Ahmadiyya, Religion der Liebe?

Wer sind sie wirklich?
"Institut für islamische Theologie und Sprachen" - Imamschule der Ahmadiyya-Gemeinschaft in Riedstadt-Goddelau

"Institut für islamische Theologie und Sprachen" - Imamschule der Ahmadiyya-Gemeinschaft in Riedstadt-Goddelau

Katrin Binner

Sie werben mit dem Slogan Liebe für alle, Hass für keinen und präsentieren sich als friedliche islamische Reformbewegung. Manche Stimmen warnen auch vor der Ahmadiyya Muslim-Gemeinschaft

Manchmal  quält sich ein schwer beladener Lastwagen an der alten Sporthalle und der ranzigen Kneipe vorbei. Ansonsten ist im Industriegebiet des südhessischen Städtchens Riedstadt-Goddelau kein Mensch unterwegs. 

Hinter einem Hochstrom-Umspannwerk blitzt eine Zwiebelkuppel silbern im Sonnenlicht: Sie gehört zum „Institut für Islamische Theologie und Sprachen“. Hier bildet die ­Gemeinschaft der Ahmadiyya-Muslime ihre Gemeindevorsteher und Vorbeter aus. Offi­zieller Name der Gemeinschaft in der pakistanischen Amtssprache Urdu: Ahmadiyya Muslim Jamaat. Ein junger Mann in traditioneller Kleidung – helle, weite Hose, ein gleichfarbiges knie­langes Hemd, schwarze Weste und schwarzer Hut – schreitet über den Vorplatz. Auf dem Grundstück sind nur Männer unterwegs. Die Besucherin bekommt Tee mit Milch serviert. Die Hand reicht man ihr nicht. 

 "Meine Frau würde auch keinem anderen Mann die Hand geben. Also tue ich es auch nicht."Katrin Binner
Einer der Männer heißt Abdullah Uwe Wagishauser. Der 67-Jährige ist groß und schlank, trägt einen grauen gestutzten Vollbart und eine schwarze Baskenmütze. Ge­lassen sitzt er in einem hellen Raum an einem großen Konferenztisch und trinkt pakistanischen Schwarztee, den Studenten servieren. An der Wand hinter ihm hängt ein Bild des Gründers der Ahmadiyya-Bewegung. 

Wagishauser ist ein Altachtundsechziger. Anfang der 1970er gründete er Kommunen in Bonn, suchte nach dem Sinn des Lebens, fand zum Buddhismus und dann auf einer „spirituellen Reise durch Indien“, wie er sagt, zur Ahmadiyya-Gemeinschaft. 1976 konvertierte er. Die Lebendigkeit des Glaubens habe ihn fasziniert. Seit 33 Jahren ist er Emir, Vorsitzender der Glaubensgemeinschaft in Deutschland mit Hauptsitz in Frankfurt am Main.

 Im Foyer der Imamschule ein Zitat aus der Sure 20,114. "Mein Herr, gib mir mehr Wissen"Katrin Binner
Auch Wagishauser grüßt ohne jede Be­rührung. Und schon ist man mittendrin in dieser widersprüchlichen Welt: mit einem Altlinken, der sich unter eine stockkonserva­tive Tradition beugt; in einer als tolerant gepriesenen Glaubensgemeinschaft mit strikter Geschlechtertrennung und rigider Ehemoral; in einer Institution, die sich in Hessen seit 2013 als Körperschaft öffentlichen Rechts zu den Grundwerten und Gesetzen der neuen Heimat bekennt, aber keinen Kontakt zwischen ­Ahmadis und Glaubensabtrünnigen duldet.

Aus Respekt vor seiner Frau reiche er keiner anderen Frau die Hand

„Wir sind eine Reformgemeinde“, betont Abdullah Uwe Wagishauser, „aber wertkonservativ“. Muss man deshalb der Reporterin den Handschlag verweigern? „Das ist einfach so üblich“, sagt er, „ich sehe darin kein Problem.“ Seine Frau gebe keinem anderen Mann die Hand. Aus Respekt vor seiner Frau reiche er auch keiner anderen Frau die Hand.

