Der deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn über den Umgang mit Terror

Terror lohnt sich nicht
Doppelpunkt - Terror lohnt sich nicht

Skizzomat/Marie Emmermann

Er lohnt sich nur dann, wenn wir uns durch ihn ­erpressen lassen. Aber wie können wir auf die ­terroristische Bedrohung reagieren?

Was sind die Regeln des Terrors? Wer oder was sind bevorzugte Opfer von Terroristen? Man wüsste es gerne, um sich besser schützen zu können. Der „Islamische Staat“ (IS) sucht sich meistens eigene Glaubensgenossen als Anschlagsopfer aus, keineswegs nur Christen und Juden, also vermeintliche dekadente Glückskinder des Wohlstands und Bürger von Demokratien. Er unterscheidet auch nicht zwischen Arm und Reich, Alt und Jung, Männern oder Frauen.

Terroristen schlagen so zu, dass es jeden treffen könnte. Überall. Das macht Angst. Es spielt überhaupt ­keine Rolle, ob jemand politisch links, rechts oder in der Mitte steht, christlich, jüdisch, muslimisch oder sonst was ist. Jeder gehört zum möglichen Zielkollektiv, ohne es individuell, freiwillig und selbst gewählt zu haben: dem der Bedrohten. Diese Unentrinnbarkeit ähnelt in gewisser Weise der Situation der Juden im Herrschaftsbereich des Nationalsozialismus. Jeder Jude war potenzielles Opfer, und die meisten sind es auch geworden. Heute oder morgen kann jeder von uns Terror­opfer sein. (Damit wäre die Vergleichbarkeit der Gewalt aber auch schon erschöpft.)

Wie auf Terror reagieren? Das ist eine sicherheitspolitische Frage, keine ideologische. Straftat und Strafe sollen verhältnismäßig sein, es gilt also der meist total missverstandene alttestamentliche Satz „Auge um ­Auge, Zahn um Zahn“. Der verlangt eben nicht ­Rache, sondern Verhältnis­mäßigkeit. Er zielt nicht auf kalt berechnete Genugtuung, sondern auf die Deeska­lation von Streit und Gewalt.

Über die Notwendigkeit der Terror­prävention gibt es deutlich weniger Streit. Grundsätzlich. Aber auch Prävention hat ihre Grenzen. Wer eindeutig als Gefährder erkannt ist, der nur noch auf die Gelegenheit zur Tat wartet, kann durch Aussteigerprogramme und andere sanfte Methoden kaum überzeugt werden, die geplante Gewalttat aufzugeben. Diese Einsicht fällt allerdings gerade überzeugten Christen verständlicherweise schwer. Wer die Ethik des Christentums ernst nimmt, für den gilt: „Liebet eure Feinde.“ Jenseits christlicher Ethiktheorie dürfte die tatsächliche Bereitschaft hierzu allerdings nicht ganz so stark ausgeprägt und politisch auch kaum um- und durchsetzbar sein.

Die noch Unentschiedenen, die ­also, die sich auf dem Weg zu Extremismus und Terror befinden, wären durchaus ansprechbar. Sie eben nicht vor den Kopf zu stoßen, sondern ihr Herz und ihren Verstand zu gewinnen, ist eine große Aufgabe der friedliebenden Mehrheitsgesellschaft. Das Thema heißt Integration. Ein allgemeingültiges Konzept hierfür kann es nicht geben – Menschen sind verschieden. Das jedoch lässt sich feststellen: Zuwendung, Hinwendung garantiert zwar keinen Erfolg, aber sie schadet nicht. Sie verringert zumindest die Möglichkeit des „hausgemachten Terrorismus“, und sie ist menschlich.

