Islam in Deutschland - ein Reise zu muslimischen Gemeinden in Wiesbaden, Hamburg, Berlin, Merseburg und Stuttgart

„Es haben sich viele Türen aufgetan….“
Freiwillige Helfer bringen Lebensmittel und andere Spenden zum deutsch-arabischen Kulturzentrum Haus der Weisheit in Berlin Moabit

Christian Mang/imago stock

Freiwillige Helfer bringen Lebensmittel und andere Spenden zum deutsch-arabischen Kulturzentrum Haus der Weisheit in Berlin Moabit

Freiwillige Helfer bringen Lebensmittel und andere Spenden zum deutsch-arabischen Kulturzentrum Haus der Weisheit in Berlin Moabit. Die Gemeinde hat gestern mehrere Räume leergeräumt und diese zur Notunterbringung der vor der LaGeSo campierenden Flüchtlinge bereitgestellt News Current events voluntary Helper BESORGEN Relief items for Refugees in Berlin Berlin help Refugees voluntary Helper bring Food and other Donations to German Arab Cultural Centre House the Wisdom in Berlin Moabit the Community has yesterday several Spaces empty and These to Notunterbringung the before the LaGeSo Refugees provided

Deutschland im Jahr Zwei der neuen Zeit: Viel hat sich durch die Ankunft der großen Zahl von Geflüchteten verändert. Ganz besonders stark sind die Veränderungen in den muslimischen Gemeinden in Deutschland zu beobachten. Ihre Gebetsträume platzen aus allen Nähten und viele der Neuen sind zwar auch Muslime, aber allzu oft enden damit die Gemeinsamkeiten. Die Gemeinden helfen des Helfens willen und auch, weil sie auf Anerkennung hoffen. Doch kann das gelingen in Zeiten von Terroralarm und wachsenden rechten Populismus? Eine Reise durch das islamische Deutschland.

Wiesbaden

Der Blick des älteren Herrn wandert durchs Klassenzimmer: von der Lehrerin, die an der Tafel steht und gerade die Begriffe „Staat“ und „Regierung“ an die Tafel schreibt, zum Heft, das vor ihm auf dem Tisch liegt. Mit dem Ende seines Bleistiftes fährt er sich durch seinen grauen Bart. Ganz offensichtlich weiß er nicht, was hier von ihm er­wartet wird. Er schreibt die Begriffe von der Tafel ab: Staat, Regierung. Die Lehrerin von der Wiesbadener Akademie für Integration ahnt, wie sich ihr Schüler fühlt. Auch sie kam vor vielen Jahren als Flüchtling nach Deutschland und musste mühsam die Sprache lernen. 

Die Akademie gehört zur schiitischen Imam-Hossein-Moschee in Wiesbaden. Sie befindet sich im gleichen modernen Bürohaus. „Zu uns kommen vor allem Afghanen“, sagt Dawood Nazirizadeh. „Die müssen oft sehr lange auf ihren Asylbescheid und damit die Bewilligung des Sprachkurses warten, und bei uns können sie schon einmal anfangen.“ Der 33-jährige Unternehmensberater hat die Akademie für Integration mitbegründet und ist im Vorstand der Moschee.

Viele Muslime sehen es als reli­giöse Pflicht, anderen zu helfen. Wohl auch deshalb haben sich muslimische Gemeinden in den vergangenen zwei Jahren mehr noch als andere Institu­tionen um Geflüchtete gekümmert, haben sie aufgenommen, ihnen bei Anträgen geholfen und Deutsch beigebracht. Das hat jedenfalls die Studie „Engagement für Geflüchtete – eine Sache des Glaubens“ der Bertelsmann-Stiftung vom März 2017 ergeben.  

Julia Gerlach

Julia Gerlach ist Journalistin. Sie arbeitet für den Verein ufuq.de zum Thema is­lamische Jugend­kulturen in Deutschland und hat die Nachrichten­webseite Amal, Berlin! mitgegründet, auf der geflüchtete Journalisten aus Berlin berichten.
Wie in vielen Moscheen kommen auch in der Imam-Hossein-Moschee rund dreimal so viele Gläubige wie früher zu den Gebeten. Die meisten alteingesessenen Gemeindemitglieder sind gebildete Iraner. Die Neuankömmlinge kommen aus Afghanistan, viele vom Land. Sie waren Bauern und bringen eine ganz andere Kultur mit, die auch die Atmosphäre in der Moschee verändert hat. Sie ist schon fast ein afghanisches Kulturzentrum geworden. „Bisher waren wir eher ein spiritueller Ort“, sagt Dawood Nazirizadeh, „jetzt wird die Moschee immer mehr auch zu einem Heimatersatz. Die Menschen kommen nicht nur zum Gebet her, sondern auch um gemeinsam zu essen und Landsleute zu treffen.“ 

