Beim Arzt: Worauf man im Gespräch in Praxis oder Krankenhaus achten muss

Sprechstunde!
Gesundheit - Du musst zum Arzt

Nicolas Mahler

Gesundheit - Du musst zum Arzt

Wer krank ist, braucht ein offenes Ohr. 
Aber Ärzte hören Patienten oft nicht 
zu und beschließen Therapien über 
ihre Köpfe hinweg – manchmal zum 
Schaden der Patienten. Anleitung für eine Sprechstunde,
 bei der beide Seiten gewinnen

"Mein Arzt nimmt mich nicht ernst, der sagt mir nicht mal richtig, was ich habe“, sagt ein Patient. Eine andere Patientin hat das Gefühl, sie sei dem Arzt lästig, „der hört mir überhaupt nicht zu“. Eine Dritte: „Der Arzt hat mich gleich abgewürgt und mit irgendeinem Zettel rausgeschickt.“ Oder dieser: „Ich soll jetzt immer Tabletten nehmen, mein Leben lang, aber ich hab nicht kapiert, warum.“

Alles nur Einzelerfahrungen? Nein, in einer großen Befragung von Kranken kam heraus: Fast die Hälfte sagt, das Ziel der Behandlung werde ­ihnen ­selten oder nie erklärt. Und die Mehrheit der Kranken wird keineswegs immer über Behandlungsalternativen informiert und nach ihrer Meinung gefragt. Dabei schreibt das Recht dies eigentlich vor.

Blicken wir in ein ärztliches Sprechzimmer. Das ­ty­pische nicht so gute Gespräch beginnt so:

Arzt, während er in den PC tippt: Ja, bitte?
Patientin: Das drückt hier seit neuestem so, vielleicht weil ich . . . 
Arzt: Seit wann?
Patientin: Fing vor drei Wochen an, als ich gerade . . .
Arzt: Rechts? Links? Stechend? Fieber? Atemnot?

Bevor die Patientin ihr Anliegen zu Ende vortragen kann, hat der Arzt die Kontrolle über das Gespräch übernommen.

Stefan Wilm vom Institut für Allgemeinmedizin in Düsseldorf hat sich viele Gesprächsmitschnitte angeschaut, zum Beispiel 57 Gespräche mit Frauen, die wegen Kopfschmerzen ärztliche Hilfe suchten. Im Durchschnitt wurden sie nach elf Sekunden unterbrochen. Interessant: Ausreden zu dürfen verlängerte das Gespräch nicht.
Aber das frühe Unterbrechen macht was mit einem: Man wird verunsichert, vielleicht sogar eingeschüchtert. Auch sonst sehr selbstbewusste Menschen sagen erst mal nichts mehr, schon um nicht als „schwierig“ zu gelten. 

Die Folgen: Arzt, Ärztin erfahren nichts von der Lebenswelt des Gegenübers, sie übersehen seelische Belastungen, sie verordnen Therapien, die nicht zu dieser Person passen. Die sie nicht versteht, die sie nicht will. Je nach Krankheit nehmen 35 bis 50 Prozent der Kranken nicht die verordneten Medikamente ein oder nicht so, wie sie sollen, hat das IPAM-Institut an der Uni Wismar festgestellt. 

Dabei ist die Angst, Kranke könnten ausufernd reden, unbegründet. Teresa Bär fand in ihrer Doktorarbeit heraus, dass die Menschen im Schnitt 64 Sekunden lang sprachen, wenn sie nicht unterbrochen wurden. Die Ärzte, Ärztinnen staunten, wie viel mehr Hinweise sie durch das Erzählenlassen erhalten hatten. 

 Nicolas Mahler

„Und die Patientin fasst Vertrauen“, sagt die Internistin und Professorin Jana Jünger, die seit vielen Jahren Studierende in Kommunikation trainiert. Vertrauen heiße auch, dass die Patientin wiederkommt und offen sagt: Ich kann diesen Betablocker nicht nehmen, ich glaube, ich ver­trage die Tabletten nicht. Oder: Ich kann die Übungen nicht ­machen, ich krieg das nicht hin.

