Lässt Gott zu, dass Menschen leiden?

Warum gerade sie? Warum überhaupt?
Illustration zum Thema 'Warum ich'

Irmela Schautz

Ein Attentäter erschießt in Las Vegas 59 Menschen und verletzt rund 500 weitere. In Barcelona überrollt ein Attentäter mit einem Lieferwagen mehr als hundert Menschen und tötet 14 von ihnen. Ein Hurrikan überflutet große Teile von Texas, verschüttet und ertränkt mehr als 50 Menschen. Eine religiöse Erklärung dafür zu finden, ist nicht schwer – es ist unmöglich. Es bleibt ein schmerzhaftes Rätsel, warum manche Menschen leiden müssen, andere hingegen nicht. Ob Gott damit zu tun hat? Lässt er dieses Leid zu, obwohl er es verhindern könnte? Erklärungsversuche – und Einsichten in die Grenzen des Erklärbaren, aufgeschrieben von Menschen, die sich schon lange mit dieser Frage abmühen.

Entscheidet der: Die hol´ ich jetzt vom Rad?

Wir dachten immer, unser Leben mit unseren Kindern ist beinahe ideal. Als wir erst unseren Sohn und dann später unsere Tochter bekamen, erkannte ich: Du bist in einer ganz schlechten Lage, du hast was zu verlieren. Genau das ist passiert. An einem Abend im April 2015 kam unsere neunzehnjährige Tochter Miriam nicht zum Abendbrot nach Hause. Ich hatte gleich ein schlechtes Gefühl. Als eine Stunde später ein Polizist kam und uns mitteilte, dass Miriam in einen Unfall mit zwei Autos verwickelt war, wusste ich sofort: Das Schreckliche ist passiert, Miriam stirbt. Ich wusste es einfach.

Der Autofahrer hatte sich mit einem Bekannten im Auenweg ein Rennen geliefert, die Kontrolle verloren, er flog aus der Kurve, traf Miriam. Warum gerade sie, eines unserer so sehr geliebten Kinder? Die Brave, Angepasste, die selber nie jemandem etwas zu­leide getan hatte. Phasenweise fand ich mich in der paradoxen Situation wieder, auf jemand ­böse zu sein, an dessen Existenz ich eigentlich nicht glaube. Entscheidet ein strafender Gott: Die hol’ ich jetzt von Rad? Warum glauben Leute weiter an einen Gott, wenn der ihnen so etwas angetan hat? Manche Menschen glauben, dass wir Miriam im Jenseits wiedertreffen. Wir teilen diese Hoffnung nicht. Weder sehen wir eine höhere Macht, die uns Trost spendet, noch glauben wir an die Auferstehung. Wobei ich mich schon frage: Wer lenkt so was? Wenn ich den mal erwische   

Seit Miriams Tod gehe ich mit dem Ge­danken an sie schlafen und wache damit wie­der auf. Es gibt Menschen, die nicht verstehen, dass wir so lange so intensiv trauern. Vielleicht hatten die nie eine gute Beziehung zu ihren Kindern; manche sagen auch, sie wäre ja jetzt mittlerweile sowieso aus dem Haus.

Gespräche, immer wieder, helfen mir. Besonders mit anderen Eltern, die ein erwachsenes Kind verloren haben, die also Ähnliches erlebt haben und nachfühlen können. Befreundete Familien leben einfach weiter, die jungen Erwachsenen entwickeln sich. Bei uns wird es nie so sein, wie wir es uns ausgemalt haben. Miriam war ja gerade erst dabei, erwachsen zu werden.

Seit kurzem gehe ich mit der Polizei an Schulen und erzähle vom Unfall, was er bis heute mit uns macht. Da kann ich noch mal für einen Vormittag die Mutter von Miriam sein. Und es ist meine Art, mich dagegen zu wehren, dass ich auf nichts, was passiert ist, Einfluss hatte.

Marita Scheidel

Marita Scheidel, 58, lebt mit ihrem Mann in Köln.
Arton Krasniqi

Je älter ich werde, desto mehr höre ich auf, die Welt zu erklären

Man kann etwas darüber sagen, warum es Krieg, Folter und Unrecht gibt. Man kann die Anstifter ausfindig machen: die Gier, der Hass, die Dummheit von Menschen. Aber damit ist nicht alles gesagt. Nach der Sintflutgeschichte in der Bibel verspricht Gott: „Ich richte meinen Bund so mit euch auf, dass hinfort nicht mehr alles Fleisch ausgerottet werden soll durch die Wasser der Sintflut.“ 230 00 Menschen wurden am 26. Dezember 2004 bei dem großen Tsunami vom Meer ver­schlungen. Auf Haiti kamen 2010 mehr als 200 00 Menschen bei dem großen Beben um. Darüber weiß ich nichts Vernünftiges und Erklärendes zu sagen. Die Gebete dieser Ertrinkenden und Erschlagenen wurden nicht erhört. Es gibt viel von Menschen verschuldetes Unglück. Diese gehören nicht dazu. Wir leiden an Gott, dessen Engel versprochen sind und die doch so weit entfernt sind, wenn wir in den Strudel der Untergänge geraten. Der Regen­bogen erinnert uns daran, was Gott uns schuldig ist. Ich habe keine Lust, ihn zu verteidigen und zu behaupten, dass er uns auf ­höhere Weise erhört und auf andere Weise rettet, als wir es sehen und wünschen. Die Menschen, die auf Sumatra von den Wellen verschlungen wurden und die in Haiti unter ihren Häusern begraben wurden, wollten nicht auf höhere Weise erhört und gerettet werden. Sie wollten atmen, und sie sind erstickt. Sie wollten leben, und sie sind ertrunken, und ihre Leiber wurden von den Fischen gefressen. Ihre Leiden waren sinnlos, und ich weigere mich, diesen Leiden einen höheren Sinn unterzuschieben. Je älter ich werde, umso mehr höre ich auf, die Welt zu er­klären. Auch unser Glaube erklärt nichts. Es gibt die großen und unüberbrückbaren Widersprüche zwischen den Ver­sprechungen Gottes und dem Zustand dieser Welt. ­ Nur eine ewig gültige Theologie, die absieht vom Zustand dieser Welt, kann alles erklären. Aber sie wäre ein Alptraum. Wenn wir Christenmenschen von Hoffnung sprechen, darf man uns nicht vorwerfen können, wir seien Leute, die nicht so genau hinschauten; Naivlinge, die nur noch nicht gemerkt haben, was alles gegen den Regenbogen spricht. Hoffnung lernen heißt auch Illusionen verlernen, auch die ­Illusionen über Gott.

