Die kolumbianische Stadt Medellín sucht den Weg aus der Gewalt

Und wie, bitte, geht Frieden?
Nora hängt ein großes Portrait von Maximilian in dem neuen Haus auf. Er wurde vor einem Jahr im Bandenkrieg, nicht weit vom Haus entfernt tagsüber erschossen.

Noras Sohn Maxi wurde erschossen. Er war 18

Nick Jaussi

Wir kennen nur das Drehbuch für den Krieg, sagen viele Kolumbianer. Das geht so: Nachbarn, die einander misstrauen. Drogenbanden, die weiter morden. Frieden – das ist harte Arbeit
In Kolumbien ist nach 52 Jahren der längste Krieg der Geschichte zu Ende gegangen. Aber wie geht Frieden? Und welche Rollen spielen die Kirchen weltweit bei der Versöhnung?

Eigentlich hat Nora als Mutter alles richtig gemacht. Als ihr Sohn Maximiliano mit 13 anfing zu kiffen, hat sie ihn zur Drogenberatung geschleppt. Als er 14 war und sich fürs Posaunespielen interessierte, hat sie ihm Musikstunden bezahlt und ihn bei einer Paniagua-Band vorgestellt, schöne melancholische Musik, klingt  ein bisschen wie „Buena Vista Social Club“. Mit den älteren Herren im weißen Hemd und Krawatte tourte der Junge durchs ganze Land. Zum Geldverdienen gab Maxi kleineren Kindern Posaunen­unterricht. Alle liebten ihn.

Trotzdem sagt Nora, an jenem 3. März 2016 habe sie alles falsch gemacht. Sie kam gerade von einem Arztbesuch nach Hause, als Maxi seinen kleinen Nichten Rührei und Zwiebeln zum Frühstück machte. Komm, sagte sie, ich mach die Eier fertig, lauf du hoch zum Opa, bring ihm sein Frühstück und hol Zigaretten auf dem Rückweg. Wenn sie bloß das nicht gesagt hätte! Die ­Mutter war gerade dabei, der Nichte einen langen Zopf zu flechten, als sie Schüsse hörte. Fünf Schüsse.

Sie rief auf Maxis Handy an. Sie rief auf dem Handy von Valentina an, der Freundin von Maxi. Sie rief beim Opa an, da war Maxi aber nie angekommen. Vier Schüsse in den Bauch, einer in den Kopf. ­Maximiliano, das große Musiktalent aus dem Stadtviertel La Loma in Medellín, wurde nur 18 Jahre alt. Sein Handy ist das Einzige, was Nora von ihm behalten durfte, und ein Gebet, das in seiner Jeanstasche steckte, die Oma hatte es ihm zur Firmung geschenkt: „Señor de los Milagros“.

 Nora begeht mit ihrem kleinen Sohn Samuel das Jahresgedächtnis ihres erschossenen Sohnes MaximilianoNick Jaussi
Wenn man Nora sagt, dass in Kolumbien doch jetzt ein Friedensvertrag geschlossen wurde, werden ihre Augen hinter der randlosen Brille noch trauriger. „Ich glaube da nicht dran“, sagt sie, „hier geht alles weiter wie bisher. Die Banden morden weiter, es gibt noch mehr Entführungen, noch mehr Arbeitslose.“ Und dass der Präsident jetzt den Friedensnobelpreis bekommen hat? Ist sie nicht stolz auf ihn? Bitteres Lachen. „Der Präsident hat keinen Hunger. Der ­Präsident hat kein Kind verloren.“ Und, was viel schlimmer ist, der Präsident sorgt auch nicht dafür, dass die Mörder ihres Sohnes vor Gericht gestellt werden. Sie begegnet ihnen jeden Tag, es sind 16-jährige Burschen, deren Mutter beim Einkauf auf dem Wochenmarkt betont freundlich „Buenas dias, wie geht’s?“ zu Nora sagt. Und Nora sagt: „Buenas dias, danke, gut.“ Denn Nora hat noch einen Sohn, Samuel, er ist elf. Und der soll überleben.