„Ich tu mir als Ärztin auch selbst einen Gefallen, wenn ich erst einmal nur zuhöre: Mir wird ein Mensch sympathischer. Weil ich ihn dann nicht als Fall sehe, sondern als Menschen, der ein Problem hat, das wir jetzt versuchen, gemeinsam anzugehen.“ Hört ein, zwei Minuten zu, sagt Jünger ihren Studierenden. Eigentlich ganz einfach:

Ärztin: Was führt Sie zu mir?
Patient: Bauchweh.
Ärztin nickt.
Patient: Seit einer Woche, hier links. Ich weiß auch nicht, woher. Obwohl . . . Ich hab gerade viel Stress auf der ­Arbeit.
Ärztin: Hm. 
Patient: Dazu noch die Sorgen mit der Tochter. 
Vielleicht kommt daher auch das mit dem Nacken . . .

Was aber tun, wenn der Arzt gleich seine Fragen­kanonade abfeuert? Fragen wir Elisabeth Bonneau, Trainerin für Kommunikation und Etikette. Sie rät, gleich am Anfang zu sagen: „Ich habe einige Fragen an Sie, die mir wichtig sind. Wann können wir die am besten be­sprechen?“ Und wenn der Arzt nicht darauf zurückkommt? Gelassen und bestimmt sagen: „Ich trage Ihnen jetzt vor, was ich noch vorbereitet hatte.“ Ihm keinen Vorwurf machen, sagt Bonneau, sondern das Bedürfnis als Ich-Botschaft formulieren: Ich möchte das jetzt tun.

Ärzte unterbrechen früh - dabei würden die Patienten maximal eine Minute reden

Elisabeth Bonneau hat natürlich auch ihre eigenen Erfahrungen, etwa mit einer Ärztin, die immer schon zu wissen meinte, was die Patientin sagen wird. Patientin: „Die Schulter tut . . . “ Ärztin unterbricht: „Ja, ja, die Schulter rechts hinten tut weh.“ Patientin: „Nein! Die Schulter tut seit drei Wochen nicht mehr weh.“ 

Ärzte und Ärztinnen haben es aber auch nicht leicht! Ein Kranker nach dem anderen, vielleicht noch schwierige Patienten und immer dieser Zeitdruck. Ja, der Zeitdruck ist groß, sagt Pamela Emmerling, eine Psychotherapeutin, die seit langem gelingende Kommunikation mit Ärzten und Ärztinnen übt, aber ihr habe mal ein „Großer Arzt“ über das Erstgespräch gesagt: „Ich habe so wenig Zeit, also muss ich meinen Patienten länger zuhören.“ Im Übrigen, so Emmerling, sollte man sich den Begriff „schwierige Patienten“ abgewöhnen. Denn eigentlich seien das „Patienten in schwierigen Situationen“.  

Fachwörter, noch so ein Ärgernis. Das klingt in Patientinnenohren dann etwa so:

Arzt: Sie haben am Hinterhorn der Patella eine dorsale Ventrikulation mit Einsprengseln, da machen wir jetzt ­eine minimal restriktive Ektomie.
Patientin, ratlos: Was heißt Patella?
Arzt, vorwurfsvoll: Kniescheibe!

Das sei keine Böswilligkeit, sondern Blindheit, hat Sascha Bechmann festgestellt. Der Sprachwissenschaftler unterrichtet in Düsseldorf Medizinstudierende in Kommuni­kation und macht mit ihnen im ersten Semester und noch mal im fünften Semester ein Experiment: Sie sollen in einem Text alle Fachwörter anstreichen. Im ersten Se­­mes­ter markieren sie viele Wörter, im fünften Semester erkennen sie fast kein Wort mehr als Fremdwort.

Soll man den Arzt denn nun nach jedem Wort fragen? „Nein“, sagt Elisabeth Bonneau, „lassen Sie ihn ausreden und sagen Sie dann: ‚Ich würde es gern verstehen. Würden Sie es mir deshalb bitte noch mal so sagen, dass ich es verstehen kann?‘“ Und um Missverständnisse zu vermeiden, gibt man in eigenen Worten wieder, was man verstanden hat: „Als wichtigste Punkte nehme ich mit . . . “ Oder: „Ich verstehe, dass . . . “

Nur acht Minuten pro Patient

Knapp acht Minuten dauert eine ärztliche Konsultation im Schnitt in Deutschland. Da ist der Hustenpatient mit zwei Minuten dabei („Sie brauchen gar nichts sagen, Sie haben Husten – trinken Sie viel und . . . “) wie auch die Diabetespatientin, die ein längeres Gespräch braucht. Man sollte sich also gut vorbereiten: klären, was das dringlichste von allen Anliegen ist; üben, die Vorge­schichte gut sortiert vorzutragen; die derzeitigen Medikamente auflisten. Beispielhaft einige wichtige Fragen:

• Was hab ich? Wie heißt das genau?
• Was kann man durch die Untersuchung herausfinden?
• Was ist das Ziel der Behandlung?
• Spüre ich, ob das Medikament wirkt? Wenn ja, ab wann?
• Kann die Therapie auch schaden? (Nebenwirkungen, Nachteile)
• Gibt es Alternativen zu diesem Behandlungsvorschlag? Was wäre die nächstbeste Therapie?
• Was ist, wenn ich diese Therapie nicht mache?

