Friedensmacher: Versöhnung durch Reue in Südafrika

"Viele Täter bereuen nicht. Sie ertragen es nicht"
Frieden ist...

Daniel Ramirez-Perez

Friednen ist...

Aber wenn sie Reue zeigen, verwandeln sie sich in verwundbare Individuen. Und dann können ihre Opfer vielleicht vergeben, sagt die südafrikanische Psychologin Pumla Gobodo-Madikizela

chrismon: Eugene de Kock war früher Offizier der südafrikanischen Sicherheitspolizei und hat während der Apartheid Regierungsgegner gefoltert und ermordet. Sie haben ihn immer wieder im Gefängnis besucht. De Kock hat seine Taten zutiefst bereut. Was haben Sie in diesen Gesprächen gelernt?

Pumla Gobodo-Madikizela: Wenn Täter sich mit ­ihren Taten auseinandersetzen, so wie Eugene de Kock, konfrontieren sie sich mit einer Seite ihrer selbst, mit der sie nur schwer umgehen können. Reue ist eine Art Selbstbestrafung. Darum wollen viele Täter ihre Taten nicht bereuen: Sie ertragen es nicht. Wenn Sie sich also nicht lediglich sagen „Ich habe nur meine Befehle befolgt!“, dann sehen sie den Opfern ihrer Taten ins Gesicht. Taten können böse sein, aber Reue niemals. Reue ist ein essenzieller menschlicher Akt. Fühlt ein Täter echte Reue, verwandelt er sich in ein ver­wundetes Individuum. Ich nenne das das Paradox der Reue. Es ermöglicht den Opfern, sich von dieser Reue berühren zu lassen.

Die Rollen vertauschen sich: Nun haben die Opfer die Macht, zu vergeben – oder eben nicht.

Wenn sie es tun, reagieren sie auf die Verwundung des Täters und antworten ihm mit Empathie und Mitgefühl. Das bedeutet nicht, dass der Täter zum Opfer wird. Aber es ermöglicht ihm, Scham zu empfinden und zu begreifen, was er seinen Opfern angetan hat. Dann muss ein Dialog beginnen, eine Reflexion: Wie geht es in Zukunft weiter?

Sie waren Teil der Wahrheits- und Versöhnungs­kommission, die in Südafrika Verbrechen aus der Apartheid aufgearbeitet hat. Was genau war die Aufgabe dieser Kommission?

Die Wahrheitskommission war ein Komitee, das sich ab 1995 mit dem Leid der Opfer auseinandersetzte. Es gab öffentliche Anhörungen wie in einem Gericht. Menschen haben davon berichtet, was ihnen angetan wurde. Anders als bei einem Prozess konnten sie einfach von ihrem Schmerz erzählen. Diese Anhörungen wurden im Fernsehen und im Radio übertragen und bestimmten den öffentlichen Diskurs in dieser Zeit. Die Opfer fühlten, dass ihr Leid auf einer nationalen und internationalen Ebene wahrgenommen wurde.

Pumla Gobodo-Madikizela

Pumla Gobodo-Madikizela, geboren 1955 in ­Kapstadt, ist eine südafrikanische ­Psychologin und Professorin an der Stellenbosch-Universität Kapstadt. Ab Mitte der 1990er Jahre war sie Teil der Wahrheits­kommission zur Aufarbeitung der Apartheid. Sie arbeitet und forscht in Südafrika und Nordirland.
Privat

Was hatte die Gesellschaft davon?

Wenn ein Opfer vor der Kommission ausgesagt hat, stand das für den Schmerz vieler anderer Menschen mit ähnlichen Geschichten. Die Aussage hat einen symbolischen Wert: Sie ist wichtig für die Person, die sie macht, aber vielleicht noch wichtiger für die Gesellschaft. Diese Herangehensweise erlaubte der Gesellschaft auf einer nationalen Ebene, an der Aufarbeitung teilzuhaben.

Und was geschah mit den Tätern?

