Helga Weyhe: Die älteste Buchhändlerin Deutschlands

Ihr kommt nicht alles ins Regal!
Helga Weyhe (geb.1922), ist Deutschlands älteste Buchhändlerin

Einen Stock benutzt Helga Weyhe nur draußen. Drinnen, im Buchladen, gibt's genug Bücherstapel zum Aufstützen

Daniel Müller

Die große Freiheit mit 95 – endlich kann 
sie 
selbst entscheiden, was sie verkaufen will und was nicht

Große Begrüßungsgesten liegen Helga Weyhe nicht, sie kommt lieber gleich zur Sache: „Kennen Sie dieses Buch?“ Sie nimmt „Tyll“ von Daniel Kehlmann vom Büchertisch und streicht zärtlich über den Umschlag. „­Diese Vorrede, dieser Einstieg! Hat mir sehr gut gefallen“, sagt sie und reicht dem Gast das Buch. Es handelt vom Dreißigjährigen Krieg. Eine Kundin hat es empfohlen, jetzt liest sie jede freie Minute darin. Sie sagt: „Das werde ich bestimmt oft verkaufen.“ 

Helga Weyhe ist 95 Jahre alt und Deutschlands älteste Buchhändlerin. Von montags bis samstags steht sie in Salzwedel in Sachsen-Anhalt in ihrem Laden. Sie ist klein und zart und hält sich gerade, in vielerlei Hinsicht. Sommer wie Winter trägt sie Bluse und Hose, mal ohne, mal mit Pullover. Wenn es kälter wird, dreht sie nicht die Heizung auf, sie zieht noch eine Strickjacke drüber oder zwei. Der Unterschied zu früher: Sie macht zwei Stunden Mittagspause. Die sind ihr so wichtig, dass sie ungeduldig wird, wenn es auf 13 Uhr zugeht. Aber noch ist der Tag frisch. Helga Weyhe hat gerade erst aufgesperrt.

 Der Buchladen ist in der Altperverstraße in Salzwedel. Viele der umliegenden Geschäfte stehen leerDaniel Müller

Die alte Holztür ist mit einem kleinen Quietschen aufgesprungen, Helga Weyhe hat ein paar Bücher geordnet und sich im Büro im Hinterzimmer an den Schreibtisch gesetzt. Vor ihr liegt ein Block, auf dem sie notiert, was sie nachbestellen muss. Am Regal da­neben hängen gerahmt die großen Männer ihrer Familie: Großvater, Vater, Onkel. Von oben schaut Johann Dietrich Schmidt zu ihr herunter. Er hat die Buchhandlung 1840 gegründet. Damals war Goethe acht Jahre tot, Fontane schrieb seine ersten Gedichte. 1871 kam Helga Weyhes Großvater aus dem Deutsch-Französischen Krieg zurück und kaufte die Buchhandlung. Er war Sohn eines Pastors aus der Altmark und hatte in der Buchhandlung des Waisenhauses von August Hermann Francke in Halle gelernt. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm Helga Weyhes Vater das Geschäft, seit 1965 führt sie es.  

"Ich habe 
einen 
Gemischtwarenladen. 
Irgendwann geht jedes Buch"

Die schweren schokoladenbraunen Regale standen schon zu Kaisers Zeiten hier. In der DDR kamen Tische aus Spanholz hinzu, nach der Wende eine neue Kasse, ein Computer und ein paar Bierbänke, um noch mehr Gedrucktes stapeln und auslegen zu können. Bücher aus allen Epochen sind hier Freunde geworden. „Durch Kamerun von Süd nach Nord“ von 1893 steht neben der „Einführung in die Malerei der Gotik“ von 1938. Arthur ­Haileys „Hotel“ gibt’s hier in der Erstausgabe von 1965, und Johannes R. Bechers „Korrek­tur“ als Band des Leipziger Insel-Verlags. Goethe und Fontane grüßen aus alten und neueren Einbänden, in den Regalen stehen vergilbte und aktuelle Sachbücher, Auto­biografien von Colin Powell bis Käßmann, Neuerscheinungen von 2017, Reiseführer, Landkarten, Kinder- und Jugendbücher. „Ich habe einen Gemischtwarenladen“, sagt Helga ­Weyhe, „irgendwann geht jedes Buch“.