"Vergiss die Polizei. Geh da nicht zu Fuß"

Das ist der größte Schock für die Reporterin an diesem Frühlingsmorgen in Medellín. Frühling ist hier immer, 26 Grad, ein Wettermix aus Sonne und sehr viel Regen lässt auf 1700 Meter üppige ­Tomaten- und Bohnensträucher ­wachsen, lässt feurig orangene Hyazinthen und Orchideen blühen. Schock Nummer eins: Hier lauert überall der Tod. Schöne Aussicht, sagt die Reporterin, höflich. Aussicht? „Da drüben in diesem Steinbruch liegen 300 Leichen.“ Opfer der berüchtigten „Operation Orion“, als im Jahr 2002 Regierungstruppen und Paramilitärs auf der Suche nach Guerilleros ein ganzes Viertel ausgeräuchert haben. Die meisten Opfer waren ganz nor­male Männer, Frauen, Kinder. Fast jeder hier im Stadtviertel hat dort ­drüben einen Verwandten liegen.

Schock Nummer zwei: Das geht vielleicht immer so weiter. Hier steht ja viel Polizei herum, sagt die Reporterin, beruhigt. „Vergiss die Polizei, und bitte geh da oben nicht zu Fuß, wir holen dich im Auto ab. Sie wissen
sicher, dass du hier bist“, sagt der Sozialarbeiter, der uns nach La Loma gebracht hat. Es ist gefährlich in Medellín, immer noch, und vielleicht mehr denn je, nachdem der Bürgerkrieg offiziell für beendet erklärt wurde. „Post-conflict societies“, das weiß die Friedensforschung, sind besonders gewalttätig. Weil Fronten durcheinandergeraten, weil viel zu viele Waffen im Land sind, weil die Kriegsparteien Felder räumen, die viele Begehrlichkeiten wecken.

Wie soll man die Geschichte eines Landes erzählen, das 52 Jahre im Krieg gelebt hat? Über 250 000 Tote, über fünf Millionen Menschen, die innerhalb ihres Heimatlandes vertrieben oder umgesiedelt wurden. Man muss sie erzählen, denn wir Deutschen leben seit 70 Jahren im Frieden und haben viel dafür getan. Wir haben Schüleraustausche orga­nisiert und Städtepartnerschaften, wir sind ein Vorbild für eine Kriegsnation wie Kolumbien. Wir nehmen viele Flüchtlinge auf, zwei sind auf dem chrismon-Heft abgebildet, das die Reporterin dabei hat, und alle hier bewundern uns dafür.

Die Kirche spielt in dieser Geschichte leider keine Rolle

Deutschland hat hier einen Ruf als Friedensnation. Ja, es gibt sogar ein Schulfach jetzt, Friedenserziehung. Sie lernen diskutieren, sie machen Rollenspiele – du bist der Farc-­Guerillero, ich bin der Groß­grundbesitzer. Verhandeln, streiten, das war bisher nicht vorgesehen im autoritären Schulsystem. Und wie heißt das Schulfach Streiten? „Seminario alemán“. Deutsches Seminar.

Gerade in diesem Jahr, in dem auch in Europa viele Scharfmacher das Friedensprojekt Europa aufkündigen wollen – gerade in diesem Jahr ist eine Reise nach Kolumbien wie eine Stu­dienfahrt in die Hölle. Ins Paradies aus Mangos und Papayas. In die Hölle aus Angst, Terror, Misstrauen. „Wir wissen viel darüber, wie Konflikte entstehen“, sagt der evangelische Theologe Martin Leiner, Versöhnungsforscher an der Universität Jena. „Aber wir wissen wenig darüber, wie Versöhnung ge­lingen kann.“

Noch gibt es kein Drehbuch für den Frieden, sagen die Kolumbianer, wir beherrschen nur das Drehbuch für Krieg. Drum wird diese Reportage ähnlich unmöglich wie früher Aufsätze in der Grundschule. „Schreibe einen Aufsatz mit den Begriffen Brot, Tintenpatrone und Wolke.“ Ich schreibe jetzt eine Geschichte mit den ­Begriffen Blaubeer-Smoothie, Xanax, Hip-Hop und Gondelbahn. Pablo Escobar kommt vor, klar. Die Kirche leider nicht, das ist sehr enttäuschend.