Solche Fragen übt Marie-Luise Dierks mit Patientinnen und Patienten. Die Professorin leitet die Patientenuniversität in Hannover. Nach den Kursen sagen die Menschen stolz: Ich trau mich jetzt, meinen Arzt mehr zu fragen. Oder: Ich lehne eine Untersuchung ab, wenn ich den Eindruck gewonnen habe, sie nützt nur dem Arzt.

 Nicolas Mahler

Wer sich das Fragen nicht zutraut, nimmt jemanden Vertrautes mit. Elisabeth Bonneau zum Beispiel begleitet oft ihren Mann. „Ich lasse die beiden miteinander reden und sag nur mal zwischendurch: ‚Darf ich noch eine Frage stellen, die mir auf der Seele liegt?‘“

Viele Menschen fühlen sich machtlos, sobald sie eine Arztpraxis betreten – dabei haben sie Rechte. Schon 1894 entschied das deutsche Reichsgericht: Der Arzt darf den Patienten nicht einfach zum Gegenstand seiner Heilversuche machen – und seien sie noch so gut gemeint. Der Patient muss einwilligen, sonst ist die Behandlung ­eine Körperverletzung. Es folgten viele bestätigende Urteile, 2013 hat der Bundestag diese Rechte dann im Pa­tientenrechtegesetz zusammengefasst. 

Damit ich mein Recht auf Selbstbestimmung überhaupt ausüben kann, muss ich aufgeklärt worden sein – in verständlichen Worten. Über Vor- und Nachteile der vorgeschlagenen Behandlung. Über etwaige Alternativen. Über die Erfolgsaussichten der Therapie – und zwar bei mir. Die neue alte Regel heißt: Entscheidungen werden gemeinsam gefunden.

Und, wie sieht es damit in der Wirklichkeit aus? Das haben sich die Gesundheitswissenschaftler Maren ­Stamer, Norbert Schmacke und Petra Richter angeschaut. Sie ­analysierten ärztliche Gespräche, in denen eine wichtige Entscheidung getroffen wurde. Verstörend seien die Ergebnisse, so schreiben sie in ihrem Buch „Der schwierige Weg zur Partizipation“.

Viele Ärzte erwarten einfach Folgsamkeit

Mal redet der Arzt nur über das, was er für wichtig hält, und missachtet die Anliegen der Patientin – auch wenn das Gespräch lang ist. Mal degradiert er den Patienten zum bloßen Informationsempfänger. Nicht wenige er­warten schlichtweg Folgsamkeit, so wie dieser Urologe von einem Mann, bei dem erneut ein Blasenkrebs entdeckt worden ist:

Arzt: Wir haben ja letzte Woche die PE gemacht in der Blase. Und inzwischen ist die Histologie angekommen, und es hat sich bestätigt, sind bösartige Zellen . . .
Patient: Doch?
Arzt: Sind da im Blasenauslass. Und das ist natürlich erst mal . . .
Patient: Ja.
Arzt: Wir müssen in sechs Wochen noch mal reingucken, ob aus dem Randbereich noch was nachwächst. ­
So dass man das an der Stelle noch mal abtragen würde. Das ist im Prinzip die Botschaft für die jetzige Situation. Ist das so weit klar?
Patient: Ja.

(Gekürzt)

Der Arzt verlangt, dass der Patient nun alle Untersuchungstermine einhält. Doch der Patient würde gern verreisen. Darauf der Arzt: „Aber Sie wollen doch auch weiterleben!“ Vielleicht ist es für diesen Patienten besser, die Traum­reise noch zu machen und nicht jeden Termin einzuhalten? Darüber hätten Arzt und Patient reden können, sagt Gesundheitswissenschaftlerin Maren Stamer: Sie empfiehlt ein Agreement, das zu diesem Patienten passt und zu dem, was ihm in dieser Lebensphase wirklich wichtig ist.