Die erste Kundschaft kommt zur Tür herein. Ding dong. Sie gibt sich einen Ruck, steht auf und geht nach vorne in den Laden. Wenn sie lange steht, stützt sie sich jetzt manchmal mit beiden Händen ab. Der Gehstock bleibt in der Ecke. Den benutzt sie nur zum Einkaufen oder wenn sie den Salzwedelern die Buch­bestellung persönlich vorbeibringt. Ein älteres Paar aus Magdeburg ist so früh gekommen. Es hat über Helga Weyhe in der Zeitung gelesen, dass sich bei ihr nicht die üblichen Bestseller und Ratgeber stapeln. Jetzt stehen sie vor den Regalen und staunen. Ein Kinderbuch für die Enkelin soll es sein. Die ist erst eineinhalb. „Nehmen Sie ruhig etwas mit Schrift“, sagt Helga Weyhe, „in Bücher wächst man rein.“ Sie selbst liest, seitdem sie denken kann. Die Familie wohnte über dem Laden, und der Vater brachte oft Bücher mit nach oben. Sie und ihre Schwester sollten sagen, was sie von den Kinderbüchern hielten. Dann konnte er sie besser verkaufen.

 Sehnsuchtsziel: Die legendäre Kunstbuchhandlung des Onkels in New YorkDaniel Müller

Weihnachten 1932 schenkte er ihr ein gerade erschienenes Kinderbuch von Erika 
Mann: „Stoffel fliegt übers Meer“. Helga 
Weyhe war zehn Jahre alt. Es wurde ihr Lieblings­buch. Vor einigen Jahren hat sie es wiederentdeckt in einer neuen Ausgabe, die so aussieht wie ihre alte. Gleich fünf Exemplare liegen an der Kasse. „Nicht mal die Buchhändler wissen noch, dass Erika Mann für Kinder geschrieben hat“, sagt sie. In ihrer Stimme schwingt Stolz mit und auch ein wenig Verachtung für die ahnungslose Welt da draußen.

„Stoffel“ ist ein kleiner Junge, der sich als blinder Passagier in das erste Luftschiff schmuggelt, das den Atlantik überquert. Er will in Amerika seinen reichen Onkel be­suchen. Helga Weyhe mag das Buch auch deshalb so sehr, weil darin etwas von ihrer eigenen Geschichte steckt. Auch sie hatte einen Onkel in ­Amerika. 1914 war Erhard Weyhe, der Bruder des ­Vaters, nach New York ausgewandert. Er er­öffnete in der noblen Lexington Avenue 794 die erste Kunstbuchhandlung mit Galerie, organisierte Ausstellungen mit Matisse und Picasso und wurde berühmt. Seine Nichte hätte ihn gerne besucht und bei ihm gearbeitet nach ihrem Geschichts- und Deutschstudium. Doch als es so weit war, war Krieg. An einen Flug nach New York war nicht zu denken. „Und nach den Braunen kamen die Roten“, sagt ­Helga Weyhe. Sie hätte die Eltern in Salz­wedel zurücklassen müssen. Der Staat hätte das Geschäft enteignet nach dem Tod der Eltern. Sie hat bei Schulfreunden erlebt, wie das ging. Sie blieb. Und die Sehnsucht blieb auch.

Über den Regalen hängen Poster mit der Skyline von Manhattan und ein Straßenschild von der Lexington Avenue. Erst 1982, mit 60 Jahren, war sie zum ersten Mal dort. „Die tollste Stadt der Welt, so lebendig, so viele unterschiedliche Menschen. Wie die mittags im Battery Park ihre Brown Bags auspacken...“ Wenn sie von New York erzählt, hüpft ihre helle Stimme wie sonst nur, wenn es um Bücher und Schriftsteller geht. Sie blieb fünf Wochen.  

