Nicht provozieren lassen!

Sie wollen die Eskalation: der Videofilmer, die Flaggenverbrenner. Aber die Besonnenen sind weltweit in der Überzahl

Diese Bilder prägen sich tief ein: Bilder von wütenden Demonstranten, brennen­den Flaggen, getöteten Menschen. Weniger einprägsam, einfach nur übel ist das Video, das diesen gewaltsamen Demonstrationen vorausging.

Ich habe es mir in der Kurzversion von fünfzehn Minuten angeschaut. Eine Stunde oder länger hätte ich es nicht ausgehalten: Böse langbärtige Muslime zerstören die Klinik eines guten christlichen Arztes, schleifen eine gutmütige alte Christin zu Tode, töten einen frommen Juden vor den Augen seiner Frau, und Mohammed ver­gewaltigt sie anschließend. Mit gierigem Sabbern freuen sich Mohammeds Kumpane, als er ihnen sagt, sie können die Frauen und Kinder und das Land der ­Ungläubigen haben, das sei alles ihrs. Ein koptischer Priester verspricht, für Mohammed ein Buch, gemischt aus Christlichem und Jüdischem, zu schreiben.

Dieses Video ist erbärmlich schlecht gemacht, lebt von absurden Klischees und ist lächerlich. Ja, ich würde gerne darüber lachen. Aber das Lachen bleibt mir bei dem Gedanken im Halse stecken, dass Menschen dafür sterben mussten.

Es geht um Macht, Auseinandersetzung und um die Lust an Gewalt und Zerstörung

Aber mussten Menschen wegen dieses Videos oder wegen einer Karikatur sterben? Das ist nicht die Wahrheit. Die allermeisten derer, die gewalttätig demonstrieren, haben weder Video noch Karikaturen gesehen. ­Machen wir uns nichts vor, es geht doch nicht um Religion. Es geht um Macht, um Auseinandersetzung und am Ende um die Lust an Gewalt und Zerstörung. Hier die ­geschürte Empörung der einen, die in der Folge Botschaften stürmen, den US-Botschafter ermorden, selbst sterben mitten im Aufruhr. Dort die Empörung der anderen: So seien sie eben, die Muslime, sie ent­sprechen dem Klischee, das jenes Video und die Karikaturen von ihnen zeichnen – dumpf, ungebildet, gewalttätig.

Mir kam beim Schauen des Videos und der Reaktionen darauf ein Satz von Max Liebermann in den Sinn. Der Berliner Maler sagte, als am 30. Januar 1933 der Fackelzug der Nationalsozialisten an seinem Haus vorbeimarschierte: „Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.“ Er ahnte, was diese Machtergreifung für ihn als ­Juden und für die deutsche Kulturpolitik, ja für Deutschland bedeuten würde.
 

Es fehlt: Die Koalition der Besonnenen


Was sich jetzt abspielt – wir können ­ahnen, was das mit sich bringt. Vorurteile werden zementiert: Der Westen, der die Mus-lime und ihren Glauben lächerlich macht, keinen Respekt kennt, militärisch mit Drohnen und kulturell mit Karikaturen gegen Länder muslimischer Prägung kämpft. Die muslimische Welt, zurückgeblieben, wenig informiert, immer gewaltbereit, absolut männlich dominiert. Mich empört, ärgert, macht zornig, dass Religion wieder benutzt wird und sich benutzen lässt, Öl in das Feuer politischer Konflikte zu gießen.

Wir brauchen dringend eine Koalition der Besonnenen. Und es gibt sie ja! Millionen Muslime wohnen in Kairo, wenige haben demonstriert. Muslime in Deutschland haben ruhig und reflektiert reagiert. Chris­tinnen und Christen versuchen zu deeska­lieren. Wir dürfen uns nicht von gezielt eingesetzten Feindbildern provozieren lassen!

Natürlich gibt es Differenzen, Spannungen zwischen Christentum, Judentum und Islam. Niemand wird das ignorieren können. Die Frage ist, wie wir damit umgehen: gegenseitig Feindbilder hochhalten oder gemeinsam Provokationen zurück­weisen, um in Ruhe über Probleme zu ­sprechen? Christinnen und Christen jedenfalls können sich durch Karikaturen nicht provozieren lassen. Die schlimmste Karikatur ihres Gottes ist ihr Grundsymbol: Gott, hingerichtet am Kreuz mit dem zynisch gemeinten Schild darüber: Jesus von Nazareth, König der Juden.

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