Ausstellung über Briefe von Holocaust-Opfern

"Bis bald, meine Lieben"
Letzte Briefe aus dem Holocaust

Courtesy of Gila Ofir (3) Courtesy of Yad Vashem

Ein Brief und seine Verfasserin: Anna Meininger mit ihrer Tochter Hilda 1920 in Göttingen, Hilda und ihr Bruder Franz-Josef, Annas letzte Briefe aus Bulgarien an ihre Tochter Hilda Gerty und deren Familie

Letzte Briefe aus dem Holocaust

Kurz vor Beginn der ersten Transporte in die Todeslager im Oktober 1941 schickten tausende von Juden persönliche Briefe an ihre Kinder, Verwandten und Freunde. Es waren ihre letzten. Anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktages veröffentlichte die israelische Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem zehn solche Briefe in einer Online-Ausstellung unter dem Titel "Wir werden uns wieder treffen". Im Gespräch mit der Kuratorin Yona Kobo.

chrismon: Was wollen Sie mit Ihrer Ausstellung erreichen?

Yona Kobo: Wie wollten einen Teil unseres umfangreichen Archivmaterials ausstellen und durch das Internet überall zugänglich machen. Zum anderen wollten wir der Ermordeten gedenken, indem wir ihre Geschichte ­erzählen und ihnen ein Gesicht geben.

Yona Kobo

Yona Kobo ist Kuratorin der ­Ausstellung "Letzte Briefe aus dem ­Holocaust", die die Gedenkstätte Yad Vashem auf ihrer Website zeigt.
PR

Woher hat Yad Vashem die Briefe?

Aus den Familien. Kinder und Verwandte überlassen uns persönliche Gegenstände und Fotos und erzählen die Geschichte ihrer ermordeten Verwandten. In unserem Archiv befinden sich Tausende persönliche Briefe aus der Zeit des Holocaust, die Juden – Erwach­sene und Kinder – von zu Hause, aus Ghettos und Lagern, auf der Flucht und im Versteck an ihre Verwandten und Freunde schickten. Für die Onlineausstellung haben wir zehn Briefe aus Österreich, Weißrussland, Frankreich, Deutschland, Lettland, Holland, Polen und Rumänien ausgesucht, bei denen wir auch Fotos der Briefschreiber haben.

Haben die Autoren gewusst, dass sie ihren letzten Brief schreiben?

Nur eine von ihnen. Alle anderen schreiben optimistisch, zum Beispiel „Wir werden uns wiedersehen“ oder „Bis bald, meine Lieben“. Sie sind überzeugt, dass der Krieg endet, sie sich wiedertreffen und glücklich zusammen leben werden. Manche schreiben das noch im Jahr 1943. Oder sie zeigen sich besorgt über das Schicksal der Empfänger, die sich manchmal im Versteck oder auf der Flucht befinden. Man erkennt auf den Briefen oft Flecken von den Tränen, die diejenigen vergossen haben, die uns die Briefe weitergaben.

Ein Brief in der neuen Ausstellung wurde in Deutschland verfasst, von Berta Keller-Moses aus Aachen. Wer war sie?

Berta Baum und ihr Mann Max Keller lebten nach 1919 im Dorf Warden im Rheinland. Max, der für seinen Kriegsdienst im Deutschen Heer verletzt und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde, hatte Landbesitz und war im Viehhandel tätig. Die Kellers führten ein traditionelles jüdisches Leben. Er starb 1925 an seinen Verletzungen. Nach 1933 besuchte der Sohn Siegfried eine zionistische Religionsschule in Frankfurt, im März 1939 wanderte er nach Eretz Israel aus. Berta verkaufte Haus und Land und zog ins nahe Aachen. 1940 heiratete sie Philipp Moses. Trotz Philipps Wohlstand und der Tatsache, dass er einen Sohn und andere Verwandte in den USA hatte, gelang es Berta und Philipp nicht, Deutschland zu verlassen. Kurz vor ihrer Deportation am 25. Juli 1942 nach Theresienstadt schrieb sie einen Brief an Siegfried, der inzwischen in Eretz Israel lebte. Sie wurde im Januar 1943 in Auschwitz ermordet. 2013 übergab uns Siegfried, der heute Schimon Keller heißt, im Rahmen des Projekts "Die Scherben aufsammeln" die Briefe seiner Mutter und seine Gebetsriemen aus seiner Bar Mitzwa 1936. Seine Mundharmonika, die ihm seine Mutter als Geschenk für die Auswanderung verschenkte, behielt er. Denn er bespielt sie bis heute.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.