Religion für Einsteiger: "Existiert Gott?"

Existiert Gott?
Religion für Einsteiger - Existiert Gott?

Lisa Rienermann

Religion für Einsteiger - Existiert Gott?

Gottesglauben ist keine Spekulation, sondern eine menschliche Haltung, ein Urvertrauen.

So viel vorweg: Seit Charles Darwins Buch „Über die Entstehung der Arten“ ist klar: Wissenschaftlich lässt sich die Vielfalt der Natur auch ohne Schöpfer­gott erklären. Mehr noch: Albert Einsteins Relativitätstheorie ermöglicht Physikern und Astronomen, die Entstehung des Alls mathematisch zu berechnen. Astronomen wissen heute, dass unsere Galaxie nur eine von unzählig vielen ist. Dass unser Sonnensystem sich am Rande dieser Galaxie bewegt und unser Planet durch eine gewaltige Leere um die Sonne schlingert. Geschützt von einer dünnen Gasschicht, überzieht eine unscheinbar dünne Fläche von vielfältigen, auf Kohlenstoff basierenden Verbindungen die Erde. Wir nennen sie Leben. 

Wenn existieren bedeutet, dass Gott eines unter vielen Wesen ist, und sei es das höchste, dann existiert Gott nicht. Sondern Gott ist Schöpfer aller Dinge und Wesen, so sagt es auch die Bibel. Gott ist der ganz andere, der Grund von allem.

Gott lässt sich nur glauben

Dass hinter allem, was existiert, ein Gott steht, der dieses bisschen Leben auf dem Planeten Erde will, ließ sich noch nie beweisen. Das wusste man auch in früheren Jahrhunderten. Gott lässt sich nur glauben. Denn Gottesglaube ist keine Spekula­tion. Er ist eine menschliche Haltung.

Wer an Gott glaubt, geht davon aus, dass auch dieses Leben auf dem entlegenen Planeten Erde eine Bedeutung hat und gewollt ist. Das ist erst einmal nichts Ungewöhnliches. Von klein auf suchen Menschen hinter allem eine Bedeutung, einen Sinn. Täten sie es nicht, könnten sie nicht lernen zu sprechen. Sie könnten sich nicht in ihrer Welt orientieren.

Aber Gottesglaube ist mehr als Sinngebung. „Was heißt es, einen Gott zu haben, oder was ist Gott?“, fragt Martin Luther im großen Katechismus. Antwort: Ein Gott heißt das, von dem man alles Gute erwarten und bei dem man in allen Nöten Zuflucht haben soll, so dass einen Gott haben nichts anderes ist, als ihm von Herzen trauen und glauben. Allein das Vertrauen und Glauben des Herzens macht beide, Gott und Abgott. Woran du nun dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott.

Macht und Geld kann sich als Abgott entlarven

Menschen sind von ihrem ersten Atemzug an auf Personen angewiesen und müssen darauf vertrauen, dass die Eltern oder Adoptiveltern schon alles richtig machen: einen versorgen, ansehen, ansprechen, herzen. Menschen formen ihre ersten Gedanken im Austausch mit anderen. 

Glaube ist Urvertrauen. Gott ist ­dessen Gegenüber. Alles andere kann dieses Vertrauen missbrauchen und sich als Abgott entlarven: Macht, Geld, familiäre Sicherheit, Freundschaft. Wer an Gott glaubt, wendet sich an den ganz anderen: „Geheiligt werde dein Name.“ Jedes Gebet ist Ausdruck der Hoffnung, dass sich die Dinge zum Besseren wenden, im Privaten wie im Großen. „Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum (Schicksal) ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet“, schrieb der Theologe Dietrich Bonhoeffer.

Die Bejahung des Lebens zu eigen machen

Das Gegenteil von Glauben ist Resignation. Glaube heißt, sich die Bejahung des Lebens zu eigen zu ­machen: „Dein Reich komme.“ Wer an Gott glaubt, macht sich nicht zum unbeteiligten Beobachter, wenn das Leben sich selbst verbrennt und vernichtet, sondern wirft all sein Vermögen in die Waagschale, um den Kräften der Selbstzerstörung ent­gegen­zuwirken.

