Reformation für Einsteiger: Wozu Taufe und Abendmahl?

Wofür sind die Sakramente gut?
Illustration von Andree Volkmann zum Thema Sakramente

Andree Volkmann

Illustration von Andree Volkmann zum Thema Sakramente

Es sind Zeichen, die Menschen vorbereiten. Die einem sagen, worauf man hoffen darf, wenn alles ins Straucheln gerät

Feueralarm. „Eine Übung“, sagt die Deutschlehrerin. „Lasst bitte alles liegen, wir gehen jetzt gemeinsam zum Meldepunkt.“ Einige Schülerinnen und Schüler verdrehen die Augen. Andere freuen sich über den ausgefallenen Unterricht. Notfallübungen sind wichtig. Jede und jeder im Schulgebäude hat spätestens nach dem ersten Alarm eine Vorstellung von dem, was im Ernstfall passiert und was zu tun ist.

Menschen bereiten sich auf unbekannte Situationen vor, indem sie sie durchspielen. Kinder imitieren, was die Erwachsenen tun: Puppen ins Bett bringen, Auto fahren, kochen und konstruieren. Piloten lernen an Flugsimulatoren, wie sie bei gefährlichen Turbulenzen richtig reagieren. Techniker denken sich irrsinnige Unfälle aus, um ein Auto noch sicherer zu machen. Je detaillierter die Simulation oder das Modell, desto genauer lernt man daraus – aber eben nur für diesen besonderen Fall. Je einfacher das Modell, desto unspezifischer ist es – und desto allgemeiner seine Aussage.

„Das Zeichen bei der Taufe ist, unter Wasser getaucht zu werden“, schreibt der Reformator Philipp Melanchthon 1521 in seinem Kompendium des Glaubens, den Loci Communes. „Durch die Taufe wird der Durchzug durch den Tod zum Leben aufgezeigt.“

„Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen“

Natürlich kann man sich nicht auf alle Wechselfälle des Lebens vorbe­reiten. Aber es gibt Muster, die sich wiederholen, auch wenn sie sich einem ausgerechnet in der Situation, in der man sie erlebt, nicht erschließen. Menschen in Todesangst mobilisieren ungeahnte Kräfte. Menschen, die durch Krieg oder Naturkatastrophen alles verloren haben, können in ihrer Verzweiflung eine Energie aufbringen, von der sie vorher gar nichts wussten.

Suchtkranke fallen nicht ins Bodenlose. Sondern wenn sie jede Selbstachtung verloren haben, jedes Bedürfnis, sich selbst aus ihrer Misere zu retten, spüren sie einen Überlebenswillen, der ihnen die Kraft für einen Entzug und einen Neubeginn gibt. Von einer Gotteserfahrung sprechen die Anony­men Alkoholiker.

„Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen“, schrieb der Theologe Dietrich Bonhoeffer 1943 aus dem Gefängnis. „Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf Ihn verlassen.“ Auch Bonhoeffer hat diese Kraft gespürt.

„Der Nutzwert des Zeichens“, schrieb Philipp Melanchthon in den Loci Communes, „besteht darin, zu bezeugen: Du gehst durch den Tod hindurch ins Leben. Erschrecken dich die Sünden, erschreckt dich der Tod, erschrecken dich andere Übel der Welt: Vertraue, weil du das Siegel der Barmherzigkeit gegen dich empfangen hast. Du wirst gerettet werden, wie sehr dich auch die Pforten der Hölle bestürmen.“

Die Sakramente inszenieren Grenzsitua­tionen, sie simulieren Rettung und Versöhnung

Sakramente, so werden die christlichen Zeichen auch genannt. Es sind Handlungen, mit denen ein Zuspruch verbunden ist. Die Taufe ist das Symbol der Auferstehung – des Entkommens aus einer Sackgasse, des Neubeginns nach einem vermeintlichen Ende. „Die Zeichen bleiben das ganze Leben hindurch in Funktion“, schrieb Melanchthon, „sie sind Erinnerungsstücke zur Einübung des Glaubens.“

Beim Abendmahl reinszenieren die Gläubigen, die um den Altar stehen, ­das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern, bevor er sein Leben für seine Freunde gab. Ein Mahl mit dem, der die ohnmächtige Wut seiner Freunde überwand und sie versöhnlich stimmte.

