Gerhard Trabert behandelt Obdachlose und Arme in Mainz

Er schaut nicht weg
"Doktor, du bist so'n Guter." Der Arzt Gerhard Trabert geht auf die Platte und behandelt Wohnungslose. Und die kümmern sich auch um ihren "Doc"

Andreas Reeg

"Doktor, du bist so'n Guter." Der Arzt Gerhard Trabert geht auf die Platte und behandelt Wohnungslose. Und die kümmern sich auch um ihren "Doc"

Arzt Der Armen. Dr. gerhard Trabert behandelt Herrn Dusa, einen wohnuingslosen Patienten in Mainz. Der rechte Bildteil wurde zur Vermeidung von Persönlichkeitsrechtsverletzungen abgedunkelt. Foto: Andreas Reeg

Schmerztabletten, ein Mittel gegen Husten und manchmal auch eine Umarmung: Der Arzt Gerhard Trabert behandelt Wohnungslose und Arme. Wenn sie nicht zu ihm ins Arztmobil kommen, geht er zu ihnen. Und wen er lange nicht gesehen hat, den sucht er.

Hätte Gerhard Trabert sich vor gut zwanzig Jahren anders entschieden, er hätte einfach ein guter Hausarzt werden können. Weißer Kittel, Birkenstocks, bis nachmittags Sprechstunde, dann noch ein paar Hausbesuche.

Doch das würde Gerhard ­Trabert nicht reichen. Deshalb läuft der 61-
­Jährige an diesem Dienstagmorgen im Nieselregen mit Wanderhose und Daunen­jacke durch die Mainzer Innen­stadt und sucht nach jenen, die von allen anderen nicht gesehen werden. Nach Wohnungslosen und Armen.

So wie Herr Müller*, etwas abseits, neben einer Reklamesäule, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, einen dicken Schal um den Hals. Er sitzt auf einem Eimer und hustet laut. „Sie hören es, Erkältung“, sagt er zu Trabert. „Gut, dann kommen Sie doch gleich mit ins Arztmobil.“

Jeder Patient wird behandelt, ob mit oder ohne Krankenversicherung

Das ist Traberts Praxis: Ein umgebauter Mercedes Sprinter mit ­Liege, Stuhl, Medikamenten und vielen Patientenakten, verstaut in weißen Schränken. Jeder Patient, ob Deutscher, Ausländer, mit oder ohne Krankenversicherung, wird hier behandelt. Trabert dokumentiert alles, da macht er auch bei Wohnungslosen keine Ausnahme. „Adäquate medizinische Versorgung ist ein Menschenrecht“, sagt er.

 Wer nicht zu ihm kommen kann, den sucht der Arzt auf. Die Patienten sind dankbar, jeder auf seine Art Andreas Reeg

Hunderttausende haben in Deutschland keine Krankenversicherung – trotz gesetzlicher Pflicht. Weil sie aus der privaten Krankenkasse geflogen sind, weil sie ohne Papiere in Deutschland leben oder mit der Bürokratie hadern.

860 000 Menschen hatten 2016 in Deutschland keine eigene Wohnung – fast die Hälfte von ihnen sind Geflüchtete –, sie finden meist Unterschlupf in temporären Unterkünften. Etwa 52 000 Leute leben dauerhaft auf der Straße. 

Kommen sie nicht zu ihm, sucht er sie

Armut macht krank, und Krankheit macht arm. Das sagt Gerhard Trabert immer, dagegen kämpft er an. Und so fährt er seit über zwanzig Jahren mit dem Arztmobil durch Mainz. Er steuert die Orte an, an denen sich Wohnungslose und Arme treffen, fährt durch die Einkaufsstraße, läuft in die Tiefgarage, über den Domplatz und sucht neue Platten auf, die ihm das Ordnungsamt meldet. „Morsche, Herr Müller, wie geht es Ihnen denn?“ Trabert legt ihm die Hand auf die Schulter. Halsschmerzen, Husten, kalte Füße. Er hört ihn ab – Vorsicht, das Stethoskop ist kalt – leuchtet in den Rachen – oh ja, ganz schön rot, grippaler Infekt – und gibt Schleimlöser, Lutschtabletten und ein paar warme Socken mit und sagt: „Tschüss, Herr Müller. Gute Besserung.“

