Der Einfluss von Martin Luther in Hongkong

Immer nur Leistung zeigen
Wie kommt Martin Luther in Hongkong an? Für Chinesen hat der Reformator ganz faszinierende Seiten
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Foto: Bettina Flitner

Hongkong ist eine wuselnde Millionenstadt mit vielen Hochhäusern, weltoffen und konsumorientiert. Aber viele Menschen stellen sich, seitdem Festlandchina immer stärker Einfluss auf die „Sonderverwaltungszone“ nimmt, auch bange Fragen nach ihrer Zukunft. So wird etwa die Meinungsfreiheit eingeschränkt, Buchhändler, die pekingkritische Bücher vertreiben, werden entführt. Regimekritiker haben Angst, die Selbstzensur nimmt zu. Es heißt, viele Menschen denken darüber nach, auszuwandern.

Da erscheint das Lutherische Theo­logische Seminar am Rande der Stadt geradezu als eine Oase der Freiheit. Ich war eingeladen, dort einen Vortrag zum Reformationsjubiläum zu halten, und habe versucht, nicht nur die Planungen fürs Jubiläumsjahr 2017 darzustellen, sondern auch Linien zu ziehen von den theologischen Überlegungen der Reformatoren im 16. Jahrhundert zu den Fragen, die uns heute umtreiben. Interessanterweise kreiste die anschließende lebhafte Debatte um zwei theologische Aussagen Martin Luthers.

„Busy sein“ wird zum Lebens­inhalt

Eine Professorin erzählte, sie habe sich in ihrer chinesischen Familie stets wie eine Getriebene gefühlt: noch mehr leisten, noch besser sein in der Schule, ein Instrument spielen können und so weiter. Der Familie keine Schande machen und durch Leistung zeigen, wer du bist, darum sei es gegangen. „Busy sein“ wird zum Lebens­inhalt. Und bei den horrenden Mieten seien ein guter Job oder besser gleich mehrere Jobs notwendig, um gut leben zu können. Sie sei immer mehr verzweifelt und fast krank geworden dadurch.

Durch einen Zufall kam sie mit dem christlichen Glauben in Kontakt. Sie sagte: „Als ich verstanden habe, was Luther meint mit der Rechtfertigung allein aus Glauben, da war das wie eine Befreiung, eine Konversion im wahrsten Sinne.“ Dass wir Menschen von Gott nicht nach unseren Leistungen oder Fehlleistungen taxiert werden, das war ihre Lebensentdeckung. Sie wurde Christin, studierte Theo­logie und unterrichtet heute am College.

Ähnlich verlief die Diskussion zu einem zweiten Thema. Auf meine Ausführungen, dass wir in Deutschland auch die Schattenseiten des Reformators Martin Luther thematisieren, etwa seinen Antijudaismus, erklärte ein Student, das sei in seiner Kultur nicht denkbar. Entweder ein Mensch sei großartig, makellos, zu verehren. Oder er sei schlecht, niederträchtig, inakzeptabel. Es gebe nichts dazwischen. Sein Beispiel war Mao Tse-tung, den man entweder gottgleich verehrte oder absolut verteufelte.

Deine Fehler im Leben heben nicht auf, wer du als Person und als Geschöpf Gottes bist

Luthers Einsicht, dass der Mensch ­immer „simul iustus et peccator“ ist, hat Erstaunen ausgelöst. Gerechter und Sünder zugleich, das ist jeder Mensch. Niemand tut immer nur das Richtige, so sehr ein Mensch es auch versuchen mag. Aber niemand ist nur die Summe seiner Fehler, sondern immer auch Ebenbild Gottes. Das ist ein wunderbar reales und gleichzeitig differenziertes Menschenbild.

Mich hat das fasziniert: Zwei alte theologische Formeln, die für viele bei uns schon erstarrt scheinen, wirken in einem völlig anderen Kontext neu und befreiend. Dein Leben ist wertvoll, auch wenn du nicht alles schaffst, was dir deine Kultur an Perfektionismus vorschreibt. Und deine Fehler im Leben heben nicht auf, wer du als Person und als Geschöpf Gottes bist.

Wenn das Martin Luther geahnt hätte in seinem kleinen mitteldeutschen Wittenberg! Er wusste ja nicht einmal, dass es dieses China und die große chinesische Kultur gab. Während der Weltausstellung Reformation 2017 in Wittenberg wird ein Tag den Kirchen in China, ihrer Situation und ihrer Theologie gewidmet. Ich bin sehr gespannt darauf.

