Heimat. Ein neues Buch aus der Edition chrismon

„Wer sich zu Hause fühlt, schlägt Wurzeln“
Symbolfoto zum Thema Heimat

plainpicture/Ulrike Piringer

Der Duft der gemähten Wiesen, die Trollblumen oben am Berg: Heimat für Susanne Breit-Keßler

Susanne Breit-Keßler über Heimat, Identität, Vater- und Mutterland – und die Ewigkeit. Ein gekürzter Vorabdruck

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebräer 13,14). 

Dieser Satz aus dem Zentrum des Hebräerbriefs im Neuen Testament lässt keinen Platz für Illusionen. Es gibt kein stetes Zuhause, weil wir unterwegs sind in die Ewigkeit. Und trotzdem geht es nicht anders, als sich mit Herz und Verstand, mit allen ­Sinnen einzunisten in dieser Welt, bevor man ins seelische Nichts stürzt. Es ist ­wundervoll zu spüren, dass man da, wo man ist, auch wirklich hingehört.

Susanne Breit-Keßler

Susanne Breit-Keßler ist Autorin der Webkolumne "Mahlzeit". Viele Jahre schrieb sie die Kolumne "Im Vertrauen" für chrismon. Seit 2000 ist sie Regionalbischöfin des evangelischen Kirchenkreises München-Oberbayern und seit 2003 Ständige Vertreterin des bayerischen Landesbischofs. Ihre journalistische Ausbildung absolvierte sie bei der Süddeutschen Zeitung und beim Bayerischen Rundfunk. Mehrere Jahre sprach sie "Das Wort zum Sonntag" in der ARD. Sie war bereits Autorin des chrismon-Vorläufers "Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt". Susanne Breit-Keßler ist zudem Vorsitzende des Kuratoriums "7 Wochen Ohne". In der edition chrismon ist von ihr das Buch "Die Ewigkeit ist in mein Herz gelegt" erschienen.  
Monika Höfler

Heimat ist da, wo ich sein, mich 
entfalten darf und wunderbarerweise genau dadurch Raum auch für andere ist. Solche Heimat habe ich mit meinen Eltern im Oberbayerischen gefunden, wo man die Liberalitas Bavarica zu leben verstand. Eine vor­alpenländische Willkommenskultur, die thüringisch-oberfränkisch-schwäbischen Migranten offenstand. Mein Vater wurde geduzt und als Platzwart im Tennisclub sogleich am Stammtisch aufgenommen, meine Mutter galt richtigerweise als gärtnernde Superhausfrau und Löwenmutter. Ich selbst wurde zwar als einziges evangelisches Mädchen in der Klasse kräftig bestaunt, aber wegen meiner Kombination aus offensivem Fleiß und geheimer Frechheit schnell akzeptiert. Niemand von uns musste sich ändern, aber alle drei haben wir uns dort eingefügt, wo es uns sinnvoll und stimmig erschien.

Aufrichtigkeit, Anstand und Selbstkritik

Ich tanzte weiß gekleidet dezent durch die Fronleichnamsprozession, schnupperte in der römisch-katholischen Dorfkirche den Weihrauch, bis mir schwindlig wurde, entdeckte dort für immer meine Krippen­leidenschaft. Schaute in der Aussegnungshalle neugierig-schaudernd auf die offen aufgebahrten Toten. Meine Mutter brillierte mit ihren gigantischen selbst angebauten Zucchini, überzeugte mit pflegerischem Können und alternativem, eher traditionellem medizinischen Wissen. Meine Klassenkameradinnen beneideten mich um sie, weil sie sofort losstürmte, wenn ich Ungerechtigkeiten ausgesetzt war. Hatte ich etwas selbst vermasselt, war es mit Rettungsaktionen à la Jeanne d’Arc nichts. Heimat bedeutet Aufrichtigkeit, Anstand, ja – und Selbstkritik.

Mein Vater, der seinen thüringischen Akzent nie wirklich ab­legen konnte und wollte, kam bestens mit den Urbayern zurecht. Sie verstanden ihn und er sie – ohne die albernen ­Untertitel, die heute im Fernsehen schon verwendet werden, wenn jemand bloß Altbayerisch oder Schweizer­deutsch spricht. Man gibt sich keine Mühe mehr, das Heimat­idiom des anderen zu verstehen – oder auch einmal staunend stehen zu lassen, was der andere sagt. Heimat bedeutet nicht Simultandolmetschen, sondern den Versuch, zu begreifen, 
was der andere meinen könnte. Das kostet Mühe, braucht Zeit. Aber man ist ja schließlich nicht auf der Durchreise, sondern zu Hause. Als er starb, mein Vater, wurde er auch offen aufgebahrt wie alle anderen. Etwas anderes war gar nicht denkbar.

