Das Kunstwerk: "Lot und seine Töchter" von Otto Dix

Wollust und Zorn
Und die Vorahnung, dass Dresden brennt

Dieses Bild geht gar nicht. Ein gemalter Tabubruch allerers­ter Güte. Aber, das muss man dem Künstler zugutehalten, ein ­Tabubruch mit Gottes Segen. Was Otto Dix hier 1939 auf die Leinwand brachte und
was einem ersten, trügerischen Anschein nach aussieht wie eine ver­gnügliche Ménage-à-trois, ist der Inzest zwischen Lot und seinen Töchtern. Und noch dazu ein künstlerisches Gleichnis auf Wollust und Zorn.

Zur Erinnerung: Lot, seine Frau und seine beiden Töchter werden von Engeln aus ihrer Stadt Sodom gerettet. Weil Lots Frau die Warnung, sich auf der Flucht nicht nach der Heimat umzudrehen, missachtet (ein Regelverstoß, wie ihn jede gute Geschichte braucht), erstarrt sie zur Salzsäule. Allein mit den Töchtern flieht Lot in die Berge. Die nicht mehr ganz so jungen Damen fürchten im Exil um ihre Nachkommenschaft. Deshalb machen sie den Vater betrunken und zeugen mit ihm die Gründerväter der Moabiter und der Ammoniter.

Das Bild ist mehr als nur die Nacherzählung dieser Geschichte aus dem Alten Testament. Während die eine Tochter dem Vater zu trinken gibt, bereitet sich die andere bereits auf das Bevorstehende vor. Sie erinnert dabei stark an altmeisterliche Darstellungen der Luxuria, also der Wollust. Eine Sünde kommt selten allein. So folgt auf die Wollust der Töchter (wirklich keine nette Deutung von Dix) der Inzest mit dem Vater. Normalerweise ein klarer Fall fürs Jüngste Gericht. Aber der oberste Richter, Gott, ist in seinem Zorn (Achtung: nächste Sünde!) viel zu beschäftigt. Wie im Hintergrund unschwer zu erkennen, lässt er gerade Pech und Schwefel auf Sodom regnen – zur Strafe für die Vergehen seiner Bürger.

Städte­kennern wird nicht entgangen sein, dass das biblische Sodom eher an das Dresden der 1930er Jahre erinnert. Die Silhouette der Frauenkirche sticht aus den Flammen hervor. Otto Dix lebte in Dresden, bis die Nazis an die Macht kamen und er seine Stelle als Kunstprofessor der Dresdner Aka­demie verlor. Danach ging er in die innere Emigration und malte am Bodensee vor allem Landschaften und religiöse Motive. Mit einiger ­prophetischer Gabe, wie man sieht. Fünf Jahre nach der Entstehung ­von „Lot und seine Töchter“ brannte Dresden tatsächlich. Jetzt ist Otto Dix zum allerersten Mal auch bei der einstigen Siegermacht, in England, zu sehen. Seit Ende Juni zeigt die Tate in Liverpool Zeichnungen und Malereien von ihm aus der Weimarer Zeit.

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