Ich höre im 22. Psalm die alte und nicht zu beantwortende Warum-Frage, die alle Gequälten dieser Erde stellen: Warum, Gott, hast du mich verlassen? Warum hörst du nicht? Warum antwortest du nicht? Warum muss ich wie ein getretener Wurm leben? Ich höre im selben 22. Psalm eine völlig andere Stimme; die Stimme, die Gott lobt, wenn auch aus krächzender Kehle: „Du bist heilig, Gott. Du thronst über den Lobgesängen Israels. Ich will dich in der Gemeinde rühmen.“ Eine Antwort gibt es nicht, aber ein Gebet und einen Preis Gottes aus den Tiefen der Untergänge. Widersprüche, über die man nicht hinwegkommt.

Fulbert Steffensky

Fulbert Steffensky, Jahrgang 1933, ist einer der bekanntesten theologischen Autoren im deutschsprachigen Raum. Er lehrte Religionspädagogik und lebt in der Schweiz.
Sophie StiegerFulbert Steffensky, Theologe am Vierwaldstättersee in Luzern fotografiert.

 

Wir Historiker neigen zum kühlen und relativierenden Blick

Die Geschichte ist voll von grausamem Unrecht und unerklärlichem Leid, und die Vorstellung eines gütigen und allmächtigen Gottes, der vor all dem die Augen verschließt, ist unerträglich. Nicht zuletzt mit der Shoah sowie der systematischen Ermordung von Kranken und der Versklavung angeblich minderwertiger Völker während der NS-Zeit zeigte sich deutlich, dass die Menschheit auch und gerade in vermeintlich aufgeklärten und fortschrittlichen Zeiten jederzeit unmenschlich werden kann. Auch wenn ich selbst Atheistin bin, kann ich verstehen, dass viele in solchen Momenten einen Fingerzeig Gottes erwarten. Oder – weltlich gewendet – gegen das Leiden aufbegehren, indem sie eine seelische Läuterung oder sogar etwas Gutes dahinter vermuten: Welche Botschaft hat diese Dürrekatastrophe, was will mir der Krebs sagen? – und sich damit trösten, dass alles schon zu irgendetwas nütze sein werde.

Die Geschichtswissenschaft kann sich diese Haltung allerdings kaum zu eigen machen. Wir neigen zum kühlen und relativierenden Blick, der die Zeitge­nossen vor allzu viel Narzissmus warnt: Denn es gibt kein besonderes Privileg zu leiden oder nicht zu leiden, es gibt keine Regelhaftigkeit in der Geschichte, die Zeit der göttlichen Wunder ist lange vorbei. Viel wichtiger wäre die Frage, was zu tun ist angesichts des ständig wiederkehrenden Einbruchs in die dünne Decke der Zivilisation. Mir fällt dazu die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ ein. Auch diese jungen Menschen haben sich, bevor sie gegen das Unrecht im Hitlerstaat zu kämpfen begannen, der Sinnfrage gestellt. Sie haben sich über einen längeren Zeitraum mithilfe der Philosophie und der Theologie intensiv auch mit der Theodizee beschäftigt. Besonders Sophie Scholl kaute an dem Problem der göttlichen Vorbestimmung, suchte Hilfe in den Schriften von Leibniz und in der Bibel. Doch irgendwann war ihre Sinnkrise beendet; da wusste sie, sie musste etwas tun gegen Adolf Hitler und gegen das moralische Versagen der deutschen Bevölkerung. Diese mutige Entscheidung, von der unser aller Gewissen bis heute zehrt, brachte sie bekanntlich vor den Volksgerichtshof und in die Todeszelle. Wenige Stunden vor ihrer Hinrichtung am 22. Februar 1943 bekam sie die Erlaubnis, sich von ihren Eltern zu verabschieden. Ihre Mutter versuchte sie in diesem schweren Moment mit den Worten „Gell, Sophie: Jesus!“ zu trösten. Die Antwort von Sophie Scholl kam prompt: „Ja, aber du auch.“ Ich interpretiere diesen Satz so: Sie suchte nicht nur Rückhalt bei Gott, ihre Kraft zum Widerstand gegen das Böse verlieh ihr vor allem die konkrete Hilfe von ganz realen Menschen auf dieser Erde.

Miriam Gebhardt

Miriam Gebhardt ist Historikerin und Autorin. In ihrem Buch "Die weiße Rose. Wie aus ganz normalen Menschen Widerstandskämpfer wurden" geht es auch um die religiöse Motivation der bekannten Widerstandsgruppe.
Oliver RehbinderMiriam Gebhardt ist Historikerin und Autorin. Ihr aktuelles Buch 'Die weiße Rose. Wie aus ganz normalen Deutschen Widerstandskämpfer wurden" (DVA, 2017), behandelt auch die viel diskutiere Frage der religiösen Motivion der bekannten Widerstandsgruppen

Jammert nicht über die metaphysischen Ursachen des Übels!

