Arnd Brummer über gedruckte und digitale Bücher

Mit den Fingern blättern
Warum Streifzüge durch Regale Kurzurlaube sind

 Claudia Meitert
Regale plündern, Bücher wegwerfen. Es wird Zeit, dass der Wahnsinn dieser gedruckten Müllhalden aufhört. Schon aus umweltpolitischen Gründen ist die Lektüre von papierener Literatur energisch abzulehnen. Wie handlich, raumsparend und staubarm sind doch E-Book und E-Paper! Die Mini-Tablets sind die saubere Zukunft. Bücher sind Diesel für den Kopf. Dem Diesel-Fahrverbot muss das Leseverbot gedruckter Bücher und Zeitungen folgen. Gottlob setzen die Fluggesellschaften schon auf E-Paper. Und demnächst wird man auch das Leben in vollen Zugabteilen ohne Papierrascheln genießen können.

Ich gebe zu: Ich blättere gerne mit den Fingern. Das Daumenschieben am Rande der Touchscreens ist mir absolut unsympathisch. Ich bin kulturell ein Ewiggestriger. Das merke ich, wenn ich über die Frankfurter Buchmesse schlendere und den goldenen Oktober in einer Weinstube genieße. Ja, ich habe inzwischen auch eine Sudoku-App auf meinem Tablet. Ich nutze sie aber nur im extremen Notfall. Rätsel mit Bleistift auf Papier lösen – das ist eine seelische Strandwanderung.

Ich möchte ehrlich sein: Bei meinem letzten Umzug habe ich mehrere Kisten von Büchern entsorgt, die ich als nicht mehr lesenswert betrachte. Ich habe mich von alten Reiseführern getrennt, von Kochbüchern, Taschenbuchkrimis mit Eselsohren und von manchem gelehrten Text, der beim Anblättern in meinem Haupt nur Leere verursachte. Mehrere Kartons standen schließlich gefüllt vor den Regalen. Wohin damit?

Gefreut haben mich die Bücherschränke in den Fußgängerzonen unserer Stadt. Dort habe ich unterhaltsame Lektüre abgestellt. Einige historische, theologische und soziologische Werke habe ich Studenten angeboten und nette Absagen erhalten. Also: in den Papiermülleimer.

Einige Werke konnte ich nicht wegwerfen, obwohl ich mir sicher bin, dass ich sie – wenn überhaupt – sehr selten aufschlagen werde. Dazu gehört „Fragen des Leninismus“, 1947 erschienen. Der Name des Autors in großen goldenen Lettern auf dem Buchdeckel: „J. Stalin“. Mein Vater las es als junger Bursche. Er hat sarkastische Randnotizen im Kapitel über die Vorteile der „Diktatur des Proletariats“ gegenüber der „sogenannten Demokratie“ hinterlassen, die nur die Herrschaft der „ausbeuterischen Bourgeoisie“ repräsentiere.

Vor einem Regal zu stehen, mal dieses, mal jenes Bändchen in die Hand zu nehmen und darin zu blättern, das ist Kurzurlaub in der eigenen Biografie. Da finde ich zum Beispiel die fünfzig Jahre alte Sammlung „Der politische Witz“ von Milo Dor und Reinhard Federmann. Viele der 500 Scherze handeln von Konrad Adenauer und seinem rheinischen Humor. Ein Witz passt zu Stalins Werk: Was ist der Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus? Der Kapitalismus macht soziale Fehler. Der Sozialismus macht kapitale Fehler.

Schön wirkt auch das 24-bändige Universallexikon, der Brockhaus. Und dennoch muss ich an dieser Stelle schamhaft gestehen, dass ich häufiger bei Wikipedia im Netz unterwegs bin, als in diesem von mir sehr geschätzten Standardwerk. Auch Freunde der nostalgischen Lesekultur profitieren von der „Ubiquität“ oder „Omnipräsenz“ (Allgegenwart) des Internets. Da ich diese Zeilen in mein Notebook tippe, frage ich mich, ob ich diese beiden Begriffe überhaupt verwenden soll. Blöd, ich habe meinen Duden noch nicht aus dem Karton geholt. Also im Netz suchen. Und siehe da: der Online-Duden leuchtet auf, fragt mich, was ich suche, und beglückt mich mit (Kauf-)„Empfehlungen der Redaktion“. Ich werde nun doch das dicke Buch aus der Kiste ziehen – und auf dem Werbebanner den Punkt anklicken: schon gekauft.

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