Rechtlich, auf dem Papier, hat sich für Kranke viel gebessert, resümiert das Forschungsteam, aber in der Praxis sind sie oft noch immer bloßes Objekt der Medizin.

"Niemand muss im Krankenhaus Schmerzen haben"

Vollends ausgeliefert kann man sich im Kranken­haus fühlen. Es ist Nacht, man hat starke Schmerzen. Was tun? Das kann man den Arzt Paul Brandenburg ­fragen, Autor des Buchs „Kliniken und Nebenwirkungen – Überleben in Deutschlands Krankenhäusern“. Er sagt:

"Niemand muss im Krankenhaus Schmerzen haben! Aber die überlastete Nachtschwester wird vermutlich mindes­tens das zweite Klingeln abwarten. Wenn sie Ihnen dann keine wirksamen Medikamente anbieten kann, weil der Arzt die nicht verordnet hat, dann muss er das jetzt eben nachholen. Bitten Sie höflich, aber hartnäckig darum, dass der diensthabende Arzt kommt. Notfalls ­erwähnen Sie, dass es ja immer noch die 112 gibt. ­
Das ­ist natürlich eine Kriegserklärung. Aber wenn man Schmerzen hat, dann ist einem das ab einem gewissen Punkt zu Recht egal. Das ist Notwehr. Und es funktioniert. Die Rettungsstelle schickt einen Notarzt in die Klinik."

Eher der Normalfall dürfte sein, dass man als Patient, ­Patientin noch dringliche Fragen hat – aber es lässt sich kein Arzt, keine Ärztin blicken. Auch hier hat Brandenburg einen Tipp: „Schreiben Sie eine freundliche Notiz an den zuständigen Arzt – eine präzise Frage oder auch nur ein Stichwort, verbunden mit der Bitte um Rücksprache. Bitten Sie die Pflege, den Zettel in Ihre ‚Kurve‘ zu legen, also die Handakte der Station. Er wird den Zettel sehen und Ihnen vermutlich eine kurze Antwort geben.“

Schwieriger ist es, als besorgte Angehörige mit Arzt oder Ärztin sprechen zu können. Meist kommen Angehörige zwischen 16 und 17 Uhr in die Klinik, aber da haben die Ärzte und Ärztinnen, die um sechs oder sieben Uhr zu arbeiten anfingen, eigentlich schon seit zwei Stunden Feierabend, erklärt Brandenburg. „Dann denkt der Arzt: Die Zeit, die ich schon für den Patienten nicht hatte, die habe ich für den Angehörigen erst recht nicht.“

Eigentlich, so Brandenburg, bräuchte man im Krankenhaus 30 bis 50 Prozent mehr Ärzte und Ärztinnen und in der Pflege 100 Prozent mehr Leute, „so übertaktet ist das System“. Paul Brandenburg redet so offen, weil er als selbst­ständiger Honorararzt in Krankenhäusern arbeitet. Er ist unabhängig. Und er findet es unwürdig, dass die Pauschalen, die eine Klinik pro Fall bekommt, von vornherein die Gesprächszeit viel zu niedrig ansetzen. Zumal in den Krankenhäusern vorwiegend alte Menschen liegen. 

Beispiel banale Blinddarmentfernung: Für eine 80-­Jährige, die halb blind ist, viele Vorerkrankungen hat und zu Hause nur noch schwer allein klarkommt, ist eine Blinddarmoperation ein einschneidendes Erlebnis. Sie ist voller Angst vor dem, was sie da trifft, und in großer Sorge, wie es danach weitergeht. „So jemanden“, sagt Brandenburg, „kann man nicht in wenigen Minuten abfertigen. ‚Tach, Frau Müller, wir schneiden Sie jetzt auf, dann gehen Sie wieder nach Hause, nicht wahr!‘“
Gerade beim Erstaufnahmegespräch brauche man viel, viel mehr Zeit, bestätigt die Internistin und Pro­fessorin Jana Jünger. „Sonst macht man viel überflüssige Diagnostik.“ Röntgen, CT, PET, Ultraschall, MRT . . . Aber Untersuchungen zahlten sich meist besser aus. „Ein gutes Gespräch müsste besser vergütet werden“, sagt Jünger.