Wo kein Gott, da keine Theo­dizee. Oder wie es Odo Marquard ausgedrückt hat: ­Theodizee gelungen, Gott tot. Aber nun sitzt halt eben der Mensch selbst auf der Anklagebank – und das ist gut so. 

Der Agnostiker hat keine Ausrede. Er anerkennt die alleinige Verantwortung des Menschen. Seine Welt ist so gut oder so schlecht, wie wir sie gestalten, als Gesellschaft, in Gemeinschaft und jeder für sich. Milchmädchenrechnungen à la Leibniz sind dabei keine Option; es lässt sich nicht das Übel, welches dem Einzelnen widerfährt, gegen das große Gute aufrechnen und damit marginalisieren – weil es kein großes Gutes gibt, sondern nur das Leiden und die Demütigung des Einzelnen.

Wir sind nichts und niemandem außerhalb von Raum und Zeit Rechenschaft schuldig, nur uns selbst, unseren Mitmenschen und kommenden Generationen, denn diese sind alles, was uns an Zukunft bleibt, weil wir auf kein Jenseits hoffen.

Und was ist mit den Naturkatastrophen, den Unwettern, Vulkanausbrüchen und Erdbeben, die wir nicht verursachen, aber auch nicht verhindern können? Nicht ihr Vorkommen ist von Interesse – sie sind Teil der Welt, die uns gegeben ist und in die wir als Mängelwesen geworfen sind. Keinen wehleidigen Jammergedanken über die metaphysischen Ursachen dieser Übel sollen wir verschwenden. Wir brauchen unsere Kräfte, um in Solidarität gegenwärtiges Leid zu lindern und zukünftiges Unglück zu verhindern.

Ja, das ist ein Plädoyer für die Überwindung des Religiösen und damit für eine Verabschiedung der Theodizeefrage. Nur erscheint leider das Religiöse immer wieder in neuem Gewand und nicht immer riecht es entlarvend nach Weihrauch. Joseph Vogl, der Berliner Philosoph und Kulturwissenschaftler, beschreibt es schon richtig: Die Gerechtig­keit des Kapitalismus wird, trotz der offensichtlichen Übel, die er in die Welt bringt, mit religiöser Inbrunst heilsökonomisch ver­teidigt. Die Ungerechtigkeit, der Hunger, die Armut, die Demütigung, sind systemimmanente Notwendigkeiten, die sich gegen das wohleingerichtete Gesamtge­schehen der freien ­Märkte – wieder ein großes, gutes Ganzes – aufrechnen lassen. Oikodizee nennt Vogl diesen neuen Glauben: die Recht­fertigung des ökonomischen Geschehens.

Hüten wir uns also grundsätzlich vor ­jenen, die mit ihrem „großen Ganzen“ – sei es nun gut oder schlecht – hausieren gehen.

Jonas Lüscher

Jonas Lüscher, 41, hat den Roman "Kraft" geschrieben. Darin lobt ein Silicon-Valley-Investor einen wissenschaftlichen Wettbewerb aus. Den Teilnehmern winkt ein Preisgeld von einer Million Euro, wenn sie in einem Essay die Frage beantworten: "Warum alles, was ist, gut ist und wir es trotzdem verbessern können" (C.H. Beck, 2017)
Ekko von Schichow

Ich spürte plötzlich, dass die Last auf meinen Schultern leichter wurde

Mein Glaube ist meine Art, das Leben auszuhalten. Gott ist für mich die Antwort auf jene Fragen, die mich umtreiben. Warum musste meine Schwester so jung und so qualvoll an Krebs sterben? Meine Schwester wurde 46, sie musste ein achtjähriges Kind zurück­lassen. Warum passiert so etwas? Die Kraft von etwas Göttlichem habe ich zum ersten Mal gespürt, als ein Pfarrer zu mir sagte: „Über die Frage, ob Ihre Schwes­ter ­leben oder sterben wird, entscheiden nicht die Ärzte, darüber entscheidet Gott ganz allein. Dein Wille geschehe. Wenn Sie das akzeptieren können, werden Sie sich getragen fühlen.“ Ich spürte plötzlich, dass die Last auf meinen Schultern leichter wurde. Ich habe natürlich gehadert, ich habe nach Franziskas Tod manchmal gesagt: „Weißt du, lieber Gott, dafür brauche ich irgendwann eine verdammt gute Antwort. Es wird schwierig, mich zu überzeugen, dass das wichtig und richtig war.“

Charlotte Link

Charlotte Link, geboren 1963, ist mit ihren Thrillern die meistgelesene deutschsprachige Autorin. Das Leiden und Sterben ihrer Schwester Franziska beschreibt sie in dem Buch "Sechs Jahre" (Blanvalet, 2014). Charlotte Link lebt in der Nähe von Frankfurt am Main.
picture alliance/Erwin ElsnerCharlotte Link, deutsche Schriftstellerin. aufgenommen am 22.11.2016 in Mainz beim ZDF-Mittagsmagazin.

Aber die Besatzung hier, die ist von Menschen gemacht. Die werde ich nicht akzeptieren

Manchmal ist es anstrengend, in Bethlehem unterwegs zu sein, obwohl ich seit ein paar Jahren einen elektrischen Rollstuhl habe. Die Bürgersteige hier sind, wenn es sie überhaupt gibt, viel zu schmal, voller Schlaglöcher. Ich muss auf der Straße fahren, manche Autofahrer schneiden meinen Weg, viele hupen. Aber ich beschwere mich nicht darüber, dass ich nicht laufen kann. Ich frage nicht: Warum ich und nicht meine Schwester oder mein Cousin? Es wäre dumm, das zu fragen. Ich bin glücklich mit meinem Rollstuhl. Ich bin nicht religiös, aber ich glaube doch, dass Gott mir das Leben gegeben hat – und jetzt muss ich sehen, wie ich klarkomme. Ich will das meiste rausholen.