Nach volkstümlichem Glauben haben die Sakramente eine Art magi­sche Kraft. Manche Eltern taufen ihr Kind, um es gegen Gefahren zu ­schützen. Und im Mittelalter setzte sich der Glaube durch, beim Abendmahl verwandelten sich Brot und Wein in etwas Überirdisches. Schon die Reformatoren lehnten solche Zauberei ab. „Du kannst ohne Zeichen gerechtfertigt werden, wenn du nur glaubst“, schrieb Melanchthon.

Kommen nur Getaufte in den Himmel? Nicht nur sie, auch andere. Die Sakramente inszenieren Grenzsitua­tionen, sie simulieren Rettung und Versöhnung. Nicht von ihnen hängt das Heil ab, sondern vom Gottvertrauen des Einzelnen. Aber sie helfen zu verstehen, was im Ernstfall passiert. Und sie führen vor Augen, worauf man hoffen darf.

Information

Die 14-teilige Serie „Reformation für Einsteiger“ folgt den Kapiteln des Buches von Philipp Melanchthon „Loci Communes 1521“ (Grundbegriffe der Theologie).

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit großem Interesse habe ich den Artikel über das evangelische Sakramentenverständnis im letzten Heft von Chrismon gelesen. Mir war ja immer gesagt worden, dass die Unterschiede nicht so groß sind, dass einem gemeinsamen Abendmahl eigentlich gar nicht so viel im Wege stände, usw. Und ich habe es auch gerne geglaubt, wer möchte sich nicht gerne mit anderen Menschen gut verstehen und Gemeinsamkeiten pflegen und ausbauen.

Nun musste ich leider feststellen, dass alle diese schönen Bemühungen offensichtlich vollständig auf Sand gebaut sind. Da der Artikel in der Reihe "Religion für Einsteiger" offensichtlich eine Art offilzielle Darstellung des evangelischen Glaubens für Außenstehende sein soll, muss ich davon ausgehen, dass es sich auch nicht lediglich um eine Einzelmeinung handelt.

"Simulation", "Übung", "Reinszenierung", "Erinnerungsstücke" .... Es scheint also tatsächlich zu stimmen: Abendmahl ist in der evangelischen Kirche "einen Keks essen und an Jesus denken". Also eine Art Bibliodrama mit Elementen autogenen Trainungs. Der Gedanke, dass in den Sakramenten Gott in dieser Welt handelt und die Gemeinschaft mit den Menschen bewirkt wird vollständig abgeleht. Es ist natürlich ihr gutes Recht und auch ihre Gewissenspflicht, von ihrer Überzeugung Zeugnis zu geben.

Vielleicht wäre es aber nicht notwendig gewesen, die Glaubensüberzeugung von weit über einer Milliarde katholischer und orthodoxer Christen unter völliger Missachtung der durchaus differenzierten katholischen und orthodoxen Sakramentenlehre als mittelalterlichen Aberglauben zu bezeichnen. Was ja auch vollkommen ahistorisch ist, da der Glaube an die Realpräsenz seit Beginn der Kirche Grundbestand der Glaubens war und nur von den Gemeinschaften der Reformation abgelehnt wird. Von der eindeutigen und einstimmigen biblischen Begründung in allen Evangelien sowie dem Korintherbrief mal ganz zu schweigen.

