Arm in New York City

American Diner
"Fair Deal", White Plains bei New York: gute Gastronomie für Leute mit und ohne Geld

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New York gilt als Stadt der Reichen. Wie so oft gibt es aber auch hier eine andere Seite

Die nüchterne Leuchtschrift lockte mich neulich wieder einmal ins „Fair Deal“. Das einfache, typisch amerikanische Speise­lokal in einem Vorort von New York City macht seinem Namen alle Ehre. Kein Glamour, keine kulinarischen Höhenflüge. Aber das Essen ist gut und so günstig, dass Menschen aller Schichten herkommen. Auch die ­Reichen essen hier ihr Sandwich mit Pas­trami – aufwendig zubereitetes Rindfleisch, eine New Yorker Spezialität – und trinken den Ein-Dollar-Kaffee, der woanders das Dreifache kos­tet. Da ist man doch mehr preis- als klassenbewusst.

Miriam Groß ist Pfarrerin an der St.-Pauls-Kirche in New York und hat vier Kinder. Von ihr erscheint im Juli 2016 das Buch „Hello Mrs. Father!“ (Claudius Verlag) mit diesem und weiteren Texten aus ihrem US-amerikanischen Alltag.
Sie reden nicht viel mit den anderen Gästen und verschwinden nach dem Essen schnell wieder. Wer bleibt, sind die Armen, oft stundenlang. Ein Gast, der alleine an einem Tisch saß, erzählte, wie dankbar er sei, hier mit einem Kaffeebecher den ganzen Tag verweilen zu dürfen. Gerade wenn es draußen mal wieder schmuddelig nass ist. Dies hier sei sein Zufluchtsort geworden. Wo sonst werde ein obdachloser Aids-Kranker noch so vorbehaltlos akzeptiert?

Nirgendwo sonst habe ich Menschen so schnell und ungebremst durchs soziale Netz fallen sehen

Es gibt in New York einige, vor allem kirchliche Anlaufstellen für Bedürftige und Wohnungslose. Die wenigsten Kirchengemeinden aber können so etwas einrichten. Sie müssen sich selbst finanzieren, was schwer genug ist. Der Schatzmeister unserer Gemeinde sagte einmal: „Wir sind ein Vermietungsbetrieb plus ­Gottesdienstangebot. Bei einer lukrativen Mietanfrage muss eine Gemeindeveranstaltung weichen.“ Die lutherische, durch Spenden finanzierte Wohlfahrtsorganisation „Lutheran Social Service“ betreibt Mittagstische und Tagesstätten. Das aber reicht alles nicht.

Und deshalb sind Läden wie das „Fair Deal“ Gold wert. Eine indische Migrantenfamilie führt das Lokal als ganz normalen Betrieb, der sich natürlich auch rechnen muss. Ihre Mitarbeiter behandeln nicht nur alle Gäste mit Respekt. Sie arbeiten auch oft mehr, als sie müssten. Auch in dem Bewusstsein: Eine gering bezahlte Arbeit ist besser als gar keine.

New York ist ein hartes Pflaster. Nirgendwo sonst habe ich Menschen so schnell und ungebremst durchs soziale Netz fallen sehen. Das mir aus Deutschland vertraute Solidarprinzip fehlt an vielen Stellen. „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ – dieser Gedanke ist hier wirklich tief verwurzelt.

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