„Na ja, wir werden uns wohl daran gewöhnen“, sagt Shokoh Javanbakht, Mutter von Dawood Nazirizadeh. Sie deutet nur an, wo die Konfliktlinien laufen: „Ich fordere die Menschen auf, sich auf das Leben hier einzulassen. Zum Beispiel was die Frauen angeht. Da sehen viele nur, dass Frauen hier frei sind, und schließen daraus, dass sie unanständig seien“, sagt sie. „Aber es gibt ja auch hier Grenzen und Regeln. Der größte Unterschied ist, dass in unseren Ländern die Frauen immer jemand haben, der auf sie aufpasst. Ich fordere die Frauen auf, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen und etwas daraus zu machen.“ 

 

Stuttgart

Zuffenhausen ist typisches Industrieschwaben, schmale Straßen, Kopfsteinpflaster und Geranien. Auf Klingelschildern und Werbetafeln für Restaurants und Autowerkstätten stehen Namen wie Altün, Cem und Attras. Im ersten Stock eines Bürogebäudes hat der Ditib-Regional­verband sein Büro. 

Ditib ist der größte der islamischen Verbände in Deutschland. Er unterhält 960 Moscheegemeinden in Deutschland. In vielen ländlichen Regionen gibt es nur ­Ditib-Moscheen. Und er ist Teil der staatlichen türkischen Religions­behörde. Im Frühjahr 2017 wurden manche Ditib-Imame verdächtigt, ihre Gläubigen im Dienst der türkischen Regierung zu bespitzeln und die Erkenntnisse nach Ankara zu melden. 

Die Regionalverantwortliche für die Betreuung der Flüchtlingshilfe, Aysun
Pekal, hat die Engagierten zweier Ortsgruppen zusammengetrommelt. Sie sollen berichten, was in ihren Gemeinden los ist. „Wir waren in zwei Unterkünften und haben aufgenommen, was die Menschen dort brauchen. Decken, Geschirr und Töpfe. Das haben wir dann gebracht“, sagt eine der Frauen. „Unsere Frauenführerin hat die Wünsche in ihrem großen Buch notiert“, sagt sie. Emine Vural, eine andere ältere Frau mit blaue Kopftuch, nickt und deutet auf eine dicke Kladde vor sich. 

Frauen, die nur gebrochen Deutsch sprechen, fordern die Neuen auf, Deutsch zu lernen. Und sie merken plötzlich, wie sehr sie selbst in Stuttgart-Zuffenhausen zu Hause sind. Emine Vural etwa lebt schon seit zwei Jahrzehnten in Deutschland, sie hat ihre Kinder durch die Schule gebracht und immer viel gearbeitet. Deutsch hat sie kaum gelernt. Alles Wichtige sagt sie lieber auf Türkisch. „Wer weiß, wenn das mit der Flüchtlingsarbeit so weitergeht, wird womöglich auch Frau Vural noch einen Deutschkurs machen“, sagt Aysun Pekal und berührt Emine Vural freundschaftlich am Arm. 

 „Sie kommen im Ramadan, und wir haben für sie abends gekocht“, sagt Aysun Pekal. „Manchmal kommt jemand zum Beten.“ Außer dem Imam spricht in den türkischen Ditib-Moscheen kaum jemand Arabisch, und so fällt die Kommunikation mit den syrischen Geflüchteten schwer. Aysun Pekal betont, ihre Flüchtlingshilfe sei rein materiell ausgerichtet, es gehe nicht um Religion. Das hat einen anderen Hintergrund: Immer wieder kam der Vorwurf auf, auch vom Verfassungsschutz, Moscheegemeinden würden unter den Geflüchteten missionieren. Die Vorwürfe richten sich nicht gegen Ditib-Gemeinden, sondern eher gegen radikalere Vereine, doch die Abwehrhaltung spiegelt die aufgeheizte Stimmung wider.

