Sigmar Polke: Verkündigung, 1992

Fake News vom Erzengel Gabriel
Fake News vom Erzengel Gabriel. Und Maria muss achtgeben, dass sie sich keinen Bandscheibenvorfall fängt

Dem großen Alchemisten unter den deutschen Nachkriegskünstlern, Sigmar Polke, war nichts heilig – weder die Kunst noch die frohe Kunde. Dementsprechend ist seine „Verkündigung“ von 1992 beides zugleich: großes Theater und versteckte Kritik. Fangen wir mit dem Theater an. Das Bild erinnert nämlich eher an ein Bühnenbild als an Wandmalerei. Und was sich dort vollzieht, ist wahrlich ein großes Schauspiel. Übrigens nett umrahmt von den ­alten Mauern und der adretten Landschaft im Hintergrund. Die Perspektive, mit der wir hier blicken, ist die eines Theaterzuschauers. Maria, mit wallendem Kleid und Haar, könnte auch Emilia Galotti oder Shakespeares Julia sein. Sie breitet die Arme aus, aber für wen eigentlich? Der ­Erzengel Gabriel ist es jedenfalls nicht, der da heranrauscht. Falls ja, hätte er seine Flügel vergessen. Oder Polke hätte vergessen, sie zu malen. Beides lässt sich getrost ausschließen.

Alles wirft der Künstler in den Mixer

Wir kommen der Sache näher, wenn Sie sich unter den Hintern des fliegenden Mannes eine Kanonenkugel denken. Ganz richtig, wer da verkündet, oder besser: wer da Fake News bringt, ist kein Geringerer als der Lügenbaron Münchhausen. Die Kunde vom göttlichen Sohn fliegt Maria so wohl kaum in die Arme. Eher fängt sie sich mit dem fliegenden Baron einen Bandscheibenvorfall. Der Kunst ist in dem Fall also nicht zu trauen – zumal sie auf sehr dünnem Stoff daherkommt. Dahinter scheinen schon die Balken des Holzrahmens durch und geben praktischerweise die Flug­richtung vor. Viel Farbe hat Polke auf seine Figuren auch nicht gerade verwandt. Also, sehen wir da tatsächlich die Verkündigung? Oder eher ihre Persiflage?

Lukas Meyer-Blankenburg

Lukas Meyer-Blankenburg ist freier Journalist mit Hang zur Kunst
Privat

Das klärt auch die Sache mit der Alchemie: Polke verwebt in seinen Arbeiten geschickt Kunst und Kritik, experimentiert mit Motiven, Material und Malweise. Alles wirft der Künstler in den Mixer. Heraus kommt immer etwas mit Augenzwinkern. Leinwände aus Bettbezug, Porträt­malerei mit Kartoffeln oder eben eine Verkündigung als halbgare Thea­ter­show – anstößig und revolutionär zu seiner Zeit, das ist heute vor allem sehr unterhaltsam. Wer den Alchemisten Polke weiter kennenlernen möchte, dem sei ein Besuch im Museum ­Frieder Burda in Baden-Baden empfohlen. Noch bis 25. Juni sind die Arbeiten des Künstlers dort unter dem Titel „Alchemie und Arabeske“ zu bewundern, zu belächeln oder zu enträtseln.

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