Glaube schließt ein Eingeständnis der eigenen Ohnmacht ein: „Dein Wille geschehe.“ Wer als Welten­retter eigene Heilsvorstellungen durch­setzen will, glaubt nicht an Gott, sondern setzt sich an dessen Stelle. Wer glaubt, hält sich bereit, angesprochen zu werden. Dogmatische und ideologische Verbohrtheit können gar kein Glaube sein, weil Menschen sich aus Angst vor Neuem verschließen. Wer wirklich auf Gott vertraut, hat keine Angst, infrage gestellt zu werden, sich zu verändern und dazuzulernen.

Gott ist das Gegenüber dieses Vertrauens und Hoffens. Es ist schwer, angesichts des Irrsinns in der Welt, den Glauben aufrechtzuerhalten, dass da ein Gott ist, der jedes Leben will und es liebt. Aber es ist den Versuch wert.

Kontakt

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Lesermeinungen

Der Artikel spricht mir aus der Seele, erinnert er mich doch vor allem an viele Erfahrungen, die ich im Religionsunterricht mit Grundschülern habe machen können.
Die Kinder hatten stets ein großes Bedürfnis nach Religion, Glauben und Kirche, das im Laufe der Jahre sogar noch gewachsen ist. Ihr Verhältnis zu Gott war geprägt durch Ehrfurcht und grenzenloses Vertrauen in seine Güte und Liebe zu den Menschen. Besonders gern äußerten sie Namen wie „ lieber Gott“, „großer Gott“ oder auch „Vater unser im Himmel“. Zu ihren Lieblingsgebeten gehörte: „Wo ich gehe, wo ich stehe, bist du, lieber Gott bei mir. Wenn ich dich auch niemals sehe, weiß ich sicher, du bist hier.“ Zeigt sich in diesen Worten nicht der Glaube als großes „Urvertrauen“, von dem in dem Artikel die Rede ist ? An der Existenz Gottes zweifelte eigentlich niemand, stellte dazu auch selten direkte Fragen.
Dennoch hatte ich oft den Eindruck, dass die Kleinen Gott, „ihrem Herrn“, mit viel mehr Distanz begegneten als seinem Sohn Jesus Christus. „Er war ein Mensch, so wie wir,“ sagte mal ein Drittklässler, ein Mensch, der die Kinder in hohem Maße begeisterte, nicht zuletzt durch die biblischen Geschichten. „Wann kommst du wieder in unsere Klasse und erzählst uns von dem tollen Mann?“ fragte mich mal ein Schulkind. Es meinte Jesus, der die Menschen liebhat und ihnen zeigt, was gut und böse ist und wie man friedlich miteinander umgeht,“ Jesus, der ihnen vor allem hilft, Spuren Gottes in ihrer Welt zu entdecken!
Von dem fast unbekümmerten Verhältnis vieler Kinder zu Gott, ihrem grenzenlosen Gottvertrauen kann so mancher Erwachsene sicher einiges lernen, das sein Leben sehr bereichern könnte.
„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder,“ heißt es ja in der Bibel, „könnt ihr nicht in das Himmelreich eingehen.“

Sehr geehrte Frau Gottbrath, haben Sie herzlichen Dank für Ihren lobenden Kommentar zum Artikel von Herrn Weitz. Sie haben völlig recht, das Vertrauen zu Gott ist ganz zentral und hat schöne, weitreichende Folgen. Schon die lieben Kleinen haben ein Bedürfnis nach Glauben. Wie Sie als ehemalige langjährige Leiterin einer katholischen Grundschule bezeugen konnten, schließt dieses Bedürfnis auch das Bedürfnis nach Religion und katholischer Kirche ein. Das Bedürfnis ist nicht nur manchmal da. Es ist stets da. Es ist außerdem groß. Und es wächst im Laufe der Jahre sogar noch.