Schon als Kind habe ich mich nicht hängen lassen, ich war immer mitten unter den anderen Kindern. Meine Muskelschwäche war für mich normal. Zur Schule bin ich nicht gegangen, aber ich konnte schnell besser Englisch als meine Geschwister. Ich habe ihre Bücher gelesen und viel mit den Physiotherapeutinnen Sprechen geübt. Als ich neunzehn war, wurde ich von einem Auto angefahren, seitdem kann ich mich noch weniger be­wegen. Über 20 Jahre lebe ich jetzt schon mit jungen ausländischen Frauen zusammen. Ich bringe ihnen Arabisch bei und zeige ihnen, wie man gefüllte Weinblätter und andere palästinensische Spezialitäten kocht. Im Gegenzug schläft immer eine der Frauen bei mir im Zimmer, sie helfen mir beim Anziehen und Waschen, sie kochen und wir gehen zusammen raus. Aber nach drei Monaten müssen sie meist wieder gehen, und ich muss neue Leute suchen. Manchmal weiß ich nicht, wer mich in den nächsten Monaten betreuen wird. Ich spreche über Skype mit Interessierten, wenn wir uns gut verstehen, können sie kommen. Es passiert, dass Frauen kurzfristig abspringen. Da frage ich mich dann schon, ob mein Lebensmodell auf Dauer funktioniert. Aber irgendwie hat es bisher doch immer geklappt. Ein bisschen Geld verdiene ich mit Arabisch­unterricht, meine Familie unterstützt mich finanziell. Ich bin wahrscheinlich die einzige Frau in Bethlehem, die alleine lebt, ohne Familie im Haus. Ohne meine Krankheit wäre es dazu wohl nie gekommen. Die Freiheit, mein Leben zu gestalten, will ich auf keinen Fall aufgeben.

Nur wenige sind zufrieden mit dem, was sie haben. Ein Mädchen mit glatten Haaren wünscht sich Locken. Kranke fragen sich: ­Warum bin ich nicht gesund? Aber das sind Dinge, die zum Menschen gehören. Menschen, die immer fragen „Warum ich?“ sind nicht mit sich im Reinen. Ich versuche, mich selbst und die Umstände zu mögen, dann geht alles leichter. Anders ist das bei Krieg oder der Besatzung hier. Die ist von Menschen gemacht, die ein bestimmtes Interesse verfolgen, nicht von Gott. Das werde ich nicht einfach akzeptieren.

Echlas al-Azzeh

Echlas al-Azzeh, 43, lebt in Bethlehem. Sie stammt aus einer muslimischen Familie.

Infobox

Theodizee - was ist das?

Der aus griechischen Worten zusammengesetzte Fachbegriff bedeutet: Gerechtigkeit Gottes. Die Frage, ob und warum Gott das Leiden der Menschen nicht verhindere, bewegt gläubige Menschen, seit es Religion gibt. Stellt er die Menschen auf die Probe? Will er oder kann er das menschliche Leiden nicht verhindern? Den Begriff der Theodizee prägte der deutsche Philosoph und Aufklärer Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716). Selbst eine von Gewalt und Leid geprägte Welt ist für ihn immer noch „die beste aller Welten“. Und weil Gott die Menschen als frei erschaffen ­habe, hätten sie eben auch die Freiheit, Verbrechen zu begehen. Nach dem Erdbeben und dem Tsunami in Lissabon 1755 mit Zehntausenden von Todesopfern entzündeten ­sich daran öffentliche Auseinandersetzungen. Für viele führte die Katastrophe (wie später für andere Generationen der Holocaust) dazu, die Existenz Gottes grundsätzlich ­infrage zu stellen. Erklärversuche zur Gerechtigkeit Gottes gelten heute als rein spekulativ. Eindeutiges, Tröstlicheres las Dietrich Bon­hoeffer aus der Bibel : „Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt, und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns.“  

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Lesermeinungen

Ich bin mir bewusst, dass das, was ich hier schreibe, gewagt ist und sich für Frau Scheidel vermutlich provokativ liest: Ich glaube, das Unheil, das Gott zulässt, ist die Kehrseite der Freiheit, die er uns schenkt. Wenn er unser Leben so lenken würde, dass uns nichts zustößt, verlören wir unsere Freiheit, wir wären nur noch Marionetten.

Er hat schon Eva die Freiheit gelassen, Adam die Frucht vom Baum der Erkenntnis zu reichen, und Adam die Freiheit, die Frucht anzunehmen. Und so lässt er Menschen immer wieder die Freiheit, Fehler zu machen, auch wenn sie sich selbst und anderen damit schaden.

Natürlich ließe sich auch argumentieren, Gott könnte doch zumindest extrem schlimme Dinge wie etwa den Holocaust unterbinden. Aber wo ist da die Grenze?

Ihnen, liebe Scheidels, wünsche ich viel Kraft.

Herzlichen Dank an Fatma Gezerler für ihren lebensnahen und erfrischenden kurzen Impuls zum Thema „Theodizee“ und Gottesexistenz.

Gott als realer Dienstleister des Menschen, wie der Friseur, - eine sehr behagliche Vorstellung. Er hat seinen Platz also mitten in unserem alltäglichen Erdenleben, nicht hinter dem Mond, nicht irgendwo im Nirgendwo auf einem Himmelsthron, umgeben von Engeln und Heiligen und anderen entrückten mystischen Wesen. Er bietet seine Dienste jedem von uns an, ganz konkret, hier und jetzt, jederzeit, überall. Und es ist unsere eigene Entscheidung, ob und wo und wie wir Kontakt zu ihm aufnehmen und seine Dienste in Anspruch nehmen, indem wir uns mit ihm austauschen.

