Nach der Wahl in Italien

Lasst sie mal machen!
Bei der italienischen Parlamentswahl hat die populistische Fünf-Sterne-Bewegung die meisten Sitze geholt. Ihre utopischen Ziele sind kaum umsetzbar. Und doch: Politische und gesellschaftliche Visionen sind das, was das krisengeplagte Italien jetzt braucht

Italien hat gewählt. Gewonnen hat eine diffuse Bewegung namens Fünf Sterne (Movimento Cinque Stelle), die sich weder links noch rechts einordnen lässt und zum Teil utopische Wahlversprechen abgegeben hat. 32 Prozent haben sie geholt und mit ihrem 31 Jahre jungen Kandidaten Luigi Di Maio vor allem viele junge Wähler überzeugt. Italien sei nun unregierbar und versinke im politischen Chaos, kommentieren viele Medien und Experten. „Die Fünf Sterne und ihre Wähler spinnen doch“, postete ein italienischer Start-up-Gründer nach der Wahl auf Facebook. „Mit Utopien rettet man kein Land.“

Sabine Oberpriller

Sabine Oberpriller ist freie Autorin bei chrismon und unter anderem zuständig für die Rubrik "Geht doch". Sie studierte Deutsch-Italienische Studien in Regensburg und Triest und absolvierte die Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Sie interessiert sich besonders für den Austausch zwischen Kulturen, Fragen der Gleichberechtigung in der Gesellschaft – und für Menschen in besonderen Situationen.
Lena UphoffPortrait Sabine Oberpriller, chrismon Redaktion, Redaktions-Portraits Maerz 2017

Ihre Ziele: Grundeinkommen, ökologische Energiegewinnung, NATO-Austritt, nachhaltige Städteplanung und Friedenssicherung statt Säbelrasseln – der Movimento wird mit seinen gewagten Ideen vermutlich an der Realität scheitern, so wie es Experten und Medien weltweit vorhersagen. Andererseits: Selbst wenn sie nur einen Bruchteil dessen umsetzen, hätten sie in Italien ganz schön was bewegt: In einem Land mit minimalem Wirtschaftswachstum, das es nicht aus der Krise schafft, dem die Akademiker aus Mangel an Chancen wegrennen, dessen Unternehmer unter Bürokratie und Steuerlast ächzen. Vor allem den jungen Menschen fehlt eine Perspektive: Fast jeder Zweite unter 35 Jahren ist arbeitslos und viele verdienen so wenig Geld, dass die Familie aushelfen muss.

Beppe Grillo wollte den Politikern in den Hintern treten

Für die Jungen hängt es damit zusammen, dass dem Land eine Perspektive fehlt. Sie haben auch verstanden, dass sie von den etablierten Parteien nichts dergleichen zu erwarten haben. Das Argument des Movimento, so banal es klingt, zieht: Gebt uns die Chance. Alle anderen haben es zwanzig Jahre lang verbockt. Es kann nicht schlimmer werden.

Ursprünglich war der Movimento nicht als Partei gedacht: Gründer und Comedian Beppe Grillo wollte den Politikern „in den Hintern treten“, wie der Journalist Marco Travaglio es ausdrückt. Doch die blieben unbeeindruckt. Die Fünf Sterne mussten selber ran – und sammelten als Regierungspartei in Großstädten wie Turin und Rom politische Erfahrung.

Die „Fünf Sterne“-Aktivisten verkaufen sich als Saubermänner und -frauen. Sie versprechen, moralisch, ehrlich und gerecht vorzugehen und jeden, der sich etwas zuschulden kommen lässt, rigoros auszuschließen. Das ist auch schon vorgekommen. Um glaubwürdig zu bleiben, verweigern die Fünf Sterne jede Koalition. Zumindest erklären sie ihr Vorgehen so. Sie setzen alles auf eine Karte: Entweder machen sie es wirklich besser – oder sie fallen damit auf die Schnauze.

Junge Gesichter in der Politik sind ein Lichtblick

Die Haltung findet viel Anklang bei Jugendlichen, die in ihrem Idealismus und Demokratieverständnis von den anderen Parteien besonders enttäuscht sind. Eine Bewegung, in der die Basis über die Themen abstimmt, in die sich jeder einbringen kann, die junge Gesichter wie Luigi Di Maio nach vorne stellt, ist ein Lichtblick. Doch 32 Prozent für den Movimento reichen nicht, um ohne Koalitionspartner das Land zu revolutionieren.

Eine der spannendsten Fragen der kommenden Wochen ist, wie sich Luigi Di Maio und seine Bewegung verhält, jetzt, wo die Macht zum Greifen nah ist. Solange bleibt Zeit für Gedankenspiele: Vielleicht sind die Anhänger der Fünf Sterne nicht verrückt, sondern alle anderen in verkrusteten Denkmustern verkantet. Vielleicht muss nur mal einer anfangen, anders zu denken.

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