Die documenta 14 beginnt

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Illustration von Frank Höhne zum Thema Kunst

Frank Höhne

Es ist paradox: Es gibt eine einzigartige Fülle von Bildern, die Menschen rennen in Ausstellungen – und schauen immer weniger hin. Auch bei der documenta?

Es gibt zu viel Kunst. Es sind einfach zu viele Bilder im Angebot, für die kein Platz vorhanden ist. Es besteht kaum ein Bedarf für all die Gemälde, Zeichnungen oder Grafiken, weil die Wände der Kunstinteressierten schon voll sind. Da mag man von Skulpturen gar nicht erst reden. Es wundert einen nicht, wenn man hört, dass von den ungezählten Galerien in Berlin nur ein Bruchteil halbwegs profitabel ist. Und dies auch nur, weil die erfolgreichen Galeristen in großen Stückzahlen an Sammler verkaufen, die ihre Neuerwerbungen dann nicht bei sich aufhängen – denn sie haben auch keinen Platz –, sondern gleich in Schweizer Zollfreilagern verstauen, um die Wertsteigerung abzuwarten.

Nun aber kommt die documenta, die weltgrößte Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Sie verwandelt in diesem Sommer Kassel – und schon etwas vorher auch Athen – in ein ästhetisches Mekka. Wenn nicht alles täuscht, werden eine Million Menschen ins Nordhessische pilgern. Was sie dort erwartet, ist noch nicht in Umrissen zu erahnen. Der künstlerische Leiter Adam Szymczyk soll ein verschwiegener Mensch sein. Aber die Vermutung liegt nahe, dass es ein fantastisches Festival der Überfülle wird. Man sollte also viel Zeit mitbringen und offene Augen. Dann aber dürfte einem aufgehen, dass es auf unserem Planeten gar nicht genug Kunst geben kann.

Zyniker sagen, es gebe zu viele Künstler

Doch die documenta ist ein Ausnahmezustand. Auf dem normalen Kunstmarkt geht es gewöhnlicher zu. Hier ist die Fülle eher ein Problem. Man schätzt, dass es nur drei Prozent der Absolventen von Kunsthochschulen gelingt, die Kunst zu ihrem Beruf zu machen. Also bleiben die meisten Künstlerinnen und Künstler außen vor. Sie finden keinen Zugang zum Markt, denn der ist gesättigt. Das hat für sie zur bitteren Folge, dass sie ihr Brot anderweitig verdienen müssen – mit der Gefahr, dass irgendwann die Kunst für sie kein Beruf mehr ist, sondern bloß eine Freizeitbeschäftigung. Fast noch schlimmer als die drohende Armut ist es aber, inhaltlich ausgeschlossen zu sein. Wenn der Kunstmarkt der gesellschaftliche Ort ist, an dem ein Kunstwerk öffentlich da ist, dann hat ein Künstler ohne „Marktwert“ keine Chance, dass seine Arbeit wahrgenommen wird. Die Ergebnisse seiner Lebensleidenschaft bleiben eine Privatangelegenheit. Ob nun ein Künstler einen Marktwert hat oder nicht, ist keineswegs nur eine Frage der Qualität. Manchmal ist einer zu alt, als dass er noch spekulative Fantasien entfesselte. Oder eine ist ihren Grundideen zu treu, als dass sie sich von einer aktuellen Modewelle vorantragen lassen wollte. So malen, zeichnen, formen und gestalten sie weiter, jedoch unter Ausschluss der marktgesteuerten Öffentlichkeit.

Nüchterne Beobachter sagen, dass der Kunstmarkt wie eine kleine Familie sei: Wer nicht dazugehört, kommt kaum hinein. Zynische Beobachter fügen hinzu, dass es halt zu viele Künstler gäbe. Man muss nur einmal mit Nachkommen verstorbener Künstler sprechen. Sie haben ein Erbe erhalten, das schnell zur Last wird. Von den Berühmtheiten abgesehen, verschwindet mit dem Tod eines Künstlers das Interesse an seinem Werk. Doch die Angehörigen stehen weiterhin in der Pflicht, das Oeuvre der Mutter oder des Großvaters zu pflegen. Das kostet Zeit, Mühe und Geld. Die Hoffnung, durch Verkäufe Einnahmen zu erzielen, schwindet bald. Also geht das meiste in einen Keller.

Eine Schiele-Retrospektive ist ein sicherer "Blockbuster"

Nun kommt ein großes „Andererseits“: Offenkundig können die Menschen auch heutzutage gar nicht genug von der Kunst bekommen. Regelmäßig ziehen Sonderausstellungen die Massen an. „Blockbuster“ ist längst kein Prädikat mehr nur für erfolgreiche Unterhaltungsfilme im Kino. Auch höchstanspruchsvolle Kunstschauen führen dazu, dass sich lange Schlangen vor den Kassen bilden. Und wenn ein neues Museum – wie gerade das Barberini in Potsdam – eröffnet wird, wird es geradezu gestürmt. Nicht nur die üblichen Verdächtigen, sondern Menschen aus vielen Schichten und Altersstufen kommen, um den neuen Nachbarn willkommen zu heißen.

