Ohne Kompromisse geht in der Politik dann doch wenig

Fundamental – ganz real
Mal sehen, was daraus wird – Politik ist ein Handwerk im Hier und Jetzt

 Claudia Meitert

Es gehe im heraufziehenden Bundestagswahlkampf für seine Partei, die AfD, nicht um „Realpolitik“, sondern um „Fundamentalopposition“, hatte André Poggenburg aus Sachsen-Anhalt getönt. Fundamental statt real – ein wirklich schönes Beispiel rhetorischer Dialektik.

„Realpolitik“, so wird vermittelt, sei anpasserisch, sei ideenloses Wursteln im Hier und Jetzt, ohne Wucht und Mumm! „Fundamental“, so ist Präsident Trump im US-Wahlkampf aufgetreten: „America first!“ Zuerst wir – die anderen interessieren uns nicht.

Am rednerischen und twitternden Herumgewirbel des Wahlsiegers hat sich seit seinem Amtsantritt ein bisschen was geändert. Ja, gut – die Nato sei nicht mehr „obsolet“, also nicht mehr „veraltet, überholt, von gestern“, hat der Präsident lächelnd korrigiert. Und die Freundschaft zu Herrn Putin ist ihm auch nicht mehr so wichtig.

Der rhetorische Zauberstab eignet sich nur zum Fuchteln im Wahlkampf

Was seine Wähler aber wirklich mal genau betrachten sollten, sind die alltäglichen Beispiele vom Handeln des neuen Chefs und seiner Leute in Washington: Probleme erkennen, Lösungsvorschläge erarbeiten, mit Partnern reden, mit Andersdenkenden debattieren und dann mal sehen, was sich tatsächlich machen lässt. Stinklangweilige Realpolitik! Trump-Fans müssen sich „fundamental“ vergackeiert fühlen.

Mich sucht angesichts von „Real­Trump“ Gelassenheit heim. Ich atme erleichtert durch: Selbst Populisten mit superklaren Wir-verbessern-alles-Parolen müssen sich im Alltag am Machbaren orientieren. Der Fundamentalzauberstab eignet sich zum Rumfuchteln im Wahlkampf. Und das wars dann auch mit Märchen vom Paradies für „die echten Amerikaner oder Deutschen“, „den kleinen Mann (und seine Frau)“

Politik ist nicht Hexen, Zaubern, Herumposaunen, sondern Handwerk: mit Schraubenzieher, mit Zange und Draht. Und unter Steuerschraubern oder Sicherheitsklempnern kann man unterschiedlicher Meinung sein. Meis­terin Angela plädiert für vorsichtiges Hämmern, damit nichts kaputtgeht. Meister Martin will die kräftige Zange einsetzen. Und Elektriker Cem will Kurzschlüsse verhindern.

Den "Wahrheitsbesitzern" müssen wir Kontra geben

Ich bin froh, dass die Real­politik in Deutschland quer durch die Bundestagsparteien der Normalfall ist. Mir ist wichtig, dass die Menschen sich nicht einreden lassen, ein pragmatischer Umgang mit den Herausforderungen des gemeinschaftlichen Lebens sei opportunistisch und ohne Grundsätze.

Medien, Parteien, Kirchen, Verbände und Gewerkschaften sollten in den kommenden Wochen klarmachen, worum es geht: um das Fortbe­stehen einer freien, gerechten, offenen und pluralistischen Gesellschaft. Und Wahlkampf ist der Streit darüber, wie, mit welchen Ideen und Werkzeugen dies am besten ermöglicht wird.

Wahlen sind Wettbewerbe, an ­deren Ende jemand sagen kann: Wir dürfen es mal probieren. Und wahrscheinlich einräumen muss: Aber alleine können wir es nicht; wir brauchen Partner und müssen deshalb ­
so reden, dass Kompromisse und Koalitionsabkommen möglich bleiben. Das sehen auch die von Poggenburg und Co. geschmähten „Realpolitiker“ in der AfD so – im Gegensatz zu den „Fundis“ in ihren Reihen.

„Gott ist die Wahrheit – wir ­können sie nicht besitzen“, hat der Theologe Paul Tillich erkannt. Man könne nur hoffen, bitten und beten, der Wahrheit nahezukommen. Dies muss man den „Wahrheitsbesitzern“ immer wieder entgegenhalten, ob in Paris, Berlin oder Budapest. Natürlich sehnen sich viele Menschen nach ­jemandem, der weiß, was absolut richtig ist. Ihnen kann an der Geschichte der Menschheit gezeigt werden, dass aus der Verkündigung des Paradieses auf Erden meist höllische Realität wuchs. Das bleibt – ganz real – ein fundamentales Problem.

Information

„Im Himmel sind die Allerletzten!“ Das Kolumnenbuch von Arnd Brummer. Bei der edition chrismon erhältlich: über die Hotline 0800 / 247 47 66 oder unter chrismonshop.de

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Herr Brummer!
In 80 Chrismon habe ich ihren Artikel "Fundamental ganz real" gelesen. Super. Endlich raus aus dem idealistischen Kartenhaus der normalen Glaubensinterpreten. Zwar bin ich dagegen, dass sich die ev. Kirche vielerorts so unverblümt politischer Inhalte (bei uns sind vermutlich alle Pfarrer und -Innen tiefrot bis grün verfärbt) bedient, da man das aber auf den Kanzeln tut, darf man auch kommentieren. Oder? Auf jeden Fall, Ihr Kommentar sollte von allen Kanzeln zwecks Schulung von Pfarrern verlesen werden.

Sehr geehrte Redaktion !

Danke an das Magazin "Chrismon" für den sehr spannenden Artikel.

Wir Kinder Gottes müssen uns ganz real in die Politik einmischen - aber immer mit dem "biblischen Fundament". Wir dürfen uns einbringen und sind doch nur Werkzeug ! Der Herr ist der Hauptakteur , wenn es um Friedensprozesse oder gesellschaftliche Gerechtigkeit geht.

Trauen wir mal unserem Herrn und auch mal uns selber ruhig  was zu !

Mit freundlichen Grüssen

Erwin Chudaska  Dipl.Ing.