Dabei zeigen mittlerweile viele Studien: Eine „patientenzentrierte Kommunikation“ führt dazu, dass es den Kranken subjektiv und objektiv besser geht. So fand die Psychologin Susanne Dibbelt vom Institut für Rehabilitationsforschung heraus, dass Menschen, die ein positives Aufnahmegespräch in der Rehaklinik hatten, nach einem halben Jahr seltener Schmerzen hatten und deutlich ­weniger Krankheitstage.

"Mein Arzt muss nicht gut reden können, Hauptsache, er operiert gut"

Wer jetzt noch sagt „Mein Arzt muss nicht gut ­reden können, Hauptsache, er operiert gut“, schaue sich mal an, wie viele Menschen in Deutschland jedes Jahr operiert werden. Es sind irritierend viele Operationen pro 100 000 Einwohner. Die Rate der Mandeloperationen ist in Deutschland doppelt so hoch wie im Durchschnitt der OECD-Staaten. Beim Hüftersatz lag Deutschland zuletzt sogar an erster Stelle der Industrieländer, beim Knie­ersatz an zweiter Stelle. Ebenso bei Bypassoperationen am Herzen. Ganz zu schweigen von den Stents, den Gefäßstützen für Herzkranzgefäße. Gibt es denn auch eine dementsprechend geringere Herztodesrate als in anderen europäischen Ländern? Nein.

 Nicolas Mahler

Könnte es sein, dass in Deutschland öfter operiert wird als sinnvoll, womöglich aus finanziellen Gründen? Ja, sagen zwei Studien, eine von der Uni Duisburg-Essen, eine von der Uni Bremen. Viele der befragten Chefärzte und Klinikleitungen sagten, die Krankenhäuser stünden so ­unter Druck – weil keine ausreichende Grundfinanzierung, sondern Geld pro Fall –, dass öfter operiert werde als sinnvoll, besonders in Kardiologie und Orthopädie.

Der freie Klinikarzt Paul Brandenburg hat das oft erlebt. Etwa bei der Hüftoperation von manchen sehr alten Menschen. Eigentlich, so Brandenburg, müsste man in einem langen Gespräch gemeinsam überlegen: Ist es realistisch, was Sie sich von der OP versprechen? Können Sie das anschließend nötige Training durchhalten? Wie sähe das Leben aus, wenn man nicht operierte? Aber dann, erzählt Brandenburg, sagen die Betriebswirte des Kranken­hauses: „Hör mal, verdienen tun wir hier nur, wenn der OP läuft, wir wollen Prothesen-OPs!“ 

Die Frage ist also, ob Patientinnen und Patienten sich vor gefährlicher Übertherapie schützen können. Sie ­können zumindest eine Zweitmeinung in einer anderen Praxis ein­holen. Schneller geht es, wenn Krankenkassen ein geregeltes Zweitmeinungsverfahren anbieten. Das tun mittler­weile viele, meist vor Operationen an Knie, Hüfte, Wirbel­säule und Schulter, bald auch vor Mandeloperationen und Gebärmutterentfernungen – auch da hat Deutschland unerklärlich hohe Zahlen. Dann organisiert die Kranken­kasse einen Termin bei ausgewiesenen Fachleuten.

Unerklärlich viele Rückenoperationen in Deutschland

Die Techniker-Krankenkasse etwa vermittelt vor Bandscheibenoperationen an Schmerzzentren. Das Ergebnis: In fast 90 Prozent der Fälle wird von einer Operation abgeraten und eine konservative Behandlung empfohlen, etwa Schmerz­therapie und Physiotherapie; die meisten Schmerzgeplagten folgen dem Rat. Wirklich nötig ist diese Opera­tion meist nur bei Lähmungserscheinungen oder wenn Blase und Darm nicht mehr kontrolliert werden können.  

Nicht mal das Röntgen bei Schmerzen im unteren Rücken ist sinnvoll. Denn was man beim Röntgen sieht – allerlei Verschleiß, wie bei fast allen Menschen mittleren Alters –, hat meist wenig mit den Schmerzen zu tun. Die Röntgenaufnahme aber könnte der Beginn einer Übertherapie sein bis hin zu einer Operation. Die AOK hat die Ergebnisse von mehreren Studien so zusammengefasst: Gleich viele Rückengeplagte haben nach neun ­Monaten noch Schmerzen oder eben keine mehr – egal, ob ein Bild von ihrer Wirbelsäule gemacht worden war oder nicht. Sinnvoll ist alsbaldiges Röntgen nur, wenn jemand einen Unfall hatte, Lähmungserscheinungen oder Fieber hat oder bestimmte Vorerkrankungen.

