Die europäischen Kirchen müssen zusammenstehen

Es ist Zeit, Zeichen zu setzen
Die Kirchen in Europa haben gerade jetzt eine große Chance, ihren Einfluss geltend zu machen
Margot Käßmann, chrismon-Herausgeberin

Dr. Margot Käßmann ist Herausgeberin des Magazins chrismon und Botschafterin der evangelischen Kirche für das Reformationsjubiläum 2017

Foto: Bettina Flitner

Das Projekt Europa wankt, heißt es. Manche meinen gar, es sei gescheitert. Die Briten haben gegen die EU-Mitgliedschaft gestimmt, die osteuropäischen Staaten verweigern Solidarität in der Flüchtlingsfrage, und die Mittelmeeranrainerstaaten fühlen sich mit dem Drama, das sich dort täglich abspielt, alleingelassen. Wo ist sie hin, die Euphorie, mit der nach dem Krieg das „Friedensprojekt“ Europa auf den Weg gebracht wurde?

Seit 1959 gibt es die Konferenz Euro­päischer Kirchen, in der außer der römisch-katholischen Kirche fast alle Kirchen aus Ost- und Westeuropa Mitglied sind. Leider haben all die vielen Versammlungen, die sie organisiert hat, offenbar nicht so viel Vertrauen aufbauen können, dass die ­Kirchen gemeinsam mit entschiedener Stimme reden oder gemeinsam handeln – nicht angesichts des Elends von Menschen auf der Flucht, nicht angesichts des Ukraine­konfliktes.

Das betrifft auch die römisch-katholische Kirche. Als Papst Franziskus dazu aufrief, jede katholische Gemeinde solle eine geflüchtete Familie aufnehmen, traf das beispielsweise im sehr katholisch geprägten Polen nicht gerade auf begeisterte Resonanz. Und die russisch-orthodoxe ­Kirche wirft den westlichen Kirchen stets und ständig Abfall vom Glauben vor, ge­rade wenn es um Frauenrechte geht. Wenn wir ehrlich sind, ist die Solidarität der ­Kirchen offenbar auch nicht größer als die der Staaten.

Grenzübergreifend zeigen, dass wir offen sind

Und doch: Bei meinen Reisen durch ­Europa zur Vorbereitung des Reformations­jubiläums war ein Geist der Verbunden­heit zu spüren. Mit Paulus ist das Evangelium nach Europa gekommen (Apostelgeschichte, Kapitel 16) und hat diesen Kontinent geprägt. Selbstverständlich verstehen sich die englischen Kirchen als unser Partner. Natürlich ist sich die polnische Kirche bewusst, dass es im Evangelium heißt, wer Fremde in Not aufnimmt, beherbergt ­Jesus Christus selbst (Matthäusevangelium, ­Kapitel 25). Selbstverständlich fühlt sich die schwedische lutherische Kirche der deutschen verbunden. Auf jeden Fall sind die tschechischen evangelischen Kirchen bei der Weltausstellung Reformation in Wittenberg dabei, ebenso die Schweizer Kirchen und auch die französischen. Und der Stationenweg, der ab November durch 68 Städte in ganz Europa führt, wird diese Verbindung unterstreichen.

Ich finde, die Kirchen in Europa haben derzeit eine große Chance! Sie verbindet der gemeinsame Glaube über nationale Grenzen hinweg. Die Bibel gibt ihnen eine Haltung, die kulturelle Unterschiede überbrückt. Sie kennen Texte, Gebete, Gesten und Symbole, die Sprachbarrieren überwinden. Auch viele Geflüchtete, die zu uns kommen, teilen diesen Glauben, diese Haltung und diese Texte. In etlichen Kirchengemeinden ist das inzwischen zu sehen, zu erleben. Es müsste doch möglich sein, zumindest durch Symbole, Gottesdienste und Gesten für Frieden und Versöhnung in der Ukraine Zeichen zu setzen! Wir sollten in der Lage sein, grenzübergreifend zu ­zeigen, dass wir offen sind für Menschen in Not, die wie einst Paulus übers Mittelmeer kommen. Ich bleibe bei der Hoffnung, dass das möglich ist.

Wir dürfen die Rede vom christlichen Abendland mit seinen Werten nicht rechts­populistischen Gruppen überlassen, sondern müssen sie in Europa stark machen. Denn es geht um Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Solidarität statt um Geld, ­Gier, Geiz, um Gemeinschaft statt um Abschottung.