Blaubeer-Experimente? Die Bauern wollen lieber nur Avocados und Bohnen

 "Den Blaubeeren gehört hier die Zukunft. Aber hier glaubt keiner an die Zukunft" sagt María AntoniaNick Jaussi
Blaubeere heißt auf Spanisch „arándano azul“. Sie wächst besonders gut auf 2500 Metern, wo es nachts viel kälter ist als tagsüber. So hohe Berge gibt es nicht oft in der Nähe der USA. Die Amerikaner aber sind ganz wild auf Blaubeeren, die Europäer auch. Wenig Zucker, viele Vitamine und Antioxidantien, die vor Falten schützen sollen, ja sogar vor Krebs. Beauty Food. Malena und María Antonia, beide 22 und BWL-Studentinnen in Medellín, haben ein Start-up aufgemacht: Arandazul.

Auf Instagram posten sie jeden Tag ein neues Rezept: Blaubeer-Smoothie, Blaubeer-Müsli, Blaubeer-Chips, Blaubeer-Marmelade. Die sehen sehr gut aus, die Blaubeeren, aber auch die Firmengründerinnen. Bestellt wird per WhatsApp, ausgeliefert an der Haustür. Wer ein Abo abschließt, bekommt den sechsten Tag umsonst, wer die recycelbaren Pappkartons zurückgibt, ebenfalls. Keine Frage, Arandazul könnte genauso in Berkeley ausliefern. Oder in Berlin Mitte.

Malena und María Antonia verkörpern die neue Generation, Medellín macht sich gerade als Start-up-Metropole hübsch. Wir treffen die beiden an ihrer Uni, der Privatuniversität EAFIT. Hier schnurrt leise Lounge-­Musik aus den Lautsprechern auf dem Campus, zwischen den Open-Air-­Cafés stehen goldene und silberne Buddhaköpfe, der neue Schuldirektor steht auf New Age. Wir sind Luftlinie wenige Kilometer entfernt vom umkämpften La Loma, wo Maxi erschossen wurde. Malena und María Antonia waren noch nie da.

Kolumbien, sagt der Versöhnungsforscher, sei die fragmentierteste Gesellschaft, die er je erlebt habe: Die Welten wissen nichts voneinander. Drum waren die Mädels, clever und geschäftstüchtig, auch total überrascht, dass die ­Bauern, denen sie den Blaubeer-­Anbau nahelegen, gar nicht so begeistert waren. „Die Bauern haben kein Vertrauen zu anderen Menschen“, sagt María verwundert, „sie haben keine Zuversicht, dass die Zukunft besser wird, und schon gar keine Lust auf Experi­mente. Immer nur Avocados und Bohnen, dabei gibt das viel weniger Ertrag.“

Der Nachbar könnte alles Mögliche sein: Drogendealer, Guerillero, Spion, Paramilitär

Generation Instagram trifft Generation Trauma. „Das wird jetzt der schwierigste Job“, sagt Malena, und da hilft kein Business­plan und kein Learning-Lab an der schicken Uni: „Wir müssen die Bauern aus ihrer Lethargie holen.“ Dabei ­sind sich die jungen Frauen nicht zu schade, selber zu ackern und zu ernten – „Wir thronen da nicht wie die Prinzessinnen, wir sind jede Woche auf dem Feld.“ Aber die Handelskammer, die den Start-up-Mädels den Kontakt macht zu jenen Bauern, die im Zuge der Landreform jetzt Felder zurückbekommen – die Handelskammer-Frau hat die jungen Unternehmerinnen gewarnt: „Ihr werdet sehen, hier ist viel Depression im Land.“