Den Tätern wurde Amnestie für ihre Verbrechen angeboten, wenn sie vor der Wahrheitskommission öffentlich ein umfassendes Geständnis ablegten. Sie mussten absolut alles erzählen: Was haben sie getan? Was waren die Umstände? Wer hat den Befehl gegeben? Wer hat mitgemacht? Was war der Plan dahinter? Eine Gruppe Richter hat sie befragt. So konnten die Opfer sehen, wer was getan hatte. Durch die Geständnisse der Täter, die Geschichten der Opfer und ihrer Familien wurde daraus ein öffentlicher Prozess, der ein nationales Gewissen geweckt hat. Die Herausforderung ist, beide Erzählungen – die von Schmerz und Leid und die von Schuld und Scham – im Gleichgewicht zu halten. So baut man Solidarität und Mitgefühl zwischen Menschen auf, die auf verschiedenen Seiten standen. Das Ziel der Kommission war, die aufkeimende Solidarität unter den Süd­afrikanern zu festigen, um eine gemeinsame Zukunft aufzubauen.

Müssen sich Menschen, die Opfer von Gewalt ­wurden, mit der eigenen Vergangenheit und dem Täter auseinandersetzen, um Frieden in einem Land zu ermöglichen?

Ja, das ist sehr wichtig. Der Weg, dem der Einzelne folgt, ist anders als der Weg einer Gesellschaft. Wenn es um Gruppen geht, müssen wir bedenken, dass es sich um viele Menschen handelt, die gelitten haben. Nicht jeder in diesen Gruppen ist bereit, zu vergeben oder sich zu versöhnen, aber jeder hat eine eigene Geschichte. Dort müssen wir ansetzen: Wie ist die Beziehung dieser Menschen zu den Tätern? In letzter Konsequenz geht es aber nicht um das Individuum, sondern um die Gruppe, um die Nation. In Südafrika wurden unter der Präsidentschaft Nelson Mandelas eine neue Politik und neue Gesetze eingeführt, eine nationale Versöhnung kam in Gang, zum Beispiel durch die Wahrheitskommission.

Worte können so viel anrichten. Regierungschefs wie Trump sollten zweimal nachdenken, bevor sie sprechen

Ist es für die Opfer hilfreicher, das Geständnis des Täters zu hören, als ihn für lange Zeit im Gefängnis zu wissen?

Wenn jeder Täter ins Gefängnis gewandert wäre, hätte das die Gesellschaft nur noch tiefer gespalten. Der Versöhnungsprozess in Südafrika war nicht perfekt, aber es war ein wichtiger Schritt. Er hat uns gezeigt, dass es möglich ist, als Gesellschaft zusammenzu­kommen und solidarisch miteinander umzugehen. Des­wegen war die Sprache der Versöhnung so bedeutsam. Sie gab uns einen Weg, so über die Vergangenheit zu ­sprechen, dass wir vorangekommen sind. Jetzt zerfällt diese Einheit langsam wieder, und ich denke, das hat mit der Art des Diskurses zu tun.

Inwiefern?

Die Sprache von oben verändert sich. Ich war in den Vereinigten Staaten von Amerika, als Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde. Es ist unfassbar, welchen Einfluss die Worte eines Präsidenten auf ­einen Grundschüler haben. Noch am Tag der Wahl bekam ich mit, wie Eltern ihre Kinder aus der ­Schule abholen mussten, weil sie urplötzlich von Mit­schülern gemobbt wurden. Die Mitschüler sagten: „Geh heim nach Pakistan! Geh zurück nach Haiti!“ Ich rede hier von Grundschulen! Wenn Regierungs­chefs ein ­Gespür dafür hätten, was ihre Worte anrichten, ­würden sie zweimal nachdenken, was sie sagen. ­Nelson Mandela hat das instinktiv begriffen. Er wusste genau, dass alles, was er sagte – egal ob öffent­lich oder privat – einen Einfluss auf die gesamte Gesellschaft hatte. Er besaß die Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen. Mandelas Präsidentschaft ­hat Hoffnung und Solidarität geweckt. Andere Regierungen haben die Gesellschaft gespalten und waren getrieben von Gier. Gute Führung ist vor allem in Ländern, die eine gewaltvolle Vergangenheit haben, sehr wichtig.

Was ist der wichtigste Baustein für Frieden?

Liebe.

Infobox

Dieses Interview ist Teil der Reihe "Friedensmacher": Frieden ist möglich, wenn die Zeit reif dafür ist. Das hat in Kolumbien über 50 Jahre gedauert. In Syrien ist seit fast sieben Jahren Krieg – und kein Ende in Sicht. Mediatoren, Schlichter, Diplomaten brauchen einen langen Atem. Auch im Kleinen ist manchmal Hilfe von außen nötig, bei Streit unter Schülern oder in Familien.

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