Beschneidung: eine religiöse Pflicht
Wer wusste bei uns bis vor kurzem etwas über das Thema BeschneidungSie gilt im Judentum als Zeichen des Bundes zwischen Gott und Israel. Laut dem ersten Buch Mose 21, 4 beschnitt erstmals Urvater Abraham (um 1500 vor Christus) seinen Sohn Isaak am achten Tag nach der Geburt. Bibelforscher erzählen die Geschichte der Beschneidung etwas anders. Ein Bundeszeichen sei sie geworden, als Israel im babylonischen Exil war (ab 586 vor Christus). Bis dahin sei es bei allen Völkern des Nahen Ostens üblich gewesen, Jungen erst vor der Pubertät zu beschneiden, so auch in Israel. Im Befreiungskampf der Makkabäer (167 bis 164 v. Chr. ) wurde die Beschneidung zum nationalen Symbol und zum Unterscheidungsmerkmal von Juden gegenüber Heiden. Der jüdische Philosoph Philo von Alexandrien, ein Zeitgenosse Jesu, begründete die Beschneidung rationalistisch – als Körperhygiene. Jesu Jünger waren sich uneins, ob sich auch Christen beschneiden lassen müssten. Der Apostel Paulus behauptete sich mit der Meinung, dass für Christen die Taufe ausreiche.? Vielleicht hatte man mal von guten Bekannten gehört, dass der Urologe ihm geraten habe, sich beschneiden zu lassen. Aber dass dies für Juden und Muslime ein ganz wichtiges Thema ist – wer wusste das? Und wer meinte, dass dies eine Körperverletzung sein könnte? Ich bin sicher: Es waren nicht viele.
Jetzt aber ist die Empörung groß: Wie können Eltern ihr Kind dieser schmerzhaften Prozedur unterziehen lassen? So fragen nicht wenige. Nach Meinungsumfragen sind zwischen 50 und 75 Prozent der Bevölkerung bei uns dafür, dass (auch) religiös motivierte Beschneidungen verboten werden sollten. Damit wäre Deutschland, ausgerechnet Deutschland, nach meinen Recherchen das einzige Land in der Welt, in dem Juden ihrer religiösen Pflicht nicht nachkommen dürften. Und das bei einer Prozedur, die in den USA, zum Beispiel 2005, bei 56 Prozent der männlichen Neugeborenen vor der Entlassung aus der Klinik aus medizinischen Gründen durchgeführt wurde und die die Weltgesundheitsorganisation als Prävention gegen eine Aidsausbreitung empfiehlt.
Die erste Pflicht des Vaters gegenüber seinem Sohn
Ich nahm neulich an einer Veranstaltung teil, die ein besseres Verständnis des Judentums zum Ziel hatte. Es waren Menschen zugegen, die sich dem Jüdischen gegenüber aufgeschlossen zeigten. Ausgerechnet dort begegneten mir viele Gesprächspartner, die kein Verständnis dafür hatten, dass ich in deutlicher Form das Urteil des Kölner Landgerichts kritisierte, das von einer Strafwürdigkeit der Beschneidung ausgeht.
Dabei stellte ich allerdings fest, dass kaum jemand bei uns eine Ahnung hat, welche Bedeutung die Beschneidung, möglichst bis zum achten Tag nach der Geburt, in der jüdischen ReligionUnter Religion versteht man die vielfältigen Beziehungen des Menschen zu Gott, dem Göttlichen oder, ganz allgemein gesprochen, dem Transzendenten. Sie zeigen sich in Gebeten und Festen, in Ritualen, Liedern und Bräuchen. Der Ursprung des Wortes Religion liegt im lateinischen Wort religere (deutsch: zurückbinden). In diesem Sinne bedeutet Religion die Rückbindung des Menschen an Gott. Heute hat sich im Christentum die Auffassung durchgesetzt, dass sie nicht als einzige Glaubensgemeinschaft eine authentische Rückbindung an Gott hat. Auch bei den maßgeblichen Führern anderer Weltreligionen gilt Toleranz zwischen den Religionen zunehmend als erstrebenswert, da jeder Glaube an Gott auch kulturell geprägt ist. hat. Es ist die erste Pflicht, die ein Vater gegenüber seinem Sohn hat, danach folgen die Pflichten, ihn die Thora zu lehren, ihm eine Frau zu geben und ihn ein Handwerk lernen zu lassen.
Diesen Pflichten kommen Juden seit Jahrtausenden nach, und nicht wenige haben ihretwegen den Tod auf sich genommen. Selbst in Zeiten, in denen ein Jude anhand der Beschneidung als Jude identifiziert und mit dem Tode bestraft werden konnte – dazu zählt auch die Zeit des Holocaust –, verzichteten die jüdischen Väter nicht darauf, ihre Söhne beschneiden zu lassen. Solch hohe Bedeutung hat die Beschneidung, mit der der Neugeborene in den Bund Gottes mit dem Volk Israel, jenes unauflösliche Treueverhältnis, aufgenommen wird (vgl. 1. Mose 17,10). Sollten ausgerechnet wir Deutsche es Juden schwierig oder gar unmöglich machen, in unserem Land zu leben und ihre Religion auszuüben?
Zur seelischen Unversehrheit des Kindes gehört auch die Traditionstreue des Vaters
Die Urteilsbegründung des Kölner Landgerichts leuchtet mir nicht ein. Sie geht nur von der körperlichen Unversehrtheit aus, die nicht angetastet werden dürfe. Aber was ist mit der seelischen Unversehrtheit? Wiegt sie weniger? Ich meine damit die gesetzlich erzwungene Versagung eines Lebensrituals. Ich meine damit, dass einem jüdischen Sohn eine für seine religiöse Identität wichtige Tradition vorenthalten wird. Was bedeutet es für seine seelische Unversehrtheit, wenn er feststellen muss, dass sein Vater einer zentralen religiösen Pflicht nicht nachgekommen ist und ihn dadurch seiner religiösen Heimat beraubt?
Gut, dass der Deutsche Bundestag, allen demoskopischen Ergebnissen zum Trotz, beschlossen hat, die Beschneidung aus religiösen Gründen in Deutschland zu legalisieren. Alles andere wäre ein Skandal gewesen.


Leserkommentare
Eine Erwiderung von Prof. Dr. Rolf Dietrich Herzberg
Wie auch immer, es bedarf in
Eine ausführliche Textanalyse
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