Herr Müller sagt: „Zu ihm können wir einfach immer gehen.“

650 Patienten, 3500 Gespräche

Ein Blick auf die Uhr. Kurz vor zehn, „ich muss mich beeilen“, Trabert setzt sich ans Steuer und fährt los. „Die Leute wissen, dass ich komme, und verlassen sich drauf“, sagt er. 650 Patienten im Jahr, rund 3500 Behandlungsgespräche, die meisten führt er in seinem Arztmobil.

Ein neuer Unterschlupf, direkt an der Post, er will vorbeischauen. Versteckt hinter ein paar Bäumen eine aufgespannte Plane: Hier lebt Frau Glockner. Auf dem Boden liegen Bierdosen, sie kriecht aus ihrem Zelt, „oh je, hier sieht es fürchterlich aus, Herr Doktor, ich kann mich zu nichts aufraffen.“ Glockner hat eine Grippe, Hals- und Muskelschmerzen. Außerdem wurde ihr Geldbeutel geklaut. Sie ist aufgelöst. Braucht einen neuen Pass und Bilder. „Ruhig“, sagt Trabert und gibt ihr Vitamine und Schmerzmittel und sechs Euro für Passbilder. Glockner hüpft auf und ab, „danke, danke“.

Patrick P. Bauer

Patrick P. Bauer, geboren 1988, war bewegt von dem Vertrauen, das Gerhard Trabert genießt. "Der ist echt der Beste", flüsterte ihm einer seiner Patienten zu, als Trabert eine Akte holte.
Abbi Wensyel

Andreas Reeg

Andreas Reeg, geboren 1971, wurde bei seiner Foto­reportage deutlich, wie realitätsfremd der Spruch ist: „Jeder ist 
seines Glückes Schmied.“ Viele der Obdach­losen erzählten ihm von herben Schicksalsschlägen.
Andreas Reeg

Gerhard Trabert wuchs in Mainz in einem Waisenhaus auf. Sein Vater war gelernter Werkzeugmacher und arbeitete dort als Hausmeister. Doch bald sagten die Erzieherinnen, der Hausmeister kann besser mit den Kindern als mit den Glühlampen. Traberts Vater machte eine Ausbildung zum Erzieher. „Ich habe immer miterlebt, dass es vielen Menschen schlechter geht als mir“, sagt Trabert. „Wir konnten in den Urlaub, ich bekam große Geschenke zu Weihnachten. Und in der Schule wurden meine Freunde aus dem Waisenhaus schneller geschlagen.“ Du bist deines Glückes Schmied – Trabert wusste früh: „Das ist Unsinn.“ Er fühlte sich hilflos und nahm sich vor: „Wenn ich groß bin, lasse ich solche Ungerechtigkeiten nicht mehr zu!“

 Gerhard Trabert ist nie fertig. Und er weiß: Er kann nicht jedem helfen. Aber er könne, sagt er, seine Patienten wertschätzen, so dass sie wieder an sich selbst glaubenAndreas Reeg

Er studiert Sozialarbeit in den Siebzigern, ist ein erfolgreicher Läufer. Kniefall von Warschau, Ölpreiskrise und der Deutsche Herbst prägen die Zeit. Trabert politisiert sich, will gegen Ungerechtigkeit kämpfen. Er arbeitet ehrenamtlich mit Wohnungslosen. Später fängt er beim Krankenhaus­sozialdienst an. Er möchte Patienten, die sich umbringen wollten, psychosozial begleiten. „Aber die Ärzte haben das gar nicht ernst genommen.“ Wie ihn das ärgert!

