Margot Käßmann über anonyme Kritiker

Das Ziel: andere verletzen
Kritik ‒ ja, bitte. Aber die Kritiker sollten auch das Format haben, ihre Namen zu nennen. Das gilt erst recht im Internet
Margot Käßmann, Theologin, Berlin 20.8.2015

Foto: Bettina Flutner

„Halten Sie endlich das Maul, sie verf...kte Kirchenziege“, heißt es in einer anonymen Mail, die ich erhalten habe. Eine andere: „Dich sollten sie über IS-Gebiet aus dem Hubschrauber abwerfen, dann kannst du deine Islamfreunde treffen.“ Nun werden manche von Ihnen denken: Das haben Sie davon, wenn Sie Kolumnen für die „Bild am Sonntag“ schreiben. Aber das ist zu einfach. Es gibt leider auch auf chrismon-Kolumnen hässliche, widerwärtige, ja eklige Kommentare, in Blogs und als Mail.

Und immer mehr Leute gibt es, die sich nicht scheuen, ausländerfeindliche Äußerungen unter ihrem eigenen Namen zu veröffentlichen. Kein Wunder, dass eine Debatte darüber entbrannt ist: Werden ­solche Äußerungen auf den Plattformen konsequent genug gelöscht beziehungsweise deren Autoren ausgeschlossen?

Besonders schlimm finde ich, dass Leute ihre abwertenden Äußerungen ano­nym machen. Das ist abstoßend. Und es zerstört auch die Diskussionskultur. Es braucht Haltung, einem Menschen Kritik ins Gesicht zu sagen. Wer eine Beschimpfung in die Tasten haut und nicht das ­Format hat, dazu auch den eigenen Namen zu nennen, ist letzten Endes feige. Es ist völlig legitim, einen Brief zu schreiben, die Formulierungen abzuwägen, und ihn mit der persönlichen Adresse als Absender abzuschicken. Dann kann die angeschriebene Person sich dazu äußern, die Kritik an­nehmen oder ablehnen.

Etwas ganz anderes ist es, sich in einen Blog einzuloggen und rumzupöbeln mit einer Wortwahl, die ich nie gebrauchen würde in meinem Alltag, wohl wissend, dass niemand mich identifizieren kann. Achtung habe ich vor Leuten nicht, die ihren Namen nicht nennen, kein Gesicht zeigen. Aber sie können wehtun, verletzen, verstören, ängstigen – und das wollen sie ja wohl auch.

Kritisieren zu dürfen, ist eine große Errungenschaft

chrismon-Herausgeberin Dr. Margot Käßmann ist "Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017", kurz "Reformationsbotschafterin". Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) lehrte zuvor als Gastprofessorin an der Ruhruniversität in Bochum Sozialethik und Ökumene. Margot Käßmann ist Autorin mehrerer Bücher in der edition chrismon.
Foto: Bettina Flitner
Ich finde es großartig, in einem Land zu leben, in dem wir Kritik üben dürfen. ­Versuchen Sie das einmal in Saudi-Arabien oder in China oder in Nordkorea. ­Da bezahlen Menschen Kritik am Staat mit Lager, Gefängnis oder gar der Todesstrafe. Es ist eine große Errungenschaft, kriti­sieren zu dürfen.

Der Begriff Kritik leitet sich vom griechischen Verb „krinein“ ab, was so viel bedeutet wie „unterscheiden“. Es geht um die prüfende Beurteilung einer Äußerung, eines Textes oder einer gesellschaftlichen oder auch kirchlichen Lage. Dabei kann Kritik sehr hilfreich sein, wenn sie sachlich und konstruktiv ist. Ich erlebe das ­ bei Predigten oder Vorträgen, die mir wichtig sind. Ich schicke sie an zwei, drei Menschen, die ich für kompetent halte. Und noch immer sind meine Texte durch gute Kritik besser geworden.