„Hast Du keinen Friseur?“ Doch, habe ich. Mein „göttlicher Friseur“ ist das Ergebnis meiner eigenen persönlichen Vorstellung - mein verlässlicher Freund und Begleiter in meinem kurzen Erdenleben, eindeutig vorstellbar und in diesem Sinne spürbar als wirkungsvolle Hilfe, damit ich meinen Weg auf dem Blauen Planet passabel und sinnvoll gestalten kann. Es ist kein Zufall, dass wir die geistige Kraft der Vorstellung besitzen, die weit über jedes Wissen und Zählen und Messen hinausgeht. Welche tiefe Kraft und Bedeutung sie hat, schildert zum Beispiel Michael Ende eindrucksvoll in seiner „Unendlichen Geschichte“, wo die menschliche Vorstellungskraft das Land Phantasien davor rettet, vom Nichts verschlungen zu werden.

„Hast Du keinen Friseur?“ Doch, habe ich. Und ich muss nicht einmal seinen Salon aufsuchen. Die wenigen restlichen Haare auf dem Kopf schneide ich mir seit Jahren selbst zurecht. Das ist schnell gemacht. Aber ich möchte ja außerdem mit meinem Friseur nebenbei gerne einen kleinen Plausch halten, wenn er schon in Reichweite ist - mal drauf los quatschen. Gerade für diesen Service ist mein göttlicher Friseur die allerbeste Adresse - ein absolut geduldiger Zuhörer, ein perfekter Resonanzboden, der mir hilft, eigene Antworten auf meine Fragen zu finden, anstatt nach fertigen Lösungen und Paradiesverheißungen Ausschau zu halten, denen ich blind vertraue und folge. Er ist der Botschafter, der mein begrenztes kurzes Menschenleben verbindet mit der alles umfassenden Unendlichkeit, Grenzenlosigkeit und Zeitlosigkeit. Und als solcher hat er sehr konkrete Impulse anzubieten: „ Ich kann Dir auf die Frage nach dem letzten Woher, Wohin und Warum keine Antwort geben, die Du verstehen und nachvollziehen kannst. Aber ich kann Dir vielleicht helfen, Dir vorzustellen und bewusst zu machen, dass Dein Leben ein sinnvoller Anteil an einer ebenso sinnvollen unfassbar großen Entwicklung und Bewegung ist. Wie ein Funke, den die Evolution aus der Energie eines Feuersteins entspringen lässt und der im kurzen Augenblick seines Daseins eine unbeschreibliche Vielfalt entwickelt und danach für alle Zeiten seinen festen Platz als Sandkorn in der großen Entwicklungsgeschichte findet.“

„Hast Du keinen Friseur?“ Doch, habe ich. Und mit seiner Begleitung kann ich darauf achten, dass mein Blick klar und frei bleibt und nicht von wilden Haarbüscheln überwuchert wird, die mir aus allen Poren und Löchern quellen. Selbst für meine Haare auf den Zähnen hat er etwas anzubieten. Früher bin ich zum Haareschneiden zu Kurt und zu Meinhard gegangen, aber sie haben es oft übertrieben mit ihrer Dienstleistung und des Guten zu viel getan. Auch heute werden mir in den Tempeln der Friseure jede Menge schriller und schräger Angebote unterbreitet, vom martialischen Undercut bis zur Gockel-Gelkissen-Frisur. Gut dass ich die Freiheit habe, meine eigene Wahl zu treffen, die zu meiner persönlichen Vorstellung passt und mit der ich mich in Einklang fühle. So ist es gut. Und was später nach diesem Erdenweg kommt, lass ich einfach mal auf uns zukommen, bis es soweit ist. Die ewige Ruhe ist uns danach noch lange genug vergönnt. Und vielleicht wird das Sandkorn ja ein Teil eines Feuerstein, aus dem irgendwann neue Lebensfunken entspringen.

Herzlichen Dank und herzhafte Grüße an das Chrismon-Team und an Fatma Gezerler.

Vielen Dank für den Beitrag über Leid und warum Gott das zulässt - oder ob der damit überhaupt was zu tun hat.

Trotz der Facettenreichen Beiträge vermisse ich leider einen Aspekt, der unbedingt dazugehört hätte, ich umreiße ihn kurz, wie das im Rahmen eines Leserbriefs möglich ist:

Wenn Gott zwar Allmächtig, aber gleichzeitig die Liebe ist, muss er freie Entscheidungen zulassen, weil echte Liebe nunmal freiwillig geht! Extrem ausgedrückt (um der Klarheit willen): Würde er einer alkohlabhängien, stillenden Mutter die Flasche aus der Hand schlagen, was dem Allmächtigen sicher möglich wäre - sie würde sich niederknieen, aber nicht um anzubeten, sondern um Alkohol zu schlürfen. Würde Gott alle Waffen in Zuckerschaum verwandeln, würden wir (Männer, Väter) mit Steinen und Stöcken aufeinander losgehen. Würde er die Mutter am niederknieen hindern und den Männern Steine und Stöcke aus der Hand nehmen, wären wir unserer Freiheit beraubt - wir könnten Gottes Wege nur noch roboterhaft bejahen! Also: Weil Gott Liebe ist, muss er zulassen, dass wir sein Liebeswerben auch ausschlagen und eigene, pervertierte Wege gehen, auf denn wir dann degenerieren. Auf den ersten Blick mag das mit Naturkatastrophen wenig zu tun haben (Tsunami, Erdbeben) doch der Apostel Paulus baut diese Brücke und dehnt den Gedanken (Gott der Liebe, auf den wir uns freiwillig einlassen können oder auch nicht) tatsächlich auf die gesamte Schöpfung aus: "Wurde die Schöpfung doch der Nichtigkeit unterworfen, nicht weil sie es wollte ... unter die Knechtschaft der Vergänglichkeit ... doch nicht ohne Hoffnung ... aber bislang im Seufzen und Ächzen" (aus Römerbrief Kap.8,19-22). In dieser Lage lässt uns Gott allerdings nicht allein sondern verfolgt seine Ziele des Heils - er ist immer noch für uns und bereit, in göttlicher Weisheit unsere Misere zum Guten zu wandeln, wie das im Kontext dieser "seufzenden" Schöpfung - die nicht er, sondern wir zum Seufzen gebracht haben - eben möglich ist (siehe weiterer Verlauf von Römerbrief Kap.8).