Manchmal wird erst durch das Zusammenspiel von gelobtem Artikel und lobendem Leserkommentar richtig deutlich, was im Artikel alles angelegt ist.

Also nochmals herzlichen Dank!

Lisa Müller

‚Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaften macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott‘ (Werner Heisenberg). Ihre Gegenüberstellung berücksichtigt nur die Naturwissenschaften bis zum 19 Jh. Mit Planck wurde die Physik auf den Kopf gestellt. Einstein initiierte den EPR-Bericht, weil sich die Verhältnisse zwischen Realität und Wirklichkeit auf einmal anders darstellten, Darwin war überholt, das Leben ist mehr als eine hauchdünne Schicht, es gibt keine Leere im Universum, Einstein hat seine Weltformel nie gefunden, der Urknall ist in Frage gestellt. H.-P.Dürr hat die neue Physik philosophisch interpretiert und dafür den alternativen Friedensnobelpreis bekommen. U.a. sein Titel ‚es gibt keine Materie‘ und Heisenbergs ‚der Teil und das Ganze‘ erweitern den Blick im Glauben. Es macht Spaß zu studieren, wie die Naturwissenschaft mit der Quantenphysik zu Gott gefunden hat. Fragen Sie Niemz, er lebt noch und versucht durch Seminare und Bücher Physik und Theologie einander näher zu bringen, um die Menschen anzuregen, ihren Glauben besser zu verstehen.

Zum berühmt-berüchtigten Heisenberg-Zitat "Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaften macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott" ist anzumerken: Wem es gelingt, die Physik in flüssiger Form zu sich zu nehmen, vielleicht sogar hochprozentig vergoren, braucht sich nicht zu wundern, wenn er bei geleertem Becher allerlei sieht, einschließlich Gott. Wer irgendeine Teildisziplin der Naturwissenschaft jedoch auf hundsgewöhnlichem Weg, nämlich durch gedanklichen Nachvollzug, gelernt hat, kann Folgendes bemerken: Unter den Naturwirten gibt es genau so viele Gläubige, philosophisch Ambitionierte oder sich selbst als alternativ Einschätzende wie sonst in der Bevölkerung auch. Also gibt es auch die bekannte Truppe der predigenden Physiker. Aber auch in deren Fachveröffentlichungen kommt an keiner Stelle Gott vor. Das hat einen guten Grund. Die systematische Befassung mit der Natur führt auch in modernen Zeiten nirgendwo zu Gott.

Wenn der Physiker jedoch seinen Predigtambitionen folgt, steht plötzlich Gott auf der Matte. Damit könnte alles klar sein. Eine kleine Zusatzironie: Die Predigten der Physiker sind gerne so, dass der gelernte Pfarrer oder die gelernte Pfarrerin gequält aufstöhnen möchten. Als höfliche Menschen lächeln sie freilich unbeirrt fort. Der Physiker zieht oft genau die Register und tappt in die Fallen, die die professionellen Gottesmänner und Gottesfrauen bei der Predigtausbildung zu meiden gelernt haben. Aber im Rahmen der beliebten Veranstaltungsreihen "Wissenschaft trifft Glaube" schleift sich das allmählich ein.

Thea Schmid

Quantenphysik klingt immer toll. Der Nichtfachmann versteht sie sowieso nicht. Um so wirkungsvoller, wenn Prediger - teils solche, die sie studiert haben, teils solche, die sie auch nicht verstehen - sie zum Kronzeugen aufrufen. Herr Prof. Dr. Markolf H. Niemz, Inhaber eines Lehrstuhles für Medizintechnik, bringt in seinem Buch "Bin ich, wenn ich nicht mehr bin" auch die moderne Physik zur Sprache. Wer sich selber mit Physik auskennt, bedarf keiner Hinweise von mir. Ob sich beim Lesen des Buches reine Heiterkeit einstellen wird, vermag ich nicht zu garantieren.