Viel Depression. Viele Psychiater. Viel Xanax. Oder andere Psycho­pillen. Auch Nora, die Mutter des ­toten Maxi, nimmt das Zeug. Und ­Emma, Krankenschwester und ­Maxis Patentante. Beide sind regelmäßig beim Psychiater. Wir fahren zurück vom friedlichen Buddha-Campus ins gewalttätige La Loma. Emma und ­Nora sitzen an diesem sonnigen Vormittag auf der Terrasse in La Loma, bei einer Nachbarin.

 Susanna hatte die Idee für einen NachbarschaftstreffNick Jaussi
Nachbarschaft, das klingt für uns wie Briefkasten leeren und Blumen gießen. Normal halt, Nachbarn hat jeder. Aber nicht in Kolumbien. In 52 Jahren Krieg hat man gelernt, die Tür geschlossen zu halten. Der Nachbar könnte alles Mögliche sein: Drogendealer, Guerillero, Spion, Paramilitär. Viel banaler: Er könnte Informationen weitergeben. Darum hat man gelernt, lieber in seinen vier Wänden zu bleiben. Dem Nächsten zu misstrauen. Auch der Reporterin. Mach dein Gerät aus. Schreib das nicht auf. Stell deine Fragen erst, wenn die mit dem roten T-Shirt da weg ist, der trauen wir nicht übern Weg.

"Wir brauchen was, damit unsere Mütter von ihren Psychopillen runterkommen"

La Loma liegt an einer Ausfallstraße gen Norden, Richtung USA. Eine der führenden Schmuggelrouten, und geschmuggelt wird hier alles: Kokain, Marihuana, Waffen, Frauen, Kinder, Organe. Viele wollen daran verdienen, deswegen wird La Loma von vier verschiedenen bewaffneten Banden beherrscht, die das Viertel unter sich aufgeteilt haben. Wer eine der „Straßen des Todes“ überquert, lebt gefährlich. Wer wie Maxi täglich auf dem Weg zum Opa die Zone wechselt, wird angeworben als Spion – oder erschossen, wenn er sich weigert.

Wer wie Emma ein Haus hat mit günstigem Ausblick auf die verfeindete Bande, wird erst höflich gefragt, ob er vermieten will. Dann wird das Haus schlicht gekapert. Emma, die seit 15 Jahren mit ihren Kindern bei der Oma Unterschlupf gefunden hat, wurde darüber depressiv. „Mein Haus war gar nicht wirklich schön, wir ­haben es damals mit Fertigbauteilen vom Baumarkt gebaut“, sagt sie, „aber es war meines. Ich habe jedes Teil ­selber verputzt und verspachtelt.“ Längst haben die Kriminellen es wieder aufgegeben und sind weiterge­zogen. „Ich habe noch einen Schlüssel, und eine Zeit lang kam ja auch noch die Stromrechnung“, sagt sie, „ich war noch mal drin, es war alles kurz und klein gehauen, in jeder Ecke waren Exkremente. Ich könnte es wieder aufbauen, aber sie haben gesagt, dann tun sie meiner Tochter was an.“ Die Tochter kam neulich mit Hämatomen nach Hause, „Mama, da ist nichts, reg dich nicht auf“. Aber Emma regt sich schnell auf. Lieber lässt sie das Haus verrotten, bleibt bei der Oma. Und nimmt Xanax. So wie die Großmutter, die ihr Haus mit allen teilt. Alle beim Psychiater.