So manche Behandlung hat sich schon als sinnlos erwiesen – und wurde trotzdem noch lang weiter durchgeführt. Wie die Knie-Arthroskopie. Das abgenutzte Knie schmerzt, also wird unter Narkose darin herumgeraspelt und geglättet und gespült. Klingt überzeugend, nützt aber nichts. Das fand ein amerikanischer Arzt heraus. Die Hälfte der Patienten operierte er, bei den anderen machte er eine Scheinoperation – er ritzte mit dem Skalpell die Haut. Nach 
zwei Jahren gab es keine Unterschiede zwischen den Operierten und der Placebogruppe, was Schmerz und Geh­fähigkeit anbelangte. 2002 wurde die Studie veröffentlicht. Erst seit Ende 2015 dürfen deutsche Krankenkassen diese OP bei bloßer Arthrose nicht mehr bezahlen.

Aber als Laie liest man doch keine Studien, man hat doch gar nicht das Fachwissen! Tun kann man trotzdem was: kritisch fragen. Das rät der Allgemeinmediziner ­Gunter Frank, der das Buch „Fragen Sie Ihren Arzt – aber richtig!“ geschrieben hat. „Die Patienten müssen ihre ­bequeme Rolle als vertrauensseliger Patient aufgeben.“

"Fragen Sie Ihren Arzt - aber richtig!"

Nie mehr blind vertrauen? Doch, sagt Frank, vertrauen dürfe man dem erfahrenen Notarzt, der einen Menschen mit Asthmaanfall oder Herzinfarkt versorgt, ebenso der Hausärztin, die seit 30 Jahren Muttermale begutachtet, ob sie gut- oder bösartig sind. Vertrauen dürfe man also immer dann, wenn Ärzte, Ärztinnen viel Erfahrung mit einer Behandlung haben und, ganz wichtig, die Ergebnisse ihrer Behandlung selbst gesehen haben.

 Nicolas Mahler

Nicht blind vertrauen sollte man, so Frank, wenn eine Langzeittherapie vorgeschlagen wird, etwa mit Medikamenten zur Senkung von Blutdruck oder Cholesterin. Ob und wem die nützen, lässt sich nicht durch eigene Erfahrung herausfinden, sondern nur über Studien. Wichtige Frage also: Gibt es eindeutige Studienbelege, die zeigen, dass ich von dieser Behandlung spürbar profitiere? Auch im Vergleich zu einer Nichtbehandlung?

Auch wenn viele Ärzte, Ärztinnen keine Studien lesen, man erinnert sie mit dieser Frage an ihre Sorgfaltspflicht. Reagiert jemand ausweichend oder pampig, wechselt man besser die Praxis, sagt Frank. „Denn dieser Arzt verdrängt, dass es die Gefahr der Übertherapie gibt.“

Übertherapie, das klingt so harmlos – so, als habe man ein bisschen viel Rückenmassage bekommen. Aber Übertherapie kann gefährlich sein. Und sie ist viel häufiger als Untertherapie.

Beispiel Blutdrucksenker: Sinnvoll für Menschen, die sie brauchen – die bereits einen Herzinfarkt hatten oder massive Ablagerungen in der Halsschlagader haben. Mit der Betonung auf massiv, denn Ablagerungen haben die meisten Menschen ab einem bestimmten Alter. Aber viele Menschen, die Blutdrucksenker nehmen, brauchen sie gar nicht, sagt Gunter Frank, sie haben nur Nachteile davon. Zum Beispiel werde alten Menschen so schwindlig, dass sie Unfälle bauen, das sei gar nicht so selten.

Warum werden denn unnötig Blutdrucksenker verschrieben? Weil die Grenzwerte für zu hohen Blutdruck künstlich immer weiter abgesenkt worden sind, von interessierter Seite, da sind sich die kritischen Geister in der Medizin einig. Nicht mal der 60-Jährige mit einem Blutdruck von 160 zu 95, mit einem ansonsten gesunden Herzen und keiner familiären Risikogeschichte, müsse therapiert werden, sagt Gunter Frank – „die Daten dazu sind nicht positiv, der hat also keinen Nutzen davon“. Eine „artgerechtere“ Lebensweise täte natürlich vielen gut – milder Ausdauersport zum Beispiel.