„Gegenwart geschwisterlich gestalten“, so hat die Ditib ihr Hilfsprojekt für die Neuankömmlinge genannt. Es war das erste muslimische Projekt, das im größeren Stil mit staatlichen Mitteln gefördert wurde. Inzwischen hat das Bundesfamilienministerium weitere fünf Millionen Euro bereitgestellt. Bundesweit sollen 25 00 Patenschaften gestiftet werden. „Es ist schön, dass unsere Arbeit gewürdigt wird“, sagt Aysun Pekal.

 Das 'Haus der Weisheit' liegt nicht weit vom Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales, kurz LaGeSoOlaf Selchow/imago stock

Merseburg

Als 2015 die vielen Geflüchteten kamen, blickten die Stadtverantwortlichen der kleinen Stadt Merseburg alle auf ­Daniel Stahnke. Der sitzt für die SPD im Stadtrat, leitet den Bildungsausschuss. Vor Jahren konvertierte er zum Islam. Können die sich nicht kümmern? „Die“, das ist Stahnkes Moscheeverein, die El-Furkan-Gemeinde. 

Das bröckelige Hotel zwischen Merseburger Bahnhof und Dom war einmal eine gute Adresse. Dann verfiel das Gebäude, überhaupt verfielen die Straßen im Zentrum der 36 00-Einwohner-Stadt nahe Leipzig. Im Frühjahr 2016 kaufte ein bosnisch-muslimischer Geschäftsmann, der als Flüchtling in den 90er Jahren nach Sachsen-Anhalt gekommen war, das alte Hotel. Eine Gemeinde entstand, die sich schnell veränderte: Zu den Bosniern kamen erste Geflüchtete aus afrikanischen Ländern, viele Afghanen und dann die Syrer. Die Gemeinde richtete sich mit ihrer Moschee und ihrem Kulturzentrum im Hotel ein. Kurz darauf meldete sich dann die Stadt. Ihr waren unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus ­Afghanistan zugeteilt worden. Man wusste nicht so recht, wer sich um sie kümmern sollte. Bald darauf zogen sie in die ehemaligen Hotelzimmer, Sozialarbeiter betreuen sie. Viele der afghanischen Jugendlichen verbringen ihre Freizeit in der Moschee und im Kulturzentrum. Sie kommen aus ihren Zimmern raus, treffen sich im Gebetsraum und reden. Oder sie üben vorm Hotel Radfahren. 

Die Ankunft der Geflüchteten hat besonders in ost­deutschen Kleinstädten viel verändert: Gab es bis vor fünf Jahren kaum eine Handvoll Muslime in Merseburg, kommen nun freitags mindestens 300 zu den Gebeten. Die verlassenen Innenstädte werden wiederbelebt, Wohnblocks, die bereits im Rückbau waren, wieder bezogen. Vielleicht nehmen die Merseburger auch deshalb die neue muslimische Gemeinde überwiegend positiv auf.  

Hamburg

Die Al-Nour-Moschee liegt im Hamburger Bahnhofsviertel: Dönerbuden, Billigshops und Sexkinos. Gerade ist das Mittagsgebet zu Ende. Muskelbepackte Jungs mit finsteren Blicken lungern auf dem Gehweg. Scheich Elsayed? Ja, den kennen sie: „Kommen Sie, wir bringen Sie hin“, sagt einer und geht voran, eine Rampe hinunter in ein Parkhaus. Ein plüschiger Teppichboden, eine reich verzierte ­Gebetsnische: Das hier ist die Moschee. Der stellvertretende Imam Elsayed Kamal hat sein Büro im ehemaligen Parkwächterhäuschen. Es ist eine arabische Moschee, zu den Gebeten kommen Menschen aus Nahost, dem Maghreb, Schwarzafrika, Afghanistan und sogar aus Indonesien.  

An der Wand hinter dem Schreibtisch hängt das Foto der Kapernaum-Kirche. 2012 kaufte die Gemeinde das Gebäude. Die erste Kirche, die in eine Moschee umgewandelt wird. Das schürte die Emotionen, vor allem Empörung.  

Umso glücklicher machte es die Gemeinde, als die ­Lokalpresse im September 2015 eine ganz andere Geschichte erzählen konnte: Die Parkhausmoschee hatte sich in einen großen Schlafsaal für Flüchtlinge verwandelt, die auf der Durchreise nach Skandinavien in Hamburg keinen Anschlusszug bekommen hatten. „Es war eine unglaublich aufregende, sehr anstrengende und sehr emotions­beladene Zeit“, erinnert sich der Imam.  