Aus Indien bringt er die Idee mit

Also beginnt Trabert mit 27 Jahren ein Medizinstudium. Er hospitiert in einem indischen Leprakrankenhaus, dort gehen die Ärzte auch zu den Pa­tienten nach Hause. Das fasziniert ihn, er bringt die Idee mit nach Deutschland und verbindet sie mit der Sozialarbeit, er wird Streetworker und Arzt zugleich. Seine Doktor­arbeit schreibt er über die medizinische Versorgung Wohnungsloser – und behandelt ­diese. 1997 gründet er den Verein Armut und Gesundheit. Er ist der erste Arzt in Deutschland, der für eine mobile Praxis eine kassen­ärztliche Zu­lassung bekommt. „Viele haben damals noch gesagt, ich dürfe meinen Beruf nicht umherziehend ausüben.“

Sein Verein hat mittlerweile 15 Mitarbeiter. Rund 40 Ehrenamtler helfen regelmäßig. Traberts ältester Sohn Jari, 35, ist der Geschäftsführer. „Er hat diplomatisches Geschick, das fehlt mir manchmal“, sagt Trabert. Überhaupt, die Kinder: Sein zweiter Sohn studiert Medizin, die Tochter Sonderpädagogik, der Jüngste Sportjournalismus. 

 Im Arztmobil hält Gerhard Trabert seine Sprechstunde ab. Seine Patienten interessieren sich nicht für das neuste Auto oder Small Talk, das mache die Beziehungen so intensiv und ehrlichAndreas Reeg

Mehrmals die Woche fährt Gerhard Trabert mit dem Arztmobil durch Mainz. In zwei Unterkünften für Wohnungslose halten er und andere Ärzte Sprechstunden. Wenn seine Patienten versichert sind, rechnet er Behandlung und Medikamente über die Kasse ab. Haben sie keine Versicherung, behandelt Trabert trotzdem und der Verein zahlt die Medikamente, finanziert durch Spenden. Hauptberuflich hält Trabert an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden eine Professur für Sozial­medizin.

Er findet, so scheint es, immer eine Lösung

Außerdem hat Trabert eine medizinische Ambulanz gegründet, für Menschen ohne Krankenversicherung. Zahnärzte, Internisten, Chirurgen und Gynäkologen arbeiten dort ehren­amtlich. Zwei Sozialarbeiterinnen prüfen, für wen ein Eintritt in die Krankenkasse möglich ist. Und wenn einer ohne Versicherung eine Opera­tion braucht, telefoniert er herum, verhandelt mit Krankenhäusern und findet, so scheint es, immer eine Lösung.

In Mainz wären ohne Trabert viele Menschen an ihren Krankheiten gestorben. Aber nicht jede Stadt hat ­einen Trabert. „Als ich anfing, dachte ich, das wird eine vorübergehende Aufgabe sein. Dabei wird das Problem immer größer“, sagt er. „Die ­Agenda 2010 war eine Katastrophe, die Reichen werden reicher, die ­Armen ärmer, wirtschaftliche Interessen gehen vor.“ Wir könnten Armut bekämpfen, nur wolle es eben keiner. 

Trabert fährt auf den Hof der Pfarrer-Landvogt-Hilfe. Hier können Wohnungslose in der Teestube essen, duschen und bekommen Kleidung. Es riecht nach warmem Brot und Pommes. Trabert grüßt in die Runde. „Morsche, das Arztmobil, braucht wer was?“ Ein paar Männer stehen auf und folgen Trabert nach draußen, wo schon weitere Patienten warten.

