemacht zu werden. _______________________ Die Vorstellung der "Initiative handle fair" von einer moralisch sauberen Marktwirtschaft, in der alle zufrieden sein können, zeugt von einem krassen Unverständnis, wie Marktwirtschaft funktioniert.

Jeder kann auf Geldanlagen verzichten, die Mensch und Umwelt schaden!
Keiner braucht Finanzprodukte, die auf Kosten der Ärmsten mit Nahrungsmitteln spekulieren! Dafür setzt sich die Initiative handle-fair.de ein!

Ich gehöre zu der Generation, die Krieg und Hunger noch selbst erlebt hat. Mir sind daher das Vernichten von Lebensmitteln und allgemein das Vergeuden von Material auch zuwider. Und daß wir im "Überfluß" leben, während andern Ortes Menschen darben oder gar verhungern, ist traurig. Aber mit der Verteufelung des Börsengeschäftes, mit der Forderung nach "gerechtem Handel" und mit dem Appell, die Spekulation mit Lebensmitteln anzuprangern, werden die Hungernden nicht satt, auch nicht mit der Bitte ums tägliche Brot beim lieben Gott.

Staatliche Beschränkungen freier wirtschaftlicher Betätigung und Proteste gegen das ach so unmoralische Gewinnstreben können da nicht helfen, sondern einzig allein die Verwirklichung von Marktwirtschaft (auch global), und zwar die ohne Vor- und Beinamen, also einfach Marktwirtschaft. Trotz aller gegenteiliger Unkenrufe der Sozialfreaks ist sie alternativlos, weil nur sie allen Nutzen bringt, wenn man sie konsequent einsetzt. Dazu muß man die Funktionsweise der (Markt-)Wirtschaft kennen und verstehen. Mit moralischen und/oder religiösen Denkkategorien geht das allerdings nicht. Die gegenwärtigen Verwerfungen in Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch die in den vergangenen Jahrzehnten sind ausschließlich die Folge aktionistischer,systeminkonformer Eingriffe des "Herrn Staates" in das Geschehen. Das nennt man dann "soziale Gerechtigkeit".

Die miserablen Zustände in manchen anderen Ländern sind die Folgen der dortigen politischen Verhältnisse und nicht die Folgen unseres Wohlergehens. Dort werden auch teure Autos gefahren. Wenn man Kritik üben und Einfluß nehmen will, muß man sich an die richtigen Adressaten wenden.

5.3.2012

Auf ein Wort. Dr. Margot Käßmann: Spekulationsgeschäfte mit Nahrungsmitteln bringen Gewinne - für Anleger. In armen Ländern sorgen sie für Hunger. Richtig - aber auch die Kirche führt sich als gewinnorientierter Anleger auf und treibt die Bodenpreise nach oben!

Den Ausführungen von Frau Dr. Käßmann, die "Spekulation von Lebensmitteln anzuprangern", kann man sich anschließen. Wir sind selbst mit der Produktion von Weizen befaßt und haben mit den Auswirkungen dieser Spekulation zu kämpfen. Die Tatsache, daß Nahrungsmittel teuer sind wie nie und auch der Boom bei erneuerbaren Energien führen dazu, daß um den Faktor Boden erbittert gestritten wird. Hieran beteiligt sich leider auch die Kirche, immerhin verfügt sie über einen beträchtlichen Bestand landwirtschaftlichen Grund und Bodens und befindet sich in der Verpächterposition. Es ist unübersehbar, daß das "Wirtschaftsunternehmen Kirche" vom allgemeinen Trend steigender Bodenpreise profitieren will. 
Langjährige Pachtverhältnisse werden mit einem Federstrich beendet und die Pachtpreise via Ausschreibung exorbitant in die Höhe getrieben. Wir wollten kürzlich unseren langjährigen Pachtvertrag verlängern – das kirchliche Verwaltungsamt verlangte einen um über 100 Prozent erhöhten Pachtzins. 
Unter diesen Bedingungen haben wir uns dann gegen eine Vertragsverlängerung entschieden.
F. Schültken

 