Information

Informationen zum Stationenweg: r2017.org/europaeischer-stationenweg

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Lesermeinungen

Es ist doch gut, wenn man merkt, welches Echo die eigenen Bemühungen um Frieden ernten . Es ist beinahe so, als würden die bösen Zungen geradezu schon darauf warten, um das eigene mehr oder minder stabile Kartenhaus zum Zusammenstürzen zu bringen.
Hier ein Gedanke Mahatma Ghandis
" Gewaltlosigkeit kann nicht gepredigt werden, man muss sie praktizieren. Die Praxis der Gewalt wird dem Menschen durch äußere Symbole beigebracht. man lernt auf Bretter schiessen, dann auf Zielscheiben, dann auf Tiere. Danach gilt man als Sachverständiger in der Kunst der Zerstörung. Der gewaltlose Mensch hat keine greifbare Waffe, und daher scheint sein Wort wie sein Tun wirkungslos zu sein...
Aber die Wirkung unseres Handelns ist oft um so stärker , je weniger es am Tag liegt. "

Zuvor schreib er in Young India 1920, in der von ihm gegründeten Zeitschrift :
" Ich bin davon überzeugt, dass das Europa von heute nicht den Geist Gottes oder des Christentums verwirklicht, sondern den Geist Satans. Und der Satan hat den größten Erfolg , wo er mit dem Namen Gottes auf den Lippen auftritt. Europa ist heute nur noch dem Namen nach christlich. In Wirklichkeit betet es den Mammon an. `Leichter kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in das Reich Gottes.` Das sind Worte Christi. Seine sogenannten Anhänger messen ihren moralischen Fortschritt an ihrem materiellen Besitz. "
Wohlgemerkt, es geht ihm hier um das Europa um 1920.

zusammen.

"Wer Fremde in Not aufnimmt, beherbergt ­Jesus Christus" - das ist richtig. Aber was ist mit dem, der die Fremden erst in Not bringt, indem er gegen die Fremden einen völkerrechtswidrigen Krieg führt, indem er die finanziellen Mittel für das UNHCR vor Ort in Syrien streicht und Menschen zur Flucht in den Merkel-Erdogan-Pakt treibt?

Ne, liebe Frau Käßmann, Sie missbrauchen (bewusst?) Jesus Christus, wenn Sie den barmherzigen Samariter mimen wollen und sich und unsere Regierung nicht fragen, ob sie nicht der Räuber sind. Wer ist denn hier der Fremdenfeind, wer ist hier der vereinfachende Populist, wenn er den Syrien-Krieg führt und ihn nicht ehrlich sehen will?

Sehr geehrte Frau Dr. Käßmann,

dass gerade auch rechte Gruppen den Begriff des christlichen Abendlands für sich beanspruchen, zeigt doch dass er wenig - weil zu vage - für die westlichen Kirchen geeignet ist, christliche Werte wie "Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Solidarität" für sich zu reklamieren und darin in einem auseinander fallenden Europa zu verbünden. Das konkurriert zudem mit der irreführenden Idee einer Leitkultur. Diesen Begriff haben sie dankenswerter Weise nicht aktiviert.

Abendland - Morgenland: Das Christliche kam wohl erst in der Romantik dazu. Was ist mit den orthodoxen Kirchen? Gehört Amerika dazu? In "Zu Gast in Amerika" beschreiben Sie eine teilweise schillernde Kirchenlandschaft. Ich war 1968 für ein Jahr in den USA, habe noch Billy Graham sen. und andere Gestalten in den TV-Kirchen erlebt. Da hat sich wenig geändert. Martin Luther King wurde erschossen, später Bob Kennedy. Die Stellung der NRA ist unverwüstlich. Abendland? Westliche Werte? Und doch ist das Land "great".

Das politische Europa scheint kälter zu werden. Ohne neue sog. Freihandelsabkommen mit Kanada und den USA zu schließen, sollten wir lieber auf restriktive Handelsabkommen mit afrikanischen Staaten verzichten, die Entwicklung deren Wirtschaften fördern und nicht nur Bodenschätze abgreifen. Während bei der Ukraine und Syrien barmherzige Besorgnisse im Vordergrund stehen, scheint die europäische Außenpolitik besonders in Afrika noch spätkolonialen Mustern von Frankreich, GB und Belgien zu folgen. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Repräsentanten wie Junckers, Schulz u. a. nicht die Richtigen sind, dass Rat, Kommission und Parlament Teil des Problems sind und nicht die Lösung. Die Verhärtung vor den Verhandlungen mit GB, wie sie die Schweiz schon länger gewohnt ist, etwa durch Hollande, sind ein Symptom.

Wie kann man die europäische Idee wieder beleben? Ich habe mal statt der juristischen Texte und Verträge des Entwurfs von Giscard und von Lissabon versucht, eine Grundformel zu finden:

  "Wir wollen ein demokratisch verfasstes Europa, das es seinen Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht, innerhalb der Mitgliedsländer über die Grenzen hinweg in Frieden zu reisen, zu wohnen, zu leben, zu lieben, zu lernen sowie zu arbeiten und zu wirtschaften, zu glauben oder nicht zu glauben."

mit freundlichen Grüßen

Gerhard Schroeder, Flensburg