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Lesermeinungen

Margot Käßmann weist wieder einmal darauf hin, dass nach christlichem Verständnis jeder Mensch nicht nur die Summer seiner Fehler ist, „sondern immer auch Ebenbild Gottes“. Da muss die (provozierende?) Frage erlaubt sein, ob das auch für Menschen gilt, die nicht nur Sünder, sondern schlimme Verbrecher sind. Der Mensch Adolf Hitler als Ebenbild Gottes ist schwer vorstellbar, für die Angehörigen und Nachfahren der Opfer des Holocaust wohl unerträglich.

Wie geht die evangelische Kirche mit diesem Widerspruch um?

Uwe Tünnermann

Frankfurt

Eine einfache Frage, eine einfache Antwort : Natürlich ist er in diesem Sinne auch als ebenbildlich zu verstehen. Was mich allerdings wundert ist, warum für Sie "ein schlimmer Verbrecher " nicht auch in die Kategorie "Sünder" passt. " Sünder" umfasst alles, jede Art von Sünde, das ist ja das, was die Menschen auszeichnet, ihre Fehlbarkeit. "Nobody is perfect", obwohl es schon viele Leute gibt, die `perfekter `sind als andere, u.s.w., Heilige z B. , Menschen, die sehr um das Seelenheil bemüht sind.
"Der Mensch Adolf Hitler als Ebenbild Gottes ist schwer vorstellbar, für die Angehörigen und Nachfahren der Opfer des Holocaust wohl unerträglich. " Ich glaube, dass Sie alle die Menschen unterschätzen. Keine Kirche kann Leid ungeschehen machen. Der Glaube bietet Trost und Antwort, vor allem dem, der aufrichtig sucht.
Ob nun der Mensch Adolf Hitler als Person so wichtig ist ? Alice Miller, Psychologin und Kindheitsforscherin, schrieb Bücher über das `missbrauchte Kind`, darin findet sich auch etwas über A. Hitler.
"Der Mensch, wenn er werden soll, was er werden muss, muss als Kind sein, und als Kind tun, was ihn glücklich macht. " Sprach J.H. Pestalozzi und der muss es wissen.

Antwort kann man ahnen. Sie geht damit um wie immer, wenn jemand konkret wird. Dann darf man nichts wörtlich nehmen, obwohl es vorher wörtlich gemeint war. Dann kann es so viele Antworten geben, wie es "Klärungsbedürftige" gibt. Damit wird der persönlichen Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet. Hitler war der Teufel. Wer die Ebenbildthese wörtlich nimmt, der macht auch den Teufel zu seinem Gott. Statt endlich mal zuzugeben, dass jeder göttliche Ebenbildanspruch eine Anmaßung ist, dass mit diesem Anspuch auch allen Verfehlungen der Kirchen das rechtliche "Augenmaß" verliehen wird, fängt man dann, zum Zwecke der Erklärung, mit den unseligen Vergleichen und den Gleichnissen für die Vergleiche an. Alles schon tausenmal gehört.

Wenden Sie sich an einen Pfarrer oder Pastor vor Ort, suchen Sie dort ein persönliches Gespräch, um dies für sich hinreichend zu klären. Die Anonymität einer Zeitschrift reicht dafür nicht aus. Es kann hier, nach meinem Verständnis, kaum über allgemeine Glaubensinhalte hinaus gehen.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass nur persönliche Kommunikation auf Augenhöhe hilfreich ist.
Ich wünsche Ihnen dabei viel Erfolg.

Hätte der Mao Zedong doch nur rechtzeitig Luther gelesen! Dann hätten sich die Chinesen diese hässliche Kulturrevolution und die noch hässlichere Überhauptrevolution sparen können. Dann gäbe es jetzt in einem ordentlichen China unter Chiang Kai-sheks Nachfolgern oder noch besser in einem sauberen chinesischen Kaiserreich funktionierende Lutherische Theologische Seminare und nichtgegängelte Goetheinstitute. Und die Chinesen würden sich endlich ihre Köpfe über die Rechtfertigung aus dem Glauben zerbrechen und nicht mehr auf so Zeugs wie jedem jeden Tag eine Schale Reis reinfallen.
Wobei sie von diesem Dampfer schon länger wieder runter sind. Es gibt wieder Hunger nicht knapp und beeindruckenden Reichtum, sogar noch vor dem Einzug der vollen demokratischen Freiheiten. Eben simul iustus et peccator.
Täglich eine Schale Reis ist auch gottlos menschenverachtend gleichmacherisch. Jeden Sonntag ein Huhn im Topf ehrt zumindest den Tag des Herren und ist zeitlich viel näher an Luther dran.
Mit evangelischem Gruß!
Adam Mair