Sehr geehrte Frau Dr. Käßmann,
Sie haben es in Ihrem Artikel nicht ganz so deutlich gesagt wie andere, aber auch Ihr "Konsum, der nicht auf niedrige Preise setzt, ...würde .... helfen..." zeigt wie so oft in Richtung Verbraucher. Das ist in meinen Augen völlig falsch. Der Verbraucher ist nicht verantwortlich für die niedrigen Preise und vor allem kann der Verbraucher nicht feststellen, ob ein Hühnchen, für das er den doppelten Preis bezahlt, besser behandelt worden ist. Ausgenommen natürlich bei ganz bestimmten Vertriebsformen.
Früher habe ich den Feinkosthändler unseres Ortes oft dabei "erwischt", wie er den Parmaschinken oder den alten Gouda im Supermarkt kaufte und dann in seinem Laden für das Doppelte verkaufte - natürlich mit der Illusion, dass es sich um was besseres handelt. Viele Menschen gehen gerne auf den Wochenmarkt und zahlen deutlich höhere Preise - auch in der Illusion, bessere Ware zu bekommen. Die kommt aber vom Großmarkt, wie die im SB-Laden auch.
Es sind die Industrie und die Anbieter, die durch niedrige Preise Wettbewerbsvorteile erzielen wollen und dadurch die Produzenten veranlassen, immer unwürdigere und verbrecherische Produktionsweisen anzuwenden, Tiere zu quälen, leichtfertig mit Chemie oder Antibiotika umzugehen, unsere Umwelt zu ruinieren usw.
Dagegen helfen nur Gesetze und Vorschriften, die nun wirklich nicht kompliziert sind. Wie viel Platz oder Auslauf Tiere brauchen, in welcher Zeit sie wie viel zunehmen dürfen, wie viele und welche Medikamente verabreicht werden dürfen, welche Transportdauer maximal sein darf, welche Futterzusätze verboten sind usw. usw.
Und für Gesetze und Vorschriften wären unsere Politiker zuständig, die aber seit über 60 Jahren an den Lobbyisten scheitern. Da sitzen die Verantwortlichen und nicht unter den Verbrauchern.
Sie haben Recht: Reine Spekulationen mit Lebensmitteln gehören verboten. Warum beschließt die Politik nicht, dass niemand an Warenbörsen handeln darf, der nicht auch mit diesen Waren als Produzent oder Nachfrager zu tun hat? Wenn die Lufthansa sich für das kommende Jahr durch ein Warentermingeschäft das Kerosin zu einem bestimmten Preis sichern will - warum nicht? Wenn Pfanni für den Herbst einen bestimmten Kartoffelpreis anbietet und Landwirte gehen darauf ein - warum nicht? Reine Finanzspekulationen sind in diesen Bereichen immer mit künstlichen Markt- und Preisverschiebungen verbunden, die den anderen Akteuren in diesem Markt schwere Schäden zufügen können. Es ist wieder die Politik, die versagt und mit der Ausrede der Globalisierung kommt.
Viele Grüße
Wolfgang Becker

Die frühere Bischöfin, Frau. Dr. Käßmann, bringt es präzise auf den Punkt:
Die Spekulation mit Lebensmitteln verschärft den Hunger in armen Ländern massiv und ist somit ein Verbrechen, das verboten werden muss!

Das globalisierungskritische Netzwerk ATTAC ruft nicht ohne Grund zum
Bankenwechsel auf und kritisiert die Deutsche Bank scharf.

29.2.2012

André Gaufer schrieb am 24. Februar 2012 um 16:07: "Spekulanten profitieren vom Handel mit Nahrungsmitteln". Richtig! Der Handel profitiert allerdings auch vom Handel mit Nahrungsmitteln. Der Handel ist die Grundform der Spekulation. Jeder Händler spekuliert darauf, dass er sein Zeugs teurer verhökern kann als er selber dafür blechen musste. Diese Spekulation ist der einzige Grund dafür, dass er den Handel überhaupt betreibt. Wer also wie die die Initiative handle-fair moralisch gegen die sogenannte Spekulation zu Felde zieht und diese Spekulation gedanklich einem sauberen Handel gegenüberstellt, hat leider auch nicht im Ansatz erfasst, was der Grund für die Berge von Hungernden und Verhungernden weltweit ist.

Spekulanten profitieren vom Handel mit Nahrungsmitteln, während die Zahl der Hungernden weltweit steigt! Die Initiative www.handle-fair.de protestiert dagegen!

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