 Auch den Passanten in Salzwedel will die Buchhändlerin was mitgeben - mit abgetippten Lebensweisheiten im SchaufensterDaniel Müller

Ding dong. Die nächste Kundin. Sie geht langsam um den Büchertisch herum, die 150 Jahre alten Dielen knarzen. Die Kundin hat von Helga Weyhe im Radio gehört, denn ­Weyhe hat jüngst den Deutschen Buchhandlungspreis gewonnen. Die Kundin lädt sich Fontane auf den Arm, Gustav Schwabs „Sagen des klassischen Altertums“und ein Büchlein von Selma Meerbaum-Eisinger. „Sehr gute Wahl“, kommentiert Helga Weyhe und erklärt, dass Selma Meerbaum Jüdin war und von den Nazis ermordet wurde. Als die Frau mit ihrem Stapel an der Kasse steht, fragt Weyhe „Kennen Sie dieses Buch?“ und hält ihr den „Stoffel“ hin. Die Kundin kauft drei Exemplare.

Als sie aus der Tür ist, kann Helga Weyhe ihr Glück kaum fassen: „Drei Stoffel hat die gekauft, drei Stück! Das gab’s noch nie.“ Sie geht ins Büro und schreibt auf, was sie am Montag alles nachbestellen muss. An der Kasse liegen auch Romane von Alice Berend, ebenfalls eine heute weitgehend vergessene jüdische Schriftstellerin. Unter den Nazis durfte man Bücher jüdischer Autoren nicht mehr verkaufen. In der Wohnung der Familie Weyhe haben sie die Zeit überlebt. Heute verkauft Helga Weyhe sie wieder.

"Ich kann endlich verkaufen, was ich verkaufen möchte"

In der DDR hat sie sich auf Fachbücher konzentriert – „der Knochenbau des Menschen war in Ost und West gleich“.Salzwedeler erzählen, dass sie hin und wieder unterm Tresen Schätze aus dem Westen hervorholte. Aber nie habe sie die Quelle verraten. „Wer hat Ihnen das erzählt?“, fragt sie empört zurück, wenn man sie darauf anspricht. „Mit welchem Geld hätte ich Westbücher bezahlen sollen?“ Es ist keine Frage, sondern eine Feststellung, formuliert mit strenger Stimme, die keinen Widerspruch duldet.

Die Buchhändlerin hat klare Maßstäbe, was ihr ins Regal kommt und was nicht. In viele Verlagsprogramme schaut sie erst gar nicht. „Wird ja unheimlich viel verschleudert“, sagt sie. Aktuelle Krimis zum Beispiel. „Nur kaputte Typen.“ Da liest sie lieber Agatha Christie. Und zu Goethes Geburtstag am 28. August dekoriert sie das Schaufens­ter manchmal mit seinen Werken und legt eine frische rote Rose dazu.

 Helga Weyhe sitzt gerne in ihrem Büro. Auch von dort kann sie die Ladentür sehenDaniel Müller

Papier raschelt, Bücher werden auf- und zugeklappt. „Cool!“, tuschelt ein junger Mann seiner Freundin zu, „warum sind wir hier nicht schon früher reingekommen?“ Helga Weyhe hält es auf ihrem Bürostuhl nicht aus. „Muss mal schauen.“ „Könnten Sie das vielleicht signieren?“, fragt der junge Mann und hält ihr Kehlmanns „Tyll“ hin. „Ich kenne das ja langsam schon“, sagt sie und lächelt und ist auch ein bisschen verlegen, als sie mit dem Kugelschreiber über das Papier ruckelt.

Im August wurde Helga Weyhe mit dem Sonderpreis des Deutschen Buchhandlungspreises geehrt, für langjährige und heraus­ragende Verdienste. Journalisten besuchten sie und berichteten. Fotografen machten Bilder. Sogar einen Wikipedia-Eintrag hat sie jetzt. „Das interessiert mich eigentlich nicht sehr“, sagt sie. Wichtiger ist, dass sie jeden Tag ein gutes Buch zur Hand hat und nette Kunden zum Unterhalten. Sie muss sich nach niemandem mehr richten, nicht nach der großen Weltpolitik, nicht nach dem Markt. „Ich kann endlich verkaufen, was ich verkaufen möchte.“ Nie war Helga Weyhe so frei wie heute – mit 95. Und wie wird es weitergehen? „Vielleicht übernimmt meine Großnichte den Laden“, sagt sie. „Aber jetzt ist erstmal Mittags­pause.“ Sie verabschiedet den letzten Kunden, holt den Schlüssel und schließt ab.

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