Papst trennt sich von Kardinal Müller

Eine Chance für mehr Menschlichkeit
Papst Franziskus im Gespräch mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Ende einer schwierigen Zusammenarbeit: Papst Franziskus trennte sich vom Leiter der päpstlichen Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller

picture alliance/AP Photo/Andrew Medichini

Der Leiter der vatikanischen Glaubenskongregation, der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller, fiel letztlich über seinen eigenen Dogmatismus

Die Ära Joseph Ratzinger/Papst Benedikt im Vatikan ist nun endgültig zu Ende. Franziskus, der amtierende Papst, verlängerte nicht die Amtszeit seines Leiters der vatikanischen Glaubenskongregation, des deutschen Kardinals Gerhard Ludwig Müller. Fünf Jahre Zusammenarbeit waren ihm wohl genug, und das ist gut zu verstehen. Müller, die letzte Stütze des Systems, fiel Ende Juni 2017. Müller ist, anders als er selbst mutmaßt, nicht Opfer von vatikanischen Intrigen oder des von ihm immer wieder beklagten Zeitgeistes, sondern er fiel über seine eigenen rigiden dogmatischen Vorstellungen. 

Eduard Kopp

Eduard Kopp ist Leitender Redakteur für Theologie beim Magazin chrismon, Frankfurt am Main
Lena UphoffPortrait Eduard Kopp, leitender chrismon-Redakteur Theolgie, Redaktionsportraits Maerz 2017

Der hochintelligente Theologe, zuvor Bischof im konservativen Regensburg, hat es seinen Kritikern leichtgemacht, seinen Dogmatismus und seine fehlende Loyalität gegenüber dem Papst zu entdecken. In seinem Buch "Der Papst", erschienen zu Jahresbeginn 2017, macht er an vielen Stellen deutlich, was ihm an dieser Kirche und ihrem Papst nicht gefällt. Zwar erklärt er sich zum loyalen Diener des Papstes, fährt aber fort, ihn öffentlich zu kritisieren.

Unbarmherziger Umgang mit Menschen in zweiter Ehe

Stichwort Geschiedene, die einen anderen Partner geheiratet haben: Eine zweite Ehe hält Müller ohne Wenn und Aber für eine große Sünde, einen Sakramentenempfang folglich auch. Eine Kirche, die Menschen in zweiter Ehe zu den Sakramenten zulässt, verrät nach Müllers Auffassung ihren Glauben und ihren Auftrag. Mit seinem radikalen Verbot der Teilnahme am Abendmahl stößt Müller die Menschen, die erneut geheiratet haben, auf unbarmherzige Weise aus der Gemeinschaft der Kirche, und er unterzieht den Papst und all die Bischöfe, die behutsam Wiederverheiratete zum Tisch des Herrn zulassen wollen, einer grundsätzlichen Kritik.

Thema Schwule und Lesben: Hier soll ein Satz aus seinem Buch genügen: "Es ist eine Anmaßung, wenn europäische Staaten unter dem Druck der Genderideologie oder der Homo-Lobbys anstelle der menschlichen Vernunft oder der göttlichen Offenbarung definieren wollen, was Ehe ist."

Müller sah vielerorts die verheerenden Folgen des Zeitgeistes

Thema Reformation und evangelische Kirche: Müller wird nicht müde zu sagen, dass die Rechtfertigungslehre (Nur Gottes Gnade, nicht die Werke des Menschen bringen das Heil) auch von der katholischen Kirche beherzigt wird und dass es - so lässt sich zwischen den Zeilen lesen - im Grunde die evangelischen Kirchen sind, die einer Art Selbsterlösungsglauben anhängen. Bei Analyse der frühen Reformationsgeschichte kommt er zum Schluss: "Wenn der rechte Glaube heilsnotwendig ist, dann änderten sich in manchen Gegenden alle paar Jahre die Bedingungen zur Seligkeit." Es ist der "religiöse Relativismus", den Müller nicht nur in der evangelischen Kirche zu entdecken meint. Der Papst hingegen müsse sich dem Zeitgeist entziehen. Auch die Führungsrolle des Papsttums sei "göttlichen Rechts", nicht hinterfragbar, über allen Kirchen stehend, einschließlich der evangelischen.