Heute schlafen keine Flüchtlinge mehr in der Moschee. Doch die Gemeinde ist doppelt so groß geworden. Die ­Freitagspredigt wird nun zweimal gehalten. Manchmal kommen 2500 Menschen. „Auch an den anderen Tagen haben wir Imame kaum noch eine freie Minute“, sagt Elsayed Kamal. Früher konnte man ihn nach dem Freitagsgebet ansprechen. Heute vergibt er Termine. Ge­flüchtete bitten um Hilfe bei Anträgen, andere sind traumatisiert und brauchen psychologische Unterstützung. „Viele Familien fallen auseinander, Ehen zerbrechen“, sagt Imam Elsayed. Jugendliche distanzieren sich von ihren Eltern. Frauen merken, dass ihnen in Hamburg ganz viel offensteht, und sie verlassen ihre Männer. Elsayed sagt, er rate ihnen, nicht gleich auseinanderzugehen – auch wegen der Kinder. 

Daniel Abdin ist Vorstandsvorsitzender der Moscheegemeinde. Er hat für die Schura, den Rat der Gemeinden in Hamburg, den Staatsvertrag unterzeichnet: „Die Neuankömmlinge sind oft baff, wenn sie sehen, wie selbstverständlich wir mit Vertretern der Christen und Juden umgehen. Es ist uns wichtig, ihnen dieses friedliche Miteinander vorzuleben“, sagt er. Der bundesdeutsche Islam ist anders als der, den die Geflüchteten aus ihren Heimatländern kennen: offener, gesprächsbereiter, vor allem aber die Religion einer Minderheit.

 Die Flüchtlinge warten oft tagelang auf einen Termin um einen Asylantrag zu stellenOlaf Selchow/imago stock

Berlin

Im Sommer 2015, als die Schlangen vor dem LaGeSo in Moabit, dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales, immer länger wurden, wandte sich die Stadt an die benachbarte muslimische Gemeinde: Ob die Wartenden wohl in der nahe gelegenen Moschee unterkommen könnten? Dann kam die Stadtmission, die vor der logistischen Herausforderung stand, mehr als 1000 Geflüch­tete im Ramadan auf die Minute genau mit einer warmen Mahlzeit zum Fastenbrechen zu versorgen. Auch sie bat um Hilfe. Die muslimische Gemeinde sagte beide Male zu und packte an. Und weil das alles so gut lief, übernahm die gemeindeeigene gGmbH – einst gegründet, um die Kindertagesstätten zu führen – bald sogar den Betrieb ­einer großen Wärmehalle. 

„Es sind viele neue Türen aufgegangen, Kontakte wurden geknüpft.“ Sagt Imam Abdallah Hajjir. Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck dankte ihm persönlich für sein Engagement. „Ich würde mir wünschen, dass mehr daraus entstehen könnte“, sagt Hajjir. Die Wärme­halle ist längst geschlossen, und viele Ehrenamtliche ­machen derzeit Pause. Zum einen weil die akute Not vorbei ist. Auch macht sich bei vielen Aktiven der Frust breit. Ist doch in der öffentlichen Wahrnehmung die Anerkennung längst von negativen Berichten über Islam und Muslime verdrängt worden. Und: So mancher ehrenamtliche Helfer hätte sich etwas mehr Dankbarkeit von den Geflüchteten gewünscht. Diese wiederum wollen nicht immer nur Hilfeempfänger sein. Manche unter den Geflüchteten kritisierten ihre Helfer auch: „Wie kann es sein, dass die Muslime hier seit Jahrzehnten am Rande der Gesellschaft leben?“, sagt ein junger Mann aus Syrien, der nur kurz zum Beten in die Moschee in Berlin-Moabit gekommen ist. „Wir werden das anders machen!“

Die Ankunft der vielen Geflüchteten hat die mus­limischen Gemeinden in Deutschland weitergebracht. Ihre Sozialarbeit hat sich professionalisiert, ist sichtbarer geworden und bekommt deutlich mehr Anerkennung. Die Gemeinden waren für viele Neuangekommene die ersten Anlauf­stationen. Und nicht wenige angestammte Mus­lime fühlen sich heute der deutschen Gesellschaft näher als zuvor.

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