Friedensprozess in Kolumbien

Versöhnungsprozess
Mail aus Kolumbien - Versöhnungsprozess

Privat

Tandem: Der Auto sitzt vorn, sein Freund Alexander hinten

Mail aus Kolumbien - Versöhnungsprozess

Verzeihen ist Stärke, sagt der Pfarrer in der kolumbianischen Stadtteilkirche. Vor allem nach 53 Jahren Bürgerkrieg

Am Sonntagabend war Gottes-dienst in der Kirche in mei­nem Stadtviertel. Alte Männer, Jugendliche mit Baseballkappe, Kleinkinder – der schlichte Zweckbau war bis zum letzten Platz gefüllt. 
Der Glauben spielt in Kolumbien eine sehr große Rolle. „Verzeihen ­
ist Stärke, Hass ist Schwäche", pre­
digte der Priester. Leichter gesagt als getan, dachte ich. Im 53 Jahre langen Bürgerkrieg haben sich bis vor kurzem noch Regierung, rechtsextreme paramilitärische Gruppen und die linke Guerilla bekämpft, mehr als acht ­Millionen Menschen wurden vertrieben, vergewaltigt oder auf bestialische Weise ermordet. Nun gibt es den Friedensvertrag. Die FARC-Guerilla hat die Waffen niedergelegt und ist nun eine politische Partei. Viele Menschen sehen diesen Prozess äußerst kritisch. Der Hass in der kolumbianischen Gesellschaft ist noch immer groß.

Dann musste ich an meinen Freund Alexander denken. Er war als Polizist unterwegs zu einem Einsatz, vor einigen Jahren, da erwischte ihn eine FARC-Bombe. Wochenlang lag er danach im Koma, kämpfte mit dem Tod. Er erholte sich schließlich, hatte aber sein Augenlicht verloren. Seine Frau verließ ihn und die beiden Kinder. Eigentlich Grund genug, um zu hassen.
Alexander aber hat der FARC verziehen. Ohne Verzeihen, erklärt er, hätte er nach dem Attentat nicht weiterleben und nach vorne schauen ­
können. „Der Hass zerstört dich." Letztlich sei er ein Opfer des kolumbianischen Staates. Die Elite des Landes habe ihn und viele andere Polizisten und Soldaten benutzt, um die extrem ungerechte Einkommensverteilung im Land zu verteidigen.  
Heute engagiert sich Alexander im Behindertennetzwerk von Bucaramanga. In einem Kurs unseres Stadtteilradios hat er gelernt, die Interessen seiner Organisation zu vertreten. In seiner Freizeit erklimmt er mit dem Tandemfahrrad die Berge der Umgebung. Alexander ist stark. Stark genug, um nach dem Attentat weiter­zuleben und seine Kinder alleine großzuziehen. Und stark genug, um zu verzeihen.

Zitat

Alexander
erblindete nach einem Attentat der Rebellen, seine Frau verließ ihn. 
Er hätte Grund zu hassen.

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