Man kann diese Sicht auf Gott, der "uns machen lassen muss, weil er sich souverän und allmächtig für die Freiwilligkeit der Liebe entscheiden hat" natürlich als altbacksch abtun - aber vor dem Hintergrund menschengemachter Erderwärmung und ihrer Folgen erhält Paulus mit seiner Sicht der "seufzenden" Schöpfung, die uns anvertraut ist und die wir tüchtig durcheinandergebracht haben, eine neue, ungeahnte Aktualität.

Ich hätte mir gewünscht, dass unter den 6 Beiträgen mit unterscheidlichen Sichten auf das Problem auch dieser 7. Aspekt Raum gefunden hätte!

M.E. geht es bei dieser entscheidenden Frage über den Verbleib oder den Austritt aus dem kirchlichen Glauben um zwei zentrale Fragen des Gottesbildes:
1. Glaube ich an einen Gott, der alles lenkt oder an einen Gott, der der Natur und dem Leben Freiräume gegeben hat sich zu nach eigenen Gesetzmäßigkeiten zu entwickeln.
2. Glaube ich an einen Gott, der in die Welt eingreift; ständig, punktuell oder nicht.

Persönlich glaube ich an Gott, der in der Kreuzigung zeigt, dass er jeden Schmerz des Menschen kennt und aushält.

Sehr geehrter Petzold, Sie haben geschrieben: "Persönlich glaube ich an Gott, der in der Kreuzigung zeigt, dass er jeden Schmerz des Menschen kennt und aushält."

Schön für Gott, dass er entweder ziemlich schmerzunempfindlich oder hart im Nehmen ist. Gewöhnlichen Schmerzpatienten empfehle ich, sich über Möglichkeiten und Grenzen moderner Schmerzenbehandlung zu informieren.

Mit freundlichen Grüßen

Max Zirom

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Herr Zirom, ich bin beruflich sogar ein kleiner Experte für Schmerzzustände.

Im Zustand der Folter des Menschen Jesus, bevor der Organismus im Traumaerleben psychisch und dann körperlich stirbt, zeigte sich Gott

Sehr geehrter Herr Petzold, es liegt mir fern, Ihre Expertise für was auch immer anzuzweifeln.

Wenn sich Gott zeigt, ist gerne außerordentlich was los. Brennende Dornbüsche sind z.B. einschlägig. Gewitter gehen auch gerne Gott voran. Was mich jetzt interessieren würde, ist die von Ihnen angesprochene Folterei. Gott zeigt sich im Zustand der Folter des Menschen Jesu, schreiben Sie. Wer hat hier bitte Gott gesehen? Wer hat hier Gott an was erkannt? Der Herr Jesus hat sich dem Vernehmen nach mehr in Richtung Gottverlassenheit geäußert.

Es ist sicher sehr eindrücklich, Gott zu sehen, wenn er sich denn mal zeigt. Trotzdem frage ich mich, ob Folter nicht doch ein ganz schön happiger Preis für die Gottesansichtigkeit ist.

Mit freundlichen Grüßen

Max Zirom

...macht Sinn um etwas zu klären

Folter ist (fast) das Schlimmste für Menschen. Bevor der Mensch Jesus aus dem Körper ausstieg äußerte er den Bindungschrei. "Warum hast Du mich verlassen". Danach dissoziiert er.
Gott zeigt in seiner Folter, dass er jeden Schmerz aushält. Und der Mensch Jesus wußte, was ihn erwartet. "Warum kann dieser Kelch nicht an mir vorübergehen".

Gewitter und Dornenbüsche sind symbolische Beschreibung. Sie waren wahrscheinlich nicht real. Die Kreuzigung schon.

Realität ist, dass die römische Besatzungsmacht mit Hilfe der Justiz Menschen vom Leben zum Tode brachte. Das Recht legte die Einzelheiten fest, unter anderem wann welche Todesart anzuwenden war. Unter den Hingerichteten waren auch Wanderprediger, die Gefolgschaft hatten. Soweit die Realität.

Dass Gott wie auch immer bei der berühmten Kreuzigung seine Finger im Spiel gehabt haben soll, ist blanke Glaubenssache. Egal, ob die Kreuzigung ein heilsgeschichtliches Ereignis außerordentlicher Wichtigkeit gewesen sein soll oder was auch immer theologischer Einfallsreichtum hier schon alles behauptet hat: Die Realität ist gerade nicht das, was interessiert. Von Interesse ist immer das, was hinter, neben, unter oder über der widerlichen Realität gewesen sein soll. Das könnte skeptisch stimmen.

Sicherlich brennen bisweilen auch Dornbüsche, Gewitter ziehen auf und die Justiz schlägt zu, dass ordentlich Blut fließt. Der Glaube erfindet dann die jeweiligen Glaubensinhalte dazu. Insofern ist die Kreuzigung um nichts realer als es der brennende Dornbusch war. Der brennende Dornbusch war wenigstens nur die Maske, die Gott brauchte, weil man ihn ja nicht so einfach gucken gehen können soll. Die Kreuzigung, also eine Quälerei erlesenster Güte, soll aber Vorbildcharakter haben für alle, die Christus nachfolgen wollen oder sollen. Der Glaube daran ist um einiges gefährlicher als der an das etwas ältere göttliche Versteckspiel.