 Emma auf den Trümmern ihres Hauses, das eine Drogenbande gekapert hatNick Jaussi
Die Töchter waren es, die vor zwei Jahren sagten: „So geht es nicht weiter mit unseren Müttern und Großmüttern!“ Die Töchter erfanden einen Näh­treff. „Nähen ist nur der Vorwand“, sagt Susana, 20, „wir brauchen was, damit unsere Mütter mal die Tür aufmachen. Und damit sie von ihren Psychopillen runterkommen.“ Inzwischen ist das Mädchen, das 2015 die Mütter-Nähgruppe gründete, ebenfalls schon tot. Seither nennen sie die Gruppe „descontrol“, außer Kontrolle. Kontrolle bleibt ein schöner Traum. Aber so etwas wie Nachbarschaft, Vertrauen, das ist schon viel.

Drogenbaron Escobar ist noch immer omnipräsent

Die Jugendlichen haben wirklich viel geschafft: dass zumindest die Mütter, die nebeneinander wohnen, sich jetzt immer samstags zum Kochen und zum Nähen treffen. „Hier konnte ich um Maxi weinen, immer und immer wieder“, sagt Nora, und Patentante Emma pflichtet ihr bei: „Der Staat hilft uns nicht, er bringt mein Haus nicht zurück und bestraft nicht die Mörder von Maxi. Aber die Nachbarinnen, die sind unsere Rettung.“ Weniger Angst, weniger Xanax, mehr Vertrauen.

 Emma und Nora treffen sich zum Kaffeetrinken.Nick Jaussi
Kann Nachbarschaft Frieden stiften? Unbedingt. Susana, die nach dem Tod der Mitstreiterin die Initiative ergriffen hat, den Nähkurs für Mütter organisiert und ein Fotoprojekt für ­die Jugendlichen, ist überzeugt: „Mit den Tätern werden wir uns hier nie versöhnen. Aber vielleicht mit uns selber und mit denen nebenan. Sonst drehen wir alle durch.“ Susana selber wollte Kunst studieren, aber sie musste
nach zwei Semestern abbrechen. Kein Geld. Jetzt kümmert sie sich um ihre kleinen Neffen, die ihr wie Graugans­küken hinterherlaufen und deren Vater ermordet wurde. Und um Des­control. Um die Müttergruppe, um die Jugendlichen und um deren Facebook-Auftritt „Loma Joven“.

Die Jugendlichen, auf ihnen liegt alle Hoffnung. Aber was wird aus Kindern wie dem neunjährigen Samuel, dem kleinen Bruder des toten Maxi, der von seiner Mutter 24 Stunden lang beschützt wird wie ein Löwenjunges? Was wird überhaupt aus Jungs, die selten Väter sehen – „Unsere Männer sind fast alle tot oder im Knast“, sagt Susana. Was wird aus Jungs, die sich ersatzweise an Drogenmafiabosse halten? Oder an Hollywoodfiguren wie Pablo Esco­bar? Der Drogenbaron aus den 80er Jahren, der das Land samt Polizei fest im Griff hatte – er ist überall präsent.

Alle ­kennen die Netflix-Serie „Narcos“, viele auch die Serie „Pablo Escobar“: Da gibt es diese Stelle, wo der kleine Pablo sich nicht über eine Hänge­brücke traut und weint. Seine Mutter verprügelt ihn und sagt: „Jungen weinen nicht.“ Jungen weinen nicht, diesen Satz soll man nie sagen, heißt es auf Facebook bei „Loma Joven“. Und man soll doch bitte, schreiben sie, als Ausländer und Tourist nicht immer nach Pablo Escobar fragen. Bitte! Fragt uns nach Gabriel García Marquez! Fragt uns nach Shakira! Wir haben bessere Kolumbianer im Angebot! ­Escobar war nur ein krimineller Mörder! Tja. Bloß blöd, dass überall in der Stadt Escobar-T-Shirts verkauft werden. Blöd, dass der Rapper Wiz Khalifa unlängst Blumen ans Grab des Verbrechers Escobar brachte. „Er hätte sie auf die Gräber der Opferm legen sollen“, schäumte der Bürger­meis­ter von Medellín. Der Mythos von Machismo und Gesetzlosigkeit, er ist sexyer als das Opfergedenken.

