Tabu Geschwisterliebe

Brüderchen und
 Schwesterchen
Ein Auszug aus dem Buch "Trotzdem: Liebe"

Jahrzehntelang hielt sie diese Liebe geheim. Bis ihr Vater sie plötzlich darauf ansprach

Heidi Licht

Als Jugendlicher schleicht Robert zu ihr ins Bett, bedrängt sie. Antonia gibt nach, denn sie liebt den Bruder über alles. Im Alter gesteht Antonia ihrem Vater, einem Pfarrer, die inzestuöse Beziehung. Seine Reaktion überrascht sie. Ein Auszug aus dem Buch „Trotzdem: Liebe“, das jetzt erscheint

Es geschieht viele Jahrzehnte später. Da ist ihr Vater 96 Jahre alt. Er ist nach wie vor klar bei Verstand und seine aufrechte Haltung noch immer die des ehemaligen Pastors, der seiner Gemeinde mit Disziplin und Selbstbeherrschung vorsteht.

Antonia selbst ist zu diesem Zeitpunkt 62 Jahre alt. ­Sie besucht ihn jede Woche in seiner Wohnung, in der er immer noch alleine lebt. Dann holt sie ihn, wie jetzt auch, zu einem Spaziergang ab, und sie gehen langsam den ­üblichen Feldweg entlang.

Er unterbricht seinen Schritt nicht, als er ihr plötzlich die Frage stellt, auf die sie seit über vierzig Jahren gewartet hat. „Was ist zwischen Robert und dir gewesen?“ Sie weiß sofort, was er meint. „Hast du eine sexuelle Beziehung mit deinem Bruder gehabt?“

Es ist wie eine Erlösung. Wie eine Tür, die sich endlich öffnet. Sie sagt: „Ja. Robert und ich haben viele Jahre ein sexuelles Verhältnis gehabt. Bis zu seinem Tod.“

Ein Schock. Der greise Vater zieht sie ins Vertrauen

Der Vater geht in seinem gewohnten Rhythmus weiter. Setzt Fuß vor Fuß, gemächlich, konzentriert. Zeigt weder Überraschung noch Bestürzung. Er fragt nicht nach. Will nicht wissen, in welchem Alter es begonnen hat, auch nicht, wo und wann sich Bruder und Schwester intim begegnet sind. Wie sie das Geheimnis hüteten. Als wüsste er alles oder als wolle er es um nichts in der Welt erfahren.

Er fährt fort: „Ich frage dich das, weil mein Bruder auch eine Inzestbeziehung mit unserer älteren Schwester hatte.“

Es ist wie ein Schock. Der greise, ungebeugte Vater, fromm, streng, fern wie immer, zieht sie plötzlich ins Vertrauen. Weiht sie in das Geheimnis seines Lebens ein. Erzählt von seinem Zwillingsbruder, der auch Robert hieß, und wie sehr er ihn als Kind geliebt habe. Ein Freund, ein Vertrauter. Da entdeckte er eines Tages etwas, wofür er noch kein Wort hatte. Nur dass es etwas Schreckliches und Verbotenes war. Er sah den Bruder und die Schwester etwas tun, wofür er jetzt den Begriff „Inzest“ verwendet, mit tiefer Abscheu in der Stimme. Aber da ist mehr. Da ist vor allem der Schmerz über den Verrat des Bruders, den sie heraushört, und der immer noch lebendige Hass auf die längst verstorbene Schwester, die den Brüderbund damit zerstört hätte.

So fremd und neu Antonia dieses ­Kapitel im Leben ihres Vaters ist, ­­so überraschend der Blick in sein Innerstes – seine Wut und seine Verachtung sind ihr seltsam vertraut. Aus ihrer Erinnerung steigt plötzlich ein Satz empor, den er ihr seit ihrer Kindheit bei Auseinandersetzungen so oft entgegengeschleudert hat: „Du bist wie meine Schwester!“ Damals wusste sie nicht, was er damit meinte, aber sie empfand sehr klar die tiefe Ablehnung, die der Vater ihr gegenüber empfand.