Schmerzen, Angst und eine gute Nachricht

Der Erste hat Schmerzen im rechten Arm und im Rücken. Er ist 74 Jahre alt, lebt auf der Straße. „Wollen Sie es nicht mal im Heim versuchen?“, fragt Trabert. „Um Gottes willen“, sagt der Mann. „Das halte ich nicht aus.“

Der zweite Patient ist Herr Klecks. „Sie schauen heute so nachdenklich“, sagt Trabert. Klecks quälen Angst­zustände. Er ist depressiv, hat immer wieder Schübe. Trabert kennt Klecks schon lange, hat ihn an einen Psychologen in seiner Ambulanz verwiesen. „Reden hilft mir nicht“, sagt Klecks. Er ist auch süchtig. Immer wieder klopft er an Traberts Bus – nur ein paar Pillen, ein bisschen Psycho­pharmaka, mir geht’s so schlecht, ich habe Angst, Herr Doktor. Aber Gerhard Trabert sagt immer wieder: „Nein, Herr Klecks, verschreiben kann ich Ihnen nichts, da müssen Sie mit den Psychologen sprechen.“ Wenn man, so glaubt Trabert, nur genug Wertschätzung zeige, „dann respektieren sich die Leute irgendwann wieder selbst.“

 Traber fährt seit über zwanzig Jahre die Orte an, an denen sich Arme und Wohnungslose treffen, Einkaufsstraßen, Brücken, Obdachlosenheime und die Einkaufsstraße sind sein EinsatzgebietAndreas Reeg

So geht es weiter an diesem Tag. Trabert behandelt noch Patienten mit: Erkältung, Ellbogenschmerzen, erhöhtem Blutdruck, allergischer Haut­reaktion. Und Herrn Huber.

Huber ist 51 Jahre alt und sieht ein bisschen aus wie der Philosoph Michel Foucault in einer sehr dicken Daunen­jacke. Huber ist Kaisers­lautern-, Trabert Dortmundfan, sie kennen sich seit zwanzig Jahren. ­Gestern, das Spiel? – Herrje, gelb-rot, Götze verletzt. Scheiße.

Huber lebte lange auf der Straße, war alkoholkrank. Trabert hielt den Kontakt. Vor zehn Jahren kam Huber vom Alkohol weg, aus eigener Kraft. Er war trocken, zog in eine Wohnung. Seit zwei Jahren arbeitet er in einer Fahrradwerkstatt gemeinsam mit Geflüchteten. Wenn Freunde zum Fußball kommen, kauft er immer ein paar Dosen Bier, aber nur für die anderen! Vergangenes Frühjahr kam Huber ins Arztmobil, Halsschmerzen, dachte er. Die Diagnose: Kehlkopfkrebs. Operation, Bestrahlung, Chemotherapie. Wieder ein Kampf mit dem Körper. Huber musste über eine Magen­sonde künstlich ernährt werden. In der eigenen Wohnung packte ihn immer wieder die Angst. Da ließ Trabert ihn in seiner medizinischen Ambulanz wohnen und klopfte regel­mäßig an – Morsche, gestern das Spiel?

Heute zieht Huber ein Bündel Papiere aus seiner Jacke. Der aktuelle Befund: keine Metastasen. Keine Tumor­reste. Freude.

„Wer kommt, wird behandelt“

Eigentlich könnte Huber auch zu einem normalen Arzt gehen. Er hat eine Wohnung und eine Kranken­versicherung. „Herr Trabert kennt mich“, sagt Huber. „Wer kommt, wird behandelt“, sagt Trabert.