"Liebe für alle, Hass für keinen“, so wirbt die Ahmadiyya-Gemeinschaft für sich: auf Autoaufklebern, im professionell gestalteten Internet­auftritt, auch im eigenen TV-Sender. Mit öffentlichen Blutspenden will die Ahmadiyya-Gemeinschaft das friedliche Gesicht des Islam zeigen. Ebenso mit Aufräumaktio­nen nach Silvesterfeiern, mit Tagen der offenen Moschee, mit Projekten gegen die Radikalisierung von Flüchtlingen.  Mehr als andere Muslime werben Ahmadis für ihren Glauben, ergab eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung. „Ich versuche, möglichst viele Menschen für meine Grundüberzeugung zu gewinnen“ – zwei Drittel aller befragten Ahmadis stimmten dem zu, weit mehr als andere Muslime.

 Sieben Jahre dauert die Ausbildung, sie ist auf Deutsch. Nur Männer sind zugelassenKatrin Binner
In Horb am Neckar fragten Ahmadis im Frühjahr 2016 in einer katholischen Kirchengemeinde an, ob sie eine Dialogveranstaltung organisieren könnten, um über die Toleranz im Islam zu informieren. Die katholische ­Gemeinde willigte ein. Aus dem Dialog ­wurde ein Vortrag. „Wolf im Schafspelz“, so beschimpften aufgebrachte Internet-User die Ahmadiyya-Gemeinschaft: Sie wollten Eu­ropa im Sinne ihres Gründers Gulam Ahmad für den Islam erobern. Am Vortragsabend stellte sich der örtliche Öffentlichkeitsbeauftragte der Ahmadiyya-Gemeinde dann den Fragen des Publikums. Er bat darum, Falschaussagen im Internet nicht zu beachten, und warb für den interreligiösen Frieden.

Gulam Ahmad warb dafür, andere Religionen anzuerkennen

Gulam Ahmad (1835­–1908), so hieß der Gründer der Ahmadiyya-Gemeinschaft. Er hatte sich als verheißener Mahdi ausgegeben, als Nachfolger Mohammeds, als Erneuerer des Islam, als wiedergekommener Jesus und Krischna. Gulam Ahmad vertrat einen gewaltfreien Islam und warb dafür, andere Religionen anzuerkennen. Seine Schriften gelten Ahmadis – neben Koran, Sunna und Hadith – als heilig, weswegen die islamische Weltliga sie 1974 zu Nichtmuslimen erklärte. Vor allem in Pakistan werden sie als Abtrünnige verfolgt. 

Sadiq Butt, 26, ist einer der hundert Studenten an der Imamschule in Riedstadt-Goddelau. Er hat im letzten Ausbildungsjahr die 13 Abschlussprüfungen hinter sich, ein Kolloquium steht ihm noch bevor. Er ist groß und kräftig, hat kurze schwarze Haare und einen kurzen schwarzen Bart. Seine dunklen Augen fixieren das Gegenüber offen und freundlich.

Sadiq Butt ist in Deutschland aufge­wachsen. Vergangenes Jahr hat er geheiratet. „Einer meiner Dozenten kannte die Familie meiner Frau und glaubte, wir würden gut ­zusammenpassen“, sagt er. Beide Familien holten Erkundigungen ein, man traf sich, und als alle einverstanden waren, verlobten sich die jungen Leute. In den sieben Monaten bis zur Hochzeit habe Sadiq seine Frau nur einmal gesehen. „Entscheidend sind Familie, Bildung, Charakter und vor allem der Glaube“, sagt er. Seine Frau gehört auch zur Ahmadiyya Muslim-Gemeinschaft.