Wer sich jetzt überfordert fühlt, hat recht. Laien können nur schwer allein herausfinden, ob sie von einer Therapie profitieren werden oder nicht. Aber Rettung ist nah.

Viele Dinge in der Medizin bringen nichts oder viel weniger, als man dachte

Es hat sich eine Gegenbewegung formiert, weltweit vernetzt: Menschen aus Wissenschaft, Medizin, von Patientenorganisationen, die an einer „evidenzbasierten Medizin“ arbeiten. Ihr Ziel: Patienten sollen nur mit solchen Untersuchungen und Behandlungen traktiert ­werden, die ihnen erwiesenermaßen nützen. Herauszu­finden, was nützt, ist sehr viel Arbeit, braucht Zeit, kostet Geld. Aber es zeigt sich schon jetzt: Viele Dinge in der Medizin bringen nichts oder viel weniger, als man dachte.

Seit kurzem arbeitet man nun auch daran, die Ergebnisse für Laien verständlich darzustellen: als „Faktenbox“. Man braucht höchstens zwei, drei Minuten, um eine Faktenbox zu verstehen. Eine Faktenbox gibt oft Antwort auf diese Frage: Wie viele Doppelgänger von mir müssen diese Behandlung/Untersuchung machen, damit einer profitiert?
Beeindruckend ist die Faktenbox zur Früherkennung von Brustkrebs: Von 1000 Frauen waren ohne Mammografie nach zehn Jahren fünf an Brustkrebs gestorben, mit Mammografie waren vier Frauen gestorben. Also hat eine von 1000 untersuchten Frauen profitiert.

Aber vielleicht bin ich diese eine? Möglich, aber einige Frauen haben wegen der Untersuchung einen Schaden erlitten: Fünf wurde die Brust ganz oder teilweise entfernt, unnötigerweise, denn die entdeckte Zellwucherung wäre ihnen nie gefährlich geworden. Ganz ähnlich sieht es bei der Früherkennung von Prostatakrebs aus. 

Oft sind Untersuchungen der Anfang einer nicht hilfreichen Behandlungskaskade. Das kann schon passieren, wenn Menschen zum Check-up beim Hausarzt gehen. Eigentlich fühlen sie sich gut. Kurz darauf sind sie Patienten. Weil irgendwelche Messwerte von der Norm abweichen. Erhöhter Blutdruck, erhöhtes Cholesterin, Osteoporose . . . Die meisten Diagnosen, die sie erhalten haben, zeigen aber keine Krankheit an, sondern ein gewisses Risiko, vielleicht irgendwann zu erkranken. War man eben noch selbstvergessen unterwegs, so fühlt man sich nun bedroht.

"Man sollte nicht hinter jedem Symptom eine Krankheit vermuten"

Schön, wenn man auf einen Arzt wie Thomas Kühlein trifft, der für „die Kunst des Weglassens“ plädiert. Er bildet am Institut für Allgemeinmedizin an der Uni Erlangen-­Nürnberg Studierende aus und ist daneben immer noch leidenschaftlicher Hausarzt. Kühlein sieht eine paradoxe Entwicklung: Mehr Ärzte bedeuten mehr Diagnosen und damit mehr Krankheiten. Die sogenannte Krankheitslast pro Mensch steigt und steigt.

Die Ärzte messen das Falsche, sagt Kühlein. Eigentlich bestehe die Krankheitslast doch aus dem Leiden der ­Menschen, nicht aus den Diagnosen ihrer Ärzte. Und auf dieses Leiden sollten sich die Ärzte mehr konzentrieren. Ziel der Medizin war doch schließlich mal, das Leid durch Krankheiten zu verringern. 

Kühlein lehrt seine Studierenden, nicht hinter jedem Symptom eine Krankheit zu vermuten und mit allen diagnostischen Mitteln nach ihr zu suchen. „Reden wir mit dem Patienten über sein Leben! Was ist sein Problem, was kann er nicht mehr so gut tun? Würde eine medizinische Intervention seine Lebensqualität überhaupt erhöhen?“
Gute Hausärztinnen und -ärzte picken nur die Menschen heraus, die wirklich mehr Medizin brauchen, sagt Kühlein. Sie schließen gefährliche, aber seltene Ursachen aus – bei hartnäckigem Husten etwa Asthma oder Lungenentzündung – und warten ansonsten, bei unspezifischen Beschwerden, aufmerksam ab. „Je länger die Sache dauert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie am nächs­ten Tag von allein vorbei ist. Das ist die Erfahrung.“