Die immer wieder vorgetragene Aufforderung zu einem gemeinsamen Abendmahl kann ich vor dem Hintergrund dieses Artikels nur als übergriffigen Versuch werten, den Glauben der katholischen Mitchristen zu entwerten und auszuhöhlen. Denn mit welcher Haltung sollte der Autor dieses Artikels wohl an einer katholischen Abendmahlsfeier teilnehmen?

Doch nur in dem Bewusstsein, dass er besser weiß als alle diese abergläubigen und magischem Denken verhafteten Katholiken, dass es sich nur um eine aufgeblasene und verstiegene Form einer Theaterinszenierung handelt.

Wohlgemerkt: ich bestreite niemandem das Recht, dieser Meinung zu sein.

Aber muss man dann unbedingt die Forderung stellen, an dem, was man selbst ablehnt, was anderen Menschen aber das Zentrum ihrer Beziehung zu Gott ist (ihrer realen Beziehung zu Gott, genauso real wie unsere Erlösung, wie die Erhörung unserer Gebete, wie unsere Auferstehung), auch noch teilzunehmen? Was soll das? Können Sie mir das erklären?

Mit freundlichen Grüßen,

Matthias Petzold

Kleine sachliche Richtigstellung, geehrter Herr Petzold: Der vorliegende Artikel erschien nicht in der Reihe "Religion für Einsteiger", sondern in der Reihe "Reformation für Einsteiger".
Der Autor Herr Weitz hat sich auch in der Reihe "Religion für Einsteiger" zum Abendmahl geäußert und sich dort in seiner Antwort auf einen Leserkommentar zur Realpräsenz bekannt. http://chrismon.evangelisch.de/artikel/2016/31948/religion-fuer-einsteig...

Das Glaubensleben ist eben sowohl auf katholischer wie auch auf protestantischer Seite nicht nur voller Geheimnisse, sondern auch voller Überraschungen. Da lassen sich doch gute ökumenische Bande bilden!

Mit evangelischem Gruß
Adam Mair

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich finde Ihr Magazin sehr gut. Es ist frisch, frei, fromm fröhlich uund unkonventionell. Manchmal glaubt man gar nicht, dass es sich hierbei um ein Magazin einer kirchlichen Institution handelt, die sowas schreibt.

Nur in der letzten Ausgabe hat sich ein Herr Burkard Weitz in dem Artikel  "Wofür sind die Sakramente gut ?" einen gravierenden Fehler geleistet.  Da behauptet er doch glatt, auf Seite 35, dass Jesus nach dem  letzte Abendmahl sein Leben für seine Freunde hingab. Ein Lapsus ? Der christliche Glaube beruht doch darauf, dass Gott seien einzigen Sohn für die Menschheit aufopfert und nicht nur für ein paar Freunde (sind damit einentlich die Apostel gemeint? Dann wäre die Bezeichung dafür als Freunde auch sehr läppisch !)

Überhaupt wird alles was einen tiefen Glauben ausmacht ins Lächerliche gezogen. Kein Wunder, dass die Kirchen immer leerer werden, wenn die Kirchenträger ihren Glauben verniedlichen und "modern" sein wollen indem sie den Glauben an den Sohn Gottes als Retter der Menschheit verleugnen.

Mit freundlichen Grüßen

Helmut Schäfer

Sehr geehrter Herr Schäfer, der Text von Herrn Weitz behauptet nicht, dass Jesus sein Leben ausschließlich für seine Freunde gab. Er gab es für seine Freunde. Das schließt keineswegs aus, dass er sein Leben nicht auch für alle die gab, die darauf Wert legen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Herr Weitz die glaubensmäßig korrekte Zielvorgabe für Jesu Lebenshingabe erfolgreich im Griff hat.