Diese. Fascination kennt man doch sonst nur aus der Mode. Wenn die Auslegungsvarianten entscheidend werden, ist es vorbei mit den seeligen Anspruechen. Wird. man dann in Hongkong was anderes glauben als in Hannover?

„Busy sein“ wird zum Lebensinhalt“. Dazu gibt es dort noch als verdienten Erfolg die Ergänzung durch „GLÜCK“. Dem kann auch durch Symbole (die Zahlen 3,6,8,9 und die Farbe Rot) nachgeholfen werden. Achtung nur vor sich selbst und der Sippe, alle anderen sind ein Nichts. Heidnisch. -----Zitat: „Gerechter und Sünder zugleich, das ist jeder Mensch. Niemand tut immer nur das Richtige, so sehr ein Mensch es auch versuchen mag“. Das ist das Ergebnis der menschlichen Fehler, denen wir uns nicht entziehen können. Das ist das duale Prinzip von Plus und Minus, von Leben und Tod. -----Zitat: „Aber niemand ist nur die Summe seiner Fehler“. Das ist nicht zu bezweifeln. Entscheidend ist die Bilanz der Eigenschaften. Aber mit einem Diebstahl einen Mord zu vergleichen, wie es doch immer wieder von den über alle Maßen Verständnisbereiten gefordert wird, ist abwegig. Dazu zählt dann auch der 5. Anlauf zur Resozialisation eines Unverbesserlichen. Irgendwann konterkariert sich so auch die Forderung nach der uneingeschränkten Nächstenliebe, wie sie die Friedensaktivisten propagieren. -------Zitat: „Dass wir Menschen von Gott nicht nach unseren Leistungen oder Fehlleistungen taxiert werden, das war ihre Lebensentdeckung“. Das hätte sie allein durch die Feststellung, dass wir alle Opfer und Nutznießer der Natur sind, wesentlich früher haben können. Allerdings schließt daran auch die (ketzerische?) Logik: Wenn Gott uns so geschaffen hat wie wir sind, dann wäre er ja auch für die Folgen verantwortlich. Vermutlich stimmt da irgendwas nicht mit der von den Menschen interpretierten göttlichen Allmachtsfrage. -------Zitat: „Entweder ein Mensch sei großartig, makellos, zu verehren. Oder er sei schlecht, niederträchtig, inakzeptabel. Es gebe nichts dazwischen“. Dieses Zitat ist ein unzweideutiger Beweis für die Menschlichkeit und Existenzberechtigung des Christentums. Denn diese kulturelle Indoktrination ist unmenschlich und für jeden Suizid verantwortlich. -------Zitat: “Luthers Einsicht, dass der Mensch immer ein Gerechter und Sünder zugleich ist, hat Erstaunen ausgelöst“. Warum eigentlich? Wenn man die unabdingbaren menschlichen Eigenschaften bewertet, ist das doch logisch. Wie doch eine gesellschaftliche und staatliche Indoktrination in der Lage ist, den einfachsten Verstand und die Logik außer Kraft zu setzen. 1993 lässt grüßen. ------Zitat: „…sondern immer auch Ebenbild Gottes ist“. Diese Anmaßung, Gott ebenbürtig zu sein, ist der Anfang aller Kardinalfehler der Kirchen und des Religionsverständnisses. Wer sind wir denn, dass wir jemand heilig sprechen können? Mit all diesen irdischen Ansprüchen (u. a. Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation, die Queen von göttlichen Gnaden, Unfehlbarkeitsdogmen, Paradiesversprechungen) wurde jede Inquisition und wurden alle Schrecken der Religionskriege begründet. Mit dem Anspruch erheben wir uns in eine Form, die uns nicht gestattet ist. Dieser Anspruch ist pharisäerhaft. Er ist das Gegenteil von dem, was man glaubt, selbst über alle Menschlichkeit hinweg, rechtlich/göttlich beanspruchen zu dürfen. All das ist zutiefst barbarisch, gnadenlos und bar aller Menschlichkei

In Honkong  war Frau Dr. Margot Käßmann davon fasziniert , wie dort " alte theologische Formeln neu und befreiend wirken, die bei uns schon erstarrt erscheinen."

