Wie man mit den Ängsten der Menschen umgehen muss

Das Gespenst unter dem Bett
Ängste ernst nehmen? Vor allem Menschen ernst nehmen! Wer Angst hat, muss deshalb nicht unbedingt recht haben

 Christina Lux
Unbekannte hatten nachts in der Luther­kirche in Altena, einer Stadt im Märkischen Kreis, Feuer gelegt. Der frisch renovierte Kirchenraum war ausgebrannt, die Orgel schwer beschädigt. Ein großer Schock für die ganze Gemeinde. Als ich sie besuchte, war ich tief beeindruckt, mit welcher Weite der Herzen und Gedanken die Pfarrerin, das Presbyterium und die Mitarbeitenden nach dem ersten Entsetzen der Situation begegneten.

Keine Spekulationen über mutmaßliche Täter, kein Wort des Verdachts gegen die Fremden in dieser kleinen Stadt, keine feindselige oder resignierte Reaktion, keine Angst, die die Gemeinde blockierte. Stattdessen eine nüchterne Analyse der Lage. Die Verantwortlichen von Stadt, Kirche und Vereinen fragten, was zu tun sei. Bürgerinnen und Bürger weit über die kirchlichen Kreise hinaus zeigten sich solidarisch – und alle miteinander fanden zu einem Gemeinschaftsgeist, mit dem niemand gerechnet hätte.

Langfristig lernen, mit Ängsten zu leben

Angst – so steht es im Wörterbuch – kommt von Enge. Und schaut man auf manche Schlagzeile, in Diskussions­foren und Talkshows, so gewinnt man den Eindruck, dass Angst sich allerorten breitmacht und Enge erzeugt. Ihr müsst die Ängste der Menschen ernst nehmen!, lautet der eindringliche Rat an Politikerinnen und Politiker – und auch an Kirchenleute. Daran ist erstens richtig, dass Vertrauen nicht größer wird, wo Menschen den Eindruck haben, ihre Meinung gelte als unwichtig und ihnen höre niemand zu.

Zweitens gibt es sie wirklich: die Dörfer und Städte, die sich sozial, demografisch und kulturell verändern. Es gibt einen beängs­tigenden militärischen Konflikt ­in der ­Ukraine. Es gibt große Verunsicherung um die Zukunft Europas. Ganz zu schweigen von den persönlichen Sorgen um Gesundheit, Armut oder Sicherheit.

Angst hat ihre eigene Dynamik. Sie macht Blicke und Worte, Herzen und Hirne eng. Ein Kind etwa, unter dessen Bett „ein Gespenst sitzt“, lässt sich kaum mit der Auskunft trösten, es gebe gar keine Gespenster. Mag sein, es lässt sich mit aller­lei Tricks, die den Gespensterglauben vermeintlich ernst nehmen, für kurze Zeit beruhigen. Langfristig aber muss das Kind lernen, mit seinen Ängsten und Unsicherheiten zu leben. Genau dabei werden ihm aufmerksame Erwachsene helfen.

Differenziert formulieren statt zu vereinfachen

Doch was ist mit deren Ängsten? Ein gesellschaftlicher Diskurs ist kein Kinderzimmer. Ich meine: Wer in Familie, Beruf und Verein seinen Mann oder seine Frau steht, wer am gesellschaftlichen und politischen Leben teilnimmt, hat das Recht, als Erwachsener und Erwachsene behandelt zu werden. Wenn man Menschen dagegen in immer kürzeren Abständen politische Scheinlösungen anbietet und sich Medien und Parteien als Gespensterjäger betätigen, nimmt man sie gerade nicht ernst. Andererseits dürfen irrationale Ängs­te nicht als handfeste Realitäten oder ernsthafte Argumente durchgehen. Wer Angst hat, hat deshalb noch nicht recht. Und schon gar nicht hat er das Recht zu pöbeln, zu schmähen oder gar gewalttätig zu werden.

Ängste ernst nehmen? Menschen ernst nehmen. Das bedeutet: Nicht erlauben, dass Ängste und Sorgen die gesellschaftliche Stimmungslage beherrschen. Es bedeutet: präzise und differenziert formulieren statt zu vereinfachen. Es bedeutet auch: zwischen den Ursachen und den Inhalten von Angst unterscheiden. Und es heißt schließlich: Ängste so ansprechen, dass nicht die Enge mehr Menschen ergreift, sondern Weite sich auftun kann.

Die Lutherkirche in Altena wird übrigens in diesem Frühjahr neu eröffnet werden. Und ich bin sicher: Das wird ein richtig schönes Fest.

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