Staat und Kirche feiern gemeinsam das Reformationsjubiläum in Deutschland

„Den Politikern öfter aufs Dach steigen“
Mit einem zentralen Festgottesdienst in der Wittenberger Schlosskirche feiern die Protestanten am Dienstag (31.10.17) das 500. Reformationsjubilaeum. Foto v.l.: Ehefrau Gabriele Haseloff und der Ministerpraesident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU),

Gabriele und Reiner Haseloff, Monika Gruetters, Angela Merkel, Wolfgang Schäuble, Heinrich Bedford-Strohm, Elke Buedenbender und Frank-Walter Steinmeier (von links nach rechts)

epd-bild / Jens Schlueter

Bei den Feiern zum 500. Reformationsjubiläum mischt sich Stolz auf die eigene Kirchengeschichte mit Sorgen angesichts der politischen Lage

Um 20 Minuten vor zehn ist die Menschenschlange vor Frankfurts evangelischer Hauptkirche St. Katharinen auf über 200 Meter angewachsen. Zum ökumenischen Gottesdienst an Reformationstag hat sich das Frankfurter Bürgertum eingefunden. Es strömt aus allen Richtungen. Quer über den ganzen Platz zieht sich die Schlange, und sie rückt nur beängstigend langsam auf das Portal zu. Minuten drauf schließt sich die Tür. Jemand, der die Schlange entlang ginge, um die Leute nach Hause zu schicken, findet sich nicht. Irgendwann dämmert es den Fünfhundert und mehr, dass für sie der Festgottesdienst ausfällt. Ist es ein gutes Zeichen für dieses Reformationsjubiläum, dass so viele in die Kirche wollen? Oder ein schlechtes, dass selbst kirchennahe Katholiken und Protestanten, die zehn Jahre der Vorbereitung auf dieses Jubiläum engagiert verfolgt und mitgeplant haben, bei diesem Fest ausgeschlossen bleiben?

In Wittenberg versammeln sich zur selben Zeit zu mehreren festlichen Gottesdiensten Christen in der Schlosskirche sowie in der Stadtkirche, und am Nachmittag zum Festgottesdienst der Spitzen von Kirche und Staat, ebenfalls in der Schlosskirche. Es gibt kaum etwas, was zum Thema Reformation in den vergangenen Jahren nicht schon gesagt wurde, aber Margot Käßmann, der Reformationsbotschafterin der evangelischen Kirche, gelingt es, die Glut der Reformationstheologie freizulegen und – bei aller Annäherung an die Katholiken – mit neuer Verve evangelische Grundpositionen zu benennen. Als Christinnen und Christen klar und deutlich zu sein, ohne dogmatisch oder mit Zwang zu arbeiten, dazu rät sie.

„Es gibt keine unhinterfragbaren Antworten der Kirche“ - Margot Käßmann

„Wahrheit ist nie ein Besitz“, sagt sie, „unsere evangelische Kirche ist deshalb eine, in der nicht ein Bischof, eine Pfarrerin oder eine Glaubenskongregation entscheidet, was richtig oder falsch ist. Nein, wir diskutieren darüber, alle miteinander.“ Es gebe keine vorgefertigten unhinterfragbaren Antworten der Kirche oder anderer Obrigkeiten, das habe Martin Luther gelehrt. Zugleich mahnt sie aber auch, die eigenen Auffassungen nach außen deutlich zu machen. Gerade in einer säkularen und zunehmend multireligiösen Gesellschaft gehe es darum „die eigene Wahrheit zu bekennen, ohne anderen abzuerkennen, dass sie ihre Wahrheit gefunden haben. Wir können nur verhindern, dass Kriege geführt werden um religiöse Fragen, wenn wir sagen: Ich habe meine Wahrheit im Glauben gefunden. . . Aber ich respektiere, dass andere Menschen eine andere Wahrheit über Gott für sich erkennen oder eben auch ohne Gott leben.“

Klang da nicht ein kräftiger Schuss evangelischer Selbstkritik mit, als zur selben Zeit ­– allerdings in der Wittenberger Stadtkirche – die mitteldeutsche Bischöfin Ilse Junkermann in ihrer Dialogpredigt mit dem katholischen Magdeburger Bischof Gerhard Feige, das gute Miteinander der Kirchen, der Verbände, Kultur und Politik im Jubeljahr lobte, aber auch gut lutherisch feststellte: „Aufs Dach sind wir kaum jemandem gestiegen! Widerspruch, der dann das Fürchten lehren könnte, haben wir kaum ausgelöst.“ Aber sie blickte auch nach vorn: „Streitet für eine gerechte Welt. Steigt denen aufs Dach, die politisch Verantwortung tragen. Lasst nicht zu, wenn sie Frieden und Gerechtigkeit auf die hinteren Plätze verweisen. . . Reicht euch die Hände, auch über nationale Grenzen hinweg.“ Ein passendes Wort gerade in Zeiten des Rechtspopulismus.