Mittwochnachmittag, Sprechstunde im Thaddäusheim, eine Einrichtung der Wohnungslosenhilfe. Trabert behandelt die üblichen Winterkrankheiten. Dann ruft er den Pförtner an: „Ich will noch mal Herrn Küster sehen. Wissen Sie, wo er ist?“

Küster hat im vergangenen Jahr das linke Bein und die rechten Zehen verloren. Erfrierungen. Amputation. „Ich war zu lang uff der Gass“, sagt er. Trabert schaut sich den Fuß an, der Schuh ist nass, der Fuß eiskalt, die Wunde wieder offen. Was ist passiert? „Ei, das Gebabbel unten im Hof, dummer Spruch und dann schüttet dir einer ’nen Schoppen auf’n Fuß.“ Wundsalbe, neuer Verband, trockener Schuh, Hand auf die Schulter: „Gehen Sie nicht wieder auf die Straße, bleiben Sie drin, Herr Küster.“

Kommt man da nicht an seine Grenzen? „Nein. Geduld und Wertschätzung“, sagt Trabert. „Immer wieder.“ Die Patienten geben ihm auch viel zurück, sie kümmern sich um ihren Professor Trabert. „Wenn dem Doktor jemand was Böses will, dann helf ich ihm!“, sagt einer. Doc, sagt ein anderer, Doc, du brauchst mal ­eine Pause. 

Auf Augenhöhe mit seinen Patienten

Trabert ist ganz nah an seinen Patienten, er geht runter in die Hocke, auch wenn es mal nach Bier oder Zigaretten riecht. Auf Augenhöhe will er mit ihnen sein, dann öffnen sich Menschen. Und das sei dann das Geschenk an ihn, sagt Trabert. „Die Beziehungen zu meinen Patienten sind sehr intensiv und authentisch. Materialismus und Small Talk spielen keine Rolle.“ Wohltuend sei das. 
Pausen von seiner Arbeit in Mainz nimmt er sich tatsächlich – aber nur, um nach Grönland, Bangladesch oder in den Irak zu reisen und den Ärmsten dort zu helfen. „Da merke ich, was wirklich wichtig ist im Leben“, sagt er, „ehrliche Beziehungen und Begegnungen.“ 2017 war er auch in Flüchtlingslagern in Kobane, ­Syrien, auf der griechischen Insel Lesbos und in ­Bozen, Südtirol. „Man gewöhnt sich nie an Leid, Sterben und Ungerechtigkeit. Aber ich darf auch nicht mit jedem Patienten zu sehr mitleiden, sonst kann ich nicht mehr rational ­reflektieren, als Arzt arbeiten“, sagt er. Eine Gratwanderung.

Trabert wirkt brav, bescheiden, ruhig. Aber er kann auch unbequem sein. Er revoltiert. Gegen das System. Er will seine Arbeit überflüssig machen. Unermüdlich kämpft er weiter dafür, dass jeder Mensch medizinisch gut versorgt wird. Er schreibt Bücher, hält Vorträge, geht in Talkshows, ­Trabert ist ein reisender Aktivist. Und vielleicht nirgends so stark wie in seinen Vorlesungen an der Hochschule in Wiesbaden.

Der aktivistische Professor

Donnerstagmittag, 12:15 Uhr, im Vorlesungssaal sitzen Studierende der Sozialarbeit. Trabert schließt seinen Laptop an den Beamer. An der Wand steht nun: „Krankheit macht arm, Armut macht krank!“ Trabert spricht über die Zusammenhänge von Armut und Gesundheit. Er zitiert die Menschenrechte und sagt Sätze wie: „Sozialarbeit ist immer auch politisches Engagement“ und „Wir dürfen Unrechtsstrukturen nicht akzeptieren.“ Er zeigt auf Diagramme und Zahlen. „Das ist ein Skandal.“ Er kritisiert Politiker und Gesetze und diskutiert mit den Studierenden. Am Ende der Vorlesung zitiert er den Schweizer Pfarrer Kurt Marti: „Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.“ Draußen stehen später die Studierenden und sagen: „Tolle Vorlesung.“

 "Ich will meine Arbeit überflüssig machen, denn eigentlich könnte unsere reiche Gesellschaft all diese Menschen angemessen behandeln"Andreas Reeg

Für sein Engagement hat ­Trabert den Verdienstorden des Landes Rheinland-­Pfalz, das Bundesverdienst­kreuz und die Paracelsus-Medaille erhalten. „Ein Erfolg mit zwei Seiten“, sagt er. Natürlich sind die Auszeichnungen eine Anerkennung für die ­Arbeit seines Teams. „Aber diese Preise helfen den Menschen nicht, sie kommen von jenen, die für diese Zustände mitverantwortlich sind.“ Trabert will Widerstand leisten, ohne sich zu verweigern.

