Regisseur Sönke Wortmann lässt Krisen erst gar nicht entstehen

"Zufall ist selten Zufall"
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Dirk von Nayhauß

Der vergessene Stuhl zum Beispiel, ohne den wäre er heute nicht Regisseur, sagt Sönke Wortmann. "Ich würde es nicht Gott nennen, aber da ist was"

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Wenn ich Pläne mache. Wenn ich meine Termine wie bei einem Tetris-Spiel so platzieren kann, dass alles passt und sich keiner benachteiligt fühlt. Und in meinem Beruf. Ich komme aus einem Arbeiterhaushalt, mein Vater war 36 Jahre lang Bergmann – ich finde es schwierig, das überhaupt Arbeit zu nennen, was ich tue. Für mich ist das ein großes Vergnügen, immer wieder und immer noch.

Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Ich glaube, dass Kinder in erster Linie von Erwachsenen lernen können und sollen: Verantwortungsbewusstsein, Respekt vor anderen, aber auch den Mut, Risiken einzugehen und sich Freiheiten zu nehmen. Und Humor, das ist mir besonders wichtig. Mein Sohn hat einen so trockenen Humor, dass ich immer wieder darauf reinfalle. Der hat so eine feine Ironie, dass es für mich eine Freude ist.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Sönke Wortmann

Sönke Wortmann, geboren 1959, wurde bekannt mit Filmen wie „Der bewegte Mann“, „Das Wunder von Bern“ und „Frau Müller muss weg!“ und zuletzt mit der TV-Serie „Charité“ Der Erlös von „Deutschland. Ein Sommermärchen“ (4,1 Millionen Euro) ging an die SOS-Kinderdörfer. Wortmann bekam unter anderem den Deutschen Filmpreis, den Bayerischen Fernsehpreis und den Grimme-Preis. Im Kino läuft jetzt sein Film „Sommerfest“ – die wehmütige Rückkehr eines Schauspielers in seine Heimatstadt...
Religion ist für mich ein schwieriges Thema, weil ­immer schon und jetzt wieder Schindluder damit getrieben wird. Trotzdem glaube ich, dass es Kräfte gibt, die uns beeinflussen. Zufall ist selten Zufall. Ich habe oft ein Gefühl, das mir klar sagt, was ich tun soll. Wenn ich darauf gehört habe, ist das eigentlich immer richtig gewesen. Ich war nach dem Abitur kurz Volontär bei einem Verlag, der hat einmal im Jahr eine Gala veranstaltet. Dort trat eine Tanzgruppe der Folkwangschule auf, die vergaß ihren Flamencostuhl, den ich am nächsten Tag zurückbringen musste. Ich bin also nach Essen gefahren, lief dort mit dem Stuhl über den Hof der Schule und vom zweiten Stock winkten mir zwei Leute zu. Ich dachte natürlich, das sei die Tanzabteilung, die den Stuhl zurückhaben wollte. An dem Tag war aber auch die Aufnahme­prüfung für die Schauspielklasse, die hielten mich für einen der Bewerber, der sein Requisit mitbrachte.

"Meine Frau und ich gehen seit der Hochzeit präventiv zum Paartherapeuten"

Das war eine ­völlig neue Atmosphäre für mich, es war eine tolle ­Energie. Ich habe Kaffee gekriegt und habe mich mit denen ein bisschen angefreundet. Ich wollte gar nicht mehr weg. Am nächsten Tag sind die Durchgefallenen nach München weitergezogen, weil dort das nächste Vorsprechen war. So bin ich einfach mit denen gefahren, dort ausgestiegen und habe gesagt: „Hier will ich hin.“ Zwei Jahre bin ich dann dort um die Filmhochschule geschlichen, habe mich schließlich beworben und wurde genommen. Heißt: Ohne den vergessenen Stuhl wäre ich heute nicht Regisseur. Ich glaube, es gibt Konstellationen, die sein müssen. Ich würde es nicht Gott nennen, aber irgendwas ist da.

Muss man den Tod fürchten?

Nein, ich fürchte ihn nicht. Ich glaube, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist, dass es eine andere Energie gibt, die auf unser Leben abstrahlt. Insofern fürchte ich meinen eigenen Tod nicht. Ich hoffe nur, dass es schnell geht, wenn es mal so weit ist.

Wer oder was hilft in der Krise?

Ich bin Krisenvermeider. Ich habe zum Beispiel eine ganz gute Hand, Teams zusammenzustellen, sowohl hinter als auch vor der Kamera. Da ist eigentlich nie jemand dabei, der so ein großes Ego hat, dass er meint, andere ver­drängen zu müssen. Ich habe es immer geschafft, die außen vor zu lassen, und so entsteht erst gar keine Krise. Natürlich gibt es in einer Partnerschaft auch mal Krisen. Man streitet sich, es fliegt ein Teller – und dann ist es wieder gut. Meine Frau und ich gehen schon seit unserer Hochzeit präventiv zum Paartherapeuten, das hat uns sehr weit gebracht. Wenn da ein Profi ist, der einen warnt, der einem rechtzeitig sagt: „Passt auf, Krise im Anmarsch“, dann überrascht sie einen nicht mehr und man kann ganz anders damit umgehen.

Wo haben Sie Ihre Heimat gefunden?

Meine Heimat ist nicht örtlich begrenzt, sondern immer an Menschen gebunden. Ich könnte mit meiner Familie genauso gut in Südamerika wohnen. Heimat ist aber auch dort, wo man herkommt, wo man aufgewachsen ist, das begleitet einen immer. Der Film „Sommerfest“ hat viel mit mir zu tun, weil dieses ganze Ruhrgebietsgefühl mir sehr vertraut ist. Diese schrägen Figuren, die auf ihre Art sehr herzlich sind, die kenne ich alle. Die beleidigen sich auch gern mal, aber meinen es nicht so. Das gefällt mir.

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Aus dem Ruhrgebiet waren die Helden von Sönke Wortmann einmal aufgebrochen, um die Welt zu erobern. Jetzt ist der Regisseur zurückgekehrt. „Sommerfest“, die Verfilmung eines Romans von Frank Goosen, setzt der Region der Kohle, des Fußballs und der Büdchen ein Denkmal
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