Ein Zusammenspiel von Staat und Kirche zum Nutzen aller

###drp|000100010rTgqyjIwUU4ZSpNyJgKJe6AUeRJWRPi3VMRlZoNZ6q6000000170032|Heinrich Bedford-Strohm schüttelt Angela Merkel vor Beginn des Gottesdienstes die Hand|epd-bild / Jens Schlueter|###

Es ist der Tag, auf den jahrlange Vorbereitungen ausgerichtet waren und auf den sich Staat, Kirche und Gesellschaft freuten. Er führte ein besonderes Staat-Kirche-Verhältnis vor Auge: Beide Seiten kennen und respektieren ihre Grenzen. Weder missbraucht der Staat die Kirche, wie noch bei den Jubiläen in der Kaiserzeit oder in der DDR, noch entziehen sich die Kirchen ihrer öffentlichen Verantwortung, indem sie nach muslimischer Art Parallelstrukturen entwickeln. Dieses Zusammenspiel von Staat und Kirche im Jahr 2017 hat für alle Seiten ihren größtmöglichen Nutzen. Besonders offensichtlich: In einer politisch schwierigen Zeit, in der Ausländerhass tiefe Gräben in die Gesellschaft reißt, betont die evangelische Kirche ihre Mitverantwortung für den gesellschaftlichen Frieden.

Am Nachmittag, beim offiziellen Festgottesdienst in der Wittenberger Schlosskirche, trifft der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm, den richtigen Ton, als er an den Wert der Freiheit, eine Errungenschaft auch der Reformation, erinnert: „Weder Obergrenzen für die Unterstützung von Menschen in Not helfen diesem Land noch moralische Durchhalteparolen. Was dieses Land braucht, ist eine neue innere Freiheit. . . eine Kraft, die die Angst überwindet und die Liebe stärkt. . . Was dieses Land braucht, ist die Rechtfertigung allein aus Glauben und nicht aus den Werken.“

Hoch programmatisch, was Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Festakt in Wittenberg zur Bedeutung der Kirchen für das Gemeinwesen sagte. „Die Toleranz ist die Seele Europas“, so Merkel. „Ohne Toleranz kann es keine offene Gesellschaft geben.“ Überall in der Welt, in der es um die Religionsfreiheit schlecht bestellt sei, nehme auch die Toleranz Schaden. Deshalb betonte sie auch: Politik müsse ein „gemeinsames Wertefundament schützen“.

Deutschland als „Wohltäter“ der Welt – auf Kosten anderer

Nicht nur die Politiker, die gegenwärtig eine Regierungskoalition zu schmieden versuchen, sondern auch alle anderen, nicht zuletzt wir Konsumenten werden auch nachzudenken haben über diese Sätze Bedford-Strohms: „Wo sind die blinden Flecken in unserem Selbstbild als Land, wenn wir uns als Wohltäter für die Welt sehen und kaum noch wahrnehmen, wie sehr unser Wohlstand auf Kosten anderer geschaffen wird? Die ersten Opfer des von uns verursachten Klimawandels sind genau die Menschen, die am wenigsten dazu beigetragen haben.“

Die evangelischen Kirchen haben das Reformationsjubiläum erfolgreich genutzt – zum geringeren Teil für ihre eigenen institutionellen Interessen, zum größeren, um gesamtgesellschaftliche Aufgaben zu betonen. Zentrale Appelle Martin Luthers und der anderen Reformatoren sind von bleibender Bedeutung auch für die Zukunft: sein Aufruf, Verantwortung zu übernehmen, seine Kritik an rücksichtslosem Leistungsdenken, seine Warnung, sich von Angst leiten zu lassen, sein Bildungsstreben, vor allem aber sein Gottvertrauen. Gegen die Reformationsfeierlichkeiten vor allem finanzielle Bedenken ins Feld zu führen, wäre unredlich. Der allergrößte Nutzen der Kirchen, nämlich die religiöse und ethische Vergewisserung der Menschen und die ethische Grundierung der Gesellschaft, lässt sich nicht wirtschaftlich kalkulieren.

In der Ökumene steht der Durchbruch noch aus

Wäre da noch ein religiöses Sorgenkind erster Güte: die stockende Ökumene. Die Nagelprobe auf eine echte Ökumene ist und bleibt die Abendmahlsgemeinschaft, und zwar nicht nur jene für konfessionsverschiedene Ehepartner, sondern die im alltäglichen Normalfall. Es gibt viele Versuche, das Erreichte größer erscheinen lassen, als es ist. Fakt ist: Die katholische Kirche sollte sich mehr bewegen, und deshalb gehen zum Beispiel viele Katholiken und Protestanten weiter, als es katholischerseits erlaubt ist. Sie finden sich am gemeinsamen Abendmahlstisch ein. Auch das Reformationsjubiläum hat in dieser Frage nicht den Durchbruch gebracht. Aber, so Bedford-Strohm, „Auch Rückschläge lassen uns vom Ziel der Ökumene nicht abbringen.“ Zugleich dankte er aber mit bewegten Worten dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und Papst Franziskus für die bisherigen Zeichen der Annäherung.

Hat das Reformationsjubiläum den hohen Aufwand bei Staat, Kirche und Wirtschaft gelohnt? Es hat jedenfalls unerwartet viele Menschen mobilisiert und interessiert – nicht nur für das historische Thema der Reformationsgeschichte, sondern mehr noch für die zukünftigen Aufgaben der Kirchen und aller Christen. Die lange Schlange derer, die Einlass zu den Feierlichkeiten des Reformationstages forderten (wenn auch vergebens), lässt jedenfalls eine dynamische Zukunft erwarten.

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