Friedensmacher: Christen und Muslime in Mali

"Wir sind Brüder!"
Frieden ist...

Daniel Ramirez-Perez

Nur gemeinsam können Muslime und Christen Frieden in ihrer Heimat Mali schaffen, sagt Imam Diallo Mahamadou

chrismon: Sie arbeiten als Vermittler für den Frieden in Mali. Mit welchen Konflikten haben Sie zu tun?

Diallo Mahamadou: Terroristen aus Mauretanien und Algerien wollen bei uns die Scharia einführen, ohne uns Malier zu fragen. Ihre Vorstellung von einem islamischen Staat hat unser Land ins Chaos geführt. Diese Leute haben 2012 während eines Armeeaufstands gegen die Zentralregierung unser Land infiltriert. Sie sind auch heute aktiv, während bis zu 13 000 Soldaten im Auftrag der Vereinten Nationen in Mali stationiert sind. Sie behaupten, sie handelten im Namen des Islam. Aber es gibt nun einmal Muslime, Christen, Juden und Atheisten. Das muss sich nicht ändern, denn das entspricht dem Willen Gottes. Die malische Verfassung garantiert die freie Religionsausübung. Wir Malier haben bislang immer gut mit unseren christlichen Minderheiten zusammengelebt. Wir haben auch längst begonnen, einen Dialog miteinander zu führen. – Nun müssen wir auch mit den Extremisten ins Gespräch kommen.

Sie wollen mit Terroristen sprechen?

Mahamadou: Wir wollen zumindest diejenigen, die sich auf die Seite der Terroristen geschlagen haben, zurückgewinnen. Deswegen nutze ich die Gelegenheit dieses Interviews für einen Appell an die deutsche Regierung und die christliche Bevölkerung, uns dabei zu unterstützen, dass wir mit den Extremisten ins Gespräch kommen, damit sie die Armee-Rebellen verlassen und wieder normale Malier werden. Die Nicht-Malier unter ihnen können dann wieder nach Hause ziehen.

Warum führen Sie den muslimisch-christlichen Dialog?

Mahamadou: Für den Frieden im Land. Die Begegnungen zwischen den christlichen und muslimischen Gemeinschaften begannen 2001. Viele Muslime verweigerten sich anfangs. Auch die Regierung war nicht einverstanden und half uns nicht. Nach der Rebellion 2012 war der Staat mit dabei, aber die katholische Gemeinschaft blieb weg. Während des christlich-­muslimischen Bürgerkrieges in Zentralafrika 2014 kamen viele Malier von dort heim, und das Bewusstsein wuchs, wie wichtig interkonfessionelle Begegnungen für den Frieden sind. Denn nur gemeinsam können Christen und Muslime die Gewalt der Terroristen zurückweisen. Gewaltsamer Islam hat nichts mit unserem Islam zu tun. Wir wollen diese Begegnungen ausweiten auf andere Länder der Region: auf Niger, Nigeria, den Tschad.

Woher kommt Ihr Engagement?

Diallo Mahamadou

Diallo Mahamadou ist Imam in Mali. Seit Beginn der 2000er setzt er sich für einen intensiven Dialog zwischen Christen und Muslimen in seinem Land ein. Er ist Vorsitzender der Association Malienne pour la Paix et le Salut für Frieden und Gesundheit.
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Mahamadou: Von meinem Vater. Er war Imam und der christlichen Gemeinschaft sehr verbunden. Jeden Donnerstag gab es eine christliche Radiosendung, die hat er nie verpasst. Aber da waren wir die Ausnahme. Viele Muslime haben das nicht verstanden. Ich wurde oft Dinge gefragt wie: „Wenn uns Christen frohe Festtage wünschen, dürfen wir ihnen auch gratulieren?“ Natürlich sollen wir! Jeder soll seinen Glauben behalten. Aber wir müssen ­einander die Hand reichen und gemeinsam dem Frieden dienen. Den letzten Anstoß für den interreligiösen Dialog gab mir ein Besuch 2007 in den USA. In Salt Lake City habe ich einen christlichen Gottesdienst mitgefeiert. Ich wurde in eine Synagoge eingeladen und in den Hindutempel in Minnesota. Das Mit­einander der Religionen war für alle ganz ­normal. Bei meiner Rückkehr wusste ich: Das will ich in Mali auch. 

Wie entsteht bei Ihnen denn Ärger zwischen Christen und Muslimen?

Mahamadou: Alle Jahre wieder gibt es zum Beispiel Streit um die Hähnchen, das traditionelle Weihnachtsgericht der Christen. Extreme Islamisten haben in Umlauf gebracht, es sei Sünde, an Weihnachten Hühner an Christen zu verkaufen. Wir ver­suchen, solche Gerüchte zu widerlegen. Demnächst werden wir wieder Fernsehansprachen schalten und sagen, dass die Christen unsere Brüder sind. Ein größeres Politikum ist, dass einige Christen fordern, der Präsident solle ihre Delegationen an Weihnachten empfangen, so wie er es mit den Muslimen zum Fastenbrechen macht. Das finden viele zu viel verlangt. Weihnachten ist in Mali ja schon lange ein nationaler Feiertag, obwohl nur drei Prozent der Bevölkerung Christen sind. Das müsse doch reichen.

Was ist Ihr größter Erfolg?

Mahamadou: Dass wir alle miteinander reden. Wenn die Imame etwas in ihrer Moschee organisieren, laden sie Christen ein. Sie feiern mit uns jetzt zum Beispiel die Geburt des Propheten. Die Menschen beginnen zu verstehen: Wir sind Brüder.

Infobox

Dieses Interview ist Teil der Reihe "Friedensmacher": Frieden ist möglich, wenn die Zeit reif dafür ist. Das hat in Kolumbien über 50 Jahre gedauert. In Syrien ist seit fast sieben Jahren Krieg – und kein Ende in Sicht. Mediatoren, Schlichter, Diplomaten brauchen einen langen Atem. Auch im Kleinen ist manchmal Hilfe von außen nötig, bei Streit unter Schülern oder in Familien.

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