Die Ablösung von Kardinal Müller verschafft dem Papst und der römischen Kurie endlich mehr Freiheit, ihr Ideal von einer barmherzigen Kirche umzusetzen. Noch zeichnet sich nicht ab, wie Müllers Nachfolger, der Spanier Luis Ladaria, agieren wird. Es wird sich nicht alles auf einen Schlag ändern. Dass Müllers unfreiwilliger Abschied gerade in das Jahr des Reformationsjubiläums fällt, mag man als Zufall oder als Fügung interpretieren. Für den Papst und den Kardinalsrat, in dem auch der Münchener Kardinal Reinhard Marx ein gewichtiges Wort mitredet, war es jedenfalls höchste Zeit, den Vatikan nach außen wieder als funktionstüchtig und, wichtiger noch, als menschennah erscheinen zu lassen. 

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Lesermeinungen

Ein eiskalter und menschenabgewandter Glaubensgeneral!

Endlich ist von Papst Franziskus der Schlussstrich der Zusammenarbeit mit Müller gezogen worden. Endlich – längst überfällig!

Wer war dieser oberste Glaubenswächter?

Mir ist es simmer eiskalt den Rücken heruntergelaufen, wenn ich diesen Hardcore-Glaubensfanatiker Müller habe schwadronieren hören. Ich spürte keinerlei Gefühle von Menschlichkeit und Barmherzigkeit – es war blanker Fundamentalismus, der sich definiert in Rechthaberei und einem Anspruch auf den alleinigen Besitz der göttlichen Wahrheit. Es war ein Mann, der keinerlei Sensorium für die „Zeichen der Zeit“ versprühte und der nicht im Entferntesten zu einem nachdenklichen Innehalten bezüglich der Frage bereit war, warum denn heute in Europa die Priesterseminare weitgehend entleert sind, immer weniger Menschen sich taufen lassen, immer mehr Kirchen profaniert und in immer größerem Maße die Gottesdienste zu reinen Seniorenveranstaltungen mutieren. Stets präsentierte er sich als ein Mann, der glaubte mit den 2865 Artikeln des Ökumenischen Weltkatechismus und den 1725 Canones des Kirchenrechts die kath. Kirche und ihre „Schafe“ beherrschen und regieren zu können. Was für ein abgefeimtes und menschenabgewandtes Denken präsentierte ein solcher Kirchenmann!

Besonders deutlich wurde es in dem von Müller und vier weiteren Kardinälen herausgebrachten Buch, in dem sich die fünf Kardinäle gegen jede Zugeständnisse der Kirche an geschiedene Katholiken ausgesprochen haben. Hier erteilen sie allen Reformbemühungen innerhalb der kath. Kirche eine fundamentale Absage. Im Vorwort des Buches heißt es u.a. : „Christus verbietet unzweideutig die Scheidung sowie die Wiederheirat".

Wer die Bibel im 21. Jahrhundert meint wortwörtlich auslegen zu müssen, demonstriert seine Abneigung gegen ein Bibelverständnis, das immer auch die Veränderungen der jeweiligen Zeit mit einbeziehen muss. Eine kritiklos unhistorische Interpretation der Bibel ist in einem Zeitalter, das von Aufklärung, Humanismus, Toleranz, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Menschenrechten und Gewaltenteilung geprägt ist, nicht mehr vermittelbar. Insofern ist Müller ein Amtskirchenvertreter, der sich der Einsicht widersetzt, dass die Bibel stets als ein Glaubensbuch verstanden werden muss und in dem Menschen in ihrer jeweiligen Zeit ihr Verhältnis zu Gott unter ganz unterschiedlichen geschichtlichen, kulturellen und sozialen Bedingungen formuliert haben.

