Mit Rollator unterwegs: was für ein Freiheitsgewinn

Wieder eine Stunde laufen können!
Frau Koch mit ihrem Rollator, fotografiert von Christina Lux für die Rubrik Anfänge

Christina Lux

Theresia Koch, 83, kann dank Rollator wieder eine ganze Stunde laufen!

Mit 79 bin ich noch auf großen Reisen gewesen, in Myanmar und davor in Indien, mit den Freunden, mit denen ich viele Jahre durch die Welt reiste. An Walkingstöcken ging das ganz gut, sogar die Treppen zu den hohen Einstiegen der Pagoden rauf. Aber dann ist es mit dem Laufen immer schlechter geworden.

Also benutzte ich den Stock. Aber mit Stock geht man schief. Davon kriegt man Kreuzschmerzen. Ich kam nur noch bis zu den ersten Geschäften am Marktplatz. Im Winter bin ich viel im Haus gesessen. Dann nimmt man zu. Und das Gewicht drückt wieder auf die Gelenke.

Eine Bekannte von mir hat einen Rollator, den nahm die sogar nach Lanzarote mit, ich probierte den aus und merkte gleich: Man geht viel besser mit Rollator. Meine Tochter hat mir dann im Internet einen Rollator ersteigert, für 14 Euro, einen von der älteren Generation. Zum Einkaufen war der klasse, weil er so einen großen Einkaufskorb hatte. Aber wenn man ihn quer zusammenklappte, blieb er nicht stehen,  sondern kippte um.

Überwinden muss man sich erst schon, ja

Ich hab mir dann selbst einen gekauft, zum Längsfalten, für gut 300 Euro. Rot sollte er sein. Mein Porsche! Im Kurs beim Verein Spomobil lernte ich, wie man über Bordsteinkanten kommt. Dass man aufrecht im Rollator geht und zwischen den Rädern, wusste ich schon. Viele schieben den ja vor sich her und strecken den Popo nach hinten.

Überwinden muss man sich erst schon, ja. Man denkt: Jetzt werde ich alt, jetzt geht’s abwärts. Aber es machte mir schnell nichts mehr aus, mit dem Rollator gesehen zu werden. Ich kann eine ganze Stunde damit laufen! Dass es mit meinen Gelenken nicht mehr besser wird, das ist klar – aber dass ich plötzlich wieder weit laufen kann!

Jetzt sehe ich auch immer mehr Männer hier in Lippstadt mit Rollator laufen. Männer tun sich ja schwer damit. Das kommt denen wohl unmännlich vor, so ein Ding zu benutzen. Männer sind eitler als Frauen. Wirklich wahr!

Ohne Hilfe auf den Bahnsteig? Quas unmöglich

Dabei guckt gar keiner. Eine Freundin, genau so alt wie ich, schaut immer erst aus der Haustür, ob Leute auf der Straße sind, die sie kennt. So ein Quatsch! Ich bin froh, dass ich laufen kann, da interessieren mich andere Leute doch gar nicht. Sonst kann kann man auch nicht raus. Dann versauert man zu Hause. Schläft tagsüber im Sessel ein. Kriegt jeden Tag noch eine andere Krankheit.

Ich hab immer gerackert, um gelenkig zu bleiben – ich geh turnen und schwimmen. Ich hab überhaupt immer viel gemacht. Zum Beispiel jahrzehntelang in der Kirche die Orgel gespielt. Ich musste auch viel machen, viel selbst entscheiden, mein Mann ist früh gestorben. Mit 61. Da waren die Kinder gerade erst aus dem Haus, zum Studium. Das sind so Schläge.

Ich schau jetzt, dass ich jeden Tag mindestens eine halbe Stunde rausgehe. Da schläft man auch besser. Wenn’s regnet, setze ich einen Schlapphut auf; und wenn’s richtig bladdert, ziehe ich das Regencape über.

Ist natürlich nicht alles so doll. Wenn ich zu meinen Kindern fahre und im Bahnhof ist kein Aufzug und die Rolltreppe außer Betrieb. Da kann ich nur hoffen, dass ein junger Mann vorbeikommt, der den Rollator auf den Bahnsteig trägt. Oder auf dem Marktplatz die kleinen Steine aus Blaubasalt – das Gehoppel ist grausam, wenn man Arthrose in den Daumen hat. Die müssten einen Streifen teeren, dass man mit dem Rollator über den Platz kommt.