Mit evangelischem Gruß
Adam Mair

Für mich lustig in den bisherigen Beiträgen: das Wörtchen =Zaubern= hat die Resonanz auf den Artikel nach oben geschnellt. Da will ich auch meinen Beitrag leisten: „Hokuspokus“ ist eine volkstümlich abgeschliffene Variante von „ Hoc est enim corpus meum, zu deutsch: „Dies ist mein Leib.“ Also der katholischen Wandlungsworte. Ob nun als Kampfbegriff erfunden oder nur naiv verballhornt, ist heute völlig egal. Damals nicht. Damals war darin der Kulturkampf von Katholisch-Evangelisch. Noch vor 100 Jahren haben die katholischen Dorf-/Stadtjungen den Evangelischen aufgelauert und sie verkloppt. Und selbstverständlich umgekehrt.

Meine Meinung zu Sakramenten:

• Jede Religion braucht personenbezogene Riten mit möglichst viel emotionaler Wichtigkeit, sonst ist deren Werkzeugkasten nicht attraktiv genug und die Anziehung leidet.

• Als individuelle Person gemeint zu sein, bewirkt die größten Bindungskräfte. Und das ist bei den Sakramenten der Fall.

• Sakramente sind außerdem dadurch gekennzeichnet, das sie in der Regel (Ausnahme im Katholischen, die "Nottaufe") nur durch eine zertifizierte religiöse Amtsperson geleistet werden dürfen. Damit macht sich die Kirche mit ihrem ganzen Apparat, unersetzlich.

• Ob Gott das gut findet oder darüber nur (freundlich liebend) lacht, weiß ich selbstverständlich nicht. Gott erschuf den Kosmos, nicht die Religion. Und Er/Sie braucht auch keine. Wir brauchen sie. Und haben uns deshalb mehre 1000 davon erschaffen.

Und wir sollten deshalb alle gemeinsam darüber nachdenken, ob wir unser Glaubensbild so lassen sollten: seit 2000 Jahren kein Update. Alle Bibelinformationen über Gott stammen aus der Bronzezeit und der Antike. Damals gab es noch keine Demokratie, keine Menschenrechte, nur Sklaverei, welcher die Bibel noch kräftig zustimmt. Der orientalische Despotismus (in der Bibel kommt nichts anderes vor) war einzig bekannte gesellschaftliche Herrschaftsform. Und das bei Nomadentum bis zur letzten Bibelausgabe. Texte solchen Inhalts verkünden wir noch heute im digitalen Zeitalter.

Was mich wunderte war, dass kein/e Schreiber*in auf Melanchthons „Du wirst gerettet werden, wie sehr dich auch die Pforten der Hölle bestürmen.“ ansprang. Sakramente als Abwehrzauber gegen Teufel? Für Martin Luther war der Kampf mit dem Teufel Alltag. In schweren Depressionsphasen schrieb er mit Kreide auf die Tischplatte sein spirituelles Rettungsboot: „Ich bin getauft“.

Doch wir heute? Wir machen eine Therapie. Und das ist gut so.

Hand heben, wer an die Existenz des Teufels glaubt.
Der Teufel ist die älteste Verschwörungstheorie der Welt.

"...liegt ein Zauber inne". Ein kühnes Amalgam von Hesses bekanntem "wohnt ein Zauber inne" und Madame Butterfly auf Deutsch "Mädchen, in deinen Augen liegt ein Zauber"? Wie dem auch sei, Ihrem Loblied auf die Therapie "Doch wir heute? Wir machen eine Therapie. Und das ist gut so." vermag ich mich nicht anzuschließen. Es mag ja einen Fortschritt darstellen, statt mit Tintenfässern nach dem Teufel zu werfen, sich beim Therapeuten auf die Couch zu legen. Der Teufel ist damit leider gerade nicht abgeschafft. Er wohnt jetzt bloß nicht mehr in der Hölle, sondern in einem selber und plagt als Un- und Vorbewusstes, als Konditionierung, als genetisch oder gesellschaftlich bedingte Disposition das arme Menschlein. Statt sich vertrauensvoll an den Priester zu wenden und im Gebet den inneren Schweinehund zu bekämpfen hat das moderne Menschlein ordentlich Kohle beim Therapeuten abzuliefern und sich selbst als Problem zu sehen, dem nur äußerst schwer beizukommen ist.