Ein Donnerstagabend, Arztmobiltour, Gerhard Trabert ist gemeinsam mit der Sozialarbeiterin Ela Ciftci unter­wegs. Sie wollen einen Patienten suchen, mit dem es Probleme gab. Er leidet unter einer Psychose. Auf dem Weg zu einem Psychologen wurde er gegenüber einer Sozialarbeiterin handgreiflich. Sie finden ihn unter einer Überdachung, eingehüllt in seinem Schlafsack.

Heute ist er ruhig und besonnen. Trabert hockt sich, schaut dem Mann in die Augen. „Mir geht es gut“, sagt der. Aber er will seinen Ausweis wieder. Sein Bruder habe den an sich genommen. Ciftci kennt den Bruder. Verspricht, ihn zu kontaktieren. Auf dem Weg zurück zum Arztmobil entfacht eine Diskussion zwischen Trabert und Ciftci.

"Man muss die Leute ernst nehmen"

„Ruf bitte den Bruder an und sag ihm, dass er den Ausweis aushändigen soll“, sagt Trabert.

„Aber er hat seine Papiere schon öfter verloren.“

„Das ist egal. Wenn er seinen Ausweis will, dann soll er ihn bekommen.“

„Der Bruder schafft das nicht mehr, der ist völlig fertig. Ich kann das verstehen.“

„Ein Ausweis ist sein Grundrecht, und wenn er jetzt sagt, dass er ihn will, dann müssen wir das ernst nehmen.“

Die Lösung kommt ein paar Tage später: Der Patient bekommt eine Kopie seines Ausweises, Ciftci passt auf das Original auf.

Gleichwürdigkeit sagt Trabert in solchen Momenten gerne, und er meint, dass alle Menschen von gleichem Wert sind. „Man muss die Leute ernst nehmen.“

Der letzte Stopp für heute ist noch mal bei Frau Glockner. Die Bierdosen sind weg, der Tisch ist sauber. Glockner hat aufgeräumt und ist nicht da. Vermutlich unterwegs in der Stadt. „Sie hat sich wieder aufgerafft“, sagt Trabert und lächelt fein.

Es ist dunkel geworden, aber es ist noch kein Feierabend. Jetzt findet eine Demo gegen die Identitären statt. Die waren im Sommer mit einem Schiff auf dem Mittelmeer unterwegs gewesen. „Das sind für mich Rassisten“, sagt er. Denen will er etwas entgegenstellen. Gerhard Trabert, so scheint es, ist nie fertig.

Infobox

Für den Umgang mit bettelnden Menschen - 13 Tipps von der Caritas: https://www.caritas.de/beitraege/13-tipps-fuer-den-umgang-mit-bettelnden-menschen/1130389/

Den Verein "Armut und Gesundheit" finden Sie im Internet unter: www.armut-gesundheit.de

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Der Arzt Gerhard Trabert fährt seit über 20 Jahren durch die Straßen von Mainz und behandelt wohnungslose und arme Menschen. Er ist überzeugt: Arme Menschen sterben früher, weil Armut krank macht und Krankheit arm. Dagegen kämpft er. Mit Gesprächen, Medikamenten und Umarmungen. Der Fotograf Andreas Reeg hat ihn über drei Jahre hinweg bei seiner Arbeit begleitet
Im Klassenzimmer kann man so schön vor sich hin dösen. Aber leider nicht in der ersten Reihe
Ja, es ist schwierig, so ehrlich zu sein. Hand aufs Herz: Wovor drücken Sie sich?
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