Der Schriftsteller Heinrich Böll und seine Kritik am konservativen Nachkriegsdeutschland

Das Gewissen der jungen BRD
Die Entscheidung - Heinrich Böll

Ein Gegner Konrad Adenauers und der Wiederbewaffnung: der Schriftsteller Heinrich Böll

Marco Wagner Fotovorlage: René Böll

NS-Zeit und Zweiter Weltkrieg haben Heinrich Böll geprägt. Seine Kritik richtete sich deshalb gegen politische Anpasserei 
und deutsche Betulichkeit

Am 1. September 1983 finden sich mehr als 600 Friedensaktivis­ten vor der US-Raketenbasis Mutlangen in Württemberg ein. Mit einer Sitzblockade demonstrieren sie gegen die im Rahmen der "Nachrüstung" dort geplante Stationierung von Pershing-Raketen. Unter den Demonstranten befinden sich viele prominente "Friedensbewegte" aus Politik und Kultur. Alle sitzen auf dem Boden – bis auf einen: Heinrich Böll. Der Literaturnobelpreisträger von 1972 nimmt auf einem Campingstuhl Platz. Sein schmerzendes Bein lässt nichts anderes zu.

Die schwäbische Protestlerin Gerlinde erinnert sich: "Er saß da, würdig und ernst über unsere Köpfe blickend. Ich dachte: Er ist der Papst der Friedensbewegung." Papst? Der Vergleich hätte dem am 21. Dezember 1917 geborenen Rheinländer ein sarkastisches Grinsen abgenötigt. Der nach eigenem Bekunden linke Katholik hatte zwar das Zahlen der Kirchensteuer eingestellt, wetterte gegen die konservativ-bürgerlichen Bischöfe, wollte aber nicht austreten. "Den Gefallen tue ich ihnen nicht. Wenn die mich loswerden wollen, müssen die mich schon rausschmeißen."

Heinrich Böll wuchs in einer Handwerkerfamilie in der Kölner Südstadt auf. Während der Inflation 1923 musste der Vater seine Schreinerei aufgeben. Die Bölls verarmten. Dennoch wären die Eltern nie auf die Idee gekommen, "den Nationalsozialisten hinterherzulaufen". Dies hat ihr Sohn mehrfach "dankbar" bekundet.

Nicht mehr studieren, nur noch schreiben!

Dass der kleine Heinrich ein hochbegabtes Kerlchen war, haben Lehrer und Familie erkannt. Er durfte aufs Gymnasium, machte Abitur und begann eine Buchhändlerlehre, die er allerdings rasch abbrach. Der Zwanzig­jährige wollte nicht ­anderer Leute Bücher verkaufen, sondern selbst schreiben. Unmittelbar vor Kriegsbeginn nahm er 1939 ein Studium der Germanistik und klassischen Philosophie auf, wurde aber mit dem Kriegsausbruch im September zum Militärdienst eingezogen. Nun beschränkte sich seine literarische Tätigkeit aufs Schreiben von Briefen an die Eltern und seine sieben Jahre ältere Freundin Annemarie Cech. Die heiratete er in einem Fronturlaub 1942.

Nach Kriegsende und kurzer Gefangenschaft bei den US-Streitkräften fällt er die Entscheidung: nicht mehr studieren, nur noch schreiben! Seine Kurzgeschichten machen ihn rasch bekannt. Leben können die Bölls von den Honoraren zunächst nicht. Annemarie sorgt als Übersetzerin für den Lebensunterhalt. Dies ändert sich mit den ersten Bucherfolgen, vor allem mit "Ansichten eines Clowns" (1963). Der traurige Komiker Hans Schnier erzählt darin, wie er seine Geliebte Marie an einen katholischen Funk­tionsträger verliert.

Gemeinsam mit Willy Brandt setzte Böll auf den Frieden mit Osteuropa

Im Zentrum von Bölls Kritik an der Nachkriegsgesellschaft steht ­deren Orientierung an behördlichen Regeln und traditionsgebundenen Zwängen, 
an denen unabhängige, ihren eigenen Weg suchende Menschen scheitern. Die "Weil-das-eben-so-ist"-Logik nimmt er mit Ironie und Witz, zuweilen mit Bitternis aufs Korn. Manchem Literaturkritiker ist dabei sein Stil "zu schlicht, zu schlampig, zu kitschig". Böll kümmert es nicht.

Eine besondere Beziehung pflegt der Literat zu Willy Brandt. Beide setzen im Umgang zwischen West und Ost auf Gespräch statt Aufrüstung. Dies wird in ihren Briefen deutlich, die soeben unter dem Titel "Mut und Melancholie" erschienen sind. Auch in einer Würdigung Bölls durch Willy Brandt nach dessen Tod am 16. Juli 1985 ist dies zu erkennen. Böll, so schreibt Brandt, habe zeit­lebens auf seine Unabhängigkeit Wert gelegt und jeden Versuch, "ihn zu vereinnahmen, sich mit aller Milde, aller Höflichkeit verbeten". Und Böll habe den Blick der Gesellschaft dafür geschärft, "dass längst nicht ­alles ­gesichert ist, dass die Bedrohung in immer neuer Gestalt erwächst".

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