Simul iustus et peccator....der Mensch ist Gerechter und Sünder zugleich. Diesen wunderbaren Widerspruch hat Martin Luther in der Bibel entdeckt und selbst befreiend erfahren.

Prima, wie damit die Pointe der Reformation zur Sprache kommt. Gesetz und Evangelium. Das ist Gottes Anspruch und Gottes Zuspruch.
Gottes Anspruch im Gesetz können  wir nur ertragen, wenn wir Gottes Zuspruch im Evangelium erfahren.

 Gottes Zuspruch in Jesus Christus können wir nur ermessen und erfahren, wenn wir Gottes Anspruch über uns gelten lassen.

In diesem Kraftfeld zwischen Gottes Anspruch und Gottes Zuspruch, zwischen Gesetz und Evangelium  sind wir iustus et peccator , leben wir aus Gnade allein.

Damit stiftet Christus ein neues Gesamtleben unter uns. Wo wir einander begegnen als simul iustus et peccator , dämmert das Reich Gottes unter uns herauf.

Martin Luther hat das zu einem Lied verdichtet : " Nun freut euch, liebe Christen g´mein...". In 8 Strophen erzählt er die Story seiner Befreiung zwischen Gesetz und Evangelium. Man kann das Lied im Gottesdienst in 8 Szenen nachspielen.

Haben wir in unserer  Kirche  einen oder eine, die das Lied EG 341 ins Chinesische  singbar übersetzen kann? Die Botschafterin der evangelischen Kirche für das Reformationsjubiläum 2017  könnte das Lied zu den Geschwistern nach Honkong schicken und wir könnten es via Skype gemeinsam singen und spielen. Dabei könnte uns allen an den "alten theologischen Formeln"  ein Licht aufgehen.

Christian G. Schnabel

Lüneburg

Gesang allein öffnet doch die Herzen :-) Praktikabler wäre sicher die deutsche Version auf chinesischer Seite

Die evangelische Theologin aus Hongkong ist ein schönes Beispiel dafür, was Religion, bzw. der Glaube ist / sein kann, nämlich ein Halt im Leben, " der Fels in der Brandung, der Leuchtturm im tosenden Meer, etc. Viele Metaphern gibt es für dieses einfache und doch vielfältige Phänomen.
"Immer Leistung zeigen", "getrieben sein " gehen auf die persönliche, auch kulturelle Eigenart zurück. Nicht immer hat man das Glück, eine solche erhellende Wirkung des Glaubens zu erfahren. Um so wichtiger ist es dann auch, solche Erfahrungen weiter zu geben. Sicher erfahren die Studierenden ihre Professorin als eine inspirierende Mentorin und Lehrerin.
Die Interpretation des "simul iustus et peccator" dagegen, kann sehr leicht missdeutet werden, weshalb ich die Freude der Autorin über das erneute Aufflakkernn dieser Einsicht, nicht teilen kann. Letztlich brauche ich nicht Luthers erleuchtende Erkenntnis darüber, wer ich wirklich bin. Die Ungleichheit in der Welt führt diese theologische Behauptung ad absurdum, und wer, wie die Autorin, in aller Naivität sich darüber freut, dass "theologische Behauptungen" in einem "andern Kontext" sich doch bewahrheiten, übersieht, dass Glaube und Theologie sich zueinander ungefähr so verhalten, wie Theorie und Praxis, oder die Lehre und das Leben, oder Traum und Wahrheit.
Privilegien, die man geniesst, darf man nicht auf theologische Grundsätze zurückführen. Oder doch ?
Ich glaube, dass Frau Kässmann die Professorin aus Hongkong nicht wirklich verstanden hat.
Der "Kontext" ist ungefähr so wichtig, wie der legendäre Blick über den Tellerrand.

"Martin Luther wußte nicht einmal, dass es dieses China und die große chinesische Kultur gab"??
Hatte nicht u.a. Marco Polo bereits mehr als 200 Jahre zuvor ausführlich über seine Chinareisen berichtet? Unterschätzt man da den alten Luther nicht etwas?
Freundliche Grüße,
Jörg Müller