Jetzt soll jedes Leben zählen

Aber es gibt neue Männer, natürlich, es können ja nicht alle tot oder Machos sein. A.K.A. zum Beispiel, richtig cool. Er ist Hip-Hopper, er ist Gärtner, und er ist ein echtes Vorbild. Eine Mischung, die man sich in Deutschland nicht so recht vorstellen kann, er selber nennt es „Hip-Hop agrario“, Bauern-Hip-Hop. „In den USA singen die Hip-Hopper über die Straße“, sagt A.K.A., bürgerlich Luis Fernando ­Álvarez, „ich singe über das, was ­unter der Straße ist.“ Was unter der Straße ist, die Erde – das hat in Kolumbien ­eine riesige Bedeutung. In der Casa de la Memoria, einem staatlichen ­Museum, gibt es für jede Opfergruppe eine Gedenkvitrine – für die Schwulen, für die Lesben, für die Afroamerikaner. Und eine Vitrine für die Erde. Ja, die Erde, denn der ­bewaffnete Konflikt hat so viele Menschen ihrer Heimaterde beraubt wie kaum ein anderer auf der Welt. Drum ist Pflanzen und Ernten hier nichts für gelangweilte Großstädter. Es ist eine Art Traumatherapie.

 A.K.A., Hipp-Hopper, der mit Jugendlichen aus Medellín Texte reimt, Platten aufnimmt, aber auch Rosenbeete anlegt und Gräber pflegtNick Jaussi
Wie A.K.A., der Hip-Hopper, mit seiner Schaufel gräbt, sieht er aus wie ein von der Großstadthektik gestresster Urban Gardener. Aber hier in Medellín ist die Sache noch mal anders. Jedes Hochbeet steht für einen erschossenen Jungen. Und es klingt gar nicht so esoterisch, wenn der Hip-Hopper sagt: „Wir brauchen hier keine runden Tische. Wir müssen die Geschichte unseres Volkes durch unsere Körper spüren.“ Jeden Samstag macht er Musik mit den Jungs aus dem Viertel, und er setzt sich mit ­ihnen auf den Friedhof und schweigt. Bis zu sechs Stunden. Fast alle Toten auf dem Friedhof sind unter 18. Danach pflanzen sie Rosen.

A.K.A. gehört zur „Casa Morada“, einem Kulturzentrum in der Comuna 13, einem Stadtteil mit extrem hoher Kriminalität. In der Casa hängen noch mehr Plakate und Graffiti als sonst in der Stadt, und wären die ­Sätze nicht in giftgrüner und zackiger Schrift gesprüht, könnte man sie für Auszüge aus der Bergpredigt halten. „Keine Angst!“, „Hier wird nicht ge­tötet“ und „No copio“. Eine Anspielung auf „te copio“, was auf WhatsApp so viel heißt wie „Bin dabei“.

 Junge Hip-Hopper lernen und üben in der Casa Morada das RappenNick Jaussi
Man soll nicht mehr mitmachen, wenn es heißt, ein toter Jugendlicher sei nicht so schlimm. Muss man das wirklich extra betonen? „Bei uns ist es so“, sagt A.K.A., „jung, arm, männlich – wenn so einer erschossen wird, denken ­alle: Wird schon seinen Grund haben.“ Dagegen jetzt also der Satz: Jedes ­Leben zählt. Und während in unseren Stadtteilen in Stuttgart oder Berlin die Feinstaubrate um 50 Prozent gesenkt werden soll, heißt hier das Ziel: „Wir wollen bis 2020 die Mordrate in unserem Quartier halbieren.“

"Sie stehlen uns unsere Stadt"