Trauer teilen und miteinander Kummer tragen

Und als ich hoffte, ein Lebenszeichen an ihm zu entdecken, und das dunkle Kerzenwachs auf seinem Leichentuch als Blutfleck zu identifizieren glaubte, war es der Friedhofswärter, der die weinende junge Frau behutsam zum Vater führte, damit sie sehen konnte, dass er wirklich tot war. Auch das ist Heimat: Trauer teilen, sich nichts vormachen, miteinander den Kummer tragen.

Ich bin aus Oberaudorf am Inn, sage ich, wenn man mich fragt, wo ich herkomme. Obwohl ich da gar nicht geboren wurde und auch die ersten neun Jahre meines Lebens woanders verbracht habe. Aber ich komme daher, bin dort daheim, weil ich die Landschaft liebe, den Duft der gemähten Wiesen, den kleinen See, die Trollblumen oben am Berg, die direkte Nachbarschaft Öster­reichs mit seinen herrlichen Käseläden und Wirtshäusern, die Sprache, den Dialekt. Fragt mich jemand in Europa, wo ich zu Hause bin, sage ich Deutschland, Bayern, München. Das klingt überall gut, auch in Asien. Dort bleibt allerdings Bayern München hängen und ich in einer fröhlichen Fußballspielercharakterisierung. Macht nichts: Heimat bedeutet auch, ich ­kenne mich aus in dem, was daheim los ist. Kann davon erzählen.

Wer aus Bayern kommt wir gelegentlich belächelt

Ich muss mich nicht mit allem identifizieren, was in meiner Heimat geschieht. Aber ich kann Stellung ­dazu beziehen, ich kann mich dazu verhalten. Wer aus Bayern kommt, wird im Rest der Republik gelegentlich belächelt. Überall sonst auf der Welt sind die Bayern die Deutschen, denen am meisten Anerkennung entgegengebracht wird. Mit beidem muss man umgehen können. Heimat – das ist Solidarität mit und Loyalität zu dem Ort, dem Land, aus dem man kommt, zu der Familie, der man entstammt. Heimat zu haben bedeutet aber auch, eine kritisch-konstruktive Distanz einzunehmen, wo dies nötig ist. Blut-und-Boden-Ideologie ist zerstörerisch, weil sie das Eigene absolut setzt, obwohl es doch immer einen Schritt zurück braucht, um klarsehen zu können. 

Heimat – höchste Zeit, Kinder, Jugendliche und Erwachsene diese Beziehung wieder in vollen Zügen genießen, ausleben zu lassen. Statt sie aus vermeintlicher politischer Korrektheit zu zwingen, die ganze Welt als ihr Spielfeld zu betrachten. Noch dazu, weil diejenigen, die an ­vielen Stellen des Globus ein Fähnchen stecken könnten, weil sie dort schon einmal gelebt haben, dort gar nicht wirklich zu Hause sind. Sie bringen ihre Herkunft mit sich, leben in der Ferne, was sie daheim auch tun und nehmen nur an, was ihnen brauchbar erscheint.

Heimat bedeutet Auseinandersetzung

Der eine braucht dazu vertraute ­Küche, die an fernen Gestaden angeboten wird, der andere delektiert sich an unbekannten Genüssen, um davon dann fachmännisch zu berichten. Sand, Meer, kühle Drinks und bezahlbare Hotels reichen meistens schon dafür aus, eine Wahlheimat für sich zu entdecken. In Wahrheit tun sie das nicht, denn eine wirkliche Heimat zu haben, eine räumliche und geistige, das bedeutet intensive, anstrengende und schmerzliche Auseinandersetzung. Man kann keine ehrliche Be­ziehung haben, auch nicht zum Vater- 
oder Mutterland, wenn man nicht um Harmonien und um Gegensätze weiß. Da gibt es wonnige Momente und ­solche, in denen es ­einen fast zerreißt vor Zorn, weil man nichts mehr gut findet.

