Werden Muslime besonders oft kriminell?

„Muslime stehen eher am Rand“
Der Koran liegt am 02.09.2016 in der Justizvollzugsanstalt JVA Kassel I (Hessen) auf einem Tisch in einer Zelle

Koran in der Zelle (JVA Kassel)

picture alliance dpa/Swen Pförtner

Jeder Vierte Häftling in Hessen ist Muslim, obwohl nur etwa jeder zehnte Hesse dem Islam angehört. Dabei stellen Muslime in dem Bundesland deutlich weniger als zehn als Prozent der hessischen Bevölkerung. In den Haftanstalten sind sie also also überrepräsentiert

chrismon: Macht der Islam junge Männer kriminell?

Martin Rettenberger: Nein. Kriminalität ist keine Folge der Religionszugehörigkeit. Aber mit der Zugehörigkeit zum Islam können bestimmte Risikofaktoren verbunden sein, die wiederum Kriminalität kausal erklären können: Für nichtchristliche Gruppen in unserer Gesellschaft ist das Armutsrisiko höher, die Bildungschancen sind schlechter. Es ist nicht der Glaube, der einen Menschen kriminell ­werden lässt, sondern der Mensch mit der Religion Islam kann einer Gruppe angehören, die eher am Rand der ­Gesellschaft steht.

Warum ist das so?

Martin Rettenberger

Martin Rettenberger ist Direktor der Kriminologischen Zentralstelle, einer Forschungs- und Dokumentationseinrichtung des Bundes und der Länder mit Sitz in Wiesbaden. Er ist Psychologe, Kriminologe und Fachpsychologe für Rechtspsychologie.

Deutsche wie muslimische Migranten dachten, dass die Zuwanderung in der Bundesrepublik ein Übergangsphänomen sei. Darauf weist schon das Wort Gastarbeiter hin. Deshalb fand keine Integration statt. Muslime werden bis heute benachteiligt, oft auch nur auf subtile Weise.

Nämlich wie?

Es gibt gute Studien aus der Pädagogischen Psychologie: Schüler mit einem Namen, der einem anderen Kulturkreis zugeordnet werden kann, bekommen schlechtere Noten – bei gleicher Leistung. Muslime spüren, dass sie etwas an sich haben, was andere nicht mögen. Das beeinflusst den Selbstwert eines Menschen. Selbstwertbedrohungen können besonders junge Männer aggressiv machen.

Wegen welcher Delikte sitzen Muslime im Gefängnis?

Menschen mit Migrationshintergrund sind bei Eigentums-  und Gewaltdelikten überrepräsentiert, aber nicht bei schwerster Gewalt oder bei Tötungs- und Sexualdelikten.

Warum wird ein Mensch gewalttätig?

Junge Männer haben generell das mit Abstand höchste ­Risiko, kriminell zu werden. Das ist in Statistiken, die in Deutschland bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, ein ­stabiler Befund. Zunehmend diskutieren Kriminologen auch somatische, also körperliche Begründungen wie den ​Tes​​tosteronspiegel. Entscheidender sind aber soziale Gründe. Mit dem Alter finden Männer Arbeit, Partner­schaften, sie gründen Familien. Das sind Wendepunkte im Leben, die erklären, warum der Ausstieg aus der Krimina­lität gelingt. Und junge Männer begehen die meisten Gewaltdelikte an jungen Männern. Das öffentliche Bild, dass kriminalitätsaffine Gruppen den friedlichen Rest der Be­völkerung angreifen, stimmt so eigentlich nicht.

Wie kann man jungen Männern helfen?

Sie müssen Arbeit haben. Langeweile ist ein Riesenproblem. Und die Mehrheitsgesellschaft muss auf Muslime zugehen – auch wenn ein 25-prozentiger Anteil von Mus­limen an allen Strafgefangenen bei der Mehrheitsgesellschaft wohl erst einmal den Impuls verstärkt, ein paar Schritte zurückzugehen.

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