Es kann also dauern, bis die Comuna 13 wirklich ein „Stadtteil ohne Angst“ ist. Überhaupt, das mit der Angst. Letzte Station, ein Spaziergang durch die Innenstadt. Bitte keine Taschen mitbringen und keine Handys, heißt es in der Ein­ladung zur „Lunes de Ciudad“, dem „Montag in der Stadt“. Der Weg zum Zentrum ist noch ungefährlich, es gibt ja die Metro. Und die Metro ist mit das Beste, was Medellín zu bieten hat: ein top funktionierendes System aus U-Bahn, Straßenbahn und Seilbahn. Mit der Gondelbahn erreicht man die am Berg gelegenen, oft bitter­armen Stadtteile – also immerhin logistisch ein Weg, die fragmentierte Gesellschaft zusammenzuhalten.

Und in allen Waggons und Seilbahngondeln wird „Cultura Metro“ vermittelt. Eine Art rollender und schwebender Benimmkurs: Wir drängeln nicht am Drehkreuz zur Gondel. Wir essen und trinken nichts. Wir stehen längs und nicht quer, damit wir alle in den Wagen passen. Als Fremde steht man am ersten Tag immer falsch rum. Am zweiten freut man sich über die saubere Bahn. Am dritten denkt man: Wenn an der Ski-Gondel in Oberstdorf mal so viel Ruhe und Geduld herrschen würde! Friedenserziehung in der Seilbahn, auch so ein Teil vom neuen Kolumbien.

Sicher und schnell geht es ins Zentrum, zum Teatro Pablo Tobón. Aber ab dort wird’s brenzlig. „Unser Stadtviertel wird seit Jahrzehnten immer gefährlicher, jedes Jahr mehr Morde“, steht in der Einladung, die mit dem siebten Gebot aufmacht: „Du sollst nicht stehlen.“ Er meine das ­metaphorisch, sagt der Theaterchef Sergio Restrepo, „sie stehlen uns ­unsere Stadt. Sie nehmen uns ­den Ort, an dem wir leben wollen.“ Restrepo hat vor sechs Jahren das Theater übernommen und erst mal das Sicherheitspersonal entlassen.

„Jedes Jahr hatten wir vor dem Theater einen Mord, trotz der Security.“ Er hat den Spielplan umgestellt, keine Klassiker mehr, nur Polit-Stücke. Dafür wurde er kurz nach unserem Besuch, am 30. März, von der Stadtverwaltung entlassen. Aber an diesem 27. Februar 2017 lädt er zum „Stadtmontag“. Also marschieren wir, 200 Leute, bei Dunkelheit durchs Viertel. Die Aktivisten von „No Copio“ sind dabei, ein paar Leute aus der Casa de la Memoria – und viele Neugierige. „Ich wollte einfach mal abends ins Zentrum, das kann man ja alleine nicht“, sagt Elena, die Ingenieurwesen studiert in einem der besseren Stadtteile, „in der Gruppe kann uns nichts passieren.“

"Und vielleicht passiert ja noch ein Wunder"

Der Spaziergang erinnert die Reporterin an die Walpurgisnächte im Deutschland der 80er Jahre: Wir erobern uns die Nacht zurück. Wir halten an einer Ecke an, an der ein Schauspieler erschossen wurde, an einer Schule, an einem Friedhof. Es ist das alte kolo­niale Zentrum, wunderschöne Jugendstilbauten, kleine Plätze mit Vogelkäfigen und Holzbänken. Was für ein Jammer, dass man hier allein nicht lebendig herumlaufen kann.

Die Tour endet in einem anderen kleinen Theater, Matacandelas, zum Schluss werden die Gäste aus Deutschland vorgestellt. Der Versöhnungsforscher Leiner aus Jena, der schon überall war. Der wird ja wohl wissen, wie es geht. „Herr Professor, glauben Sie, dass wir hier in Kolumbien eine Chance auf Frieden haben?“, fragt ein älterer Mann aus der Spaziergruppe, und es klingt, als würde man den Medizinmann fragen, ob er ein Mittel dabeihat gegen Mord und Angst. Der Professor überlegt kurz: Was sagt man jetzt? Referendum geplatzt, Innenstadt gefährlich.

