Herrscht Eiszeit zwischen den Konfessionen? Was ist mit dem Papst?

Wenn am 14. Mai 2010 auf dem Münchner Odeonsplatz orthodoxe, katholische und evangelische Christen nach orthodoxem Ritus das gesegnete Brot brechen, dann hat sich für mich ein Traum erfüllt. Es wird ein erhebender Moment sein: Christen aller Konfessionen, die an tausend Tischen einträchtig miteinander Gottesdienst feiern, essen und trinken. Natürlich ist das noch kein gemeinsames Abendmahl, wie es sich viele wünschen. Aber es ist ein wertvolles Zeichen der Einigkeit und der Sehnsucht nach mehr. Von diesem Abend auf dem Zweiten Ökumenischen Kirchentag (12. bis 16. Mai 2010) kann eine große Strahlkraft ausgehen. Ich lade Sie ganz herzlich dazu ein!

Die Vorbereitung auf diesen Ökumenischen Kirchentag war für uns Christinnen und Christen in Bayern eine besondere Gelegenheit, unsere Gemeinsamkeiten und Unterschiede besser kennenzulernen. Eines der größten Reizthemen zwischen den Konfessionen ist dabei nach wie vor der Papst. Nach dem bundesweiten Jubel "Wir sind Papst! " im April 2005 herrscht inzwischen Verärgerung. "Warum schweigt der Papst zu den Missbrauchsfällen in Deutschland?", hören wir immer wieder, seit ein Vorfall nach dem anderen in katholischen Internaten aufgedeckt wurde.

Unabhängig davon gibt es eine tief sitzende "Anti-Papst-Haltung", in der viele meiner evangelischen Mitchristen ihr evangelisches Profil sehen. Ökumene hat für sie das Ziel, den Papst evangelisch zu machen. Umgekehrt erwecken manche Äußerungen aus Rom den Eindruck, als läge das Ziel aller Ökumene darin, dass die abgespaltenen Kirchen der Reformation zur römischen Kirche zurückkehren.

Trifft das Wort von der "Eiszeit" wirklich die Realität?

Aufgrund solcher Erfahrungen denken viele, all die ökumenischen Aktivitäten der letzten Jahrzehnte seien umsonst gewesen. Von einer "Eiszeit" der Ökumene ist oft die Rede. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass es erst rund 200 Jahre her ist, seit katholische und evangelische Christen in derselben Stadt als gleichberechtigte Bürger zusammenleben können. Und erst seit 50 Jahren interessieren wir uns stärker für das Verbindende als für das, was uns trennt.

Wenn Jesus Christus will, dass die Kirche eine geeinte sei - so haben wir endlich gelernt -, dann sollten wir nicht darüber nachdenken, wie wir uns gegeneinander abgrenzen, sondern wie wir als eine Kirche zusammenfinden können. Wir haben ja Entscheidendes gemeinsam: die Bibel, die Taufe, das Vaterunser und ein gemeinsames Glaubensbekenntnis. Weil wir diese gemeinsamen Grundlagen haben, müssen wir uns klarmachen: Christen anderer Konfessionen sind Christen wie wir. Sie interpretieren das, was auch uns lieb und teuer ist, lediglich in ihrer Frömmigkeitstradition.

Deshalb müssen wir ein gemeinsames Ziel für unser ökumenisches Handeln finden. Das Konzept der Kirchengemeinschaft in versöhnter Verschiedenheit scheint mir dafür sehr geeignet zu sein. Hier geht es darum, dass wir uns - bei allen Unterschieden in Amts- und Strukturfragen - gegenseitig als Zeuginnen und Zeugen des gekreuzigten und auferstandenen Herrn anerkennen und uns aufeinander zu entwickeln.

Einen Schub in diese Richtung soll der Zweite Ökumenische Kirchentag bringen. Ich wünsche mir, dass viele engagierte Christinnen und Christen die Chance nutzen, zu erfahren, wie Christen anderer Konfessionen leben und denken. So kann das Verständnis füreinander wachsen und Fremdheit überwunden werden. Und wer weiß? - vielleicht kommen wir ja der Vision von einer einigen Kirche dadurch einen großen Schritt näher.

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