Peter Scherle über die Perspektiven nach dem Reformationsjubiläum

Frei leben
Frei leben

Klaas Neumann

Die Bibel ist eine Freiheitscharta. Das Reformationsjubiläum hat es uns wieder eingeschärft. Das hat weitreichende Folgen, nicht nur für die Europapolitik

Noch hat sich der Rauch nicht verzogen. Die letzten Kracher des Reformationsjubiläums werden gerade gezündet. Doch nach zehn Jahren Feuerwerksvorbereitung und all den Leuchtraketen seit Oktober 2016 ist die Feier fast vorbei.

Die Frage stellt sich: Was haben wir im Licht des Feuerwerks gesehen? Ist uns der „Morgenglanz der Ewigkeit“ neu aufgegangen, wie es in einem Kirchenlied des 17. Jahrhunderts heißt? Hat der biblische Gott unter uns neues Gewicht bekommen? Oder hat vor allem die Kirche selbst glänzen und an Gewicht gewinnen wollen?

Peter Scherle

Professor Peter Scherle ist Direktor des Theologischen Seminars Schloss Herborn. Dort bildet die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau ihre Pfarrerinnen und Pfarrer aus.

Weder die Reformation als historisches Ereignis noch die evangelischen Kirchen repräsentieren „den Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Johannesevangelium 14,6). Sie sind selbst nur Hinweise auf Christus, der uns Gottes Glanz und Gewicht erschließt: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit“ (die letzte Vaterunser-Bitte).

Deshalb ist die „babylonische Gefangenschaft der Kirche“ zu allen Zeiten zu kritisieren und die „Freiheit eines Christenmenschen“ unabdingbar, so die Titel zweier programmatischer Schriften Martin Luthers aus dem Jahr 1520. Die härtesten gesellschaftlichen Festlegungen werden im christlichen Leben infrage gestellt: das Geschlecht („Hier ist nicht Mann noch Frau“), die ethnische Zugehörig­keit („Hier ist nicht Jude noch Grieche“) und der soziale Status („Hier ist nicht Sklave noch Freier“). Kirchen und Gläubige haben sich zu allen Zeiten und an allen Orten mit dieser Freiheitscharta des Paulus aus dem Galaterbrief (3,28) schwergetan. Im Zweifel hat sich oft der Zeitgeist gegen den Geist Jesu Christi durchgesetzt.

Es ist das strategische Dilemma evangelischer Kirchen, dass das re­formatorische Prinzip nicht  die Kirche, sondern Christus und die einzelnen Christen ins Zentrum rückt. Letztere sollen ­„in Christus“ in ihren alltäglichen sozialen Vernetzungen befreit und getrost leben können. Sie sollen sel­ber die Bibel lesen, selber beten und denken, selbstverantwortlich leben.Die kirchliche Verkündigung und die akademische Theologie sollen helfen, die Welt für die Spuren Christi lesbar zu machen. Die Kirche hilft Menschen – durch Kirchengebäude und Gottesdienste, durch Rituale und Bildung sowie durch eine Praxis des Erbarmens – einzuüben, getrost und frei zu leben. Da, wo beides gefährdet ist, weil Menschen sich entweder in eine fundamentalistische Unfehlbarkeit (der Schrift oder – im römischen Katholizismus – des Papstes) flüchten oder weil sie sich in Gleichgültigkeit (gegenüber allen Wahrheitsansprüchen) treiben lassen, da soll und darf die Kirche ein Wächteramt ausüben.

Dabei geht es jedoch nicht um prophetische Einsichten im Blick auf die Gesellschaft. Die reformatorischen Kirchen sind nicht ursächlich für die Demokratie, die Menschenrechte oder die Religionsfreiheit. Diese sind vielmehr eine Folge der Geschichte der letzten Jahrhunderte und der Er­kenntnis, dass sowohl Religionsgemeinschaften als auch Staaten krimi­nell werden können und es eine rechtliche Ordnung braucht, die die Würde, die Rechte und die Freiheit der Einzelnen schützt. Die Vernunft musste den religiösen Eifer bändigen, das Recht die Macht der Religion begrenzen und der Staat die Religionsgemeinschaften kontrollieren. Erst so entstand das moderne Europa.

Dass die Religion beziehungs­weise die Kirche ihre Macht über die anderen gesellschaftlichen Bereiche verloren hat, zum Beispiel die geistliche Schulaufsicht und die standesamtliche Funktion, muss auch theologisch als Gewinn betrachtet werden. Dadurch wird die Kirche auf ihren religiösen Grund verwiesen, auf Jesus Christus. Sie hat ihre Bedeutung nicht als Wertelieferantin für das Gemeinwesen oder als Akteurin im Wohlfahrtsstaat. Auch ihre Größe nach Mitgliedern und Einnahmen sagt nichts über ihre Stärke. Auch als Diaspora, als kleine Volkskirche, als Minderheit unter Minderheiten, hat sie eine große Botschaft: „In Christus“ können Menschen getrost und befreit leben.