Ich bin richtig glücklich mit dem Rollator

Man muss schon ein paar Tricks kennen. Ins Theater bin ich erst immer zum Künstlereingang rein, da ist ein Aufzug direkt zum Saal – aber das ist blöd, man sitzt in dem leeren Theater und hat keinen Kontakt mit den Leuten. Jetzt habe ich links im Foyer einen Gang entdeckt, wo Besucher eigentlich gar nichts zu suchen haben, da stell ich meinen Rollator ab und gehe mit Stock in den Saal.

Das einzige, was ich noch nicht gemacht habe: mit dem Rollator auf eine Beerdigung. Wir hatten zuletzt so viele Beerdigungen, leider. Ich bin mit dem Auto bis zum Friedhof und dann mit dem Stock zum Grab. Aber ich hab schon mehrere gesehen, die mit dem Rollator in der Prozession mitgehen. Ich denke, ich probier das jetzt auch.

Ich bin richtig glücklich mit dem Rollator! Das ist die tollste Erfindung des Jahrhunderts. Noch besser als Auto: Man hat frische Luft und Bewegung.

Protokoll: Christine Holch

Information

Der G-Weg ist ein neues Trainingsgerät, um unkompliziert auch mit Hochbetagten oder Schlaganfallpatienten alltägliche Bewegungen zu trainieren. Die lange Matte ist in Nullkommanix ausagerollt, auch mal eben im Wohnbereich eines Heims, dann kann man drüberspazieren und zum Beispiel in alle Richtungen grüßend die Hand heben - für viele Hochbetagte ist das schon Herausforderung genug. Der Verein spomobil hat den G-Weg entwickelt und vertreibt ihn auch - inklusive Tasche und Übungskarten -  für 1400 Euro, was im Vergleich zu manch anderen Trainingsgeräten wohl preiswert ist.

Rollator-Fit heißt ein Buch für Menschen, die eine Bewegungsgruppe für Rollatoren-NutzerInnen aufbauen wollen, ob im Verein oder in der Altentagesstätte oder im Heim. 260 Seiten voller Bewegungsideen für mehr Mobilität - angefangen damit, wie man sich mit Rollator hinsetzt, bis zu richtigen Quatschmacherübungen (rückwärts im Slalom rollatieren beispielsweise, und zwar auf Zeit). Zusammengestellt von der Ärztin Renate Richter und den beiden Übungsleitern Heidi und Michael Lindner. Meyer & Meyer Verlag, 2015, 22,95 Euro

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Lesermeinungen

Sehr  geehrte   Damen   und   Herren !

Der   authentische   Bericht   macht   sicher   etlichen   Menschen   mit  Geh- oder Kreislaufproblemen   Mut,   sich   mit   einem   Rollator   in  die   Öffentlichkeit   zu   trauen.     Dieses   Fortbildungsmittel   hält    die    83-jährige   Dame    für   die   „tollste   Erfindung  des   Jahrhunderts“,    bereichert   es   doch   ihr   Leben   in   vielerlei   Hinsicht.

Dieser   Artikel   erinnert   mich   an   ein   wunderschönes  großes   Foto   von   einem   mit  Diamanten   verzierten   Rollator  auf   dem   Titelblatt   zu „ZEIT  ZUM  ENTDECKEN“ (Magazin  „DIE ZEIT“  Nr. 13  v. 23.3.17)  Diese   Abbildung   mit   der  stimulierenden Aufforderung  „Let´ s  roll!“  wirkte   auf   mich   wie   eine besonders   gelungene   Hommage   an   dieses   immer   beliebter   werdende   Vehikel,  vor   allem   an   seinen   Erfinder.

In   der   Tat   begegnet   man   immer   mehr   Menschen,   die   mit   diesen   Geräten   unterwegs   sind, sich   damit   fortbewegen, sie  zum   Einkaufen   nutzen   oder   sich   darauf   ausruhen. Sie   müssten   wahrscheinlich   alle   zu   Hause   bleiben,   wenn  es   diese   tolle   Gehhilfe   nicht   gäbe.

Mit   freundlichen   Grüßen

Gabriele   Gottbrath