Und wenn man dann doch mal was Ernstes hat und der Arzt rät zu einer Therapie, aber die Patientin ist sich noch nicht sicher, ob sie die Therapie braucht? Dann rät der Hausarzt Gunter Frank zu dieser Frage – die man allerdings erst am Ende eines Gesprächs stellen sollte: „Wissen Sie was, abgesehen von allem, was wir jetzt besprochen haben, rein von Ihrem Gefühl her – was würden Sie raten, wenn ich jetzt Ihre Schwester wäre?“ 

Was jetzt passiert, weiß Frank aus den Erzählungen seiner Patientinnen und Patienten über ihre Besuche in fachärztlichen Praxen. Meist wechselt der Arzt sichtbar die Perspektive. Er hält kurz inne, nimmt die Brille ab ­oder reibt sich am Ohr – und dann sagt er nicht selten: „Ach, wissen Sie was, wir warten mal zu.“

Diese Frage funktioniere so gut, weil der Arzt aus ­seiner Rolle rausdarf, sagt Frank. Er habe nämlich Angst vor Klagen, weil er zu wenig gemacht hat. Frage man ihn nach der Schwester oder dem Vater, sei er aus der juris­tischen Verantwortung raus, dann wolle er nur das Beste. Un­abhängig von juristischen Folgen und von Einflüssen der Pharmaindustrie.

Christine Holch

Christine Holch, 58, sucht selten ärztlichen Rat. Schon weil sie 
das Warten in der ­Praxis fertigmacht. Die meis­ten
 Beschwerden 
verschwanden bislang von allein.
Lena UphoffChristine Holch, Chefreporterin chrismon

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren,

Zum Thema habe ich einen typischen Dialog beizusteuern:

" Was führt Sie (Dich) zu mir?"

"Letzten Donnerstag habe ich 3 mal gebrochen. Mir ist schon die ganze Zeit so komisch und ich habe schon so lange Bauchschmerzen." Pause

" Wie lange haben Sie denn Bauchschmerzen?"

"Ach, schon lange."

"2 Tage, 2 Monate, ein halbes Jahr?"

Die Begleitung mischt sich ein:

" Das war doch schon im Urlaub"

"Nee, das war schon vorher, als Tante Luise da war! Und Onkel Karl hat doch gesagt, ich soll die roten Tabletten nehmen."

" Nein, das war doch Opa Otto, und das war schon viel früher, als wir nach Köln gefahren sind!"

"Nee, der ist doch mit uns nach Koblenz gefahren und der hat gesagt , Du sollst warme Wickel machen und die haben Dir doch nicht geholfen!"

"Das kannst Du doch gar nicht wissen, Du warst ja gar nicht dabei!"usw., usw., das setzt sich bei jeder Nachfrage so fort und passiert durchaus nicht nur bei arteriosklerotischen Patienten!

Können Sie sich vorstellen, dass so etwas eine/n Ärztin/ Arzt an den Rand der Verzweiflung treiben kann? Zumal leider tatsächlich ein enges Zeitbudget von den Krankenkassen vorgegeben ist, das man im Interesse der Patienten und auch im eigenen Interesse, damit man doch ein befriedigendes Ergebnis der Konsultation für beide Seiten erzielt, oft genug mit schlechtem Gewissen überziehen muss. Ausserdem warten die nächsten Patienten, die vielleicht strukturierter sind und auch über ein knappes Zeitbudget verfügen.

Wenn Ärzt/Innen sich etwas wünschen dürften, dann wäre es, dass die Patienten spätestens die Zeit im Wartezimmer dazu nutzen würden, sich zu überlegen, seit wann und  wo die Beschwerden bestehen, was sie verschlimmert oder bessert, ob Fieber oder andere Begleiterscheinungen auftreten und ob es ein auslösendes Ereignis gab. Eine wichtige Information sind auch vorangegangene Auslandsaufenthalte.

Die Patienten könnten z. B. sagen: Seit einem halben Jahr, da waren wir auf den Malediven im Urlaub, habe ich immer wieder morgens nach dem Frühstück Bauchschmerzen hier rechts oben.

Damit wäre allen Seiten viel Frustration erspart.

Mit freundlichen Grüßen

Gisela Schock

Ärztin für Kinder-und Jugendmedizin

Homöopathie