Es gibt natürlich auch destruktive Kritik. Da weißt du schon, wenn du dich äußerst, wer dich wieder mit Lust niedermachen wird, welche Leute Freude daran haben, die Worte zu verdrehen, süffisante Bemerkungen zu machen. Das sind Menschen, die sich an der Bloßstellung, ja am Niedermachen anderer ergötzen. Oder ­solche, die sich selbst erhöhen wollen, indem sie andere erniedrigen. Das wird schon in der Bibel als problematisch angesehen, denn: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden.“ Destruktive Kritik kann Menschen fertig machen, zerstören, erniedrigen, verunsichern.

Es ist gut, zu ringen, miteinander nach Wegen, nach Problemlösungen, neuen Konzepten zu suchen. Aber solches Ringen ist nur sinnvoll, wenn Menschen sich dabei ins Gesicht sehen können. Anonyme Beschimpfungen, Rumgepöbel in Blogs zerstören das Miteinander, das eine Gesellschaft braucht, um zukunftsfähig zu sein und zu bleiben.

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Nachfragen und sachliche Kritik halte ich auch anomym für angebracht, falls sie nicht verletzend ist und somit die Netiquette eingehalten wird. Es kann dadurch sogar eine sinnvolle Disskussion angestoßen werden. Besonders geeignet ist dies z.B. für umstrittene Sachfragen, bei denen auch im Bundestag der Fraktionszwang aufgehoben wäre. Manchmal fällt es eben leichter anonym berechtigte Einwände oder Ängste zu äußern.
Leider wird häufig die Anonymität missbraucht, um Leute mit menschenverachtenden Äußerungen wie rassistischen und sexuellen Beleidungen unter der Gürtellinie herabzuwürdigen. Allerdings wird dieses auch oft mit Klarnamen gemacht.
Leider geht es teilweise so weit, dass Leute mit meiner Haltung zur Flüchtlingspolitik im Internet Morddrohungen aus der rechten Ecke bekommen.
Daher sehe ich anonyme Kommentare durchaus als eine Errungenschaft, obwohl (bzw. weil) ich die kirchliche Haltung zur Flüchtlingspolitik teile und Shitstorms hasse. Ängste anonym zu äußern, kann für Leute mit weniger Mut als Sie, Frau Käßmann sehr entscheidend sein, um der Häme im eigenen Freundeskreis zu entgehen.
Viel wichtiger ist es, dass potentielle Ängste der Kommentarschreiber*innen ernst genommen werden und menschenverachtenden Kommentaren entschieden entgegengetreten wird.
Sollte ich z.B. eine andere Meinung zum Familienrecht haben als Sie, will ich diese Meinung auch anonym äußern können. So wie ich Sie bisher einschätze, hätten Sie trotzdem Achtung vor mir, solange ich diese Kritik sachlich, konstruktiv und freundlich äußere.
Allerdings könnte es unter der Verwendung von Klarnamen trotzdem passieren, dass jemand mit einer dritten Meinung lospöbeln und einen Shitstorm gegen mich auslösen könnte. Diese Pöbelei könnte sogar zu einer Bedrohung für die körperliche Unversehrheit von mir oder meinem Umfeld umschlagen.
Pöbelei im Internet muss mit sehr viel Geduld bekämpft werden, unabhängig davon ob sie mit Klarnamen oder anonymen Namen geschieht.

Den Ausführungen von Frau Käsmann "Das Ziel:andere verletzen" ist zu widersprechen.

Nur durch Anonymität von Meinungsäußerungen ist deren Freiheit garantiert. Nur so erfährt man, wie das Volk wirklich denkt, mögen Äußerungen auch widerwärtig oder abzulehnen sein. Das ist der Preis von Demokratie und Medienfreiheit. Deshalb sehen auch unsere Verfassungen vor, daß Parlamentswahlen geheim sind: nur so ist eine freie Entscheidung garantiert, weil niemand fürchten muß, Nachteile durch sein Votum zu erleiden. Deshalb ist auch die Wahl z.B. des Bundeskanzlers geheim.

