Nachgelesen (II): Wer ist eigentlich das Kind in der Krippe?

Warum war Jesus kein Mädchen?
Warum war Jesus kein Mädchen?

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Girl wearing tiara

Jesus, der Sohn Gottes, war unzweifelhaft ein Junge. Warum wurde als Erlöser kein Mädchen verheißen? Jesus hatte doch auch eine Reihe Schwestern!

Das Christkind, das jedes Jahr in einer feierlichen Zeremonie den Weihnachtsmarkt in Nürnberg eröffnet, ist ein Mädchen. Mit seinen goldenen Locken, der goldenen Krone und dem goldenem Umhang zeigt es: Es ist nicht etwa Himmelsbotin, kein Engel, der zu Weihnachten Geschenke verteilt, sondern es ist Teil der eigentlichen Weihnachtsgeschichte. Es hat mehr Attribute eines Gotteskindes, das laut Lukasevangelium in der Krippe liegt, als Kennzeichen einer Botin oder einer reinen Geschenkfee. Denn die tragen bekanntlich keine Krone. Eine Krone ist im ganzen Erzählkontext von Weihnachten die Krone König Davids, als dessen Nachfahre Jesus gilt.

Gottes Tochter statt Gottes Sohn: Die Veranstalter des Weihnachtsmarktes müssen natürlich in Abrede stellen, dass es sich hier um das Kind Gottes handelt. Aber sieht man von dem volkstümlichen Erscheinungsbild des Nürnberger Christkindls ab, bleibt die charmante Überlegung: Warum war Jesus eigentlich kein Mädchen? Er hatte doch auch leibliche Schwestern und Brüder. Jesu Schwestern sind namentlich nicht bekannt, seine Brüder aber wohl. Da war zum Beispiel Jakob, ein begabter Politiker. Und was war mit Simon? Ob sie alle, die Schwestern eingeschlossen, die göttlichen Verheißungen hätten erfüllen können?

Auch Künstler und Fotografen haben Jesus als Frau in Szene gesetzt. Auf dem Deckel des Bibelbands „I. N. R. I.“ der französischen Starfotografin Bettina Rheims ist am Kreuz eine Frau zu sehen (1998). Fotografen inszenieren das Letzte Abendmahl nicht selten so, dass den Platz Jesu eine Frau einnimmt, so zum Beispiel auf dem Foto "Yo Mama's Last Supper" der Amerikanerin Renee Cox für eine Ausstellung in Brooklyn 2001.

Ein Hoffnungsträger muss nicht unbedingt männlich sein

Jesus ist ein Hoffnungsträger. Er bringt, so der Evangelist Lukas in seiner Weihnachtsgeschichte, Frieden, Gerechtigkeit und Heil. Das sind nicht unbedingt rein männliche Eigenschaften und Fähigkeiten. Es ist ein besonderes Kind, die Autoren der Bibel geben dem fantasievoll Ausdruck: Es ist vom Heiligen Geist gezeugt, von einer Jungfrau geboren, Kind des Höchsten.

Über die Jahrhunderte versuchten Theologen, das noch weiter zu pointieren. Das geht bis in ihre Aussagen über Jesu Familie. Während im katholischen Katechismus zu lesen ist, die in der Bibel erwähnten Geschwister Jesu seien „nicht weitere Kinder der Jungfrau Maria“, sondern „nahe Verwandte“, steht für die meisten evangelischen Theologen fest: Jesus entstammt einer kinderreichen Familie. Diese Position vertritt auch der Evangelische Erwachsenenkatechismus.

Schaut man in die Bibel, so findet man das bestätigt. Da ist mal davon die Rede, dass Jesu Mutter und Geschwister auf ihn warteten, um mit ihm zu sprechen. Ein anderes Mal, als er in seiner Heimatstadt Nazareth mit seinen Reden Aufsehen erregt, sind die Zuhörer empört, sagen zueinander: „Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria? Und seine Brüder Jakobus und Josef und Simon und Judas?“ (Matthäus, Kapitel 13,55)

Die klugen leiblichen Geschwister Jesu

Viele orthodoxe und katholische Theologen befürchten, es nähme Jesus etwas von seiner religiösen Bedeutung, wäre er kein Einzelkind. Und tatsächlich gibt es auch ernsthafte Indizien dafür, dass es keine Geschwister gab. Das wichtigste: die Szene bei der Kreuzigung Jesu (Johannes, Kapitel 19). Hier vertraut der Sterbende seine Mutter dem Apostel Johannes an. Das ist in der jüdischen Gesellschaft eigentlich unvorstellbar, solange sich noch andere Kinder um ihre Mutter kümmern könnten. Gab es also keine?