Heiratet eine Frau einen Nicht-Ahmadi, wird sie aus der Gemeinde ausgeschlossen. „Sie kann in unsere Moscheen kommen und beten, aber keine Ämter übernehmen“, sagt Abdullah Uwe Wagishauser. Männer dagegen dürfen Nicht-Ahmadi-Musliminnen heiraten. „Da stehen die Chancen gut, dass die Kinder nach seinen Vorstellungen erzogen werden."

Die freie Partnerwahl haben ­einige Eltern wohl noch nicht akzeptiert

Trotzdem sagt Wagishauser: „Insgesamt werden Männer und Frauen bei uns als ab­solut gleichwertig betrachtet.“ Und: „Die ­Quellen des Islam sagen ganz klar: In ­Glaubensdingen darf es keinen Zwang geben.“ Laut einer Umfrage für den Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung stimmen 98 Prozent der Ahmadis der Aussage zu, dass man anderen Religionen gegenüber offen sein solle. Vier Fünftel meinen, jede Religion könne einen wahren Kern haben.

 Alles halal. Mensa für 120 angehende Imame in knielangen Hemden, KurtasKatrin Binner
2015 ermordete ein Ehepaar aus der Ahmadiyya-Gemeinde in Darmstadt seine 19-jährige Tochter. Sie hatte eine voreheliche Beziehung mit einem anderen Ahmadi. Der familiäre Streit war in der Gemeinde bekannt. Gemeindevorsteher, auch Wagishauser, hatten versucht zu vermitteln. „Eigentlich sah es so aus, als hätten sich alle damit abgefunden, dass die beiden heiraten“, sagt Wagishauser. Dann wurde die Tochter erwischt, wie sie Kondome klaute. Sie mochte sie aus Scham nicht kaufen. In der Nacht darauf erwürgte der Vater das Mädchen. Die Eltern brachten die Leiche im Rollstuhl der Großmutter aus der Wohnung und ließen sie in einem Naherholungsgebiet liegen. 2015 wurden sie wegen Mordes zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt.

Die Ahmadiyya-Gemeinde richtete daraufhin ein Notfalltelefon ein. Gemeindeleiter wurden geschult. Wie konnte es so weit kommen? „Kulturelle Relikte aus Pakistan“, so erklärt sich Wagishauser das. Die Familie habe bei der Auswahl des Ehepartners ein Mitspracherecht. Dass sich letztendlich die Kinder ­frei für ihre Partner entscheiden sollten, hätten ­einige Eltern wohl noch nicht akzeptiert.

 

Mehr als die Hälfte der Ahmadi-Frauen ­tragen das Kopftuch

Frankfurt-Rödelheim. Der blaue Himmel lässt die leicht heruntergekommenen Wohnblöcke weniger trostlos aussehen. Im Saal einer Seniorenwohnan­lage versammeln sich rund 40 Frauen. Eingeladen hat die Ahmadiyya-Frauenorganisation, die Bildungsveranstaltungen und Sportevents organisiert, wo mindestens drei Ahmadi-Frauen leben. In Frankfurt sind es 880 erwachsene Frauen und 350 Mädchen.

Die Decke ist mit Zweigen dekoriert, an denen Plastikvögel befestigt sind. Es riecht nach Shampoo und Parfüm, ständig klimpern Armreifen. Die Frauen beten. Eine Dame fasst die jüngsten Freitagsansprachen des Kalifen zusammen – er gilt als der fünfte Nachfolger von Gulam Ahmad und ist geistiges Oberhaupt aller geschätzt zehn Millionen Ahmadis weltweit. Dann diskutiert die Versammlung über „soziale Netzwerke“ und wie man sich vor falschem Gebrauch und sinnloser Be­schäftigung schützen kann. Die älteren Damen sprechen Urdu, die Amtssprache Pakistans, die jüngeren Deutsch. Alle haben bunte Tücher locker um den Kopf gelegt.