Es gibt  genügend Beispiele, wo seriöse Meinungsäußerungen für den bekannten Autor berufliche Nachteile oder Schäden an seinen Rechtsgütern zur Folge hatten. Im übrigen gibt es das Strafrecht. Was Frau Käßmann beklagt zeigt im übrigen nur einmal mehr die Mangelhaftigkeit der Schöpfung. Dazu hätte man gerne etwas von einem Theologen  gelesen.

Mit freundlichen Grüßen, Dr. Rudolf Schulz, Bonn

Frau Käßmann hat Recht. Mein Name steht, meine Mailanschrift ist Ihnen bekannt. Ich bin für Sie nicht anonym. Gegenüber den Lesern besteht allerdings eine Teilanonymität. Soviel sollte sein. Auch ich bin schon per Mail und Telefon in anderen Foren bedroht worden. Das waren zwar politische Themen, aber es hätten auch extreme Evangelikale sein können. Weiß ich, wie wer abartig denkt und dann evtl. noch handelt? Die Meinungen von Frau Käßmann sind sehr exponiert. Sie hat sich der Öffentlichkeit, sowohl privat als auch kirchlich, extrem ausgeliefert. Das muss nicht jeder tun, der nicht so im Mittelpunkt steht. Es gibt Foren, in denen die Anonymität kein Problem ist. Da wird deshalb auch zensiert. Das ist richtig.

Das Netz hat zwar den Diskurs enorm befördert, allerdings auch zu einem sehr hohen Preis. Sowohl die Fäkalbeschimpfung als auch eine hemmungslose Selbstentblößung sind häufig Standard geworden. Da zeigt sich dann auch, dass der angeblich so mündige Bürger vielfach ein gern gehörter öffentlicher Selbstbetrug und eine Fatamorgana ist. Das war zwar schon immer so, aber mit den Auswüchsen im Netz haben wir den Beweis. Hinzu kommt noch, das selbst von Erwachsenen (das Alter der Schreiber sieht man den Texten ja nicht an!) bemitleidenswerte Naivitäten geäußert werden. Das Ergebnis ist, dass sich in den öffentlich zugänglichen Foren auch keine Prominente oder angesehene Personen des öffentlichen Lebens äußern. Denn die wollen sich nicht mit einer Gemeinschaft von Personen identifizieren, die belächelt oder gar bedauert werden. Und von diesen gibt es auch in diesem Forum genug. Die Reaktion ist verständlich. Es ist auch ein Forum für die, die sonst keinen öffentlichen Zugang für ihre Meinung haben. Und dieser Zugang wird ihnen verwehrt, weil sie keine Bücher schreiben, die Zeitungen ihre Briefe nicht veröffentlichen und ihre Formulierungen nicht druckreif, nicht nachvollziehbar oder gar beleidigend sind. Diese Klientel konzentriert sich deshalb in der Anonymität des Netzes. Das Netz entblößt die Teilnehmer. Es kann deshalb auch kontraproduktiv sein. Es muss aber nicht sein, was viele Beiträge in diesem Forum beweisen.

Bei manchen Themen können Klarnamen (lebens-)gefährlich werden. Will Frau Käßmann hier dann zu brisanten Themen lieber keine Internetforen oder dass sich mögliche Kommentatoren in Gefahr begeben?

Federweiße schrieb am 13. Oktober 2015 um 21:59: "Bei manchen Themen können Klarnamen (lebens-)gefährlich werden." Es dürften weniger die Themen sein, die Kommentatoren der Repression aussetzen, als die Argumente, die sie vortragen. Wer sich unter Diskussion offenbar schon gar nichts anderes mehr vorstellen kann als die Bandbreite des in Talkshows, Oberseminaren und Stammtischen Gebotenen, insbesondere das hinlänglich bekannte Hick-Hack zwischen religiösen Fundis und den Mainstream-Gläubigen, kommt zu so wackeren Aufforderungen wie der Klarnamensnennung. Jeder, der um einen Arbeitsplatz oder eine Wohnung betteln muss, pardon, der sich in freiheitlicher Konkurrenz zu den anderen Abhängigen um Job und Bleibe zu bewerben hat, sollte wissen, dass die Unternehmer und größeren Vermieter längst die Software auf ihren Computern haben, die blitzschnell ausspuckt, was einer oder eine je von sich gegeben hat im Internet. Schon lange bevor sich der Verfassungsschutz dafür interessiert, kann sich der Bewerber dann Arbeitsplatz oder Wohnung aus dem Sinn schlagen.
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Im Gegensatz dazu ist es bei den etwas vorausschauenden Zeitgenossen schon längst üblich, vor Bewerbung oder Wohnungssuche die entsprechende Schleimerei im Internet abzusondern. Natürlich nicht damit übertreiben, sonst fällt es auf! So gehen eben Freiheit und Marktwirtschaft.