Daran ist überhaupt nichts gut.

Demokratie und Menschenrechte mögen einen Fortschritt gegenüber verflossenen Herrschaftssystemen wie orientalischem Despotismus bilden. Dumm nur, dass Demokratie und Menschenrechte die zeitgemäße Form von Herrschaft bilden und deshalb zu kritisieren und nicht zu beweihräuchern sind.

Thea Schmid

Sehr geehrte Damen und Herren,

in dem erwähnten Artikel schreibt der Verfasser allen Ernstes sinngemäß, im Mittelalter hätte sich der Glaube durchgesetzt, Brot und Wein verwandelten sich in etwas Überirdisches.  Die Reformation lehne das als Zauberei ab.

Liebe evangelischen Mitchristen, was soll ich als gläubiger Katholik dazu sagen ?  Zentrale Punkte unseres Glaubensverständnisses Sind mittelalterliche Zauberei ? Und dann machen Sie noch runde Augen und fragen ungläubig allenthalben, warum das gemeinsame Abendmahl nicht möglich sei. Das ist dann nicht möglich, wenn man die andere Position nicht respektiert und sie herabwürdigt. Es tut mir leid, das so deutlich sagen zu müssen. Die christlichen Kirchen sind ja kein Politverein oder irgendwelche Philanthropen, sondern es geht zuerst um Glaubensinhalte.

Legen Sie da bitte Ihre Überheblichkeit ab !

Freundliche Grüße

P. Gerhold

 

Wenn das Baby also getauft wird, oder der Erwachsene das andernorts Hostie genannte Backerzeugnis einnimmt, findet Nachhilfe statt. "Aber sie helfen zu verstehen, was im Ernstfall passiert."

Könnte mir ein Leser bitte erläutern, was jetzt der Ernstfall für die Simulation ist, was es an diesem Ernstfall zu verstehen gibt und worin der pädagogische Trick der Verständnishilfe durch Abendmahl und Wasserbesprenkelung besteht?

Beim Übungs-Feueralarm in der Schule dürfte das in etwa klar sein. Aber beim Sakrament?

Thea Schmid

Ihre Fragen, liebe Frau Schmid, werden doch schon im vorliegenden Artikel behandelt! Was der Ernstfall ist, wofür Abendmahl und Taufe Trockenübungen sind? Grenzsituationen! Namentlich genannt werden Drogenabhängigkeit, Kriege, Naturkatastrophen und Inhaftierung bei der faschistischen Herrschaft. Auch die Auferstehung muss wohl als so ein Ernstfall gesehen werden. Heißt es doch: "Die Taufe ist das Symbol der Auferstehung"

Sie wollen wissen, was es an diesen Ernstfällen zu verstehen gibt? Sie lernen entweder etwas sehr Genaues oder etwas sehr Allgemeines oder irgendwas zwischendrin. Das hängt davon ab, ob Sie Taufe und Abendmahl als einfache, unspezifische oder detaillierte Simulation sehen. Noch irgendwelche Fragen? Ich werde mich um möglichst spezifische Antworten bemühen.

Wie Sie bereits korrekt anmerkten, ist der pädagogische Nutzen der schulischen Feuerschutzübung kein Geheimnis. Übrigens unabhängig davon, ob einer von der Feuerwehr dabei ist oder Lehrer und Schüler auf sich allein gestellt sind. Die Realpräsenz der Feuerwehr ist eine nette Zugabe, aber nicht zwingend notwendig. Das ist beim Abendmahl selbstverständlich anders und Anlass zu viel Tiefsinn.

