Nachgelesen (III): Wer ist eigentlich das Kind in der Krippe?

Was taugen die Stammbäume Jesu?
Was taugen die Stammbäume Jesu?

INTERFOTO/Bildarchiv Hansmann

Lucas van Leydens Gemälde „Wurzel Jesse" (Detail), um 1530, heute im Diözesanmuseum Freising

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Jesu Abstammung vom legendären König David müht sich die Bibel, auf vielen Seiten zu beweisen. Das ist historisch schwierig, der Wunsch aber nachvollziehbar

Jesus, der Sohn Mariens, gesetzlicher Erbe des Josef, hatte einen großen Stammvater: David, Heerführer, Freibeuter, seit dem Jahr 1010 König des Reiches Juda. Er war Begründer einer großen Dynastie. Über vier Jahrhunderte blieb das Königtum lückenlos in seiner Familie. Er unterwarf die Nordstämme (Israel), Jerusalem, die Nachbarvölker. Noch Jahrhunderte später entzündeten sich an seiner Person die Hoffnungen seines Volkes.

Kann sich Jesus auf diese königliche Abstammung berufen? Es gibt zwei sehr unterschiedliche Stammbäume Jesu. Bei Matthäus eröffnet er das Evangelium (Kapitel 1),  bei Lukas hingegen ist der Stammbaum Jesu nach dem Auftreten des Täufers Johannes eingefügt (Kapitel 3). Matthäus geht von David bis Jesus vor, Lukas zurück: von Jesus zu David und dann sogar bis Adam. Lukas hat den längeren Atem. Seine Genealogie gewinnt so eine universale, also weltweite Bedeutung. Denn Adam ist der Urvater der ganzen Menschheit.

Im Stammbaum tauchen unbekannte Namen auf

Aber was ist denn das? Im Zeitraum zwischen David und Jesus sind in den beiden Genealogien nur zwei Namen identisch: Schealtiël und Serubbabel. Vom Babylonischen Exil bis zu Josef nennt Matthäus zum großen Teil unbekannte Namen: „Abihud zeugte Eljakim. Eljakim zeugte Azor. Azor zeugte Zadok. Zadok zeugte Achim. Achim zeugte Eliud.“ Auch bei Lukas tauchen unbekannte Namen auf, und das schon seit Davids Zeiten. Das verstärkt die Vermutung, dass es in den Stammbäumen nicht um eine wirkliche Abstammungslinie geht, sondern darum, die Bedeutung von Jesus von Nazareth zu unterstreichen, ihn als Erfüllung einer alten Verheißung vorzustellen.

Das ist besonders bei Matthäus deutlich. Er, der unter Juden lebte und für Juden schrieb, bezieht sich auf Schritt und Tritt auf das Alte Testament. Seine liebste Strategie: Er führt Schriftbeweise an, interpretiert die gegenwärtigen Ereignisse also als Erfüllung dessen an, was im Alten Testament verheißen wurde. So beweisen zum Beispiel Heilungen an Blinden, Tauben, Gelähmten und Aussätzigen, dass er der erwartete Messias ist. Und das beweist auch, dass er von David abstammt. In keinem anderen Evangelium ist der Schriftbeweis so stark herausgearbeitet wie bei ihm.

Lukas hingegen arbeitet den Kontrast heraus zwischen der alten Zeit und der Gegenwart. Mit Jesus nimmt die Geschichte eine neue Wendung, sie befreit sich aus ihren starren Bahnen. Jesu Lehre geht über das Gesetz hinaus.

 Lucas van Leydens Gemälde „Wurzel Jesse“, um 1530, heute im Diözesanmuseum FreisingINTERFOTO/Bildarchiv Hansmann

Aber wo sind in den Stammbäumen die Frauen? Im Stammbaum des Matthäus werden vier erwähnt, zwei davon sind Nichtjüdinnen: Rahab und Rut. Der Autor macht so deutlich, dass Jesus auch für die Nichtjuden auf die Welt gekommen ist. Aber was sind es für Frauen! Tamar, die als Hure verkleidet sich von ihrem Schwiegervater schwängern lässt; Rahab, eine Prostituierte, die den Kundschaftern Israels das Leben rettet, weshalb ihr Haus und ihre Familie bei der Zerstörung Jerichos verschont bleiben; Rut, die Moabiterin, ein Ausländerin in der Familiengeschichte Davids; schließlich die Frau des Uria, Batseba, mit der David die Ehe bricht und deren Mann er ins Feld schickt, wo er stirbt.

Ein Zahlenspiel mit sieben und 14

Andere Frauen finden in den Stammbäumen keine Erwähnung. Mit jeder Generation scheidet also die Hälfte der Beteiligten aus der Beschreibung aus. In den Stammbäumen, so wird auch an diesem Detail deutlich, geht es nicht um die tatsächliche Abstammung, sondern um einen Rechtstitel.

Die Stammbäume Jesu haben vor allem literarischen Charakter. Matthäus zählt von Abraham bis David vierzehn Generationen, von David bis zur Babylonischen Gefangenschaft vierzehn Generationen, von der Babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus vierzehn Generationen. Matthäus liebt die Siebenzahl: sieben Vaterunser-Bitten; Vergebung siebzigmal siebenmal (18,22); sieben Wehrufe gegen die Pharisäer (23,13). Die Siebenerschritte liebte er so sehr, dass er zwischen Joram und Usija drei Könige einfach ausließ.

Es ist allerdings nicht festzustellen, dass sich Jesus je selbst Sohn Davids genannt hätte. Nur zwei Stellen belegen ein Bekenntnis seiner Anhänger zu ihm als Nachfahre des Davids: Der blinde Bartimäus in Jericho bittet ihn mit diesem Titel um Hilfe: „Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ (Markus 10,48). Und die Jerusalemer freuen sich beim Einzug Jesu in ihre Stadt über das kommende Reich „unseres Vaters David“ (Markus 11,10).

Beide Stammbäume enden mit Josef, dem gesetzlichen Vater Jesu. Ausschließlich die gesetzliche Vaterschaft verlieh alle Erbrechte, hier die des messianischen Geschlechts. Was nicht heißt, dass Maria nicht zu dieser Geschlechterfolge gehörte. Doch davon sprechen die Evangelisten – leider - nicht.

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