Deutsche Exklave in der Hauptstadt Russlands

Genug der Idylle
Deutsches Dorf in Moskau

Deutsches Dorf in Moskau

Holger Berg

Sobald die Ferien beginnen, scheinen alle Bewohner aus dem deutschen Dorf in Moskau zu fliehen. Auslandspfarrerin Aljona Hofmann bleibt da

In diesen Tagen ist es wieder ständig zu hören: das Klackerdiklacker der Rollkoffer auf den Pflaster­steinen. Die Sommerferien sind fast um, und die Urlauber kehren zurück ins „deutsche Dorf“ im Süd­westen von Moskau, in dem auch wir seit zwei Jahren wohnen. 

"Auch Putins Töchter gingen in unsere Schule"

Das umzäunte und bewachte Areal mit 400 Wohnungen in mehreren Hochhäusern gehört dem Auswärtigen Amt. Es ist als gutes, sicheres Wohngebiet bekannt, sauber und auch wegen der „Deutschen Schule“ beliebt, in die übrigens auch Putin seine Töchter schickte. Etwa tausend Menschen leben hier, ein Großteil Deutsche, und wenn man herumfragt, sind die meisten begeistert von der Gemeinschaft hier: Man begegnet sich, hilft einander, versteht sich – ­alles super.

Mich erstaunt, dass trotzdem offen­bar fast niemand hier die Ferien verbringen mag. Viele rauschen ab, sobald sich die Gelegenheit bietet – so scheint es mir zumindest. Im ­Sommer ist es sehr ruhig, typischerweise bleiben dann die Ehemänner hier, die nicht sieben Wochen am Stück freinehmen können wie der Rest der Familie.

Aus der Distanz betrachtet wirkt das Leben im deutschen Dorf etwas skurril: ein Städtchen mitten in der Riesenmetropole Moskau, wo die deutsche StVO gilt und man meist deutsch spricht, wo man sich abends im „Deutschen Eck“ im biederen Fachwerkstil beim Schnitzelessen treffen kann. Vielleicht bleiben deshalb die Bewohner auch nicht länger als nötig, weil man hier doch ziemlich aufeinander bezogen lebt. Man sieht sich ständig: bei Grillabenden, Abschiedsfesten, Schulveranstaltungen. Ich kann nicht mal schnell rüber­laufen zum Supermarkt vor dem Gelände, ohne jemanden zu treffen, den ich kenne.

Das hat etwas von heiler Welt – gerade im Gegensatz zur Unübersichtlichkeit und Fremdheit des russischen Lebens um einen herum. Aber es kos­tet auch Kraft. Man muss sich bemühen, gut miteinander auszukommen. Man ist immer im Austausch. Da verstehe ich schon, dass Abstand guttut, und warum ich es immer wieder höre, das Klackerdiklackerdiklacker.

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