Sie gehen weiter schweigend am Waldrand entlang, später bringt sie den Vater wie gewohnt in seine Wohnung zurück. Sie werden nie wieder über dieses Thema ­sprechen. Aber der Vater wird der Tochter seine Offen­barung bis zu seinem Tod nicht verzeihen.

Sie war kein Wunschkind, nur die Wunscherfüllung ihrer Brüder

Die Anfang der 1920er Jahre geborene Antonia wächst mit zwei älteren und einem jüngeren Bruder in einem groß­bürgerlichen protestantischen Pfarrhaus auf. Der ­Vater hatte sich im Ersten Weltkrieg aus Überzeugung als Feldgeist­licher gemeldet: ein gebildeter Mann, der später theologische Bücher veröffentlichte. Die Mutter, eine ehemalige Lehrerin, füllte ihre Rolle als Pastorenfrau mit Überzeugung aus. Zu ihrer einzigen Tochter verhielt sie sich stets distanziert und kühl, worunter das Mädchen sehr litt. 

Als die kleine Antonia ihre Mutter einmal fragte, ob sie sich damals nach den beiden Söhnen ein Mädchen gewünscht hätte, antwortete sie: „Deine Brüder haben sich ein Schwesterchen gewünscht.“ Das war alles.

Sie war also kein Wunschkind gewesen, sondern nur die Wunscherfüllung ihrer Brüder: ein Schwesterchen. Und so wird sie von allen Familienmitgliedern auch genannt: „Schwesterchen“. Niemals ruft man sie bei ihrem Namen „Antonia“, nicht einmal die Nachbarn oder die Freunde der Eltern. Selbst für den Lehrer ist sie einfach „Schwesterchen“. 

Auch wenn er sie ebenfalls nur „Schwesterchen“ nennt, so ist der sechs Jahre ältere Robert der Einzige, von dem sie sich wahrgenommen und geliebt fühlt. Er ist ihr Glück und ihre Rettung. Wenn sie traurig ist, weil die Mutter kein Wort für sie hat oder der Vater sie wieder einmal ausschimpft, ist er es, der sie tröstet, ihr Geschichten ­erzählt oder ihr zuhört. Robert ist fantasievoll und kreativ, sie bewundert ihn dafür, wie die Mutter, die in ihrem Lieblingssohn den künftigen Dichter oder Künstler sieht. Er schreibt Gedichte, ist ein begabter Fotograf und hat eine kleine Dunkelkammer.

Sie findet Roberts Wünsche seltsam und freut sich doch

Irgendwann beginnt sich etwas zu verändern. Sie ist acht Jahre alt, als ­Robert und sie wie so oft nachmittags auf der Treppe sitzen, die zum Dach­boden führt. Sonst erzählt er ihr Geschichten, die er gelesen oder erlebt hat. Jetzt spricht er plötzlich von Dingen, die mit dem Körper von Jungen und Mädchen, von Männern und Frauen zu tun haben. Und von ihren Unterschieden. Das ist neu für sie, und es ist aufregend.

Sie hat nichts dagegen, dass er bei ihren Plaudereien immer öfter auf das Thema kommt. Wie Kinder auf die Welt kommen. Wie sie überhaupt gemacht werden.

Er muss es ihr nicht extra sagen: Sie weiß selbst, dass sie niemandem etwas davon erzählen darf. Es ist ihr Geheimnis. Und sie ist stolz darauf.

Aber es bleibt nicht dabei. Irgendwann lädt er sie ein, mit in seine Dunkelkammer zu kommen, wo er sonst am liebsten alleine ist. Als er die Tür schließt, fordert er sie auf, sich auszuziehen, und gibt ihr Anweisungen, wie sie sich hinsetzen oder hinlegen soll. Er arrangiert das Licht, zupft hier und da an ihr herum. Dann fotografiert er sie. Das hat er schon oft getan, aber bisher niemals nackt. Sie spürt seine Freude daran und tut ihm den Gefallen. Ab jetzt holt er sie regelmäßig zu sich und macht Fotos von ihr. Niemand darf davon wissen. Auch das spürt sie.