Wer will, kann diese Haltung christlich nennen, aber auch ganz einfach menschenfreundlich. Sie ist nicht selten auch erfolgreich. Das beweisen gerade in Deutschland zahlreiche ­Integrationsprogramme, die Spannungen zwischen Mehrheit und Minderheiten abbauen. In verweise auf die Erfahrungen mit dem Berliner Mikro­kosmos „Gartenstadt Atlantic“, einem Integrationsprojekt im Stadtteil Gesundbrunnen, das ich mit meiner Familie umsetze. In dieser gro­ßen Wohnanlage, die ich von meinem Vater und Großvater geerbt und, weitgehend auf Rendite verzichtend, ­modernisiert habe, gibt es inzwischen sieben Lernwerkstätten – auch für die vielen Kinder mit ausländischen Wurzeln nicht nur aus der Nachbarschaft, sondern aus dem ganzen Quartier. Die Themen der Werkstätten: Kunst, Musik, Physik, Medien oder Natur.

Es spielt keine Rolle, ob jemand links, rechts oder sonst was ist. Jeder ist ein mögliches Ziel

Terror ist entsetzlich, ist ­grausam, ist zu verdammen. Er kann den Lebensalltag aber nicht grundlegend aushebeln. Das beweist der Alltag des Staates und der Stadt, die mehr als jede andere sowohl terrorgefährdet als auch frei sind: Israel im Allge­meinen und Tel Aviv im Besonderen. Tel Aviv ist eine lebenspralle, geradezu übermütige Stadt. Das legt für mich den Schluss nahe: Strategisch, also bezogen aufs eigene politische Ziel,  lohnt sich Terrorismus auch nicht für Terroristen – wenn, ja wenn sich die Zielgruppe des Terrors nicht durch vorauseilenden Gehorsam gegenüber den Forderungen der Terroristen erpressen lässt.

Musterbelege für diese These ­bietet der palästinensisch-israelische Konflikt. Er gilt manchen als zentraler Weltkonflikt schlechthin. Paläs­tinen­serpräsident Abbas verkündete im Juni 2016 im Europaparlament, ein Ende der israelischen Besatzung im Westjordanland würde weltweit den Terrorismus beenden. Eine sympathische Utopie, die auch der damalige EU-Parlamentspräsident Martin Schulz „inspirierend“ fand. Solange nämlich auch nur kleine Palästinensergruppen Attentate gegen Israelis verüben und diese als Siege feiern, folgt stärkere Gegengewalt Israels.

„Mehr Siege dieser Art, und die Palästinenser werden sich auf den Fidschi-Inseln wiederfinden“, hatte im Herbst 1982 Issam Sartawi, ein führendes Mitglied der PLO, vorhergesagt. Im April 1983 wurde er er­mordet. Auf die Fidschi-Inseln hat es die Palästinenser nicht verschlagen, doch nach zwei (manche sagen drei) Intifadas können sie von ihrem ­eigenen Staat nur weiter träumen.

Michael Wolffsohn

Michael Wolffsohn, Jahrgang 1947, lehrte Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München. Er verfasste unter anderem die Bücher „Deutschjüdische Glückskinder. Eine Weltgeschichte meiner Familie“ und „Zum Weltfrieden. Ein politischer Entwurf“
Foto: PR

Nicht anders geht es gegenwärtig dem „Islamischen Staat“. Um das ­eigene Herrschaftsgebiet im Irak sowie in Syrien abzusichern und auswärtige Akteure abzuschrecken, verübte er weltweit Terror. Der ­Schrecken der Betroffenen war groß, wie es auch ihre Angst vor neuem
Terror ist. Doch trotzdem interve­nieren unbeirrt Russ­land, die USA, manche Europäer und sogar Deutschland auf die eine oder andere Weise gegen den IS in Nahost. Die Rück­eroberung Mossuls ließ sich auch durch noch so massive Terrorangriffe nicht verhindern. Es war einmal – ein räumlich durch­gehendes Herrschaftsgebiet des IS im Irak und in Syrien.

Genau umgekehrt handelte Spanien gegenüber den al-Qaida-Terroristen im Jahre 2004. Unter Premier Aznar kämpften im Irak auch spanische ­Soldaten gegen al-Qaida. Wenige ­Tage vor den nationalen Wahlen, am 11. März 2004, verübte al-Qaida ­Mega-Terrorakte gegen Madrids öffentlichen Nahverkehr. Aznar ver­lor die Wahlen, sein Nachfolger Zapatero zog Spaniens Truppen ab, und al-Qaida bekam „Appetit“ auf mehr Terror, denn er lohnte sich.