Das schließt die Rückkehr in vormoderne Denk- und Lebensformen aus. Die Entzauberung der Welt durch Reformation und Aufklärung hat wesentlich dazu beigetragen, dass Menschen befreit von dämonischen Mächten getrost leben. Der Freiheitsgewinn für die Christenmenschen, die nicht mehr, wie Martin Luther, von der Furcht vor dem Teufel gepeinigt werden, ist die eine Seite. Die andere Seite ist eine gedämpfte, gegen Magie und Dämonen abgepufferte Religio­sität. Das eine scheint es nicht ohne das andere zu geben. Auch wenn sich viele heute nach einer heiß laufenden Religiosität sehnen, so sollte doch klar sein, welcher Gewinn an religiöser Gewissheit und gesellschaftlicher Freiheit mit der Erkenntnis verbunden ist, dass die Welt eben nicht „voll Teufel“ ist, wie es in einem Bach-Choral anklingt.

Das allerdings fordert Kirche und Theologie besonders heraus. Denn die Welt ist auch nicht voll Gott. Gott kann nicht als Gegenstand (in) der Welt verstanden werden. Gott ist ein ganz Anderer, dem sich unsere Wirklichkeit verdankt. Gott gibt es nicht an sich. Vom biblischen Gott wird allerdings gesagt, dass er sich gibt. So lässt sich vom Kommen, vom Gehen und Wiederkommen Christi erzählen, das Spuren hinterlässt. Nur in diesen Spuren ist uns der ansonsten entzogene Gott greifbar. Diese reformatorische Einsicht hat etwas Befreiendes. Die Kirche verfügt nicht über die Wahrheit, aber sie kann helfen, dass Menschen für sich den Weg, die Wahrheit und das Leben entdecken. 

Europa muss wieder ein Lebensraum der Hoffnung werden, insbesondere für junge Menschen

Wer sich dieser reformatorischen Erkenntnis stellt und die eigene religiöse Form als begrenzt anerkennt, ist offen für den Geist der Ökumene und im politischen Sinne friedens­fähig. Die Gegenwart des Geistes Jesu Christi ist dann nicht auf die eigenen Kirchenmauern begrenzbar. Er kann sich auch in anderen Kirchen und Reli­gionen und in allen gesellschaftlichen Zusammenhängen zeigen. 

Überall, wo die Kreatur leidet, können wir – wie Paulus es sagt – den Heiligen Geist selbst „seufzen“ hören (Römerbrief 8,26). Und überall, wo Menschen kreativ die Welt gestalten (als Handwerkerinnen, Ingenieure, Kulturschaffende und so weiter) oder wo sie andere Menschen und Kreaturen hegen und pflegen, da können wir den Heiligen Geist – wie im Buch Jesaja angedeutet – in Natur und ­Kultur „jubilieren“ hören.

Diese Vielgestalt des Geistes Jesu Christi in der Welt bedeutet auch, dass er nicht in der Gestalt einer Konfes­sion einzufangen ist. Die vielfältigen Erscheinungsformen des Christlichen – dazu gehören auch alle Formen neben den verfassten Kirchen – bilden Gottes Unerschöpflichkeit ab. Das Konzept einer Kirchengemeinschaft, die diese Vielfalt abbildet, wie es die „Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE)“ tut, entspricht dieser Erkenntnis mehr als die Versuche, eine einheitliche Gestalt der Kirche zu schaffen.

Die Zukunft Europas ist eben jene religiöse, aber auch kulturelle und politische Pluriformität. Die Vielgestaltigkeit ist nach dem Epochenwandel der Reformation zu einer Existenzbedingung Europas geworden. Fremdheit zu überwinden ist kein Ziel. Mit Fremden friedlich zu leben allerdings schon.

Heute ist Europa (noch) ein „Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts“ (Artikel 3 des EU-Vertrags), der weltweit seinesgleichen sucht. Dieser wird aber nur Bestand haben, wenn er für möglichst alle Menschen, die hier leben, insbesondere die jungen Menschen, erneut ein Lebensraum der Hoffnung wird. Dazu kann auch im 21. Jahrhundert der reformatorische Impuls helfen, sich den Geist Jesu Christi um die Nasen wehen zu lassen. Denn es braucht Menschen, die befreit und getrost leben und die die Verantwortung dafür übernehmen, dass auch alle anderen Menschen in Europa und darüber hinaus ebenso befreit und getrost leben können.

Wenn das Feuerwerk des Reformationsjubiläums mit all den Knallern und Leuchtraketen vorbei ist, dann sind die Kirchen zwar wieder kleiner geworden. Sie können aber gleichzeitig als Kirchen in der Diaspora auch stärker sein. Wenn sie als Spuren­leserinnen Christi die Welt offen ­halten für sein Kommen und in der Welt auf den seufzenden und jubelnden Geist Jesu Christi hören, dann lassen sie Gott glänzen.

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