Sie findet Roberts Wünsche seltsam und freut sich doch, welche Aufmerksamkeit er ihr und ihrem Körper schenkt. Sie spürt, dass sie ihm gefällt.

Er will mehr. Das mag sie nicht, doch sie lässt es geschehen

Irgendwann will er sie nicht mehr nur fotografieren. Er will sie auch berühren und von ihr berührt werden. Das mag sie nicht, doch sie lässt es geschehen. Er ist ihr wichtigster Mensch. Und er tut ihr ja nichts Böses. Nur etwas Sonderbares. Eines Nachts, als alle schlafen, kommt er in ihr Bett. Zunächst streicheln sie sich nur, und er schleicht sich danach wieder aus ihrem Zimmer. Aber beim ­nächs­ten Mal wird er drängender. Sie bemüht sich, keine Angst zu haben. Er hat sie doch lieb, warum sollte er sonst zu ihr kommen? Und so lässt sie es zu, auch wenn es wehtut. Auch wenn sie nicht versteht, was geschieht.

Er kommt jetzt regelmäßig zu ihr. Sie rückt nun jeden Abend den Eimer, der für das morgendliche Wasch­wasser vor ihrer Tür steht, beiseite, damit er nicht darüberfällt und Lärm macht, wenn er sie besucht. Schwanger kann sie nicht werden, sie wird ihre Tage erst viel später be­kommen. Aber sie hat Angst. Angst vor dem, was geschieht, Angst vor Entdeckung, vor allem Angst vor der Verachtung der Eltern, die sie und nur sie treffen würde. Denn dass es Sünde ist, was sie tun, das weiß sie. Aber man würde sie mit Sicherheit als die einzig Schuldige anklagen. Weil sie den Bruder verführt hat.

Die Eltern wachen zwar aufmerksam über die Erziehung ihrer Kinder, aber Zärtlichkeiten gibt es kaum. Der Vater gibt sich vor allem der Tochter gegenüber streng und unnahbar. Sie ist eine gute Schülerin, trotzdem verhängt er Strafen oder schlägt sie, wenn sie nicht sehr gute Noten nach Hause bringt. Nur beim Sonntagsgottesdienst spürt sie eine ­Art väterlicher Wärme. Wenn er in seinem schwarzen ­Pastorengewand mit dem Beffchen vor der Gemeinde steht, predigt er nicht über Sünde und Schuld, sondern er spricht von der Frohen Botschaft und davon, dass Gott die Liebe und die Verzeihung ist. Und jedes Mal, wenn er zum Schluss den Segen spricht mit den Worten: „Gott segne und behüte dich, er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig“, fühlt sie sich gemeint, geliebt und gereinigt. Und er erlöst sie damit für kurze Zeit aus ihrer Einsamkeit und Angst.

Sie verschließt sich, ist isoliert

Wie verschlossen und isoliert die Tochter ist, das fällt sogar der Mutter auf. „Sie ist so einsam im letzten Grunde“, äußert sie einmal Robert gegenüber, „umso glücklicher bin ich, wie gut du dich mit deiner Schwester verstehst – das ist doch besser als jede Freundin.“

Der politische Umbruch dringt allmählich auch ins Pfarrhaus ein. Obwohl hier ein eigener Wertekanon herrscht, prägt der Nationalsozialismus zunehmend auch das Leben der Pastorenfamilie. Antonia engagiert sich beim Jungmädchenbund, einer Abteilung des BDM, und die Eltern haben nichts dagegen.