Auch Deutschland hat Lehrgeld bezahlt. Anfang der 70er Jahre ließ sich die Bundesregierung von palästinensischen Terroristen mehrfach erpressen. Unter anderem nach dem Münchner Olympiamassaker vom Sep­tember 1972. Die Wende kam 1977, im „Deutschen Herbst“. Stichwort Mogadischu, GSG 9, Geiselbefreiung. Fortan gab es diesen Terror nicht mehr.

Heute sehen wir in Deutschland und Westeuropa Erfolge und Defizite im Kampf gegen gewalt­tätige politische Ideologie. So wollten jüngst Arte und WDR, jenseits aller formalen Ausreden, eine Dokumen­tation über Antisemitismus in Europa nicht ausstrahlen, weil sie neben dem rechten und linken auch schonungslos den islamischen beschrieb. Die Sendeanstalten befürchteten Terror als Rache. So etwas könne man derzeit in Frankreich nicht senden, hieß es hinter vorgehaltener Hand. Wer so handelt, verhindert vielleicht den ­einen oder anderen Terrorakt, erzeugt aber bei potenziellen Terroristen Lust auf mehr, also weitergehende Forderungen, sprich: Erpressungen.

Terror in und gegen Europa ist derzeit fast ausschließlich islamischer Terror. Er wird unweigerlich dazu führen, dass sich Europas Mehrheitsgesellschaften gegen „den“ Islam ­radikalisieren und (noch) mehr zu Gewalt übergehen. Die beidseitige Konfrontation wird eskalieren. 

Verlieren werden die Gemäßigten auf beiden Seiten. Das gefährdet einer­seits die Demokratien Europas und andererseits das Leben und Überleben der Muslime in Europa. „Populisten“ – so werden sie falsch genannt, denn sie geben nur vor, das Wohl des Volkes zu wollen – werden Oberwasser bekommen, und die ganz scharfen Scharfmacher noch viel ­öfter als bisher zu den Waffen greifen. 

Das kann nicht im Interesse der Muslime liegen.

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Herr Wolffsohn,
Ihre Meinung: "Unter Premier Aznar kämpften im Irak auch spanische ­Soldaten gegen al-Qaida. Wenige ­Tage vor den nationalen Wahlen, am 11. März 2004, verübte al-Qaida ­Mega-Terrorakte gegen Madrids öffentlichen Nahverkehr. Aznar ver­lor die Wahlen, sein Nachfolger Zapatero zog Spaniens Truppen ab, und al-Qaida bekam „Appetit“ auf mehr Terror, denn er lohnte sich.", kann ich so nicht teilen. Wie Sie ganz richtig andeuten, kamen die Anschläge gegen den spanischen Nahverkehr VOR der Abwahl des damaligen Premiers Aznar, hatten Ihre Wurzeln also in der Teilnahme an der Koalition gegen das Regime im Irak. Die "Allianz der Zivilisationen" die der nachfolgende Premier Zapatero, nach dem durchaus richtigen Abzug der spanischen Truppen aus Irak, aufbauen wollte, hätte zu einem Abbau der Agressionen führen können, wäre sie nicht, unter anderem von George Bush und Donald Trump, als nutzlos und sogar "kindisch" bezeichnet worden.
Ich finde es zwar richtig, das man auch mit Gewalt schwache Menschen vor Missbrauch ihrer Würde, in welcher Form auch immer, verteidgen muss. Also auch mit Waffen und der Rückeroberung der an terroristische Organisationen verlorenen Territorien. Aber den Terror nur durch Informationssperre und Draufschlagen zu bekämpfen ist sicherlich nicht der einzige und nicht der christliche Weg. Eine Allianz der Zivilisationen, d.h. der Aufbau einer globalisierten Zivilgesellschaft würde dazu sicherlich auch wichtige Elemente beitragen.