Mit freundlichen Grüßen

Max Zirom

Ihre Grundidee teile ich vermutlich. Ich verstehe Menschen nicht, die durch Aufopferung Jesus nachahmen wollen. M.E. versuchen sie sich damit an Gottes Stelle zu setzen und das ist in meinen Augen so was wie Gotteslästerung.

Lassen wir derzeit offen, welche Überlegungen wir teilen und welche nicht! Ich freue mich auf jeden Fall zu lesen, dass Sie bei Opferbereitschaft nicht sofort in den landesüblichen Beifall ausbrechen. Ob der Entschluss, dem Herrn nachzufolgen und sein Kreuz auf sich zu nehmen (fiese grammatikalische Zweideutigkeit, worauf sich "sein" bezieht!), als Gotteslästerung zu gelten hat, darf bezweifelt werden und die Debatte dazu möchte ich gerne denen überlassen, denen es ein Anliegen ist, Gott vor der Belästerung zu schützen.

Der Ratschlag, Jesus als Vorbild zu nehmen, der sich angeblich hat kreuzigen lassen, statt die väterlichen Engel zu Hilfe zu rufen, ist auf jeden Fall ein Schlag in die Magengrube all derer, die tatsächlich wenig zu lachen haben und denen diese komfortable Option mit den mehr als 12 Legionen nicht zur Verfügung steht.

Mit freundlichen Grüßen

Max Zirom

Deswegen (?) sagte Luther, dass man vor Gott nach dem Tode ganz allein steht.
Für das Leben gilt ähnliches. Teilen Sie diese Ansicht ?

Gerd Petzold

Diese Ansicht teile ich nicht. Mein Planungshorizont geht nicht über meinen Tod hinaus. Danach mutiere ich zum Spielverderber und werde ganz schnöde für alle Zeiten mausetot sein. Es wird also Gott sein, der alleine vor seinen Erlösungs-, Weltenrichter- und sonstigen Plänen stehen wird. Falls er doch wieder Gewalt anzuwenden gedenkt, wäre es allerdings angebracht, dass die tendenziell Betroffenen noch zu ihren Lebzeiten auf Abhilfe dagegen sinnen.

Mit freundlichen Grüßen

Max Zirom

Dann wünsche ich mir u.a. für die Zukunft, dass folgende Verhältnisse nie wieder eintreten : Kinder werden im Namen "Gottes" gedemütigt und/oder geprügelt. Und ich stand daneben, als Kind. Geschockt, verstört und hilflos. Und alle Erwachsenen schwiegen. Heute sage ich: Das waren keine "Gottesvertreter", unabhaengig von ihrem auch zeitgeistabhaengigen Gottesbild. Dank weltlicher Gesetzgebung ist dieser Zustand beendet worden, verschwunden ist er noch nicht ganz. Auch nicht in meinem Kopf(-Körper)

Gerd Petzold

Ihr Wunsch, mit Kindern zukünftig nicht mehr im Namen Gottes haarsträubend umzuspringen, ist auch mein Wunsch. Wobei es dem Kind ziemlich wurscht ist, ob es die Beschimpfungen, Ohrfeigen oder Schlimmeres im Namen Gottes oder sonst eines hohen Wertes übergebraten bekommt. Die Beschämungs- und Prügelpraxis in kirchlichen Einrichtungen ist derzeit ziemlich im Gespräch. Irrtümlich wäre allerdings die Vorstellung, in den gewöhnlichen, anständigen, möglicherweise mit Gott und Kirche gar nichts am Hut habenden Familien wären die Sitten im Schnitt weniger rau gewesen.

Inwieweit die weltliche Gesetzgebung den Kindern eine angenehmere Kindheit verschafft oder nur die Art verändert, mit der Kinder karrierefördernd zur Schnecke gemacht werden, will ich jetzt nicht erörtern. Der Wunsch nach weniger Leid und Stress für Kinder wird somit nichts bringen, solange nicht klar ist, warum Eltern und Erwachsene mit der Jugend so umspringen, wie sie es tun. Da scheint mir die Vorstellung, ein falsches Gottesbild müsse durch ein richtiges ersetzt werden, eher in die Irre zu führen.

Gott wie jeder andere in höheren Sphären verankerte gute Grund verliert seinen Schrecken und seine katastrophale Wirkung auf Kinder und andere Abhängige nicht dadurch, dass man ihn in Anführungszeichen setzt.

Mit freundlichen Grüßen

Max Zirom

Aus dem Artikel: "Es bleibt ein schmerzhaftes Rätsel, warum manche Menschen leiden müssen, andere hingegen nicht." Das ist nur dann ein grundsätzliches Rätsel, wenn man wie leider landesüblich hartnäckig nicht zur Kenntnis nehmen will, wie und warum unsere Gesellschaft so abläuft, wie sie es tut. Und ausgerechnet dieses angebliche Rätsel soll schmerzhaft sein? Ich dachte immer, das Leid sei schmerzhaft und nicht die Feststellung, dass manch einer um manches Leid herumkommt.

Fritz Kurz

Ich möchte nur dazu sagen, dass das Leben und auch die Stationen des Leidens immer individuell sind; die Auswirkungen auf das innerste unserer Seele aber ähnlich sind. Das heißt für mich: Im beruflichen Kontext muss alles getan werden muss, dass traumatisierte Menschen n i c h t (!!!) mittels nachträglicher Stigmatisierung durch professionelle Helfer in eine Rolle gebracht werden, für die sie sich schämen oder rechtfertigen müssen. Oder anders: Alle die dies nicht hinbekommen sollten sich eine neue Arbeit suchen - im Interesse des Selbstwertes und der Erhaltung des Gesundheitsstatus von BesucherInnen - wie er ist!!!