Am Verhältnis Müllers und seiner reformverweigernden Entourage wird deutlich, um welche Lichtjahre entfernt die Hardcore-Reformverweigerer sich im Vergleich zu dem Wanderprediger aus Nazareth befinden, der den Menschen nahe sein wollte und nicht den Gesetzen. Jesus hat immer wieder deutlich gemacht, dass die Gesetze sich den notwendigen Sorgen, Ängsten und Nöten von Menschen unterzuordnen haben – am Beispiel der Ehebrecherin wird das besonders deutlich. Der Glaube ist gewiss kein „vom Menschen gemachtes Parteiprogramm“, aber im Mittelpunkt des Glaubens steht die Liebe zum Menschen. Wer die Gebote gesetzlich und nicht von der Liebe her versteht, der gerät immer in eine Pflichtenkollision. Die Liebe aber ist das Ende der Kasuistik. Der Mensch richtet sich nicht mehr mechanisch nach dem einzelnen Gebot oder Verbot, sondern nach dem, was die Wirklichkeit selber verlangt und ermöglicht. So hat jedes Gebot oder Verbot seinen inneren Maßstab an der Liebe zum Nächsten. Eine größere Distanz zur Priesterkaste (inclusive von Herrn Müller!) und dem von den Pharisäern favorisierten kasuistischen Gesetzesverständnis ist kaum vorstellbar.

Herr Müller war ein Glaubensgeneral, der glaubte, er könne Menschen mit Befehl und Gehorsam “auf Linie” bringen. Er hat nie die vom 2. Vatikanum angestoßenen “Zeichen der Zeit” verstehen wollen. Bereits viel zu lange hat er mit seinem Verhalten der katholischen Kirche einen unjesuanischen Dienst erwiesen und sich als Büttel von Papst Benedikt empfunden, von dem er in dieses Amt berufen worden ist. Möge die Epoche der von Müller und seinen Reformverweigerern möglichst schnell zu Ende gehen, damit endlich die bereits von Johannes XXIII. beabsichtigte weite Fensteröffnung der kath. Kirche dazu beiträgt, dass man sich auf die vom Mann aus Nazareth praktizierte Form der Glaubensverkündigung und Glaubenspraxis zurückbesinnt: Menschendienst ist Gottesdienst und Gottesdienst ist Menschendienst!

Paul Haverkamp, Lingen

Zur Genüge bekannt ist, dass sowohl in der katholischen Kirche (Reformer gegen Amtskirche) wie auch bei den Protestanten (Hauptströmung gegen andere) heftiger Streit herrscht, wie denn das mit der Nachfolge Jesu richtig zu machen sei. Bemerkenswert daran ist, dass beide Seiten den Schwund der Messe- bzw. Gottesdienstbesucher - nur noch zu Weihnachten und bei Kriegsbeginn ist es voll - als Pluspunkt für jeweils die eigene Position ins Feld führen. Wer das mit einem Schmunzeln und einem "Ja, ja, die lieben Gläubigen" abtut, verpasst den Witz der Sache.
Auch in säkularen Kreisen dient dasselbe Faktum höchst unterschiedlichen Positionen als Munition. Das Faktum, dass amerikanische Arbeiter zunehmend arbeitslos werden und noch stärker verarmen, dient gleichermaßen als Grund, Trump zu unterstützen und zu wählen, wie auch dazu, genau vor Trump zu warnen.
Was könnte man also daraus lernen? Fakten sprechen eben gerade nicht für oder gegen was. Die verbreitete Meinung, Fakten seien doch Argumente, ist falsch. Fakten sind Fakten, eben keine Argumente. Fakten müssen erklärt werden. Warum ist die Gesellschaft oder die Natur so, wie sie ist? Und wenn diese Erklärung was taugt, liegen Argumente vor. Mit denen lassen sich Meinungen begründen oder kritisieren. Fakten können das nicht.
Eine zutreffende Erklärung für den Rückgang der Gläubigenzahlen birgt allerdings die Gefahr in sich, dass diese Erklärung weder Wasser auf den Mühlen der Reformer noch der konservativen Kreise ist. Eine richtige Erklärung für die zunehmende amerikanische Arbeitslosigkeit ist mit Sicherheit kein Argument dafür, bei diesem oder jenem Präsidentschaftsbewerber sein Kreuzchen zu malen.

Traugott Schweiger