Mobbing: Alarmzeichen an deutschen Schulen

"Du Jude!" "Du Muselmann!"
Alles nur kindliches Mobbing? In Schulen wächst die Intoleranz

Eine Schule ohne Respekt kann nicht funktionieren. Die Leitung der Paul-Simmel-Grundschule in Berlin-Tempelhof versucht seit geraumer Zeit, Worte dafür zu finden, warum muslimische Schüler ­eine jüdische Mitschülerin aus der 2. Klasse beschimpft und gedemütigt haben. Angeblich sollen die Jungen dem Mädchen damit gedroht haben, es umzubringen, da es nicht an Allah glaube. Der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sieht diesen Vorfall als ein Beispiel für viele. Und aus der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland ist zu hören, Ähnliches passiere "praktisch jede Woche".

Eduard Kopp

Eduard Kopp ist Diplom-Theologe und in der chrismon-Redaktion leitender Redakteur Theologie. Er studierte Politik und Theologie, durchlief die Journalistenausbildung des ifp, München, und kam über die freie Mitarbeit beim Südwestrundfunk zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" nach Hamburg. Zuletzt war er dort Leiter des Ressorts "Theologie und Kirche". In der chrismon-Redaktion in Frankfurt am Main ist er insbesondere verantwortlich für die Rubriken "Standpunkt" (Essay), "Religion für Einsteiger", "Entscheidung", für die Herausgeber-Kolumne "Auf ein Wort" und die Leserbriefe. Besondere Interessengebiete: Fragen der Religionsfreiheit, Alltagsethik, Islam, Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, Krieg und Frieden.
Lena UphoffPortrait Eduard Kopp, leitender chrismon-Redakteur Theolgie, Redaktionsportraits Maerz 2017

Wenn dies tatsächlich so stimmt, ist es ein Alarmzeichen. Grundschulen können sich ihre Schüler nicht aussuchen. Viele Kinder dort haben, wie der Tempelhofer Schulleiter betont, vor der Einschulung keine Kita besucht (das haben – nebenbei bemerkt – Unionspolitikerinnen und -politiker mit ihrer "Herdprämie" ja so gewollt, zumindest in Kauf genommen). Die Folge: Viele Mädchen und Jungen treffen in der Grundschule zum allerersten Mal auf Kinder aus anderen Kulturen. Das überfordert sie.

Pädagogische Interventionen und konsequente Sanktionen

Was muss sich ändern? Lehrer, Schulleiter, Schulbe­hörden müssen noch konsequenter tun, was sie bereits engagiert versuchen: Zwischenfälle aufarbeiten, muslimische Eltern, die in der Erziehung ihrer Kinder oft "abwesend" sind, konsequenter einbeziehen. Das gilt ebenfalls für die muslimischen Gemeinden und die Verbände. Oft helfen pädagogische "Verträge" zwischen Schule, Kindern und Eltern, Respektlosigkeit und Gewalt zu begrenzen. Wenn pädagogische Interventionen nicht helfen, dann folgen als Nächstes konsequente Sanktionen. Mittel gegen Intoleranz gibt es ja: Klassenkonferenzen, auferlegte Sozialstunden, Unterrichtsausschluss, Einbeziehung der Schulbehörde, je nach Alter auch der Polizei und des Jugendgerichts.

Aber das Allerwichtigste ist: Statt emotionstriefender Politikerforderungen nach einer Antisemitismuskartei benötigen die Schulen mehr personelle und ideelle Unterstützung. Respektlosigkeiten und Ver­letzungen der Toleranz können Lehrerinnen und Lehrer nicht mal so neben dem oder im regulären Unterricht aufarbeiten. Es mangelt an Schulsozialarbeitern, an Lehrern, 
an Dometschern, aber nicht an Schlagzeilen.

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