Andere Leser möchte ich auf das Buch "Relativer Quantenquark" von Dr. Holm Gero Hümmler hinweisen. Der Autor stellt es auf seiner Webseite vor mit der Kennzeichnung "Esoterik, Verschwörungstheorie und Spekulatives unter dem Mäntelchen der Physik".

Wieso es des Hinweises "Fragen Sie Niemz, er lebt noch" bedarf, weiß ich nicht. Wer wie Niemz 1964 geboren wurde, erfreut sich im Jahre 2018 seines 54. Lebensjahres. Das ist so ungewöhnlich nicht. Oder heißt die Frage bereits "Bin ich nicht mehr, wenn ich noch bin"? Keine Sorge, weder die Quantenphysik, noch die Relativitätstheorie erklären jemanden für tot, wenn er noch lebt.

Traugott Schweiger

Bei Ihrem Satz "....weder die Quantenphysik, noch die Relativitätstheorie erklären jemanden für tot, wenn er noch lebt." hoffen Sie vermutlich auf mitdenkende Leser, die selber darauf kommen, dass ebenso gilt: "weder die Quantenphysik, noch die Relativitätstheorie erklären jemanden für fortlebend, wenn er gestorben ist." Ob diejenigen, die gerne an Auferweckung, Auferstehung, ewiges Leben, Reinkarnation usw. glauben, zumindest die Finger von der modernen Physik lassen, ist sehr fraglich. Prof. Niemz macht auf jeden Fall genau das Gegenteil.

Hans Schlicht

Auch als Atheist lese ich Ihre monatliche Beilage zur Süddeutschen gerne. Aber in einer christlichen Beilage für die gesamte Leserschaft einer Zeitung sollte man sich vor Überheblichkeit schützen und Abfälligkeiten gegenüber anders- bzw. Nichtgläubigen vermeiden. So lese ich in der Rubrik "Existiert Gott?" die Aussage: "Das Gegenteil von Glauben ist Resignation. Glaube heißt, sich die Bejahung des Lebens zu eigen machen." Nichtgläubigen eine resignative Grundeinstellung oder gar eine fehlende Bejahung des Lebens zu unterstellen halte ich allerdings über überheblich und fast dreist. Wie dünn der Lack ist, auf dem dieser fromme Absolutheitsanspruch klebt, zeigt ein Blick in die Geschichte. Und da muss ich nicht in die Zeit zurückgehen, in der deutsche Soldaten auf ihrem Koppelschloss "Mit Gott" stehen hatten, als sie in den Krieg zogen. Ich glaube nicht, dass wir Atheisten uns von der Kirche eine fehlende Bejahung des Lebens und eine resignative Grundeinstellung unterstellen lassen müssen.

Hier eine kleine Auswahl der Ungereimtheiten, die mir beim Lesen des Artikels aufgefallen sind:

1.) "eine menschliche Haltung, ein Urvertrauen". Ich dachte immer, eine Haltung wäre etwas, was mit guten oder schlechten Gründen eingenommen, geändert oder aufgegeben werden könnte. Mit Urvertrauen meinen aber diejenigen, die dieser Begrifflichkeit keine begründete Abfuhr erteilen, etwas, was man in frühen Jahren erwirbt oder eben nicht. Urvertrauen lässt sich nicht ad acta legen. Man hat es unverlierbar oder man hat Pech gehabt und es fehlt und lässt sich auch nicht günstig bei einem großen Versandhändler nachkaufen. Urvertrauen ist also ziemlich was anderes als eine Haltung, die man einnimmt oder von der man Abstand nimmt.

2.) "Gott ist der ganz andere". Anders als wer oder was? Ohne diese zumeist vorsätzlich weggelassene Bestimmung ist dieser Begriff genau so unsinnig wie "xyz ist der ganz gleiche". Und der naheliegende Trick, Gott als ganz anders als Alles zu definieren, führt sofort zu "Gott ist ganz anders als Gott". Theologisch sicher hoch interessant, leider ohne jeden Inhalt.