Heimat, das ist wie in einer Partnerschaft Faszination und Erschrecken, Zustimmung und Empörung, immer aber der dezidierte Wille, verantwortlich mit eigenen Ideen im Diskurs mitzugestalten. Es geht einem um das Ganze. Wenn einem gleich ist, was geschieht, ist die Be­ziehung zum Partner, zur Heimat perdu, also verloren. Genauso, wenn einem nur das gefällig erscheint, was man sich wohlig herauspicken kann – das andere lässt man dann indolent links liegen. Heimat aber fordert eine persönliche Stellungnahme heraus, ­eine, die verlangt, genau hinzuschauen. 
Will ich das, was da bei mir, bei uns geschieht? Gebe ich dem meine ­
Stimme? Oder widerspreche ich, ­wieder aus guten Gründen? Wie soll meine Heimat, der Ort, an dem ich mich zu Hause fühle, ausgestaltet sein?

Heimat ist keine schlichte Idylle

Aus all diesen Überlegungen wird schnell klar, dass Heimat keine schlichte Idylle ist. Wer sich die Bewahrung eines Zuhauses für unterschiedliche Menschen auf die Fahnen schreibt, der muss mit dafür sorgen, dass sie alle teilhaben können an dem, was das gesellschaftliche Zuhause bietet. Anteilnahme ist ein Wort, das Empathie und Sympathie einschließt. Heimat braucht Teil­habe und Anteilnahme – die Chance, ­
das demokratische Mitreden verwirk­lichen zu können, zu spüren, dass es Sicherheit, Geborgenheit und Lebensperspektive gibt. Das setzt im Übrigen voraus, dass Politik und Wirtschaft, Kirche und Kultur, dass alle ge­sellschaftlichen Institutionen dafür sorgen, dass Bürger und Bürgerinnen, Gäste und Fremde nicht dem freien Spiel der Kräfte überlassen werden, sondern sich auf eben diese Institu­tionen verlassen können.

Heimat – das symbolisiert die Idee, wie Leben miteinander sein kann und sein soll: solidarisch und zugleich individuell, persönlich. Gemütlich, genussvoll und zugleich widerständig, aufmüpfig, rebellisch, wenn es um das Wohl des Ganzen geht. Tradi­tionen müssen bewahrt bleiben, wo sie lebensdienlich sind, und immer wieder daraufhin überprüft werden, ob sie den Menschen guttun, sie mit ­einschließen oder etwa ausgrenzen. Heimat ist wandelbar, beweglich, ­mobil – auf keinen Fall starr und stur. Jesus selbst sagt von sich, dass er nichts hat, wo er sein Haupt ­betten kann. Aber er scheint sich wohlgefühlt zu haben, wo immer er mit anderen ­Menschen zu tun hatte, mit Kleinen und Großen, die zusammen mit ihm eine Gemeinschaft gebildet haben – durchaus auch auf Zeit. Heimat verbindet, wo auch immer auf der Welt.

Heimat ist nicht musel oder tümelnd

Wer sich zu Hause fühlt, schlägt Wurzeln – geistige und ganz irdisch-materielle. Das hilft, einer weithin unübersichtlich gewordenen Welt mutig gegenüberzutreten, weil man sein eigenes Fundament gefunden hat, auf dem man sicher steht. Für ­einen Christen, eine Christin ist das der Glaube an den Mensch gewordenen Gott, denn „einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“ (1. Korinther 3,11). Aber der existiert nicht im luftleeren Raum, als bloße Vision. Der Gottessohn hat die Erde für sich entdeckt und vom himmlischen Zuhause gesprochen – alles ein Hinweis darauf, dass es ­Heimat braucht, und zwar nicht nur im übertragenen Sinn. Sie ist nicht museal oder tümelnd, hängt nicht einfach an landestypischen Produkten, zu denen übrigens auch die jeweiligen Industrien gehören.

Natürlich hat Heimat viel mit den ­Sinnen zu tun, mit Riechen, ­Schmecken, mit Fühlen, Hören und Sehen. Riechen und schmecken, das ist in unserem Land wie in anderen auch der Duft der Natur, des Essens, der Gewürze und der Getränke. Heimat fühlen und hören, das hängt mit Musik zusammen, mit vertrauten Gesten und Ritualen. Advent, Weihnachten, Fastenzeit, Ostern, Erntedank, Reformationsfest, Allerheiligen und Allerseelen, Buß- und Bettag, Ewigkeitssonntag – die kirchlichen Jahreszeiten und Feste haben nach wie vor Aussage- und Orientierungskraft.