Oh doch. Die Namen sind ja bekannt, allerdings nur die der Brüder, leider nicht die der Schwestern. Sein Bruder Jakob zum Beispiel wurde Bischof von Jerusalem, ihm folgte nach dessen Tod sein Bruder Simon in dieser Funktion nach. Jakob war ein großer Kirchenpolitiker, er schützte die Gemeinde geschickt vor der römischen Besatzungsmacht und dem jüdischen Rat, bis er selbst Opfer einer Christenverfolgung wurde. Ein kluger Mediator, Fachmann für Kompromisse zwischen jüdischen Gesetzesregeln und christlichem Glauben: Selbst der römische Geschichtsschreiber Josephus nennt ihn Bruder Jesu. 

Es fällt auf, dass vor allem die älteren Evangelien (Markus, Matthäus) die Geschwister Jesu im Auge behalten. Sie sind  dichter an den historischen Realitäten als zum Beispiel Johannes, der die erwähnte Szene am Kreuz beschrieb. Dass die Kirche Jakobus’ Bedeutung später herunterspielte, hat auch damit zu tun, dass sie sich von den jüdischen Gesetzen und Wurzeln zu distanzieren begann. Zum Maßstab wurden die sogenannten Heidenchristen, also die zum Christentum bekehrten Nichtjuden. Und so, wie die Judenchristen aus dem Blick gerieten, so auch die Geschwister Jesu. Sie wurden also Opfer einer kirchenpolitischen Wende.

Die Familienverhältnisse Jesu zu rekonstruieren, ist sehr schwer. Anliegen der Evangelien ist es eben, die Bedeutung Jesu für den Glauben der Menschen hervorzuheben, nicht, historische Fakten zu dokumentieren. Aber mit den wenigen Fakten, die historisch stichhaltig sind, sollte man behutsam umgehen.

Viel wichtiger für die Gegenwart ist dies: Nie redete Jesus geringschätzig über Frauen, er behandelte Männer und Frauen respektvoll und als gleichwertig. Wenn man bedenkt, dass Frauen zur Zeit Jesu in der religiösen Gemeinschaft eine untergeordnete Rolle spielten, ist es umso bemerkenswerter, dass er sie unterschiedslos in seinen Reden ansprach, ihn im Übrigen Frauen auch oft auf seinen Reisen begleiteten.

Die Juden versuchten, allzu konkrete Vorstellungen von Gott zu unterbinden

Dass Gott und seinem Kind männliche Eigenschaften zugeschrieben werden, hat historische Gründe: Es waren überwiegend Männer, die ihre religiösen Erfahrungen und Geschichten in der Bibel niederschrieben. Einerseits spiegeln sich darin die männlich dominierten sozialen Verhältnisse ihrer Zeit, andererseits die Bestrebungen der jüdischen Religion, sich gegen die heidnischen Fruchtbarkeitskulte Kanaans, also gegen weiblich geprägte Religionen, abzugrenzen.

Den Juden war es immer wichtig, allzu konkrete Vorstellungen von Gott zu unterbinden. Das gilt erst recht für sexuelle Festlegungen. Liest man die Bibel genau, so fällt zum Beispiel auf: Schon ganz am Anfang erscheint Gott zwar als Schöpfer der Sexualität, er selbst ist jedoch weder ein Er noch eine Sie. Unmissverständlich ist auch das biblische Bilderverbot (5. Buch Mose, Kapitel 4,15f.): So hütet euch um eures Lebens willen (...), dass ihr euch nicht versündigt und euch irgendein Bildnis (von Gott) macht, das gleich sei einem Mann oder einer Frau.“

Das gilt nun für Gottvater – aber auch für seinen Sohn? Grundregel für das Sprechen über Gott – und zwar gleichermaßen über den Vater wie den Sohn: keine Gleichungen aufstellen, sondern allenfalls Vergleiche. Eine Definition wie „Gott ist…“ muss scheitern. Ist Gott eine Frau? Eine rein weibliche Vorstellung von Gott wäre so falsch wie eine rein männliche. Könnte Jesus ein Mädchen sein? Angesichts der historischen Verhältnisse zu Jesu Lebenszeit und der Bedeutung, die eine dynastische Abstammung von König David für den kommenden Messias hatte, eindeutig nicht. Aber es ist eine faszinierende Frage, ob es im Leben und in der Botschaft eines weiblichen Erlösers andere Akzente gegeben hätte. Aber hier verlassen wir den Boden gesicherter historischer Erkenntnisse.

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