3.) "Menschen sind von ihrem ersten Atemzug an auf Personen angewiesen und müssen darauf vertrauen, dass die Eltern oder Adoptiveltern schon alles richtig machen". Brutale Abhängigkeit als Grund für Vertrauen? Wie denn das? Ich würde eher den 68-Spruch "Trau keinem über 30!" abwandeln zu "Überleg es dir zweimal, bevor du einem vertraust, von dem du abhängig bist!".

4.) "Das Gegenteil von Glauben ist Resignation." Warum denn das? Mancher finstere Ungläubige lässt nicht ab von der Hoffnung, dem Glauben seinen bisherigen Siegeszug doch mal vermasseln zu können.

5.) "wenn das Leben sich selbst verbrennt und vernichtet". Das Leben hat sich noch nie selbst vernichtet. Sowohl der üble Gattengiftmord, wie auch der Weltkrieg oder bekannte große Artensterben haben ganz andere Akteure oder unbelebte Ursachen als ausgerechnet "das Leben".

Traugott Schweiger

Ich vermute mal, lieber Herr Schweiger, dass Sie sehr wohl wissen, was Sie da schreiben. Mancher Leser dürfte Ihre Bemerkung "Theologisch sicher hoch interessant" als ironischen Seitenhieb aufgefasst haben. Nein, lieber Leser, so geht es in der Theologie tatsächlich zu. Kein Kalauer, sondern ein Hochkaräter der Theologie: "„Gott kann nur durch Gott erkannt werden." (Karl Barth, Die kirchliche Dogmatik, Band II/1, Evangelischer Verlag Zollikon, 4. Auflage 1958, Seite 205). Da bleibt nur noch, Gott viele unterhaltsame Stunden bei seiner Erkenntnistätigkeit zu wünschen.

Friedrich Feger

Am Anfang ist es für den gebildeten Einsteiger beruhigend, zu lesen, dass die Kirchen nach jahrhundertelangen nicht unblutigen Rückzugsgefechten nun eingesehen haben, dass sich die Enstehung der Welt und ihr Aufbau durch die Wissenschaft einleuchtender erklären lässt als durch die biblische Schöpfungsgeschichte. Allerdings ist die Darstellung, dass sich die Entstehung des Alls mathematisch berechnen lässt, vielleicht ein bisschen zu optimistisch; wir wissen bisher nicht, was den Urknall bewirkt hat, aber natürlich ist auch diese Frage Gegenstand der Physik und Astronomie und wohl nicht des Glaubens oder der Theologie.

Damit geraten wir schon in Konflikt mit der Erklärung von Burkhard Weitz, dass Gott der Grund von allem ist. Er schreibt darüber hinaus, dass Gott das Gegenüber des Urvertrauens ist sowie das Gegenüber des Vertrauens und Hoffens. Insgesamt entsteht so ein Konzept, das ein bisschen an den verniedlichenden Begriff vom "Lieben Gott" erinnert, und für "Einsteiger" attraktiv aussehen mag. Große Teile der Bibel zeigen jedoch ein erschreckend anderes Bild von Gott. Dieser Gott tut zum Beispiel folgende Dinge:

Er vertreibt Adam und Eva aus dem Paradies, weil sie eine Frucht vom Baum der Erkenntnis(!) gegessen haben.

Er vernichtet seine Schöpfung durch eine Sintflut, weil sie ihm nicht mehr gefällt, und lässt nur ein paar ausgewählte Menschen und Tiere am Leben, weil er noch mal ausprobieren will, ob damit alles besser funktioniert.

Er befiehlt Abraham, seinen Sohn zu schlachten und ihm zu opfern, um seinen Gehorsam zu testen.

Er vernichtet Sodom und Gomorra mitsamt seinen sündigen Bewohnern durch Feuer und Schwefel.

Er überzieht Hiob und seine Familie mit grausamen Schiksalsschlägen, um seine Glaubensfestigkeit zu testen.

Er weist seinem auserwählten Volk nach dem Auszug aus Ägypten das "gelobte Land" zu und befiehlt ihm, die dort ansässigen Bewohner (Ungläubige und Götzendiener) zu vertreiben oder umzubringen.