Zitat aus dem Artikel: "Ich finde es großartig, in einem Land zu leben, in dem wir Kritik üben dürfen. Versuchen Sie das einmal in Saudi-Arabien oder in China oder in Nordkorea." Das ist die zeitgemäße Fassung der Einstellung, die vor 1989 schlicht lautete: "Hau doch ab nach drüben, wenn es dir nicht passt." Ich hingegen finde es widerwärtig, einer Einrichtung namens Staat unterworfen zu sein, von dessen Erlaubnis es abhängt, ob ich überhaupt und wenn ja in welchen Grenzen (Verlassen des Bodens der FDGO, Verletzung religiöser Gefühle, Verunglimpfung des Staates usw.) ich Kritik äußern kann. Wer es aber allen Ernstes als Errungenschaft ansieht, den großen Bruder Staat über sich zu wissen, der Kritik an sich in gewissen Grenzen erlaubt, könnte sich bei Gelegenheit fragen, was der Staat mit dieser Erlaubnis bezweckt.
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Da könnte die Erinnerung an Diktaturen etwas an Substanz bringen, statt sie als beliebte politische Reiseempfehlungen zu benutzen. Offenbar besteht in Herrschaftsverhältnissen, die die Kritik am Staat stärker einschränken als in der Demokratie üblich, die Gefahr, dass geäußerte Kritik am Staat beim Staatsvolk auf interessierte Ohren stößt und deshalb für den Staat gefährlich werden könnte. In der Demokratie ist der Preis für die relative Meckererlaubnis die garantierte Folgenlosigkeit der Kritik. Jede Kritik muss sich selbst nämlich zurücknehmen als eine Meinung von vielen, ohne jeden Anspruch auf irgend etwas. Im Gegenteil: Dass der demokratische Untertan maulen darf, ist nämlich das schärfste Argument dafür, dass es der Staat ist, der per Gesetz, Regierung und Justiz festlegt, was im Lande läuft und was nicht.

Die Verwendung von Klarnamen im Internet ist eine zweischneidige Sache. Einerseits trifft es zu, dass ein Diskussionsteilnehmer mit seiner ganzen Persönlichkeit, also auch mit seinem Namen zu dem stehen soll, was er äußert. Er darf sich nicht hinter einem Pseudonym versteckt aus der Verantwortung stehlen.
Andererseits ist es oft mit dem Verantwortungsbewusstsein der Leser schlecht bestellt. Ich selbst habe schlechte Erfahrungen mit Menschen in meinem Umfeld(!) gemacht, die mir nachgoogelten und so auf Beiträge stießen, deren Zusamenhänge sie nicht erfassen konnten und wollten, denn dazu hätten sie sich ja mit der Thematik ganau so intensiv befassen müssen wie ich und die übrigen Diskussionsteilnehmer. Trotzdem hielten diese "Webstalker" es für nötig, aus so aufgeschnappten Halbinformationen ein verzerrtes Bild über mich zusammenzubasteln und weiterzuverbreiten. Und zwar ohne dass ich dazu Stellung beziehen konnte. Das ist die Schattenseite der im Internet über Suchbegriffe überall und von überallher verfügbaren Informationen: Nicht jeder kann damit umgehen!

Um die Diskussionskultur auf spezifisch christlichen Websites sieht es leider nicht viel besser aus. Trotzdem: https://glaubenstexturen.wordpress.com/2012/11/28/christen-geht-auf-die-...