Durre Ajam, 28, ist angehende Gymnasiallehrerin für Deutsch, Philosophie und Ethik. In der Öffentlichkeit verbirgt sie ihre Haare unter einem engeren Kopftuch. Auch in der Schule, obwohl ihr die Schulbehörde mehrmals dringend davon abgeraten habe. Das Kopftuch sei Teil ihrer Identität. „Ich möchte ­authentisch leben und mich vor meinen ­Schülern nicht selbst leugnen müssen.“

Mehr als die Hälfte der Ahmadi-Frauen ­tragen Kopftücher, heißt es in der Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Von den übrigen Musliminnen verhüllt nicht mal jede Dritte ihr Haar. Beim Kopftuch gehe es um die gute Beziehung zwischen Mann und Frau, sagt die Leiterin der Frauenorganisation, Atia Nuur Ahmad-Hübsch. „Im Koran werden zunächst die Männer angesprochen, ihre Blicke zu senken. Dann erst die Frauen, die außerdem ihre Reize bedecken sollen.“ Dennoch tragen die jüngeren Ahmadiyya-Musliminnen in Rödelheim dunklen Mascara und Lippenstift. „Das gehört zur normalen kosmetischen Pflege“, sagt Ahmad-Hübsch. Nur knallrot solle der Lippenstift nicht sein.

Deutschland ist ein beliebtes Zuwanderungsland für Ahmadis

Atia Nuur Ahmad-Hübsch, 41, ist Tochter des Konvertiten Hadayatullah Hübsch. Er war, wie Wagishauser auch, ein Altachtundsechziger, hatte den Kriegsdienst verweigert, Ostermärsche und Anti-Vietnam-Demos organisiert und mit Drogen experimentiert. Hübsch hatte sich einen Namen als Beat-Lyriker gemacht. Er schrieb für überregionale Tageszeitungen, vor allem für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er öffnete den ersten linksalternativen Buchladen. Doch nach einer Marokkoreise schloss sich Paul-Gerhard Hübsch der nächsten Moscheegemeinde an – einer Ahmadi-Gemeinde – und gab sich den Namen Hadayatullah. Er schrieb nun über Mohammeds Weg, Prophezeiungen des Islam und muslimische Jenseitsvor­stellungen. Anfang 2011 starb er. Ein Jahr darauf ehrte ihn der Verband Deutscher Schriftsteller mit einem „Poetry Memorial“. 

 Entscheidend bei der Wahl sind Bildung, Charakter und vorallem der GlaubeKatrin Binner
Und nun erklärt seine Tochter Atia Nuur, warum sie sich nicht mit Männern an einen Tisch setzt und schon gar nicht flirtet. „Eine reine Freundschaft zwischen Mann und Frau funktioniert erwiesenermaßen schlecht“, behauptet sie. Zum Schutz der Mehrheit, die oft nicht mit solchen Dingen umgehen könne, werde der Kontakt daher ganz unterbunden. „Es geht darum, die Familie als kleinste Keimzelle der Gesellschaft zu schützen.“

Deutschland ist ein beliebtes Zuwanderungsland für Ahmadis geworden. Inzwischen leben hier mehr als in England, der ehemaligen Kolonialmacht und dem Sitz des Kalifen. In Deutschland unterhält die Ahmadiyya Muslim-Gemeinschaft inzwischen 52 Moscheen und 100 Gebetszentren für mindes­tens 45 00 Gläubige. Jedes Jahr kämen 250 bis 300 Konvertiten dazu, sagt der Bundesvorsitzende Abdullah Uwe Wagishauser.

Der neue Werbeslogan der Ahmadiyya heißt: „Wir sind alle Deutschland“. 

Zitat

Entscheidend bei der Wahl der Frau 
 sind Bildung, Charakter 
 und vor allem der Glaube

Infobox

Serie Religionen

In fünf Folgen berichtet chrismon plus, wie fremde Religionen in Deutschland heimisch werden. Im Juli: Jesiden
und ihre uralten Heiratsregeln.
Im August:die Bahai und ihr Werben für Toleranz.
Im September: die Hindugöttin im Gewerbegebiet Hamm-Uentrop.

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