Lieber Marcus G., bitte nicht "Ringen um Wahrheit" (unter dieser Überschrift habe ich den Theodizee-Artikel gelesen, verstanden und kommentiert) mit "Therapiesitzung" verwechseln! Ich gebe zu, dass es eine feine Linie ist, da wir beim "Ringen um die Wahrheit" ja auch mit uns selbst und unseren Befindlichkeiten konfrontiert werden. Unabhängig davon muss es den geschützten Rahmen einer Therapie oder der Seelsorge geben (da bin ich ganz bei Ihnen). Jedoch selbst hier gilt: bei einer wirkungsvollen Therapie entstehen meist auch Schmerzen, dort jedoch zum Zweck der Heilung - auch traumatisierte Menschen sind schon durch die unbestritten grossen Schmerzen der 12 Schritte der AA gegangen - haben sich dort selbst "stigmatisiert" und Verantwortung für ihr Handeln übernommen. Das gehört zum Prozess der Genesung und führt zu gesundem Selbstwert! Beim "Ringen um Wahrheit" hingegen können Schmerzen entstehen, die nicht beabsichtigt sind und die vielleicht nicht direkt positive Wirkung entfalten - sind aber um einer ausgewogenen Betrachtung willen auszuhalten. Das habe ich mit meiner Ergänzung zugemutet - nicht mehr und nicht weiger.

Ich frage Gott, warum ich nicht schreiben kann. Warum er mir Menschen in den Weg setzte, die mir nicht gut getan haben, mir nicht wohlgesonnen waren.
Aber ebenso hätte ich IHN auch fragen können, warum liess er den Holocaust zu ! Es sind doch völlig absurde Fragen. In erster Linie muss ich mich nämlich selbst hinterfragen. Ist ein Gott, der mich meinen Schwächen ausliefert , ein guter Gott ?
Die Selbstherrlichkeit und Selbstsicherheit des Agnostikers ist mir zu viel. Geschichte im Nachhinein zu interpretieren birgt ihre Gefahren. Es reicht nicht mit dem Schild des Widerstands auf den Barrikaden zu wandeln, während andere Noch oder Wieder, oder Ewig schlafen.
Ich für mich selbst, ja, aber der andere ?
"Überwindung des Religiösen " dürfte viele erfreuen. Und was dann ? Der Mensch ist nicht zum Agnostiker geboren, und ich übernehme keine Verantwortung für das Leid der Menschheit.
Das Religiöse wird hier zu sehr auf den ideellen Kampf ausgerichtet. Das ist unmenschlich und hybrid.
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Ein Gott, der alles bestimmt, allmächtig ist und nur das Gute will? Diese Vorstellung oder Behauptung ist die Voraussetzung für die Diskussion der philosophisch geprägten Fragestellung nach der Gerechtigkeit Gottes, sprich: "Theodizee". Ist diese Prämisse überhaupt zu begründen und zu rechtfertigen? Was wissen wir denn über "Gott"; und was bezeichnen wir sinnvollerweise mit diesem Begriff? Ich selbst gebe den Gebrauch dieses Terminus' nicht auf und stelle mir vor, dass es eine natürliche Wirkungskraft gibt, die das gesamte Sein bestimmt und trägt und die man als "Gott" bezeichen kann, aber nicht muss. "Deus sive natura", nennt dies Spinoza; und er unterscheidet wohl zwischen dem Urheber und dem kontingent Seienden. Ich bin kein Spinozist, glaube aber, dass sich in diese nüchternen, rational vermittelbaren Auffassung das Problem der Theodizee erledigt. Nicht ein Gott ist für das Übel der Welt verantwortlich, sondern die natürlichen Bedingungen und das oft unverantwortliche Handeln der Menschen. Ich erkläre dies an einem Beispiel: "Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein", so lautete eine These der kirchlich bestimmten Friedenbewegung. Kennen wir Gottes Willen? Hat er überhaupt einen? Wie anthropomorph sind solche Vorstellungen! Ich halte dagegen: "Krieg darf nach unserem Willen nicht sein!" So muss die grundlegende ethische Selbstverpflichtung lauten. Kein Gott oder Dämon oder Teufel richtet die unglaublichsten Gräueltaten der Menschheitsgeschichte an, sondern wir selbst sind es in unser Gottesverlorenheit und -ferne, womit ich den Verlust der Mitmenschlichkeit, der Naturbezogenheit und der Liebe zum Leben und Dasein benenne. Wir begreifen nichts und verbessern nichts, wenn wir das Gute und das Böse von Gott her begreifen wollen. Wir sind die Verantwortlichen und Handelnden. Auf jeden von uns kommt es an. "Daran erkennen wir, dass wir in Gott bleiben und Gott in uns, dass er uns von seinem Geist gegeben hat." So heißt es in der Bibel (Johannis-Brief) und als Motto des "Theologisch-politischen Traktats" des Baruch de Spinoza. Setzen wir und damit auseinander! Das lohnt sich mehr, als die Tretmühle der "Theodizee" zu betreiben.

Man/Frau muss das Thema Gerechtigkeit nicht von G´tt her Denken, sondern vom Menschen aus in Taten einfordern. Gerecht ist z.B., wenn jeder dass bekommt, was er verdient! Gerechtigkeit ist, wenn diejenigen die Gewalt, Hass, Missgunst, Lüge, Defamierung verbreiten, benannt, verurteilt und anschließend vergessen werden. Diejenigen, die zu G´tt umkehren werden durch den EWIGEN bestimmt nicht zurückgewiesen - und wir sollten das auch nicht tun. Es gibt aber Grenzen: Kein Mensch ist wie G´tt!!! Das heisst, das Verzeihen dort seine Grenzen findet wo zerstörerische Kräfte, als Ausgangspunkt für Traumata, uns selbst und den Glauben erschüttern oder gar zerstören würden. Jede eigene Schwäche und Hilflosigkeit, die dann noch übrig bleibt, ist ein deutlicher Hinweis für G´tt uns so Nahe wie nur möglich zu sein... und wenn wir dann heiler werden - auch wieder in unseren Herzen!