Leiner spricht erst davon, dass Konflikte gar nicht so oft auf der Welt mit Versöhnung enden. Und dass die Weltliteratur ja vor allem vom Krieg lebt. Dann fallen ihm wirklich gute Sätze ein. „In meinem Leben gab es ein wirkliches Wunder. Ich war 30, als die Mauer gefallen ist, und das hat kein Forscher vorhergesagt.“ Beifall im alten Matacandelas-Theater. Vielleicht passiert ja ein Wunder. Kolumbien wird friedlich. Man kann wieder nachts durch die schöne Innenstadt gehen, ohne erschossen zu werden. Und vielleicht passiert ja noch ein Wunder. Und wir verstehen, warum es sich wirklich lohnt, für ein friedliches Europa zu kämpfen. Weil – Krieg geht ganz schnell. Aber das Drehbuch für den Frieden, das ist eine ganz und gar unmögliche Geschichte.

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Frau Ott, sehr geehrter Herr Jaussi,

selten habe ich mich so über einen Artikel geärgert wie über den Ihren. Kolumbien gilt unter den Schwellenländern als eines der hoffnungsvollsten wegen der politischen Veränderungen der vergangenen Jahre, die dem Nobelpreiskommitee sogar einen Preis wert war. Vieles bewegt sich dort in die richtige Richtung. Bei einem Besuch vor 2 Jahren war ich vorallem von Medellin beeindruckt. Die von Ihnen geschilderte Bedrohung in der Innenstadt erlebte ich nicht. Auch  nicht in der anschließenden Reise im Land, die ich mit meiner Tochter, die 1/2 Jahr ein Praktikum im Land gemacht hat, alleine, also ohne Reisegruppe unternahm.

Es gibt nach der sehr langen blutigen Vergangenheit sicher noch sehr Vieles sehr lange aufzuarbeiten. Aber als Journalist hätte man sicher auch vieles Positive finden können, das man wenigstens auch mal hätte erwähnen können, neben dem etwas putzig anmutenden Start-up mit den Blaubeeren. Die Förderung von lokalen Agrarprodukten hat sich z. B. auch Exito, der größte Einzelhändler im Land zur Aufgabe gemacht, neben vielen anderen Dingen.

Mir persönlich erscheint Ihr Artikel schon fast so etwas wie Fake News, da total einseitig negativ. Da er ja kein Kommentar ist, sondern als Bericht daherkommt, mache ich Ihnen diesen Vorwurf. Und bin verärgert. Hoffentlich lassen sich Ihre Leser nicht davon abhalten, in dieses wunderschöne Land zu reisen, das nach langem Krieg mit der Farc wieder zugänglich ist. Sogar der deutsche Alpenverein bietet Bergtouren an.

MfG

Sabine Geißler

Ich möchte mich bedanken bei Frau Ott für die großartige Reportage über Kolumbien. Dass die Frauen zu Wort kommen, hat mich bewegt. Ich möchte anmerken, dass von den Gründerinnen des Blaubeeren-Start Up ein Gedanke gezeigt wird, der vielen Bergbauern auf der Welt nicht angenehm ist. Sie gelten als stur, weil sie immer das Gleiche anbauen. Doch sie tun das, weil sie es essen können. Diese Bauern wollen unabhängig bleiben, aus gutem Grund. Was sollen sie mit Geld, dass sie für Blaubeeren bekommen? Wir sollten doch die letzten Kleinbauern, die noch nicht dem Weltmarkt großer Firmen ausgeliefert sind, eher respektieren sowie unterstützen in dem, was sie wissen. Manchmal ist es gut, dass in den Bergen diese Art von Zukunft nicht verfängt. Das ist nicht unbedingt ein Zeichen von Depression.

Mit freundlichen Grüßen

Kay-Ute Kühn