Heimat – für mich bedeutet das Verbundenheit mit dem Glauben und den Werten, die mein Land bislang geprägt haben. Es bedeutet Dank­barkeit gegenüber denen, die meine Heimat nach der Nazibarbarei und dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut haben. Ja: Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland. Danach lasst uns alle streben, denn das sind biblische Begriffe, humane Prinzipien, die Gläubige verschiedener Religionen und Atheisten verbinden können.

Angstfrei wachsen und Vielfalt leben

Heimat ist da, wo ich meine 
Identität entdecke, sie ins Gespräch mit anderen bringe und daran angstfrei wachsen darf. Zu Hause zu sein in einer Beziehung, einer Familie, einem Land, das braucht keine Enge, sondern Offenheit, Vielfalt, Lust am Neuen – und zugleich Sinn für Tradi­tion, Freude am Bewahren von Bewährtem und die Achtung vor lebensdienlichen Werten. Deswegen ist es so widerwärtig, dass in vielen Ländern Europas, auch in unserem, Parteien und Bewegungen die parlamentarische Demokratie verunglimpfen, die genau das möglich macht. Sie wenden sich gegen verfassungsmäßige Grundwerte für alle. Sie missachten Liberalität und Vielfalt. Sie bedienen Ressentiments gegen Minderheiten. Sie sortieren aus: Menschen anderer Herkunft, anderen Glaubens, solche, die das eigene Geschlecht lieben.

Sie mögen keinen Glauben, der barmherzig ist und die Schwachen schont. Stattdessen predigen sie Hass und Gewalt gegen Andersdenkende. 
Heimat, alles das, was Menschen ­eigentlich Geborgenheit und damit Kraft für Aufbrüche vermitteln sollte, präsentieren sie als geschichtsvergessene, autoritäre, gleichgeschaltete und nationalistische Isolation. Man soll sich 
abschotten gegen Anderes und An­dere, soll zerstören, was Verschiedenes vereint. Applaus bekommt, wer eine Heimat mit bitterem Ausschließlichkeitscharakter zur Wahl stellt. Bitter für die, die nicht mitspielen dürfen.

Auf Erden sind alle Fremdlinge

Dort, wo Menschen zu Hause sind, sollen Güte und Treue sich begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen, wie der Psalmbeter sagt (Psalm 85,10). In so einem Land, in solchen Beziehungen wohnt Ehre, Treue wächst auf der Erde, und Gerechtigkeit schaut vom Himmel. So sieht Heimat im Kleinen und Großen aus. Heimat menschlich und politisch muss demokratisch sein, so, dass alle ­
Freude daran haben, diese Heimat mitzugestalten. Jeder, jede Einzelne soll darin geachtet werden und spüren, dass die Solidarität der Gemeinschaft ein gutes, verlässliches Zuhause ist. Heimat, Zusammenleben, Beziehung – sie haben ­eine Zukunft, wenn Regeln einklagbar sind, an die sich alle zu halten haben. Wenn im fairen Diskurs gemeinsam Antworten auf persönliche und gesellschaftlich-­politische Herausforderungen gefunden werden.

Bei allen unverzichtbaren Be­mühungen um eine irdische Heimat für alle bleibt die biblische Einsicht, dass wir auf Erden Fremdlinge sind und dermaleinst in das zurück­kehren, was wir als himmlisches ­Zu­hause glauben. Bis dahin darf man sich ­neben der Arbeit für die Wohnlichkeit dieser Erde an der Behei-
matung erfreuen, die uns geschenkt ist: dem Ort, an dem man geboren wurde, ­laufen lernte und spielen durfte. ­
All die Stätten, an denen man be-
sonderes Glück erfahren hat oder 
Leid zu verarbeiten vermochte. Hei-
mat bedeutet eine zuversichtliche Verwurzelung ­in der Ewigkeit und ­eine zupackende, lustvolle Gestaltung des Zuhauses, das uns mit allen anderen auf Zeit ­anvertraut ist. Heimat, sagt Ernst Bloch, ist „Ausdruck einer unerfüllten Hoffnung“. Damit kann man getrost in aller Vorläufigkeit ­leben.

Produktinfo

Den ungekürzten Text von Susanne Breit-Keßler 
und Beiträge anderer Autoren finden Sie 
in dem Buch ­„Sehnsuchtsort ­Heimat“, heraus­gegeben von 
Martin Vorländer,
ca. 240 Seiten, 
15,00 €, edition chrismon. Erscheint am 13. März.

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