Besonders beliebt ist die klassische Moderne: die Im- und Expressionisten, die Abstrakten und Surrealen, auch die späteren Pop-Artisten. So selbstverständlich ihre Popularität heute auch ist, sollte man sich doch daran erinnern, wie randständig und verhasst sie zu Lebzeiten waren. In den 10er, 20er und besonders den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren diejenigen, die heute als Meister der Moderne verehrt und deren Arbeiten zu Höchstpreisen gehandelt werden, eine verschwindende Minderheit, die entweder gar nicht zur Kenntnis genommen oder verhöhnt und verfolgt wurde. Man denke nur an Egon Schiele: Kurz bevor er 1918 elend mit nur 28 Jahren an der Spanischen Grippe starb, äußerte er als letzten Wunsch, dass seine Werke in den großen Museen der Welt gezeigt werden sollten. Niemand, der neben seinem Sterbebett stand, hätte sich träumen lassen, dass dieses Wunder geschehen würde. Heute ist eine Schiele-Retrospektive ein sicherer „Blockbuster“.

Wer nimmt sich schon die Zeit, ein Kunstwerk ruhig und bewusst zu betrachten?

Woher kommt das immense Interesse an klassisch-moderner, aber auch zeitgenössischer Kunst? Vielleicht erscheint vielen das eigene Leben als gleichförmig, eingepfercht in alltägliche Pflichten und wirtschaftliche Erfordernisse, so dass sie eine Sehnsucht nach einer ganz anderen Freiheit verspüren. In diesem Sinne wären die moderne Kunst und der christliche Glaube Wahlverwandte. Beide unterbrechen den Gang des Üblichen, stören die herrschenden Selbstverständlichkeiten und schenken eine Ahnung von etwas, das es eigentlich nicht gibt und das doch manchmal da ist: kleine und große Transzendenzen, in deren Horizont man zuallererst die eigene Menschlichkeit entdeckt.

Doch so erfreulich dies ist – und zu Recht in Deutschland mit erheblichen öffentlichen Mitteln gefördert wird – die aktuelle Kunstbegeisterung hat auch ihre Schattenseiten und Verlierer: Die alte Kunst wird allzu oft übersehen, und die normalen Sammlungen leiden unter Besucherschwund. Vor allem aber drohen die sensationellen Sonderschauen und spektakulären Museumsneubauten das zu verhindern, worum es doch gehen müsste, nämlich bewusst ein Kunstwerk zu betrachten und auf sich wirken zu lassen. Wenn man in einer von Artefakten und Menschen überfüllten Ausstellung ein Bild nur im Vorbeischlendern beäugt, sieht man fast nichts. Man sieht nicht, was hier abgebildet ist. Man bedenkt nicht, wie es geschaffen wurde. Man erfährt nicht, was es in einem auslösen kann. Es ist paradox: Wir bekommen mehr zu sehen und schauen doch weniger. Uns wird eine kulturgeschichtlich einzigartige Fülle von Bildern dargeboten, aber es bleibt kaum eines haften. Man müsste einüben, was Kunsthistorikern gleich zu Beginn ihres Studiums beigebracht bekommen, nämlich dass man eine geschlagene Stunde braucht, um ein Bild zu erfassen. Schneller geht es eben nicht.

Der Eintritt für Dauerausstellungen sollte frei sein

Deshalb sind „Blockbuster“-Ausstellungen nicht unbedingt die geeignetsten Orte, um einem Kunstwerk wirklich zu begegnen. Besser wäre es, man ginge regelmäßig in die weniger sensationellen Sammlungen und schaute sich wieder und wieder einige ausgewählte Werke an. Das klingt nun einigermaßen langweilig, kann aber zu schönen Überraschungen führen. Manchmal hat man einen Raum ganz für sich, so dass sich das Gefühl entwickeln kann, dieses großartige Stück da gehörte einem ganz allein. Es kann ja nie darum gehen, dass man alles gesehen hat. Wichtig ist nur, dass man für sich einige bleibende Lebens-Bilder findet. Dafür wäre es sehr hilfreich, wenn der Eintritt für Dauerausstellungen endlich wieder frei und umsonst wäre. Dann würde man auch einmal zwischendurch ins Museum gehen, nur um diesen einen alten Freund zu besuchen. Den Einnahmeausfall könnte man durch einen Aufschlag bei den großen Sonderereignissen wieder einspielen.

Was es heißt, mit einem Kunstwerk das eigene Leben zu teilen, erfährt übrigens derjenige besonders, der selbst eines besitzt und alltäglich betrachtet. Dieses Glück sollte keineswegs den besonders Wohlhabenden oder Gebildeten vorbehalten bleiben. Wer sich auf die Suche macht, gern auch abseits der breitgetretenen Pfade, wird die eine oder andere Entdeckung machen, die er sich leisten kann, mit der er eine eigene Geschichte beginnt und die eine kleine Transzendenz in sein sonst so profanes Zuhause bringt. Man muss eben nicht viel besitzen, wenn man nur das Richtige hat.

Information

Die documenta 14 findet in Kassel vom 10. Juni bis zum 17. September sowie in Athen vom 8. April bis 16. Juli statt. Künstlerinnen und Künstler sollen an beiden Orten arbeiten.

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