Sie ist 14 Jahre alt, als Robert sein Abitur macht. Er beginnt ein Biologiestudium in einer gut 300 Kilometer entfernten Stadt. Ab jetzt beginnt eine intensive Korres­pondenz zwischen ihnen. Roberts Briefe sind voller Zärtlichkeit, aber nirgends anzüglich. Jeder kann lesen, was der Bruder seinem „lieben, innig geliebten Schwesterlein“ schreibt: „Ich hab Dich herzlich lieb! Einen innigen Gruß und einen zarten Bruderkuss, Dein Robert.“

 Elisabeth Pfister, " Trotzdem Liebe. Wahre Geschichten", Klöpfer & Meyer Verlag, 24 EuroPR
Als im September 1939, nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen, der Zweite Weltkrieg ausbricht, wird Robert sofort eingezogen und mit seiner Truppe nach Polen abkommandiert. Der Briefwechsel zwischen den Ge­schwis­tern geht weiter, und Roberts zuweilen feierlicher Ton in seinem Bekenntnis zur Schwester bleibt auch im Kriegseinsatz bestehen. „Dieses reichste und schönste ­Geschenk hat das Leben uns aneinander gegeben, unverlierbar“ schreibt er ihr.

Im März 1940 macht Antonia Abitur. Sie ist jetzt 18 Jahre alt. Sie beginnt mit Unterstützung des Vaters ein Medizinstudium in einer weit entfernten Stadt. 

Roberts Truppe wird nach Russland verlegt, und er wird kurz danach verwundet. In einem langen Brief schreibt er dem „Schwesterlein“ darüber und zitiert Hölderlin: „Für dich, geliebtes Vaterland, ist keiner zuviel gefallen. Es wird ein gewaltiges Werk sein, und wir werden es an uns und unseren Kindern und damit an allen kommenden Geschlechtern verwirklichen, müssen kämpfen und beten, dass die Gewalt, die wir in Strömen von Blut und Leid an uns bringen, vielleicht zu einem Segen werde.“ ­Robert ist kein Nazi, aber er ist geprägt von einer Mischung aus schwül nationalem Heroenkult, dem Blutmythos der christlichen Passionsgeschichte und einer diffusen Sehnsucht nach dem Edlen, Guten, Schönen.

Dann kommt die offizielle Todesnachricht

Anfang November 1942 bekommt er noch einmal Heimaturlaub. Bruder und Schwester fahren für ein paar Tage nach Regensburg. Sie genießen die Zeit, sie genießen die Gespräche, und sie schlafen miteinander. Vor allem sprechen sie über ihre Zukunftspläne: Gemeinsam wollen sie nach Afrika auswandern, er als Biologe und sie als Ärztin.

Als sie wieder zurück sind, erfährt Robert, dass Stalin­grad inzwischen eingekesselt ist. Er besteht darauf, zurückgeflogen zu werden, denn  er wolle seine Kameraden in dieser ausweglosen Situation nicht im Stich lassen.

Auf seiner Rückreise an die Front schreibt er an die Schwester: „So gut und schön war die Zeit in Regensburg. Was war das Schönste? Auf der Rückfahrt überkam es mich, dass es doch die Augenblicke in jener Kirche waren, wir beide wie kleine Kinder, Brüderchen und Schwes­ter­chen, vor dem lieben Gott in seiner allerdeutschesten Form standen, der klaren und reinen Gotik, vor der man als Mensch immer so klein wird und die das Herz so groß macht.“ Es ist der letzte Brief, den Antonia von ihm erhält.

Kurze Zeit danach kommt die offizielle Todesnachricht: Robert ist in Stalingrad „für Großdeutschland“ gefallen.

68 Jahre später. Antonia ist jetzt 88 Jahre alt und reist zum ersten Mal nach Stalingrad. In der Gedenkstätte für die deutschen Gefallenen entdeckt sie auch den Namen des Bruders. Auf ihrer Weiterreise durch Russland findet sie ­irgendwo einen Obsidian, schwarz und schwer wie erstarrte Flüssigkeit. Ein Stein wie das Symbol ihrer dunklen großen Liebe. Sie nimmt ihn mit.

Produktinfo

Elisabeth Pfister, „Trotzdem: Liebe. Wahre Geschichten“,
Klöpfer & Meyer Verlag, 312 S., 24 €

Zitat

Robert und ich haben viele Jahre ein sexuelles Verhältnisgehabt. Bis zu seinem Tod

Roberts Schwester Antonia

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