Medizin studieren in Rumänien

Ihr Ziel: 
Hausärztin werden
Anfänge - Ihr Ziel: Hausärztin werden

Sie mag den Umgang mit den Patienten. Die Studentin Ana G. jobbt im Ärztlichen Bereitschaftsdienst

Evelyn Dragan

Aber ihr Abi reichte nicht für ein Medizinstudium in Deutschland. Also fing sie in Rumänien zu studieren an

Ana G., 30:

Nachdem ich zwei Semester Soziologie und Romanistik studiert hatte und mit der Studienwahl nicht zufrieden war, wuchs in mir der Entschluss, Medizin zu studieren. Aber mit meinem Abischnitt von 2,1 hätte ich 14 Semester auf einen Studienplatz in Medizin warten müssen, sieben Jahre. Dann hörte ich, dass man Medizin auch im Ausland studieren kann, in internationalen Studiengängen, auf Englisch und gegen Gebühren. Viele Deutsche tun das, zum Beispiel in Ungarn. Aber das kostet dort rund 16 00 im Jahr. In ­Rumänien dagegen „nur“ 4000 Euro pro Jahr.

Ich fragte mich, ob sich dieser Wunsch finanzieren ließ, ob ich mein Leben in Frankfurt aufgeben wollte, ob das Studium dort für mich zu schaffen war. Ich besprach es mit meinen Eltern, bewarb mich, bestand die Eingangs­prüfung und zog nach Timisoara – eine Stadt im Westen von Rumänien mit 320 00 Einwohnern, nahe der Grenze zu Ungarn und Serbien. Rund 160 andere begannen mit mir das Studium. Davon ein Drittel aus Deutschland, ein Drittel aus dem arabischen Raum und der Rest aus aller Welt.

Das Grundstudium war sehr theoretisch, in Deutschland gibt es mehr praktische Anteile. Im Präparationskurs ­hatten wir beispielsweise nur eine Leiche für die 160 ­Studierenden. Beim Untersuchungskurs in einem Kranken­haus ließ uns ein schlecht gelaunter Arzt mit den Patienten allein, erklärte nichts, aber fragte uns später vor der Gruppe ab und machte uns runter, weil wir natürlich nicht alles wussten.

Mein Freundeskreis bestand aus etwa zehn Personen, wir haben uns gegenseitig unterstützt und aufgebaut, sind zusammen in die Pubs von Timisoara oder auf den Flohmarkt gegangen. Oft erschien mir die Gemeinschaft wie eine exklusive Blase, ohne Kontakt zu Nichtmedizinern, ein Mikrokosmos. Die Stadt selbst ist wirklich schön, sie erinnert mich an Wien. Trotzdem war es schwierig, wenn ich nach den Semesterferien in Frankfurt wieder zurück nach Rumänien musste.

Ich arbeitete das fehlende Wissen nach – jeden Tag nach der Uni bis spät in die Nacht

Nach vier Semestern hatte ich 60 Credit Points zusammen, was gleichwertig ist mit dem Physikum in Deutschland. Aber ich hatte noch immer keine Zusage einer deutschen Uni – obwohl ich mich jedes Semester bei 30 Universitäten beworben hatte. Trotzdem zog ich zurück nach Frankfurt, denn das Hauptstudium wollte ich unbedingt hier absolvieren. Wegen der Qualität und auch weil ich fand, dass meine Eltern nun genug Geld für meine Ausbildung ausgegeben hatten.

Erst jobbte ich ein Jahr, dann machte ich eine drei­monatige Ausbildung zur Rettungssanitäterin. Die Zeit, in der ich auf meine Chance zum Weiterstudieren wartete, war eine Geduldsprobe. Oft zweifelte ich, ob der ersehnte Studienplatz überhaupt noch kommen würde. Letztlich bekam ich ihn auf dem Rechtsweg: Ich klagte mich ein. Wie oft hatte ich mir vorgestellt, wie ich jubeln würde, wenn ich einen Platz bekomme. Aber als ich die Mail mit der Zusage las, blieb der Jubel aus. Ich hatte zu lange darauf gewartet und fühlte mich wie nach einem Marathon.

An der Uni in Frankfurt stellte ich fest, dass die Kommi­litonen mehr praktische Erfahrungen hatten. Ich hatte zum Beispiel noch nie einen Untersuchungskurs mit Schauspielern gemacht. Als ich einen Patientendarsteller untersuchen sollte, war ich unsicher, ich musste mir die Fachbegriffe notdürftig aus dem Englischen ins Deutsche übersetzen und konnte nur holprig eine Diagnose stellen.

Ich arbeitete das fehlende Wissen nach. Morgens war ich ab acht Uhr an der Uni, nach Unterrichtsende lernte ich bis spät in die Nacht. Mittlerweile habe ich zwei Semes­ter in Frankfurt studiert und komme gut mit. Für mich ist das Studium ein Geschenk, keine Belastung wie für manche Studierende.

Inzwischen arbeite ich neben dem Studium beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst und bei der Studentischen ­Poliklinik für Menschen ohne Versicherung, dort lerne ich viel und kann die Theorie in die Praxis umsetzen. Für später kann ich mir gut vorstellen, Allgemeinmedi­zinerin zu werden, also Hausärztin. In dieser Fachrichtung kann man alle Aspekte und Symptome zusammenführen und Patienten als ganzheitliche Subjekte wahrnehmen, anstatt nur einzelne Körperteile zu behandeln.

Zitat

Ich arbeitete das fehlende Wissen nach – jeden Tag nach der Uni bis spät in die Nacht

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Es ist beeindruckend mit welcher Energie, mit wieviel Herz Sie ihr Ziel, Ärztin zu werden, verfolgt haben. Ihre zukünftigen Patienten werden es Ihnen danken. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg weiterhin. Gruß von einem Kollegen (der sein Studium ganz "unspektakulär" in Deutschland absolviert hat ;-)