In seiner Erklärung zu seinen Geboten sagt Gott: "Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen." (2. Mose 20, 4). Für das was ich hier schreibe könnten also meine Kinder, Enkel und Urenkel belangt werden, obwohl sie nichts dafür können.

Er lässt seinen "Sohn" Jesus ans Kreuz nageln, damit die Menschen von ihren Sünden erlöst werden.

Einen Gott, der solche Dinge tut und sagt, hat Züge eines sadistischen Despoten, und es ist ethisch fragwürdig, ob man an einen solchen Gott glauben darf.

Obwohl Jesus von Gott ein freundlicheres Bild zeigt als das Alte Testament, verweist auch er mehrfach auf Gottes Gericht und auf das Höllenfeuer (z.B. Matthäus 5, 21 und 22). Auch im christlichen Glaubenbekenntnis ist ja die Rede davon, dass Jesus Christus zur Rechten Gottes sitzen wird, um die Lebendigen und die Toten zu richten. Dieses Bekenntnis wird noch heute in jedem Gottesdienst rezitiert!

Burkhard Weitz zeigt also ein gefälliges Gottesbild, das meines Erachtens aus einer sehr selektiven Interpretation der Bibel resultiert. Wie Ludwig Feuerbach im 19. Jahrhunder aufzeigte, schafft wohl eher der Mensch Gott nach seinem Bild und nicht umgekehrt. In dieses Bild projiziert der Mensch Eigenschaften wie Allmacht, Güte usw. in einer Vollkommenheit, die er selbst nicht erreichen kann, und dieses von ihm selbst erschaffene Bild wird Gegenstand seines Glaubens. Religiöser Glaube ist demnach eine Illusion.

Sehr geehrter Herr Schirm,

Sie sehen bei den Kirchen einen beruhigenden Rückzug von der biblischen Schöpfungsgeschichte. Ich fürchte, da liegen zwei Irrtümer vor. Erstens handelt es sich gerade nicht um einen Rückzug. Der zeitgemäße Gläubige und seine Mehrheitsfraktion in den europäischen, protestantischen Kirchen denkt überhaupt nicht daran, auf den Schöpfungsglauben zu verzichten. Er distanziert sich nur von den biblischen Vorstellungen eines 6-Tagewerkes mit immerhin dann noch einem handyfreien Ruhetag. Der moderne Glaube leugnet schlichtweg einen Widerspruch zwischen den gewonnenen Erkenntnissen über die Entwicklung der Lebewesen, der Erde und des Weltalls einerseits und dem Schöpferglauben andererseits. Der heutige Gläubige nickt alles ab, was die Forschung über die biologische, geologische und kosmologische Evolution herausbekommt.

Dieses Abnicken ist aber das Gegenteil eines Rückzugs vom Schöpferglauben. Gott ist weiterhin der Schöpfer aller Dinge und Wesen. Der moderne Gott hat also alles geschaffen, ohne je auch nur irgend etwas geschaffen zu haben. Das ist kein Rückzug vom Schöpferglauben, sondern seine offensive, gefährliche und höchst erfolgreiche Verschärfung.

Ein Rückzug liegt nur in einer Beziehung vor. Und die ist das Gegenteil von beruhigend. Es ist der grundsätzliche Rückzug vom Argument. Gläubige alten Schlages haben immerhin noch argumentiert für ihre Vorstellung von Schöpfung. Dieser Mühe unterzieht sich der zeitgenössische Gläubige nicht mehr. Er nimmt einerseits die Evolution zur Kenntnis, ist vielleicht sogar an führender Stelle an ihrer Erforschung beteiligt - und will dann in Glaubensangelegenheiten von ihr nichts mehr wissen. Evolution heißt nämlich, dass kein Wille am Werke ist. Genau das will der Gläubige nicht wahr haben.

Der Kreationist kämpft nur gegen die Erkenntnisse der Evolution. Der up-to-date-Glaube pfeift auf die elementare Logik. Das ist nicht beruhigend, sondern alarmierend.

Thea Schmid