Mit evangelischem Gruß
Adam Mair

Zaubereien einst und jetzt

Die Sakramente, egal ob zwei, sieben oder irgend etwas dazwischen, sollen also gut sein für Grenzsituationen. Die reichen von Naturkatastrophen über Kriege bis zu Krankheiten. In diesen höchst unterschiedlich verursachten Bedrängnissen soll Zeichensetzerei helfen? Da wird leider nur die mittelalterliche Zauberei durch moderne Zauberei ersetzt.

Bei der Feuerschutzübung für die Grenzsituation Schulhausbrand wird geübt, das Gebäude zu verlassen. Für die Grenzsituation Amoklauf wird im Gegenteil geübt, die Klassenräume gerade nicht zu verlassen, sondern zu versperren. Und Abendmahl soll jetzt Übung für Grenzsituationen ganz allgemein sein. Zuspruch und Hoffnung werden geübt. So geht sie, die zeitgemäße Zauberei.

Folgerichtig heißt es: "Menschen bereiten sich auf unbekannte Situationen vor, indem sie sie durchspielen." Das können in der Tat nur Zauberer. Etwas überhaupt nicht kennen, das dann aber pfeilgrad durchspielen.

Zum Zitat "Die Taufe ist das Symbol der Auferstehung" möchte ich noch auf den Kettencharakter der Zeichensetzerei hinweisen. Die Taufe ist das Symbol der Auferstehung. Und was ist die Auferstehung? Die ist wieder ein Symbol für was auch immer. Das ist dann mehr zur Osterzeit dran.

Mit aktuellen, pfingstlichen Grüßen

Thea Schmid

Aber liebe Frau Schmid, was Ihnen als Zauberei vorkommt, ist doch gerade der Inhalt des Glaubens! Tja, solche schwerwiegenden Verwechslungen liegen eben in der Natur der Sache.

Mit evangelischem Gruß
Adam Mair

Das Sakrament also tatsächlich eine Art Feuerwehrübung am Altar? Ein Persönlichkeitstraining für den Ernstfall, in seiner Bedeutung und Wertigkeit ersetzbar durch andere Formen des „Zuspruchs“, wie man ihn auch außerhalb der Kirche, im Yoga-Kurs etwa oder im Gespräch mit einer guten Freundin finden kann? Und die beiden Sakramente, die auch die lutherische Kirche kennt, tatsächlich nichts als Simulation?
Das alles ist – gerade im Gedenkjahr der Reformation – reichlich viel nüchterne Aufklärung, in der keinerlei Platz für die Erfahrung von Transzendenz mehr bleibt. So hat es schon der protestantische Rationalismus im 18. Jahrhundert vertreten, von dessen harscher Ablehnung allen vermeintlichen „Aberglaubens“ sich die evangelische Kirche bis heute offenbar noch immer nicht erholt hat. Selbst der Gedanke der Realpräsenz, der für Luthers Abendmahlsverständnis so wichtig ist, wird hier wieder einmal zugleich mit dem anti-katholischen Ressentiment erledigt.
Dass Sie aber das Eucharistie-Verständnis der katholischen Christen und den in der katholischen Kirche so zentralen Vorgang, das Herz der Liturgie, die Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi, im Handstreich als „Zauberei“ abtun, ist, um es deutlich zu sagen, billige Polemik, die Ihrem Magazin nicht gut ansteht.
Darüber hinaus ist diese Redeweise, die nicht einmal im Ansatz das Bemühen um Verständnis zeigt, ein trauriges Zeichen für die Ökumene. Wo so wenig Achtung für den Glauben, das Sakramentsverständnis und die Gottesdienstauffassung der Mitchristen vorhanden ist, werden alle wohlfeilen Bekundungen zur Ökumene schnell zu Makulatur. Wechselseitige Achtung, liebevoller Respekt und der Wunsch zum Verstehen müssen die Grundlage für das ökumenische Gespräch sein. Davon ist in Ihrem Beitrag leider nichts zu spüren. Eine verpasste Chance, wieder einmal. Schade.
Sabine Doering